Heilmittel Nostalgie

Warum wir Serienwiederholungen lieben

01.03.19 06:05
Serien
Spoilerfrei
Maik
01.03.19

[Dieser Beitrag wurde von Liezel Miller verfasst.]

Die meisten von uns kennen es: Anstatt sich einer frisch produzierten Serie zu widmen und sich auf neue Charaktere einzulassen, sehen wir uns lieber zum hundertsten Mal eine Folge unserer Lieblingsserie an und das, obwohl wir den Dialog schon im Schlaf mitsprechen könnten. Aber warum ist das so? Sind wir einfach nur faul und haben nach einem langen Arbeitstag nicht die Aufmerksamkeitsspanne, neuen Handlungen zu folgen und unbekannte Protagonisten kennenzulernen? Die Antwort ist eigentlich ganz einfach: Nostalgie macht glücklich. Unsere Liebe zu allem Bekannten und Altvertrauten hat also psychologische Gründe, die uns nicht nur menschlich, sondern auch zu chronischen Serien-Wiederholungstätern machen.

Reise in die Vergangenheit: Umgepolte Erinnerungen machen glücklicher

Selbst, wenn die eigene Beziehung zu einem Serienhelden komplett einseitig ist: Wir gewöhnen uns an bekannte Gesichter und investieren ein hohes Maß an emotionaler Energie, während sich das Leben anderer Menschen vor unseren Augen auf dem TV-Bildschirm entfaltet. Und wie bei einem guten Buch interessiert es uns natürlich brennend, wie die Geschichte ausgeht. Aus diesem Grund gibt es auch immer wieder Fortsetzungen von Filmen, deren Hauptakteure bei Zuschauern einen bleibenden Eindruck hinterlassen haben. Das beste Beispiel ist der Kultfilm „Ocean’s 11“, der nicht nur neu verfilmt wurde – im Original spielte Frank Sinatra die Hauptrolle – sondern auch mit „Ocean’s 12“, „Ocean’s 13“ und „Ocean’s 8“ drei Mal zurück auf die Leinwand geholt wurde. Doch auch wenn wir genau wissen, wie alles ausgeht: Menschen sind Gewohnheitstiere, lieben Rituale und Vorhersehbarkeiten und empfinden Gefühle wie Zufriedenheit und Genugtuung, wenn die Handlung genau wie erwartet eintrifft.

Im Zeitalter von Online-Streaming via Netflix und Co. müssen Serienfanatiker ihr hart verdientes Geld auch nicht mehr für ganze Staffeln auf DVD ausgeben, sondern können so oft sie wollen und von überall – soweit WLAN vorhanden – in die Welt ihrer Serienhelden eintauchen. Doch viele Serien, die uns nostalgisch stimmen, erwecken positive Gefühle nicht nur, weil uns die Charaktere ans Herz gewachsen sind. Unmittelbar werden wir in die Vergangenheit zurücktransportiert und erinnern uns an Umgebungen, Lebenssituationen und Menschen, in und mit denen wir die Serie zum ersten Mal konsumiert haben. In der Regel werden unsere Erinnerungen vom eigenen Gedächtnis immer positiver dargestellt als sie eigentlich waren, das heißt, unser Gehirn hat keine Probleme damit, unsere Erinnerungen emotional umzubewerten, wenn es uns dadurch besser geht.

Photo by Lisa Fotios, CC0 Public Domain

Warum Nostalgie so wichtig ist

Im 17. Jahrhundert schob der Schweizer Arzt Johannes Hofer die körperlichen und psychischen Leiden von Soldaten auf ihr Verlangen, zurück in die Vergangenheit, also Nachhause reisen zu wollen. Nostalgie war damals also eine „waschechte“ Nervenkrankheit. Natürlich sollte man sein Leben nicht in der Vergangenheit verbringen und ständig vergangenen Erinnerungen nachtrauern ohne die Gegenwart genießen zu können. Mittlerweile beweisen jedoch unzählige Studien, dass uns ein gesundes Maß an Nostalgie gut tut und sogar Depressionen vorbeugen kann. Diejenigen, die gerne in Erinnerungen schwelgen, wirken so Einsamkeit und Angstzuständen entgegen und fördern soziale Beziehungen, sofern sie ihre Geschichten mit anderen teilen. Das regelmäßige Wiederaufleben positiver Erinnerungen ist also durchaus gesund und normal. Laut der New York Times erleben die meisten von uns einmal pro Woche nostalgische Gefühle, manch andere sogar alle zwei Tage.

Das Verlangen nach nostalgischen Momenten ist am deutlichsten zu beobachten, wenn Menschen im Erwachsenenalter Serien aus ihrer Jugend konsumieren. Wer möchte nicht manchmal wieder jung sein und völlig unbeschwert in den Tag hineinleben? Besonders animierte Trickserien wie „Die Simpsons“ oder „Adventure Time“, die sich nicht an unser lineares Zeitkonzept halten, sondern immer irgendwie zum Status quo zurückkehren, geben uns das Gefühl, dass auch wir niemals altern müssen. Trickfilme und fiktive Helden wie Batman, Bart Simpson und Harry Potter werden so schnell zu Kultfiguren, die kleine und große Fans auf ihren Socken oder T-Shirts tragen. Sobald ein Held aus der eigenen Jugend Kultstatus erreicht hat, ist es vielen auch nicht mehr „peinlich“, mit einer Actionfigur den Büroschreibtisch zu verschönern – in den meisten Fällen gilt man sogar als humorvoll und nahbar.

Serien aus unserer Vergangenheit, die wir heute immer noch gerne schauen sind mehr als nur Serien. An irgendeinem Punkt haben sie unsere Weltanschauungen und die Popkultur unserer Generation beeinflusst und sogar unseren Humor definiert. Das wissen alle, die in einer lustigen Situation immer noch ein passendes Zitat von Homer Simpson auf den Lippen haben.

Mit freundlicher Unterstützung von Liezel Miller.

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