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Über eine Figur, die das Fernsehen nicht länger tragen kann

Kolumne: Der Narco ist kein Held mehr

1. Februar 2026, 12:38 Uhr
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Der Narco war nie eine reale Figur. Er war eine Erzählhilfe. Ein Mythos, geboren aus Distanz und Bequemlichkeit, geformt für ein Publikum, das Gewalt verstehen wollte, ohne sie auszuhalten. In der Logik des Serienfernsehens war er lange eine ordnende Instanz: jemand, der das Chaos kannte, kontrollierte und nutzte. Macht hatte ein Gesicht, Gewalt eine Struktur, Moral einen Antagonisten.

Diese Figur funktionierte, weil sie Komplexität reduzierte. Der Narco versprach Übersicht. Er war derjenige, der das System durchschaut hatte, während Staat und Gesellschaft versagten. Serien erzählten diese Figur nicht, um Gewalt zu legitimieren, sondern um sie erzählbar zu machen. Der Preis dafür war eine stille Ästhetisierung. Gewalt wurde kalkuliert, Macht wurde stilisiert, Kontrolle wurde behauptet.

Doch dieser Mythos beginnt zu zerfallen. Nicht aus moralischer Einsicht, sondern aus Nähe. Wie im begleitenden Blogbeitrag „Drehorte Mexiko“ beschrieben, haben sich viele moderne Crime-Serien bewusst für reale Orte entschieden. Straßen, Städte, Dörfer und Landschaften bleiben erkennbar. Sie lassen sich nicht glätten. Sie tragen Geschichte. Mit dieser Nähe verliert der Narco seine Projektionsfläche.

Serien wie Narcos: Mexico oder El Chapo zeigen diesen Übergang. Der Narco ist hier nicht mehr Architekt, sondern Funktion. Macht wirkt fragmentiert, Loyalität prekär, Kontrolle temporär. Der Mythos wird nicht frontal zerstört, sondern durch Realismus ausgehöhlt. Je echter der Ort, desto kleiner die Figur.

Am deutlichsten wird dieser Bruch dort, wo Serien sich vom Täter lösen. „Somos.“ verweigert dem Narco jede zentrale Rolle. Gedreht überwiegend am realen Schauplatz der Ereignisse, verschiebt sich der Blick radikal. Die Figur, die früher Ordnung versprach, ist plötzlich irrelevant. Übrig bleiben Menschen, Räume, Stille. Gewalt erscheint nicht mehr als Handlung, sondern als Zustand.

Auch global gedachte Produktionen wie „ZeroZeroZero“ entziehen dem Narco seine Aura. Hier wird er nicht entlarvt, sondern entpersonalisiert. Kartelle sind Logistik, Gewalt ist Prozess, Moral ein Störfaktor. Mexiko ist dabei kein exotischer Hintergrund, sondern Teil eines Systems, das überall gleich funktioniert. Der Narco verliert seine Besonderheit – und damit seine Erzählkraft.

Dass dieser Mythos dennoch weiterlebt, zeigt „La Reina del Sur“. Die Serie greift bewusst auf ältere Narrative zurück: Aufstieg, Stärke, Selbstermächtigung. Auch hier spielen reale Orte in Mexiko eine Rolle, doch sie dienen stärker der Kulisse als der Korrektur. Der Narco kehrt zurück als Figur, nicht als Symptom. Das ist legitim als Drama – aber auffällig in einer Zeit, in der der Mythos anderswo bereits bröckelt.

Vielleicht erleben wir weniger einen moralischen Fortschritt als eine ästhetische Ermüdung. Der Narco ist auserzählt. Er erklärt keine Strukturen mehr, er bietet keine neuen Perspektiven. Je näher Serien an reale Orte rücken, desto weniger trägt die Figur. Genau deshalb sind Drehorte kein Produktionsdetail, sondern Teil der Aussage. Orte widersprechen Mythen.

Der Narco taugt nicht mehr als Held, nicht mehr als Antiheld, kaum noch als Mittelpunkt. Er bleibt als Randfigur in Geschichten über Macht, Systemversagen und Gleichgültigkeit. Seine Entzauberung ist kein Verlust an Spannung, sondern ein Gewinn an Ehrlichkeit.

Und vielleicht ist das die eigentliche Entwicklung des Genres:
Nicht mehr zu fragen, wer die Gewalt ausübt – sondern wo und warum sie möglich wird.

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Sonntag, 1. Februar 2026, 12:38 Uhr
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