Plagen der Seriengeschichte #18

Hassiker der Woche: Sex and the City

Spoilerfrei
Susanne
17.12.17

Sex and the Hühnerstall

Ich bin nicht nett. Ich bin zumindest nicht nur die nette Serienmutti. Und damit den Worten auch Taten folgen, schreibe ich meinen eigenen Hassiker. Ich hatte einige Serien auf dem Kieker. Doch weil ich zur Zielgruppe gehöre, nehme ich die Damen von Sex and the City auseinander. Juhu!

Dynamisch, selbstbewusst und unabhängig. Das sind die vier New Yorkerinnen Carrie, Samantha, Miranda und Charlotte. Sie rocken die Männerwelt, das High Society Nachtleben der Großstadt und ihre Karriere. Ganz nebenbei sind sie noch unheimlich attraktiv und bestimmt nicht älter als gerademal 28 oder 29, bestimmt aber keine 30. Das ist die beinah neutrale Beschreibung von Sex and the City. Von Fans auch liebevoll SATC genannt, denn natürlich muss man diese sehr langen Worte unbedingt abkürzen.

Eines muss man der Serie lassen, sie polarisiert ungemein. Damals! Es gab kaum jemanden der sagte: “Och jo, einige Szenen finde ich ganz nett!” Nein, es hieß: “oberflächlicher Scheiß” oder “grandioses Frauenbild”. Heute reiht man sich eher aus nostalgischen Gründen zu den Lovern oder Hatern ein.

Aber das Frauenbild ist genau mein Problem bei diesem Hassiker. Denn ich habe mir schon einige Notizen gemacht und merke, wenn ich die so niederschreibe, bekomme ich die Auszeichnung als Emanze des Monats. Und damit meine ich nicht die kraftvollen Frauen, die für Gleichberechtigung einstehen, sondern die, die einen Mann, der ihnen die Tür aufhält, mit ihrem Blick zu einem kleinen Häufchen Asche verbrennen, diese dann auf unheiligem Boden verteilen und darauf tanzen. Zurück zum Thema. An dieser Stelle kann ich aber auch aufatmen, denn ich merke: ich gehöre gar nicht zur Zielgruppe. Ich bin zwar eine Frau, aber zu europäisch. Es ist eine Serie, die die Spießigkeit und Doppelmoral der Amerikaner entlarvt, indem sie sexuelle Freiheit propagiert. Der sexuelle Befreiungsschlag. Und das im Jahre 1998. Da war ich schon … ziemlich alt. Alt genug es albern zu finden. Zumal hier Offenheit mit Hemmungslosigkeit verwechselt wird. Sie haben uns mit Problemen konfrontiert, die wir HIER gar nicht haben. Oder hat jemand von euch ein Problem damit, beim Loveinterest auf das Klo zu gehen, nur weil er/sie hören könnte, dass ihr pinkelt oder ein großes Geschäft macht? Was soll er/sie schon denken, was da gemacht wird? Tatsächlich Nase pudern? Im Zweifelsfall wird er merken, dass man nicht zur Aliengattung der Reptiloiden gehört und zwischendurch einfach mal was raus muss.

Lieber Single?

Je mehr ich mich für diesen Artikel mit der Serie beschäftigt habe, desto mehr stört mich das Frauenbild, welches es vermittelt. Folgende Situation: Kurt-Jürgen, jugendliche Mitte Vierzig, schicker Vokuhila, handfester Bandarbeiter, findet, dass er schon viel zu lange Single ist und er möchte diesen Zustand gerne ändern. Er will die Frauenwelt besser verstehen. Nach gründlicher Recherche zieht er los und leiht sich die beliebtesten Frauenserien aus. Nachdem er die Gilmore Girls und Greys Anatomy überlebt hat, kämpft er sich tapfer durch alle Staffeln von SATC. Die Filme nicht, denn er ist eher serienaffin, so wie wir. Eine Woche später (ja, er war sehr motiviert), geht er in seine Lieblingseckkneipe und gesteht seinen Freunden dort, über einer Hopfenkaltschale, mit Tränen in den Augen, dass er der Frauenwelt abgeschworen hat. Und das geht nicht nur Kurt-Jürgen so, sondern auch Benjamin-Marcel, dem Staatsanwalt und Darwin-Hendrick, dem Szenecafé-Besitzer. Ich benutze zu viele Klischees und Stereotypen? Keine Sorge, ich habe mich nur der Serie angepasst.

Sind wirklich alle Frauen total plemplem, oberflächlich, reden dauernd über Schuhe und wollen nur solange Karriere machen bis Mr. Right oder in dem Fall Mr. Big sie aus dem Elend wegheiratet? Und wie schafft man es, den potentiellen Ehegatten zu finden? Man knattert alles, was nicht schnell genug auf die Bäume kommt. Ach so…

