Long way to go

Serien mangelt es noch immer an Diversität

Spoilerfrei
Kira
29.08.18

Das Thema ist wahrlich kein Neues: (TV-)Serien mangelt es auch heute noch immer an Diversität. In letzter Zeit ist es (für mich persönlich) irgendwie wieder schlimmer zu ertragen als sonst. Längst veraltete Frauen-, die immer gleichen Familienbilder, Heteronormativität wo man hinschaut.

Anlass zu diesen Gedanken war ein Film, den ich vor ein paar Tagen im Open Air Kino in Hamburg gesehen habe: An einem lauen Sommerabend flimmerte „Isle of Dogs“ über die große Leinwand, es ging ca. 105 Minuten lang eigentlich nur um Hunde. Großartig. Hunde in Japan, die aufgrund des Mannes an der Macht und einer „Hundegrippe“ auf eine Müllinsel verbannt werden. Doch das war eben noch nicht alles. Die verschiedenen Hundecharaktere wurden anthropomorphisiert, ihnen wurden menschliche Rollen zugeschrieben, damit der Zuschauer auch versteht, worum es geht, denk ich. Wie sollten wir Hunde sonst nur verstehen?

Da hätten wir also fünf bzw. sechs Hunde, auf die hier die meiste On-Screen-Zeit abfällt: alles Männchen. Sie sind Streuner, Abenteurer, schlagen sich so durch, beschützen den Jungen, der eigenständig auf der Suche nach seinem verlorenen Hund ist, bei Gefahr. Und dann gibt es genau zwei Weibchen, die nur auftauchen, um ein bisschen Love mit in die Story zu bringen: einen hübsch gekämmten, samtig glänzenden Showhund, der fleißig Kunststückchen aufführt; und die Hündin, die Welpen bekommt. Sich um das Aussehen kümmern, gehorchen und Nachwuchs austragen also. Klasse. Warum genau muss selbst ein Film über Hunde, über den treuen und ganz eigenen Charakter von Hunden, das klischeehafteste Frauenbild nutzen, um seine Geschichte zu erzählen?

Aber im Film spielt doch auch diese mutige amerikanische Austauschschülerin mit! Ja, tatsächlich ein Mädchen. Und die schafft es doch wirklich, die unmündigen Japaner vor der großen Katastrophe zu bewahren. Weil … die sich nicht alleine helfen können, weil … die Wissenschaftlerin mit Ahnung vom Gegenmittel zur Hundegrippe zu sehr um ihren verstorbenen Liebhaber trauert? Hui.

Das klingt jetzt alles ganz furchtbar. Ist es auch, wenn man so drüber nachdenkt. Der Film hat mir grundsätzlich gefallen, mich unterhalten, meine Hundeliebe aufleben lassen – und mich dann trotzdem grübelnd zurückgelassen.

Gut, das war jetzt ein Film. Weiteres Beispiel aus der Serienwelt: Beim Durchblättern eines Einrichtungsmagazins ist mir die Werbung zum neuen deutschen RTL Serial Drama „Freundinnen – Jetzt erst recht“ ins Auge gefallen. Nein, das ist nicht etwa eine Daily Soap, auch wenn die Episoden täglich am Nachmittag ausgestrahlt und keine schweren Themen behandelt werden und darauf konzipiert sind, zu jedem Zeitpunkt leicht in die Handlung einsteigen zu können. Wer denkt da schon an Daily Soap? Und vor allem: Wer wünscht sich solch eine Serie nicht schon immer? Ohne auch nur irgendetwas über diese einseitige A5-Printwerbung hinaus über die Serie zu wissen, wusste ich sofort: Niemals werde ich da reinschauen.

Eine Frau „in den besten Jahren“, die sich erst jetzt selbst entdeckt. Eine Frau, die sich verlieben möchte. Eine Frau, die einen jungen Lover will. Eine Frau, die geheiratet werden will. Natürlich darf auch das rosane Blüschen nicht fehlen, ach ja, und der Kaffee. Frauen mögen Kaffee. Ach nee, Moment, lieber einen Latte Macchiato. Echte Power-Frauen halt, wenn man nach der Beschreibung von RTL geht. Und „Männer werden natürlich ein großes Thema sein“. Ich will der Serie die Daseinsberechtigung nicht absprechen, dafür sollte man vermutlich erstmal reingeschaut haben, aber wie stereotyp geht es denn bitte? Wo man vier weibliche Charaktere zeichnen kann, schafft man das? Hui. Mit einer Werbeanzeige alles versaut.

