Long way to go

Serien mangelt es noch immer an Diversität

Spoilerfrei
Kira
29.08.18

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Das Thema ist wahrlich kein Neues: (TV-)Serien mangelt es auch heute noch immer an Diversität. In letzter Zeit ist es (für mich persönlich) irgendwie wieder schlimmer zu ertragen als sonst. Längst veraltete Frauen-, die immer gleichen Familienbilder, Heteronormativität wo man hinschaut.

Anlass zu diesen Gedanken war ein Film, den ich vor ein paar Tagen im Open Air Kino in Hamburg gesehen habe: An einem lauen Sommerabend flimmerte „Isle of Dogs“ über die große Leinwand, es ging ca. 105 Minuten lang eigentlich nur um Hunde. Großartig. Hunde in Japan, die aufgrund des Mannes an der Macht und einer „Hundegrippe“ auf eine Müllinsel verbannt werden. Doch das war eben noch nicht alles. Die verschiedenen Hundecharaktere wurden anthropomorphisiert, ihnen wurden menschliche Rollen zugeschrieben, damit der Zuschauer auch versteht, worum es geht, denk ich. Wie sollten wir Hunde sonst nur verstehen?

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Da hätten wir also fünf bzw. sechs Hunde, auf die hier die meiste On-Screen-Zeit abfällt: alles Männchen. Sie sind Streuner, Abenteurer, schlagen sich so durch, beschützen den Jungen, der eigenständig auf der Suche nach seinem verlorenen Hund ist, bei Gefahr. Und dann gibt es genau zwei Weibchen, die nur auftauchen, um ein bisschen Love mit in die Story zu bringen: einen hübsch gekämmten, samtig glänzenden Showhund, der fleißig Kunststückchen aufführt; und die Hündin, die Welpen bekommt. Sich um das Aussehen kümmern, gehorchen und Nachwuchs austragen also. Klasse. Warum genau muss selbst ein Film über Hunde, über den treuen und ganz eigenen Charakter von Hunden, das klischeehafteste Frauenbild nutzen, um seine Geschichte zu erzählen?

Aber im Film spielt doch auch diese mutige amerikanische Austauschschülerin mit! Ja, tatsächlich ein Mädchen. Und die schafft es doch wirklich, die unmündigen Japaner vor der großen Katastrophe zu bewahren. Weil … die sich nicht alleine helfen können, weil … die Wissenschaftlerin mit Ahnung vom Gegenmittel zur Hundegrippe zu sehr um ihren verstorbenen Liebhaber trauert? Hui.

Das klingt jetzt alles ganz furchtbar. Ist es auch, wenn man so drüber nachdenkt. Der Film hat mir grundsätzlich gefallen, mich unterhalten, meine Hundeliebe aufleben lassen – und mich dann trotzdem grübelnd zurückgelassen.

Gut, das war jetzt ein Film. Weiteres Beispiel aus der Serienwelt: Beim Durchblättern eines Einrichtungsmagazins ist mir die Werbung zum neuen deutschen RTL Serial Drama „Freundinnen – Jetzt erst recht“ ins Auge gefallen. Nein, das ist nicht etwa eine Daily Soap, auch wenn die Episoden täglich am Nachmittag ausgestrahlt und keine schweren Themen behandelt werden und darauf konzipiert sind, zu jedem Zeitpunkt leicht in die Handlung einsteigen zu können. Wer denkt da schon an Daily Soap? Und vor allem: Wer wünscht sich solch eine Serie nicht schon immer? Ohne auch nur irgendetwas über diese einseitige A5-Printwerbung hinaus über die Serie zu wissen, wusste ich sofort: Niemals werde ich da reinschauen.

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Eine Frau „in den besten Jahren“, die sich erst jetzt selbst entdeckt. Eine Frau, die sich verlieben möchte. Eine Frau, die einen jungen Lover will. Eine Frau, die geheiratet werden will. Natürlich darf auch das rosane Blüschen nicht fehlen, ach ja, und der Kaffee. Frauen mögen Kaffee. Ach nee, Moment, lieber einen Latte Macchiato. Echte Power-Frauen halt, wenn man nach der Beschreibung von RTL geht. Und „Männer werden natürlich ein großes Thema sein“. Ich will der Serie die Daseinsberechtigung nicht absprechen, dafür sollte man vermutlich erstmal reingeschaut haben, aber wie stereotyp geht es denn bitte? Wo man vier weibliche Charaktere zeichnen kann, schafft man das? Hui. Mit einer Werbeanzeige alles versaut.

