Fan-Theorien, Petitionen und Anti-Strömungen

Wie viel Macht haben Zuschauer?

Spoilerfrei
Kira
22.05.19

Als Zuschauer haben wir in der heutigen Zeit unheimlich viel Macht, mehr als je zuvor, würde ich behaupten. Schon früher, als Kino und TV in den Alltag der Menschen Einzug erhielten, ging es immer um verkaufte Tickets und Einschaltquoten. Hat eine Serie oder eine Show nicht genug Zuschauer zum Einschalten gebracht, so wurde sie kurzerhand auf einen anderen Sendeplatz verschoben, vorerst aus dem Programm genommen oder die Produktion gar ganz eingestellt. Es war also schon immer an uns und unserer Zeit, über das Schicksal von Serien zu entscheiden. Doch heute sind so viel mehr Wege hinzu gekommen, in denen wir unsere Meinung, unsere Wünsche und unseren Grips spielen lassen und dadurch Einfluss auf Serien nehmen können. Und diese Wege möchte ich einmal genauer betrachten. Denn wie viel Macht haben wir als Zuschauer eigentlich wirklich heutzutage?

Fan-Theorien: Gemeinsam schlauer als die Drehbuchautoren

Fan-Theorien sind Fluch und Segen zugleich. Bei komplexen und verschachtelten Serien wie „Game of Thrones“, „Westworld“ und „True Detective“ ist es kein Wunder, dass Menschen sich über den Fortgang der Handlung, über mögliche Zusammenhänge und die eigens aufgestellten Theorien austauschen möchten – und manchmal müssen, um das Gesehene zu verarbeiten und zu verstehen. Doch das kann auch ausarten. Gerade bei Serien, die ganze Fan-Scharen um sich versammeln, sind die Theorien, die sich entwickeln, oft schneller und ausufernder als man die nächste Folge seiner Lieblingsserie überhaupt schauen kann. Man muss vorsichtig sein, auf YouTube nicht über Videotitel und -bilder zu stolpern, die diese Theorien auf den ersten Blick offenbaren. Kann man sich davor noch schützen? Und sollte man das überhaupt? Ist es nicht total spannend, diese Theorien selbst durchzuspielen und abzuwägen, ob die Argumente, die die Serie uns dafür liefert, für eine Bestätigung der Theorie ausreichen?

Ich bin solchen Theorien gegenüber immer etwas skeptisch und zurückhaltend. Das liegt daran, dass ich gerade bei sehr komplexen Serien den Anspruch habe, erst meine eigenen Theorien aufzustellen und Zusammenhänge für mich selbst herauszufinden, bevor ich nachschaue, was andere dazu zu sagen haben. Aber gleichzeitig finde ich den Austausch dazu, z.B. über die Kommentarfunktion in unseren Reviews oder über Foren und das Engagement der „Hardcore-Fans“ unheimlich spannend und bereichernd. Einige Zuschauer kommen auf Ideen, bei denen ich behaupten würde, dass nicht einmal die Drehbuchautoren beim Schreiben an diese Dinge gedacht haben. Was meint ihr, nehmen sich Autoren wohl regelmäßig die Fan-Foren vor, um Inspiration für den Fortgang der Handlung zu sammeln? Oder ist die Stimmung wohl eher umgekehrt und sie verfluchen die Fans, die in der Gemeinschaft so schlau sind, dass sie ihre im Detail ausgeklügelten Handlungen nach kürzester Zeit durchdrungen haben?

Online-Petitionen: Stärker als die Entscheider

In unserer digitalen Welt ist es kein Wunder, dass auch digitale Mittel genutzt werden, um sich zu vereinen und für ein gemeinsames Ziel einzustehen. Ein ganz besonders schönes Beispiel ist sicherlich Sense8, eine ganz besondere Serie, die nach zwei Staffeln aufgrund zu hoher Produktionskosten von Netflix eingestellt wurde. Zurück blieben ein offenes Ende und viele gebrochene Fan-Herzen, die sich in der Serie wiedergefunden haben. Lana Wachowski selbst war über das plötzliche und anders geplante Schicksal ihrer Serie geschockt und machtlos. Schnell wurden die ersten Beschwerden der Zuschauer laut, die mit Unverständnis und Enttäuschung auf diese Entscheidung reagierten. Doch dann schlug die Stimmung um, Fans schrieben unzählige Briefe, um die Serie zurückzuholen, sie nutzen ihre Stimme im Netz und trugen sich in Massen in Petitionen ein, die der Serie noch ein würdiges Ende verleihen sollten.