Gut, Daily Soap (what?) mag mancher nun sagen, da ist sowieso alles anders (why?). Aber was ist mit unserem heiß geliebten Qualitätsfernsehen? Da gibt’s sicher Diversität! Stimmt. Seit das lineare Fernsehen immer mehr durch Streamingdienste abgelöst wird und uns das (Über)Angebot an Serien jeden Tag die Wahl ganz alleine treffen lässt, wonach uns ist, ist das Serienangebot diverser geworden. Aber wie divers ist unser mediales Angebot wirklich?

Der Bechdel-Test

Habt ihr schon mal vom Bechdel-Test gehört? Wer ein Studium der Geisteswissenschaften durchlaufen hat, ist vermutlich (zum Glück!) nicht drum herum gekommen. Der Bechdel-Test, populär geworden durch einen Comic von Alison Bechdel, unterzieht Filme einer kleinen, simplen Analyse, die Sexismus offen legen soll, indem man drei Fragen an den Film richtet:

1. Tauchen im Film mindestens zwei Frauen (mit Namen) auf,
2. die ein Gespräch miteinander führen,
3. in dem es um etwas anderes geht als um einen Mann?

© Alison Bechdel: Dykes to Watch Out For

Was oft falsch verstanden oder falsch geschlussfolgert wird: Werden alle drei Fragen mit „ja“ beantwortet, heißt das noch längst nicht, dass die Darstellung der Frau in dem Film eine gute, richtige, reale ist. Es heißt auch nicht, dass der Film qualitativ hochwertig oder künstlerisch gehaltvoll ist. Doch es ist eine einfache Art zu überprüfen, ob das Mindestmaß an Grundlage gegeben ist, dass Frauen überhaupt repräsentiert werden – und das eben nicht nur als Beiwerk in einer Mann-zentrierten Welt. Und ja, Filme wie „Herr der Ringe“, „The Grand Budapest Hotel“, „Avatar“ und „Harry Potter“ sowie häufig ein überwiegender Anteil der Oscar-nominierten Filme rasseln durch diese Analyse leider komplett durch.

Nun kann man diesen Bechdel-Test natürlich auch wunderbar auf Serien übertragen, auch wenn es für diese meist allein aufgrund ihres Umfangs durchaus einfacher ist, den Test in dieser Form zu bestehen. Ist aber hier mitunter nicht weniger schmerzhaft zu erkennen, dass es trotzdem Serien gibt, die es nicht schaffen. Die erste Staffel „True Detective“, „The X-Files“ und „The Sopranos“ fallen auch hier durch. Sind aber trotzdem gute Serien? Durchaus. Dennoch tragen sie dazu bei, dass Frauen in der alltäglichen Unterhaltung sowohl auf quantitativer als auch auf qualitativer Ebene unterrepräsentiert werden. Und das wirkt sich unmittelbar auch auf unsere Realität aus. Nicht ohne Grund bewegen wir uns mit Mini-Schritten voran, wenn es um Themen wie Gleichberechtigung, nicht nur zwischen Mann und Frau geht.

Erst der Anfang

Ich will mich aber gar nicht zu sehr an der Darstellung der Frauen in Serien aufhängen, denn weibliche Perspektiven und weibliche Geschichten sind ja nicht das einzige, an das es dem Serienmarkt mangelt. Betrachten wir die gesamte LGBTIQ-Community: In welcher TV-Show, in der es nicht ganz explizit um das „Anderssein“ geht, sehen wir etwas anderes als Heteronormativität, sehen wir andere anatomische und kulturelle Geschlechter als es die ausschließlich als binär betrachtete Geschlechterteilung in männlicher Mann und weibliche Frau zulässt? Ich habe das Gefühl, dass sich kaum jemand nur traut, diverse Geschlechterrollen und -identitäten abzubilden oder aber diese Serien erreichen die Zuschauer eben gar nicht erst auf „gängigem“ Wege. Warum gibt es in Kinos extra „Queer Cinema“-Reihen? Weil sonst das Programm noch einseitiger wäre. Und der Anspruch ist ja gar nicht ausschließlich, dass andere Geschlechter und Sexualitäten immer und in jedem Fall groß thematisiert werden müssen, sondern sollte ja vielmehr auch sein, einfach mal als gegeben angesehen und entsprechend dargestellt zu werden und sich damit im Weltbild deutlicher der Realität anzunähern. Denn ich bin mir sicher, dass es nicht daran liegt, dass keine Nachfrage besteht. Und wie kann man Menschen, die in ihrem Alltag vielleicht gar keine Berührungspunkte mit LGBTIQ-Personen haben, andere als binäre Geschlechterrollen näherbringen, sie besser aufklären und zu einer natürlichen Akzeptanz bewegen, wenn nicht durch Unterhaltung?