Gut, Daily Soap (what?) mag mancher nun sagen, da ist sowieso alles anders (why?). Aber was ist mit unserem heiß geliebten Qualitätsfernsehen? Da gibt’s sicher Diversität! Stimmt. Seit das lineare Fernsehen immer mehr durch Streamingdienste abgelöst wird und uns das (Über)Angebot an Serien jeden Tag die Wahl ganz alleine treffen lässt, wonach uns ist, ist das Serienangebot diverser geworden. Aber wie divers ist unser mediales Angebot wirklich?

Der Bechdel-Test

Habt ihr schon mal vom Bechdel-Test gehört? Wer ein Studium der Geisteswissenschaften durchlaufen hat, ist vermutlich (zum Glück!) nicht drum herum gekommen. Der Bechdel-Test, populär geworden durch einen Comic von Alison Bechdel, unterzieht Filme einer kleinen, simplen Analyse, die Sexismus offen legen soll, indem man drei Fragen an den Film richtet:

1. Tauchen im Film mindestens zwei Frauen (mit Namen) auf,
2. die ein Gespräch miteinander führen,
3. in dem es um etwas anderes geht als um einen Mann?

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© Alison Bechdel: Dykes to Watch Out For

Was oft falsch verstanden oder falsch geschlussfolgert wird: Werden alle drei Fragen mit „ja“ beantwortet, heißt das noch längst nicht, dass die Darstellung der Frau in dem Film eine gute, richtige, reale ist. Es heißt auch nicht, dass der Film qualitativ hochwertig oder künstlerisch gehaltvoll ist. Doch es ist eine einfache Art zu überprüfen, ob das Mindestmaß an Grundlage gegeben ist, dass Frauen überhaupt repräsentiert werden – und das eben nicht nur als Beiwerk in einer Mann-zentrierten Welt. Und ja, Filme wie „Herr der Ringe“, „The Grand Budapest Hotel“, „Avatar“ und „Harry Potter“ sowie häufig ein überwiegender Anteil der Oscar-nominierten Filme rasseln durch diese Analyse leider komplett durch.

Nun kann man diesen Bechdel-Test natürlich auch wunderbar auf Serien übertragen, auch wenn es für diese meist allein aufgrund ihres Umfangs durchaus einfacher ist, den Test in dieser Form zu bestehen. Ist aber hier mitunter nicht weniger schmerzhaft zu erkennen, dass es trotzdem Serien gibt, die es nicht schaffen. Die erste Staffel „True Detective“, „The X-Files“ und „The Sopranos“ fallen auch hier durch. Sind aber trotzdem gute Serien? Durchaus. Dennoch tragen sie dazu bei, dass Frauen in der alltäglichen Unterhaltung sowohl auf quantitativer als auch auf qualitativer Ebene unterrepräsentiert werden. Und das wirkt sich unmittelbar auch auf unsere Realität aus. Nicht ohne Grund bewegen wir uns mit Mini-Schritten voran, wenn es um Themen wie Gleichberechtigung, nicht nur zwischen Mann und Frau geht.

