Jen, Ben, Judy - spoilerarmer Blick auf die Staffel

Review: Dead to Me – Staffel 2

Mini-Spoiler
Michael
01.06.20

Vor einem jahr präsentierte Netflix etwas überraschend eine neue Serie mit Christina Applegate – „Dead to Me“. Jetzt legt Netflix Staffel 2 vor – Handlungstechnisch geht’s aber genau an dem Punkt weiter, an dem wir Staffel 1 verlassen haben. Es fühlt sich an, als würde jetzt einfach Teil 2 versendet, was vor allem die Art der Erzählung, in gewisser Weise aber auch die Leistung von Cast und Autoren betrifft. Im Review zu Staffel 1 hatte ich gefordert, dass Showrunnerin Liz Feldman dramaturgisch und der Cast schauspielerisch eine Schüppe drauflegen dürfte – das gelingt nur teilweise.

Zunächst einmal ist das Setting natürlich ganz schön gewählt. Bis kurz vor Ende der ersten Staffel hatte man plotmäßig eigentlich gar nicht mit einer Entwicklung gerechnet, die eine zweite Staffel rechtfertigen würde. Dann aber kam der große Wendepunkt, der aus der Jägerin Jen Harding die Gejagte macht. Jetzt trägt sie die schwere Last der großen Tat und muss von Judy gestützt werden, die gerade noch selbst die Gejagte war. Sehr schön erzählt in den ersten Folgen sind die Konflikte, in denen sich Jen befindet – sie schwankt weiterhin zwischen Hass und Hilflosigkeit, was Judy mal einen Rauswurf beschert und mal einen rettenden Anruf kurz vor dem Selbstmord.

Richtig gut ist natürlich auch die Einführung von Ben Wood. Wenn er da vor der Tür steht, hat dieser Moment schon etwas, nicht nur für Jen, sondern auch für uns Zuschauer. Im Laufe der Staffel macht Liz Feldman mit ihrem Autorenteam für meinen Geschmack dann aber zu wenig aus diesem genialen Schachzug. Das wahre Schicksal seines Bruders und damit die Verstrickungen von Jen und Judy werden ihm nicht offenbart – das hätte natürlich noch einmal ordentlich Staub aufgewirbelt in der jetzt doch eher clean bleibenden Erzählung. Die Offenbarung hätte so viel mehr Potenzial für die Staffel geboten, Jen und Judy noch mehr in die Enge getrieben. Ein schöner Dreh am Ende wäre doch gewesen, wenn sich Ben als Steve ausgibt, um Jen vor dem Gefängnis zu bewahren. Wird leider nicht genutzt…

… ebensowenig, wie das Potenzial der Nebenfiguren genutzt wird. Judys Ex Nick, jetzt wieder im Polizeidienst, bleibt bis auf die Szene am Strand eher blass. Bens Mutter Eileen ist mit Frances Conroy nicht spektakulär besetzt – die Figur hätte ebenfalls mehr Potenzial geboten. Dafür ist die Rolle des Polizeichefs Howard Hastings mit Jere Burns überragend besetzt, nur man lässt ihn leider nicht. Das gilt auch für Max Jenkins als Jens Ex-Kollege oder für Katey Sagal als Judys Mutter (witzigerweise war Sagal in „Married… with Children“ noch die Mutter von Christina Applegates Charakter Kelly Bundy) – schade.

Immerhin: Die Dialoge werden bissiger, die Konfrontationen härter. Vor allem Christina Applegate darf da aufdrehen – sie ist ständig dabei, etwas zu fauchen und zu flüstern, jeder bekommt sein Fett weg. Klasse, als die Nachbarin in den Garten kommt, derweil Jen gerade die Kameras demontiert und Jen überrascht: „Musst Du so schleichen wie ein Tesla?“ Auch die Dialoge mit dem Nachbarn, sowohl im Hotel als auch vor dessen Haus, sind großartig. Da hat Staffel 2 auf jeden Fall hinzugewonnen. Auch der Moment, in dem Judy und Michelle im Schlafzimmer verschwinden und Michelles Ex nach Hause kommt, gehört sicher zu den Highlights der Staffel. Die Überraschung gelingt definitiv. Ansonsten bleibt’s dann aber bis zum Ende leider nicht wirklich strukturiert. Der Fall wird relativ blass und konstruiert aufgelöst. Dass Charlie am Ende die Briefe findet, ist natürlich charmant, aber auch etwas konstruiert.

Und so geraten wir dann von einigen richtig guten Ansätzen in eine mehr Richtung Standard taumelnde Staffel. Immer mehr wird vorhersehbar: Wenn die Plane des Pools abgezogen wird, glaubt man nicht wirklich daran, darunter etwas zu entdecken. Wenn Jen das Video der Überwachungskamera durchsieht, ahnt man schon, wer das Graffiti an die Garage geschrieben hat. Dass das Stop-Schild am Ende nochmal eine Rolle spielen wird – auch klar. Dass sich dort ausgerechnet unsere drei Protagonisten wiedertreffen, hat für einen kurzen Moment etwas. Bis wir Judy und Jen sagen hören: „Unfall mit Fahrerflucht“ – „Nicht schon wieder.“

Genau, „nicht schon wieder“. Leider doch: „Dead to Me“ nutzt leider die vielen tollen Vorlagen und Gelegenheiten wieder nicht, um aus der Masse an Dramedys herauszustechen. Es ist bissiger, schwärzer und witziger geworden, dafür aber auch vorhersehbarer und weniger abgründig. Anschauen kann man’s auf jeden Fall, auf den Listen der Top-Serien wird „Dead to Me“ aber auch dieses Jahr nicht erscheinen.

Bilder: Netflix

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