Und was ist mit der Abbildung verschiedener kultureller Identitäten, unterschiedlicher (eben nicht nur weißer) Hautfarbe und sozialer Konstrukte? Seitdem ich in einer Show eines deutschen Comedians ein Interview zwischen Host und etwa fünf-jährigem Mädchen gesehen habe, in der er sie fragt: „Kann der ein Superheld sein?“ und ihr dabei ein Foto eines schwarzen Mannes zeigt, und sie die Verneinung mit „weil der schwarz ist“ begründet, muss ich immer wieder darüber nachdenken, wie es sein kann, dass dieses Bild selbst in so jungen Köpfen verankert ist, die erst wenige Jahre in dieser Gesellschaft leben.

Wir brauchen mehr!

Wir brauchen keine Shirley Holmes, keinen auf Bond Boys stehenden 007, keinen Patchwork-Family-Hulk. Wir brauchen neue Figuren, wir brauchen moderne Formate, wir brauchen diverse Fiktion für eine offene Realität, die gezeigt, gesehen, akzeptiert und gelebt wird. Und auch Serien können ihren Teil dazu beitragen. Wir haben dahingehend stets einen langen Weg vor uns.

Das Thema mangelnder Diversität in Film und Fernsehen ist wahrlich kein Neues. Aber das heißt nicht, dass wir aufhören sollten, diese offenzulegen, darüber nachzudenken, zu diskutieren und eine Veränderung anzutreiben.

Wie ist eure Meinung dazu? Wie empfindet ihr den Markt, das serielle Angebot – und die Stimmung? Habt ihr vielleicht sogar eine Handvoll positiver Beispiele, welche Serien ganz besonders divers sind? Oder so richtig stereotype Dornen im Auge, die eine Grundüberholung benötigen? Schreibt es uns in den Kommentaren.

12 Kommentare

  • yes, yes, yes! aber sowas von!

    liebe kira, ich stimme dir komplett zu und musste bei dem artikel sehr schmunzeln, weil ich gerade fast das gleiche fuer den gender-blog von der zeitschrift fuer medienwissenschaften geschrieben haben. naja, doppelt hält besser…

    in vielen filmen und serien die fuer kinder und jugendliche sind, wird ja auch andersheit als etwas positives propagiert. es geht fast immer darum zu sich zu stehen und so zu bleiben wie man ist, auch wenn man etwas aneckt. hierbei sollten filme und serien ihrem eigenen credo folgen und konsequent sein. anderssein sollte nicht nur innerhalb der heterosexuellen matrix möglich sein. wir leben in einer welt, wo menschen nicht nur innerhalb der verhaltensmuster ihres geschlechts agieren. filme sind nie reine zufallsprodukte. die skripte gehen durch viele haende, die den inhalt reflektieren (sollten). es gibt keinen grund mehr fuer sinnlose liebesstories, stereotypisierungen und heteronormativitaet. filme und serien sollten auch ein spiegel der gesellschaft sein. bitte kommt endlich mal im 21.jahrhundert an!

    love,
    katrin

    • Sobald du deinen Beitrag veröffentlicht hast, poste den Link hier gern mal in die Kommentare :)

  • Auch mir fällt fehlende Diversität in Serien mit zunehmendem Alter (und einer Tochter) immer mehr auf. Dabei geht es nicht darum, dass jede Serie bitteschön mindestens einen queeren 80-jährigen Asiaten beinhalten muss, sondern beispielsweise einfach mal Frauen über 40:
    http://www.taz.de/!5297731/

    Großartig fand ich in der Hinsicht „Orange ist the new black“, die Frauen dort sind so divers (oder anders gesagt realistisch!) wie es nur irgendwie geht. „Orphan Black“ fand ich toll, weil dort eine Schauspielerin zig Rollen verkörpert hat und „Outlander“ weil dort mal eine Frau erkennbar über 30 die Hauptrolle spielt und sogar Sex hat.