Erst der Anfang

Ich will mich aber gar nicht zu sehr an der Darstellung der Frauen in Serien aufhängen, denn weibliche Perspektiven und weibliche Geschichten sind ja nicht das einzige, an das es dem Serienmarkt mangelt. Betrachten wir die gesamte LGBTIQ-Community: In welcher TV-Show, in der es nicht ganz explizit um das „Anderssein“ geht, sehen wir etwas anderes als Heteronormativität, sehen wir andere anatomische und kulturelle Geschlechter als es die ausschließlich als binär betrachtete Geschlechterteilung in männlicher Mann und weibliche Frau zulässt? Ich habe das Gefühl, dass sich kaum jemand nur traut, diverse Geschlechterrollen und -identitäten abzubilden oder aber diese Serien erreichen die Zuschauer eben gar nicht erst auf „gängigem“ Wege. Warum gibt es in Kinos extra „Queer Cinema“-Reihen? Weil sonst das Programm noch einseitiger wäre. Und der Anspruch ist ja gar nicht ausschließlich, dass andere Geschlechter und Sexualitäten immer und in jedem Fall groß thematisiert werden müssen, sondern sollte ja vielmehr auch sein, einfach mal als gegeben angesehen und entsprechend dargestellt zu werden und sich damit im Weltbild deutlicher der Realität anzunähern. Denn ich bin mir sicher, dass es nicht daran liegt, dass keine Nachfrage besteht. Und wie kann man Menschen, die in ihrem Alltag vielleicht gar keine Berührungspunkte mit LGBTIQ-Personen haben, andere als binäre Geschlechterrollen näherbringen, sie besser aufklären und zu einer natürlichen Akzeptanz bewegen, wenn nicht durch Unterhaltung?

MrBean Serien mangelt es noch immer an Diversität

Und was ist mit der Abbildung verschiedener kultureller Identitäten, unterschiedlicher (eben nicht nur weißer) Hautfarbe und sozialer Konstrukte? Seitdem ich in einer Show eines deutschen Comedians ein Interview zwischen Host und etwa fünf-jährigem Mädchen gesehen habe, in der er sie fragt: „Kann der ein Superheld sein?“ und ihr dabei ein Foto eines schwarzen Mannes zeigt, und sie die Verneinung mit „weil der schwarz ist“ begründet, muss ich immer wieder darüber nachdenken, wie es sein kann, dass dieses Bild selbst in so jungen Köpfen verankert ist, die erst wenige Jahre in dieser Gesellschaft leben.

Wir brauchen mehr!

Wir brauchen keine Shirley Holmes, keinen auf Bond Boys stehenden 007, keinen Patchwork-Family-Hulk. Wir brauchen neue Figuren, wir brauchen moderne Formate, wir brauchen diverse Fiktion für eine offene Realität, die gezeigt, gesehen, akzeptiert und gelebt wird. Und auch Serien können ihren Teil dazu beitragen. Wir haben dahingehend stets einen langen Weg vor uns.

Das Thema mangelnder Diversität in Film und Fernsehen ist wahrlich kein Neues. Aber das heißt nicht, dass wir aufhören sollten, diese offenzulegen, darüber nachzudenken, zu diskutieren und eine Veränderung anzutreiben.

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Wie ist eure Meinung dazu? Wie empfindet ihr den Markt, das serielle Angebot – und die Stimmung? Habt ihr vielleicht sogar eine Handvoll positiver Beispiele, welche Serien ganz besonders divers sind? Oder so richtig stereotype Dornen im Auge, die eine Grundüberholung benötigen? Schreibt es uns in den Kommentaren.

10 Kommentare

  • yes, yes, yes! aber sowas von!

    liebe kira, ich stimme dir komplett zu und musste bei dem artikel sehr schmunzeln, weil ich gerade fast das gleiche fuer den gender-blog von der zeitschrift fuer medienwissenschaften geschrieben haben. naja, doppelt hält besser…

    in vielen filmen und serien die fuer kinder und jugendliche sind, wird ja auch andersheit als etwas positives propagiert. es geht fast immer darum zu sich zu stehen und so zu bleiben wie man ist, auch wenn man etwas aneckt. hierbei sollten filme und serien ihrem eigenen credo folgen und konsequent sein. anderssein sollte nicht nur innerhalb der heterosexuellen matrix möglich sein. wir leben in einer welt, wo menschen nicht nur innerhalb der verhaltensmuster ihres geschlechts agieren. filme sind nie reine zufallsprodukte. die skripte gehen durch viele haende, die den inhalt reflektieren (sollten). es gibt keinen grund mehr fuer sinnlose liebesstories, stereotypisierungen und heteronormativitaet. filme und serien sollten auch ein spiegel der gesellschaft sein. bitte kommt endlich mal im 21.jahrhundert an!

    love,
    katrin

    • Sobald du deinen Beitrag veröffentlicht hast, poste den Link hier gern mal in die Kommentare :)

