Die politische Popkultur

Kommentar: Welche Rolle spielen Serien für die US-Wahlen?

Spoilerfrei
Kira
21.10.20

Wir gehen mit großen Schritten auf die US-Wahlen zu. Während wir hier in Deutschland das Geschehen in den Vereinigten Staaten nur aus sicherer Entfernung betrachten können (oder müssen… oder dürfen) und bangen müssen, dass in der Nacht vom 3. auf den 4. November nicht die zweite große Katastrophe über die Welt hereinbricht, gibt es in den USA kaum Prominente, die sich nicht bereits auf eine Seite geschlagen haben und ihre Communities dazu aufrufen, unbedingt von ihrer Stimme Gebrauch zu machen und wählen zu gehen. Wen sie dann wählen, ist zwar ihnen überlassen, aber der Großteil der Stars, die sich mit drastischen Aufrufen zu Wort melden, wendet sich ganz klar von Trump, der die Gesellschaft spaltet, statt sie zu vereinen, ab und unterstützt Joe Biden. Und auch zahlreiche popkulturellen Medien, darunter auch Serien, werden als Fläche genutzt, um aufzuklären und sich politisch zu positionieren. Aber ist das gut?

Aufklären und positionieren

Wer in Hamburg wohnt, hat es vielleicht schon entdeckt: ein riesiges neues Fritz-Kola-Plakat, das ihre Kola mit „null Zucker“ zeigt. Daneben ist ein überzeichneter Mann mit erhobenem Zeigefinger zu sehen, der eine sehr deutliche Ähnlichkeit mit Präsident Trump aufweist. Über den beiden ist der Schriftzug „Zwei Nullen. Eine schmeckt.“ zu lesen. Für die Getränkemarke ist provokante Werbung nichts Neues. Dennoch ging das einigen (Trump-anhängerischen) Kunden zu weit. Unter dem Facebook Post von Fritz-Kola, der gleiches Plakat mit der Caption „Gib dem Affen keinen Zucker“ zeigt, brach ein kleiner Shitstorm los. Fritz-Kola reagiert cool und durchdacht: Für jeden Hasskommentar spenden sie einen Euro an Flüchtlingsprojekte.

© fritz (Facebook-Screenshot)

Beim Fritz-Kola-Fall ist die Kritik am Unternehmen klar: Trump-Anhänger*innen wollen ihren Präsidenten nicht degradiert wissen. Doch manchen ist es schon zu viel, dass fritz sich überhaupt politisch äußert und damit ein Getränk viel wichtiger macht, als nur die Flüssigkeitsversorgung sicherzustellen und Geschmack zu schenken – will man sich mit solchen Themen doch in der Freizeit nicht beschäftigen. Ähnliche Reaktionen erlebt man, wenn weitere Medien neben der Out-of-Home-Plakatwerbung und neben Posts in den sozialen Netzwerken politisch werden und sich im Hinblick auf die bevorstehende Wahl klar positionieren. So haben es kürzlich auch die „Simpsons“ getan.

In der diesjährigen Halloween-Folge, dem „Treehouse of Horror“-Special mit gruseligen Mini-Episoden, wird das gruseligste Thema des Jahres aufgegriffen und das ist nicht einmal die Corona-Pandemie – sondern die US-Wahl 2020. In einem exklusiven First Look, der einen Ausschnitt aus dem mittlerweile bereits 31. Special zeigt, das rund um Halloween ausgestrahlt wird, sehen wir, dass Homer in die Wahlkabine verschwindet und überlegt, wem er seine Stimme in der Präsidentschaftswahl geben soll. Dabei wird er von Lisa unterbrochen, die entsetzt ist, dass seine Wahl nicht längst feststeht, nach all den Vorfällen, die sich in den vergangenen vier Jahren ereignet haben. Und dann sehen wir eine Liste von 50 Dingen, die über den Bildschirm fliegen, die Trump sich in seiner Amtszeit geleistet hat (hier findet ihr die vollständige Liste, die in üblicher „Simpsons“-Manier natürlich auch einige für Trumps Position als Präsident nebensächliche Punkte enthält, wie z.B. dass er in Tenniskleidung lächerlich aussieht). Dennoch ein klarer Appell, dass diesem Kandidaten nicht eine Stimme in der Wahl zusteht.

Neben der Übertragung der TV-Debatten von Biden und Trump, in denen man sich anhand der Argumente und des Verhaltens der beiden Präsidentschaftskandidaten sein ganz eigenes Urteil bilden muss, wen man überzeugender und als Präsidenten geeigneter findet, hat Netflix auch eine spezielle Serie zur Aufklärung über die US-Wahlen ins Programm genommen. Die dokumentarische und kurzweilige TV-Serie „Explained“, in der rund 20 bis 30 Minuten lang pro Episode ein bestimmtes Thema beleuchtet wird, hat eine Art Sonderstaffel nur für die Erklärung der US-Wahlen erhalten: „Explained: US-Wahlen“ oder im Original „Whose Vote Counts, Explained“ umfasst drei Episoden, in denen das US-amerikanische Wahlsystem beleuchtet wird. Das ist nicht nur für nicht-US-Bürger interessant, um am Ende zu verstehen, wie die einzelnen Stimmen der Wähler*innen zu der Entscheidung beitragen, wer letztendlich der neue Präsident der Vereinigten Staaten wird. Das hilft sicherlich auch US-Bürger*innen, das eigene System besser und vor allem auf unterhaltsame Art und Weise zu durchdringen. Auf Amazon Prime ist die Kategorie „Politische Serien zur US-Wahl“ zu finden. Auf Sky startet am 2. November die Serie „The Comey Rule“, eine Miniserie, die von dem Verdacht handelt, dass es Verbindungen zwischen Russland und dem Ausgang der Wahlkampagne 2016 gab. Die Serienwelt ist politisch aufgeladen, insbesondere jetzt, kurz vor den nächsten Wahlen.

Doch dürfen Serien politisch sein?

Die Antwort ist ganz klar: JA! Sie müssen es meiner Meinung nach sogar, denn Serien sind nun mal auch Ausdruck und Zeugnis der Zeit. Dabei bilden sie nicht nur das Gegenwarts- (oder Vergangenheits- oder Zukunfts-)geschehen ab, sondern sagen auch mit der Art und Weise, wie sie Dinge abbilden, schon einiges über die Zeitgeschichte aus. Und neben der dokumentarischen Aufklärung in Serien ist es auch Aufgabe von fiktionalen Serien, die Gesellschaft mitzugestalten und damit auch einen Teil der Verantwortung zu tragen, wie diese sich weiterentwickelt.

Genau wie es die fritz-Werbung ist, sind auch popkulturelle Serienerzeugnisse mehr als relevant, um Richtungen zu weisen – und vor allem: um uns als Zuschauer*innen dazu herauszufordern, uns unser eigenes Urteil zu bilden und uns selbst zu positionieren. Niemand, der den Ausschnitt der „Simpsons“ sieht, wird sich als Trump-Anhänger*in von jetzt auf gleich davon überzeugen lassen, ihn nicht mehr zu wählen. Aber genau solche politischen Häppchen lassen uns nicht ausruhen und das aktuelle Zeitgeschehen unbeteiligt an uns vorbei ziehen. Sie nehmen uns in die Pflicht, einen Standpunkt einzunehmen – wie auch immer der aussehen mag. Und das ist unheimlich wichtig.

Was meint ihr, sollten Serien politisch sein und falls ja, welche Grenzen gibt es da für euch persönlich zwischen Fiktion und Realität? Lasst es uns in den Kommentaren wissen!

Beitragsbild: Netflix

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