    • Da stimme ich dir vollkommen zu, Frauen über 30 sind wirklich selten gesehen in Film und Fernsehen. „Orange is the New Black“ ist ein super Beispiel für Diversität in Serien und vor allem für ein realistischeres Frauenbild als es so manche filmische Werke schaffen. „Outlander“ mag ich ja auch gern, aber sollte Claire da nicht irgendwann plötzlich über 50 sein, was man nur an ein paar grauen Strähnen in den Haaren gesehen hat? Dafür sah Caitriona Balfe dann doch noch sehr jung aus, fand ich. Ist aber bei einer Serie über Zeitreisen anders natürlich auch schwierig zu lösen. Ansonsten finde ich sie für diese Rolle super besetzt.

  • Toller Artikel.

    Ich finde „How To Get Away With Murder“ da eigentlich ganz gut, zumindest Viola Davis’s Rolle Annaliese Keating.

    • Danke dir :)

      HTGAWM ist auch ein gutes Beispiel und Viola Davis ist einfach eine tolle Schauspielerin – nicht nur in der Serie. In den Filmen, in denen sie mitspielt, verkörpert sie meistens eben genau nicht diese 0-8-15 Frauenrollen, weshalb es oft sehr inspirierend ist, ihr zuzusehen.

  • Einigermaßen passend dazu hier ein Beitrag mit lauter Klischee-Fehler, die männliche Autoren bei der Darstellung von Frauen in Film und Fernsehen begehen: https://www.boredpanda.com/dear-men-writers-women-tumblr-post/

    • Sehr interessant! Einerseits sehr amüsant zu lesen, da vollkommen wahr und gleichzeitig auch sehr traurig zu lesen, welches Bild über diese immer gleichen Klischee-Fehler aufgebaut wird und sich in den Köpfen der Zuschauer wohl oder übel festsetzt.

  • Hach, Kira. Dickes Herz an Dich.

    Wieder ein Thema, das schon lange auf meiner Liste stand, ich aber nie die richtigen Worte gefunden habe. Und Du schreibst es einfach mal auf, packst noch den fantastischen Bechdel-Test rein und veröffentlichst es. Super!

    Es ist wichtig und gut immer wieder darüber zu reden, bis es sich eben ändert. Denn gerade die Großen wie Star Wars und Herr der Ringe sind keine guten Vorbilder was das angeht.
    Aber natürlich ist Sense8 ein Vorreiter was Diversität angeht. Denn sie geht liebevoll mit diesem Thema um. Und Orange Is The New Black ist auch eine wirklich starke Frauen-Serie voller Vielfalt. Da muss ich Uli zustimmen.

    Wie man aber auch weiß, liebe ich ja The Fall, weil Gillian Anderson dort einfach als Vorgesetzte brilliert. Und mit vielen anderen Frauen über andere Sachen als Männer spricht. Und natürlich auch Transparent – es ist zwar nicht mehr meine Serie, weil es mir doch zu eigenartig wurde – aber auch hier wird wunderbar mit dem Thema Transsexualität umgegangen.

    Und das gehört dazu. Frauen reden miteinander und über alles andere als Männer. Und Vielfalt macht alles besser :) Also mehr davon in Serien. Und noch mehr davon in Filmen!
    Toller Artikel! Vielen Dank.

    • Sehr gerne und danke dir :)

      Und da fällt mir ein: Ich hab „The Fall“ noch immer nicht zu Ende gesehen!

  • Das ist so einer dieser Artikel, die man eher im Vorbeigehen überfliegt. Man schmunzelt, denkt sich „First World Problems“, und liest den nächsten Artikel. Dann stolpert man Wochen später nochmals darüber und nimmt sich dann doch mal etwas Zeit um genauer zu lesen. Während man am Ende noch den Kopf schüttelt, kommen danach noch die Kommentare darunter. Fragte ich mich vorher noch, ob das tatsächlich ernst gemeint ist, so wurde danach daraus eine irritierende Gewissheit. Das ist tatsächlich ernst gemeint…..Wow….