  • Auch mir fällt fehlende Diversität in Serien mit zunehmendem Alter (und einer Tochter) immer mehr auf. Dabei geht es nicht darum, dass jede Serie bitteschön mindestens einen queeren 80-jährigen Asiaten beinhalten muss, sondern beispielsweise einfach mal Frauen über 40:
    http://www.taz.de/!5297731/

    Großartig fand ich in der Hinsicht „Orange ist the new black“, die Frauen dort sind so divers (oder anders gesagt realistisch!) wie es nur irgendwie geht. „Orphan Black“ fand ich toll, weil dort eine Schauspielerin zig Rollen verkörpert hat und „Outlander“ weil dort mal eine Frau erkennbar über 30 die Hauptrolle spielt und sogar Sex hat.

    • Da stimme ich dir vollkommen zu, Frauen über 30 sind wirklich selten gesehen in Film und Fernsehen. „Orange is the New Black“ ist ein super Beispiel für Diversität in Serien und vor allem für ein realistischeres Frauenbild als es so manche filmische Werke schaffen. „Outlander“ mag ich ja auch gern, aber sollte Claire da nicht irgendwann plötzlich über 50 sein, was man nur an ein paar grauen Strähnen in den Haaren gesehen hat? Dafür sah Caitriona Balfe dann doch noch sehr jung aus, fand ich. Ist aber bei einer Serie über Zeitreisen anders natürlich auch schwierig zu lösen. Ansonsten finde ich sie für diese Rolle super besetzt.

  • Toller Artikel.

    Ich finde „How To Get Away With Murder“ da eigentlich ganz gut, zumindest Viola Davis’s Rolle Annaliese Keating.

    • Danke dir :)

      HTGAWM ist auch ein gutes Beispiel und Viola Davis ist einfach eine tolle Schauspielerin – nicht nur in der Serie. In den Filmen, in denen sie mitspielt, verkörpert sie meistens eben genau nicht diese 0-8-15 Frauenrollen, weshalb es oft sehr inspirierend ist, ihr zuzusehen.

  • Einigermaßen passend dazu hier ein Beitrag mit lauter Klischee-Fehler, die männliche Autoren bei der Darstellung von Frauen in Film und Fernsehen begehen: https://www.boredpanda.com/dear-men-writers-women-tumblr-post/

    • Sehr interessant! Einerseits sehr amüsant zu lesen, da vollkommen wahr und gleichzeitig auch sehr traurig zu lesen, welches Bild über diese immer gleichen Klischee-Fehler aufgebaut wird und sich in den Köpfen der Zuschauer wohl oder übel festsetzt.

  • Hach, Kira. Dickes Herz an Dich.

    Wieder ein Thema, das schon lange auf meiner Liste stand, ich aber nie die richtigen Worte gefunden habe. Und Du schreibst es einfach mal auf, packst noch den fantastischen Bechdel-Test rein und veröffentlichst es. Super!

    Es ist wichtig und gut immer wieder darüber zu reden, bis es sich eben ändert. Denn gerade die Großen wie Star Wars und Herr der Ringe sind keine guten Vorbilder was das angeht.
    Aber natürlich ist Sense8 ein Vorreiter was Diversität angeht. Denn sie geht liebevoll mit diesem Thema um. Und Orange Is The New Black ist auch eine wirklich starke Frauen-Serie voller Vielfalt. Da muss ich Uli zustimmen.

    Wie man aber auch weiß, liebe ich ja The Fall, weil Gillian Anderson dort einfach als Vorgesetzte brilliert. Und mit vielen anderen Frauen über andere Sachen als Männer spricht. Und natürlich auch Transparent – es ist zwar nicht mehr meine Serie, weil es mir doch zu eigenartig wurde – aber auch hier wird wunderbar mit dem Thema Transsexualität umgegangen.

    Und das gehört dazu. Frauen reden miteinander und über alles andere als Männer. Und Vielfalt macht alles besser :) Also mehr davon in Serien. Und noch mehr davon in Filmen!
    Toller Artikel! Vielen Dank.

    • Sehr gerne und danke dir :)

      Und da fällt mir ein: Ich hab „The Fall“ noch immer nicht zu Ende gesehen!



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