Die Liebe zur Serie, ihren Charakteren und den Machern war mehr als spürbar. Und es hatte einen großen Effekt: Das Echo war so laut, dass zwar keine dritte Staffel der Serie mehr aus dem Boden gestampft werden konnte, aber dass sie zumindest in Form eines zweistündigen Finales einen Abschluss gefunden hat. Was die Fans hier zusammen mit ihrer Motivation und ihrem Engagement erreicht haben, ist unvergleichlich, sodass Lana Wachowski, Cast und Crew dafür sogar ein viertelstündiges Dankes-Video veröffentlicht haben. Diese Liebe für die Serie, aus der heraus der Anschub für den Einwand der Fans entstanden ist, hat den Machern gezeigt: Da gibt es eine Menge Leute, die für etwas einstehen. Besonderer Fall, besondere Serie und der Beweis: Wir Zuschauer können mit unserer Stimme echt was bewirken.

Doch es geht auch anders, wie wir zurzeit an dem aktuell (noch) größten Thema überhaupt sehen: Die achte Staffel „Game of Thrones“ und der von vielen Fans ganz anders erwartete Fortgang und das Ende der Handlung haben die Gemüter ganz schön erhitzt. Woche für Woche wurden die kritischen Stimmen lauter, die Beschwerden häuften sich und dann startete vor gut einer Woche eine Petition, die das Remake von Season acht forderte. Dass auch das nicht einfach ein Scherz ist, zeigt sich an der Vielzahl der Teilnehmer, die ihre Stimme für genau diesen Zweck abgegeben haben: Bereits mehr als eine Millionen Leute haben sich eingetragen, damit die Staffel von anderen Autoren nochmal neu geschrieben wird. Die Forderung ist eine ganz andere als bei Sense8 und wird sicherlich nicht durchgesetzt werden, egal wie viele Stimmen hierfür noch eingehen… Oder?

Kritik: Bittere Anti-Bewegungen

Und wo wir schon bei Kritik sind: Haben nicht heutzutage, wo man sich so gut hinter dem anonymen Deckmantel des Netzes verstecken kann, alle eine viel krassere Meinung – durchaus in beide Richtungen – und wollen diese unter allen Umständen auch mit der ganzen Welt teilen? Kann nicht jede CGI noch so gut gemacht sein und dennoch als „mäßig“ bezeichnet werden? Wird nicht jedes Seherlebnis von zumindest einem Kritiker durch ein paar lapidare Argumente abgeschwächt und gemindert? Maik hat erst kürzlich darum gebeten, den Leuten doch mehr Freude an Serien zu lassen. Denn bewirkt diese Anti-alles-Haltung nicht auch ein bisschen, dass man sich als Fan weniger traut, etwas schlicht und einfach auch mal super gut zu finden, ohne dieses Bauchgefühl anhand kausaler Darlegungen rechtfertigen zu müssen? Und wirkt sich dieses extrem kritische Verhalten, das sich oft auch aus Trotz in persönlichen Kommentaren unter Reviews oder in miesen Bewertungen auf Plattformen wie iMDb & Co widerspiegelt, auf die grundsätzliche Wahrnehmung von Serien aus? Sind wir nicht alle heute viel kritischer, etwas mal schlichtweg zu genießen, und ist das nicht auch ein bisschen anstrengend?