    Aber fangen wir doch mal ganz von vorne an. Am Anfang geht es damit los, dass man sich bei Ansicht eines Animationsfilms über die Darstellung der Figuren unter geschlechterspezifischen Gesichtspunkten aufregt. Und schon da kommt bei mir der Picard’sche-Facepalm-Moment auf. Ein Animationsfilm, dessen Hauptzielgruppe Kinder sind, und dessen Botschaften daher auch entsprechend einfach gehalten werden. Zwar hat sich in den letzten Jahren da einiges getan, so dass auch die Erwachsenen, die neben den Kindern sitzen, mitgenommen werden. Aber die Hauptzielgruppe bleibt nun mal. Und was war der Stein des Anstoßes? „Sich um das Aussehen kümmern, gehorchen und Nachwuchs austragen“ Aha. Also zwei Dinge, die den Tieren von den Menschen aufgezwungen wird und eine ganz natürliche Sache. Das gerade das Austragen von Nachwuchs als „klischeehaftes Frauenbild“ mit in die Verlosung genommen wird sagt schon sehr viel aus. Das es in diesem Film anscheinend doch einen starken weiblichen Charakter gibt zählt nicht, weil ein anderer weiblicher Charakter um einen geliebten Menschen trauert. Das…..das ist ja…..das ist ja geradezu menschlich! Wie klischeehaft und „furchtbar“! Wirklich?

    Aber gut, jeder Artikel braucht einen Aufhänger, wie schwach er auch sein mag. Vielleicht bringt der folgende Text etwas Gehaltvolleres.

    Leider nein, denn als nächstes wird als „weiteres Beispiel aus der Serienwelt“ eine DIN A5-Werbeanzeige in einem Printmedium angeführt……ähm…..Moment…….ach so. Entschuldigung, aber das ist mir auch noch nicht passiert, dass ein von mir geschriebener Satz es schafft, mich irgendwo auf dem Weg zu verlieren. Aber nachdem ich den Satzanfang noch dreimal gelesen habe, bin ich wieder an Bord. Wir reden also über eine Printwerbung. Auf DIN A5. Es muss also geschafft werden, dass der Leser nicht einfach so weiterblättert, weil uninteressant. Ich muss Interesse wecken für eine neue Serie und das auch noch auf einem begrenzten Platz. Das man da mit einfachen Bildern (sowohl visuell, als auch sprachlich) arbeiten muss und auch mit Übertreibungen lernt man tatsächlich auch ohne ein Studium der Geisteswissenschaften. Also werden mit (nochmal gesagt) einfachen Worten vier Frauenfiguren vorgestellt. Doch anstatt sich mit den Aussagen auseinanderzusetzen heißt es „Pfui, rosanes Blüschen! Pfui, Latte Macchiato!“ Und damit man seine Vorurteile bloß nicht widerlegt sieht, schaut man sich die Serie auch nicht an, SO!

    An dieser Stelle mag der gemeine Leser vielleicht denken, er habe das Schlimmste hinter sich und wiegt sich in Sicherheit. Aber weit gefehlt. Denn es folgt der Höhepunkt in zwei Akten.

    Im ersten Akt wird der Bechdel-Test vorgestellt. Ein populärer Test zur Offenlegung von Sexismus in Filmen anhand von drei simplen Regeln. Pflichtprogramm beim Studium der Geisteswissenschaften und basierend auf einem Comic von einer gewissen Alison Bechdel, der uns nachfolgend gezeigt wird. Ich schaue mir den Comic an und zweifle wirklich kurzzeitig an meinem Verstand. Ein Comic, der nur so von Sexismus strotzt, will mir etwas über Sexismus erzählen? Dabei will ich mich noch nicht mal an den gezeichneten Filmplakaten aufhalten, das wäre doch zu einfach (Wobei ich mich schon frage, wann ich als regelmäßiger Kinogänger zuletzt ein Plakat mit einem bildausfüllenden, muskulösem Mann mit freiem Oberkörper und Kanone/Schwert in der Hand gesehen habe). Ich stelle mir nur den Aufschrei vor, wenn ein Vertreter der männlichen Spezies die zwei weiblichen Charaktere so gezeichnet hätte (lange Haare, blond, zierlich und darf Bein zeigen gegenüber dunkel- und kurzhaarig, breite Schultern und langes Beinkleid) wie das typische Klischee-Lesben-Paar. Aber ich schätze mal eine Frau darf das….Sexismus? Ach Quatsch!

    Mit diesem Gedanken verabschiedet der Leser sich in die Raucherpause, um direkt danach vom zweiten Akt begrüsst zu werden. Denn, April April, jetzt wird uns erzählt, dass selbst das Erfüllen der drei simplen Regeln des Bechdel-Test nicht bedeutet, dass die Darstellung von Frauen nicht sexistisch ist. Stattdessen geht es auf einmal um eine „gute, richtige, reale“ Darstellung von Frauen (Wann ist denn diese Verwandlung passiert?), dass diese „überhaupt repräsentiert werden – und das eben nicht nur als Beiwerk in einer Mann-zentrierten Welt“, was immer das auch heißen mag. Aber Moment, es kommen doch Beispiele, wo es nicht so ist. Herr der Ringe….undundund Avatar…..undundund Harry Potter, Jawollja!

    Man kratzt sich am Kopf und denkt: Harry Potter? Ist das nicht eine Reihe von Büchern, die von einer Frau geschrieben wurden? Und gibt es da nicht eine weibliche Figur, die durch fleißiges Lernen und trotz eines Nicht-Zauberer-Hintergrunds alle Mitschüler und teilweise die Lehrer zaubereitechnisch in die Tasche steckt? Avatar? Moment, gab es da nicht eine weibliche Figur, die den männlichen Protagonisten quasi an die Hand nimmt und ihm alles Wissenswerte vermittelt. Und stürzt sich die gleiche weibliche Figur nicht gleichberechtigt mit den männlichen Kriegern bewaffnet mit Pfeil und Bogen ins dichteste Kampfgetümmel? Herr der Ringe? Moment, Arven, eine Frau vom Volk der Elben, stellt sich mit gezücktem Schwert und ohne mit der Wimper zu zucken den Ringgeistern und wischt diese dann wortwörtlich mit einer Aktion weg? Und war da nicht auch Galadriel, die Herrin des Waldes und damit der Waldelben, von Tolkien als mächtigstes Wesen auf Mittelerde beschrieben? Und wer hat nochmal am Ende den Oberbösewicht besiegt? Hm? „Kein Mann kann mich töten! –Ich bin kein Mann!“ Stich! Aber diese weiblichen Figuren erfüllen nicht die 3 Regeln! Und? Wir haben doch gelernt, dass diese Regeln unwichtig sind.

    Zugegeben, „Grand Budapest Hotel“ habe ich nicht gesehen, aber es steht schon 3:0. Nicht repräsentiert? Sowohl quantitativ als auch qualitativ? Wirklich? Auf die Serienbeispiele, auf die sich der an sich wertlose Test ja „wunderbar übertragen“ lässt, gehe ich hier schon gar nicht mehr weiter ein. Zu ermüdend. Zu einfach.

    Kurz vor dem Finale wird auch noch ein Schwenk in Richtung LGBT-Community gemacht (Ich bleibe bei den vier Buchstaben, weil anscheinend jeden Monat ein neuer Buchstabe dazukommt und ich den Überblick verloren habe). Und zugegeben, da kann ich der Autorin noch nicht mal widersprechen. Es (Homosexualität) steht meistens im Zentrum und wird lustig dargestellt. Komischerweise meistens nur Mann mit Mann und die restliche Bandbreite wird meistens unter den Teppich gekehrt. Aber hier muss etwas anderes beachtet werden. Die meisten Serien kommen aus Amerika, ein Land, dass sich immer noch mit allem außer der Kombination Mann-Frau schwer tut. Da müssen andere Befindlichkeiten beachtet werden in Hinsicht der Geldgeber und Werbepartner und ausstrahlender Sender. Das man da noch in den Kinderschuhen steckt ist richtig. Man bedenke nur, wie lange es mit der Ehe für alle gedauert hat (und man hat es trotzdem noch geschafft, es vor Deutschland zu „erlauben“). Ein schönes Beispiel war aber in Star Trek Discovery zu sehen, wo das ganze Thema meiner Meinung nach ziemlich unaufgeregt behandelt wurde. Ansonsten sind die Beispiele tatsächlich rar.