Spoiler: Zerstörerisch in nur einer Sekunde

Wann eine Information zu einer Serie, einer Folge oder einer Figur in einem bestimmten Moment als Spoiler wahrgenommen wird, ist sicherlich subjektiv zu bewerten. Manche sind da überempfindlich, für manche ist die Offenbarung einer wichtigen Wendung in einer Folge ein Segen, da sie sich durch das Wissen darüber beim Schauen mehr auf andere Dinge fernab der Handlung konzentrieren können. Wie auch immer man dazu steht: Es gibt Serien, die von unvorhersehbaren Twists und krassen Schockmomenten leben, die man einfach selbst erfahren sollte und die nicht durch ein rücksichtslos gewähltes Posting-Bild oder lapidar ausgesprochene Sätze zum Handlungsausgang vorweggenommen werden sollten. Doch jeder Fan oder Anti-Fan, der wollte, könnte in Sekundenschnelle genau damit eine Kettenreaktion hervorrufen, weil er oder sie sich einen zeitlichen Vorsprung gegenüber anderen verschafft hat. Das ist nicht fair und gibt oftmals den falschen Personen Macht, mit der sie nicht umgehen können oder die sie ganz bewusst ausnutzen möchten.

Bereicherung & Bedrohung

Wo es eine gute Seite der Medaille gibt, gibt es immer auch eine schlechte Seite. Zuschauer haben heutzutage insbesondere durch die digitalen Möglichkeiten des globalen Austauschs ein Ausmaß an Macht oder besser gesagt „Einfluss“ erlangt, der mit vereinten Kräften ganz viel Gutes, Spannendes, Kreatives hervorbringen – aber auch Wellen von Empörung und Missmut auslösen kann. Kritik und Skepsis sind grundsätzlich und in Maßen sicherlich gut und fordern Serien, Macher und andere Zuschauer immer auch heraus. Doch sollte man bei all seinen Aktivitäten – in die eine oder andere Richtung – stets im Hinterkopf behalten, dass wir uns bei unserer Leidenschaft für Serien meistens in einem Umfeld bewegen, in dem es um Fiktion und Unterhaltung geht. Auch wenn wir hier auf keinen Fall aufhören sollten, Dinge kritisch zu beleuchten und zu hinterfragen, sollten wir doch in unserer Position als (ab und zu) aktive Zuschauer lieber die positiven Schwingungen und Ströme nutzen und diese als Chance sehen, ertragreiche Ergebnisse hervorzubringen statt noch mehr Hass und Negativität in unserer brüchigen Welt zu verbreiten.

Wie sieht es bei euch aus? Lest ihr Foren mit Fan-Theorien? Veröffentlicht ihr dort vielleicht sogar eure eigenen Prognosen und Ideen? Seid ihr bei Online-Petitionen die ersten, die sich eintragen? Oder könnt ihr bei bitterer Enttäuschung mit eurer Kritik nicht an euch halten? Wir freuen uns auf euer Feedback in den Kommentaren. Keine Sorge, muss auch nicht ertragreich sein.

Ein Kommentar

  • Ein wirklich interessantes und vielschichtiges Thema, danke für den guten Überblick. Ich finde an sich super, dass Zuschauer eine größere „Macht“ haben, als nur durch Einschaltquoten, da so letztlich auch kleinere Shows eine Überlebensmöglichkeit haben. Dennoch wird das momentan ein bisschen viel bzw. zu radikal meiner Meinung nach (vor allem in der Diskussion selbst, aber das scheint heutzutage einfach die vor allem im Internet herrschende „Kultur“ zu sein). Ich weiß nicht mehr, woher ich das habe, aber irgendwer meinte letztens bezogen auf GoT, dass Zuschauer heute nicht mehr einfach nur ein Stück Kulturkunst anschauen und für sich bewerten, sondern als enttäuschter Kund ihr „Geld“ zurückverlangen (was Geld oder Emotionen oder Zeit sein kann). Gerade die gesteigerte Macht der Zuschauer führt denke ich auch dazu, dass diese schneller empört sind und so teils sehr dämliche Aktionen starten, weil sie sich im Recht fühlen.
    Letztlich war es aber ja schon immer so: Mögen es die Leute nicht, wird es nicht mehr weiter gedreht (auch wenn letztlich eher Geld denn Gefallen in der Masse der eigentliche Grund ist).



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