    Was aber nichts an dem restlichen Text bis hierhin ändert. Man hat sich zum Finale vorgekämpft, die Erwartungen sind nicht sehr hoch, und werden auch nicht enttäuscht. Denn was ist das Fazit aus dem Ganzen? „Wir brauchen mehr!“ Mehr Formate, mehr Figuren, mehr Diverses. Wow, was für eine Erkenntnis. Komischerweise bleibt es dann immer dabei. Das ist sehr bequem und ändert…..nichts! Warum sollte ich als erfolgreicher Produzent, Regisseur, Fernsehsender oder was weiß ich was vom nachweislich erfolgreichen und lukrativen Geschäftsmodell abweichen? Eben.

    Aber hier ist mal eine verrückte Idee. Warum schliessen sich nicht alle, für die der Status Quo so unerträglich ist, über Netzwerke zusammen und stellen etwas Eigenes auf die Beine? Ich bin mir sicher, jeder hat die Gleiche Idee vom Feminismus. Oder von Toleranz. Oder von Diversität. Da wird man sich doch sicher schnell einig und der Weg zum Erfolg ist quasi sicher. Oder? Oder? Ich habe vor ein paar Monaten einen sehr interessanten Bericht über die amerikanische Basketball-Liga der Frauen (WNBA) gesehen. Kernfrage war, warum bekommen die Frauen nach 22 Jahren Ligabestand nicht den gleichen Anteil vom Gesamtkuchen wie ihre männlichen Pendants (Also soundsoviel Prozent vom Gesamtbudget als Gehälter zum Aufteilen)? Die Antwort: Die Zahlen geben das nicht her. Die Einschaltquoten sind niedrig, die Werbepartner stehen daher auch nicht gerade Schlange und selbst die Hallen sind nicht annähernd ausverkauft. Die spannendste Aussage fand ich aber, dass von den Zuschauern in der Halle die Mehrheit Männer sind. Also man redet davon, dass die Frauen mal wieder eine Männerdomäne erobert haben und Pionierarbeit leisten, und man schafft es noch nicht mal das eigene Geschlecht dafür zu begeistern. Hey, professionellen Basketball gibt es jetzt auch für Frauen. YAY! Yay!…..Yay? Och Menno, es interessiert anscheinend nicht so viele. Wenn die Frauen zum Basketball gehen, dann eher zu den Männern als zu uns…..

    Was das alles mit dem obigen Thema zu tun hat? Nun ja, Menschen sind verschieden. Nicht nur beim Geschlecht, sondern auch in Fragen der Vorlieben und Abneigungen. Wenn mich etwas stört, dann ändere ich aktiv etwas daran. Aber offensichtlich ist es einfacher zu kritisieren als selbst tätig zu werden. Denn wenn man seine eigene Zeit, seine eigene Energie und vor allem sein eigenes Geld in ein Projekt steckt, dann könnte ja man auch scheitern und das würde einen dann persönlich schädigen. Da ist es doch einfacher, man zieht ein „Problem“ an den Haaren herbei, versucht das auch noch mit ungenügenden Beispielen zu untermauern, die ein normal denkender Mensch mit ein bisschen Nachdenken auseinanderpflücken kann. Und Tadaa! Ich habe das Scheinwerferlicht. Ein paarmal kräftig draufhauen („böse, böse Film- und Serienindustrie!“) bis es in Trümmern liegt und dann einfach weiterziehen. Findet sich garantiert noch ein neues Thema zum Kritisieren und nicht selbst anpacken. Und unterwegs versichert man sich dann noch gegenseitig: „Ich mag wie du denkst. –Nein, ich mag wie Du denkst.“

    Mein Fazit: Wenn dass das Ergebnis eines Studiums der Geisteswissenschaften ist, dann wundert mich so einiges nicht mehr so sehr. Es muss uns als Gesellschaft schon wirklich gut gehen, wenn nicht der Hunger, die Kriege, die Armut und Ungerechtigkeit so viel „schlimmer zu ertragen“ sind als Figuren in Serien. Sollte man darüber reden? Sicher! Aber wenn, dann bitte mit einer soliden Faktenlage und nicht mit gefühlten Wirklichkeiten. Und wenn es dann wirklich so unerträglich ist, dann aktiv etwas dagegen tun. Etwas Cineastisches studieren, Mitstreiter finden, Gelder sammeln und dann eben einen entsprechenden Film oder eine Serie auf die Beine stellen und anbieten. Die Menschheit da draußen entscheidet dann, ob das der neue, heiße „Sch**ß“ ist, oder ob man diese Meinung doch nur relativ exklusiv hat. Ansonsten ist das alles hier nur eine „Geistes“-Übung, ohne dass dabei etwas Konkretes zur Änderung beigetragen wird.

    Und sollte ich diese Meinung hier exklusiv haben, dann ist es auch gut. Aber es ist halt meine Meinung zu diesem Artikel. Und da sich anscheinend solche und ähnliche Artikel hier häufen, wollte ich auch mal meinen Senf dazu geben. Ein fröhliches 2019.

    • Erst einmal danke für deine vielen Worte. Ich bin durchaus der Meinung, dass man einen Text wie diesen gerne (konstruktiv) kritisieren darf – und unsere Rubrik des Kommentars ist ja auch dafür gedacht, weiter zu diskutieren. Dennoch finde ich, sollte so etwas nicht auf persönliche Ebene abdriften, aber da ist ja jeder anders in seiner Argumentation.

      Was die von mir gewählten Beispiele angeht, so waren der Film und die Printanzeige die Auslöser, diesen Text zu schreiben, daher habe ich sie dem Anlass geschuldet als Aufhänger des Textes gewählt, gibt es aber doch zahlreiche andere Beispiele, die ähnliche Probleme mangelnder Diversität in Filmen und Serien verdeutlichen.

      Das Argument, dass Filme für Kinder einfach gehalten werden müssen, damit sie sie verstehen und dass daher auf simple Bilder und Darstellungen zurückgegriffen wird, die vor Klischees nur so strotzen, ist genau das Problem, das ich thematisiere. Wenn Kinder schon nur solche Bilder geliefert bekommen, wie kann sich ihnen dann eine neue/andere Welt eröffnen, als die zurzeit leider noch sehr beschränkte der Mainstream-TV- und Filmwelt?

      Dass „Harry Potter“, „Herr der Ringe“ und Co durch den Bechdel-Test rasseln und dennoch einige starke Frauen zeigen, ändert ja nichts an der Tatsache, dass sie die einfachsten Kriterien des Tests nicht erfüllen. Wie schon erwähnt, mag ich diese Filme teilweise auch und habe Spaß an der Rezeption und natürlich tragen diese Frauenrollen und -figuren positiv dazu bei. Nichtsdestotrotz bewegen wir uns hier in einem sehr eingeschränkten Feld der Darstellung. Ob man das gut findet … oder eben nicht.

      Ich finde es schwierig zu sagen, dass man (ich) über ein Thema nicht schreiben, sondern nur eine Meinung haben und veröffentlichen darf, wenn man selbst an dem Problem auch aktiv etwas ändert. Aber Moment, ist nicht einen Text über dieses kritische Thema schreiben schon mal ein erster Schritt in die richtige Richtung, das Bewusstsein für das Thema zu schaffen, zu diskutieren, Schwachstellen offen zu legen? Und wie man sieht, damit auch einige abzuholen, die gleiche Gedanken haben? Ich darf solche Gedanken in einem Format, das dafür da ist, Themen, die einen beschäftigen, zu beschreiben, besprechen, zur Diskussion zu stellen, entweder nicht äußern oder aber nur, wenn ich selbst einen Film oder eine Serie drehe, der/die es anders macht? Interessante Meinung. Abgesehen davon, dass natürlich offensichtlich jeder weiß, was ich sonst so in meiner Freizeit oder meinem Beruf mache und du daher ausschließen kannst, dass ich mich nicht auch anders aktiv dafür einsetze.

      Ich stimme dir durchaus zu, dass natürlich Hunger, Krieg und Armut und Ungerechtigkeiten abseits derer, die ich hier thematisiere, schlimm sind und in Serien und Filmen sehen wir auch definitiv zu wenig davon. Doch ich habe ja auch das Thema „Diversität“ gewählt. Und auf einem Serienblog veröffentlicht. Wie gesagt, ich finde es schön, dass du deine Meinung hier äußerst, dazu wollte ich mit dem Text bewegen. Denn jeder von uns lebt in einer anderen Blase, in der man andere Dinge als störend oder überflüssig wahrnimmt. Von daher ist es gut, wenn man sich austauscht. Meine Meinung zu dem Thema ist eben eine andere als deine. Ändert aber auch nichts daran, dass ich dir ein fröhliches 2019 wünsche.



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