Pornös

Diese Serie hat Preise in rauen Mengen gewonnen! Vom Golden Globe, über Primetime Emmy und viele viele mehr. In sechs Staffeln und 94 Episoden haben sie das Leben dieser vier neurotischen Dumpfbacken in die unsinnigsten Situationen mit den unsinnigsten Lösungen befördert. Mein Lieblingsbeispiel: Charlotte York (Kristin Davis) ist derart zuckersüß und vor allem prüde, dass sie, als sie endlich jemanden zum heiraten gefunden hat, ihre Ehe riskiert und den Sinn des Lebens komplett in Frage stellt, weil sie ihren Göttergatten beim (Pause für die Spannung) Masturbieren erwischt. Entweder ist sie wirklich von einem anderen Stern oder es ist ein echt amerikanisches Problem. Gut, da müssen wir nicht weiter ins Detail gehen. Sie erwischt ihn also inflagranti mit einem Pornomagazin. Und nachdem das ihr ganzes Leben völlig aus der Bahn wirft, kommt sie zu einer derart perfiden Lösung, die an Scheußlichkeit nicht zu überbieten ist: Sie klebt auf alle Nackedeiköpfe ein Foto von ihrem eigenen. Wie viel Zeit muss sie da investiert haben. Wäre ich ihr Ehemann Trey (der großartige Kyle MacLachlan) gewesen, mir würde der Piephahn auf Erbsengröße schrumpfen. Aber was soll’s, letztendlich heiratet sie ja eh ihren Scheidungsanwalt.

Echtes Leben

Das Setting ist in New York. Schick! Aber wie feige oder faul war es, das einschneidende Ereignis 9/11 zu ignorieren. Es fand direkt vor ihrer Haustür statt und wurde einfach ausgeblendet. Die Twin Tower wurden sogar aus dem Vorspann geschnitten und gegen das Empire State Building ausgetauscht. Selbst eine Serie die nur Wohlfühl-TV ist, hätte das nicht unter den Teppich kehren dürfen. Stumpf wurde die Ausstrahlung einfach fortgesetzt. Taktlos oder doof! Sollte das den Menschen zeigen, dass man trotzdem weiter durch die Gegend fickeln kann und dass so etwas nicht das Ende der Konsumgesellschaft bedeutet? Welcome to Lalaland.

Das Setting führt aber auch noch eine andere Situation ad absurdum. Carrie ist Kolumnistin. Hat jemand eine Ahnung, was die so verdienen? In großen Redaktionen? Spielt keine Rolle, denn für ein schickes Apartment im Herzen von New York wird es nicht reichen. Von dem Faktor Restaurant-/Clubbesuchen und Designerklamotten ganz zu schweigen.

Fashionvictims

Ah, Kleidung! Noch so ein Punkt. Laufen New Yorkerinnen tatsächlich so rum? In den vielen namenhaften Filmen der 80er habe ich noch gelernt, dass man als energische Karrierefrau unbedingt Turnschuhe in der Handtasche haben muss, um dann joggend die überfüllten Straßen schnell bewältigen zu können, damit man im Gegensatz zu allen anderen pünktlich im Meeting ist. Doch die vier Wunderweiber vom Dienst stelzen in Hackenschuhen durch die Innenstadt, in denen selbst eine Dana Scully nicht hätte rennen können. Und die konnte in allen Schuhen rennen! Nur Jane Rizzoli kann da konkurieren.

Und die Kleidungsstücke. Namenhafte Designer am laufenden Band. Angeblich hat es nicht ein Outfit doppelt in die Serie geschafft. Außer einem. Außgerechnet ein Pelzmantel. Peta freut’s.

Die restlichen drei Damen vom Grill

Insgesamt betrachtet wird ja nicht nur das Frauenbild verschandudelt. Auch die Meinung, die Europäer von Amerikanern haben, wird geformt. Dass solche Serien das echte Leben nur verzerrt oder überspitzt darstellen, ist selbstverständlich klar. Das Nutzen von Stereotypen ist Gang und Gäbe. Aber diese Schnatterliesen sind nicht einmal das. Sie sind einfach nur Abziehbildchen. Klischees über Klischees. Selbst ihre, eventuell unbeabsichtigten, Versuche unkonventionell zu sein, ist klischeehaft. Beispiel: Samantha Jones (ich mochte Kim Catrall in Star Trek) spielt die maskuline Rolle in der Serie. Sie ist tough im Job, vögelt sich durch alles, was New York zu bieten hat und setzt den One-Night-Stand direkt nach Vollzug wieder vor die Tür. Wäre die Rolle tatsächlich mit einem männlichen Schauspieler besetzt, hätte sich jeder über das klischeehafte Schubladendenken beschwert. Aber zu behaupten, dass es bahnbrechend innovativ gewesen ist, da eine Frau endlich mal zeigt, dass sie auch “typische” Männereigenschaften übernehmen kann, ist armselig und billig. Der Charakter erscheint blass und ist voll ungenutztem Potential. Vielleicht wäre ein geschickteres Zusammenspiel von männlichen und weiblichen Eigenschaften interessanter gewesen. Und damit meine ich nicht so etwas, wie Samanthas Entscheidung letztendlich doch monogam zu leben, weil sie mit “the one” am glücklichsten ist. Denn damit hat sie sich nicht etwa entwickelt, sondern das Gerüst ihres Charakters in Schieflage gebracht.

Was ist mit der wirklich hartnäckigen und robusten Miranda Hobbes (Cynthia Nixon)? So richtig viel fällt mir im ersten Moment nicht ein. Sie ist erst sehr sarkastisch, karriereorientiert und erfolgreich und auf einmal ist sie Mutter. Fürsorglich, empathisch und hingebungsvoll. Punkt. Ja, das war’s. Weil man als Mama keine weiteren Hobbies, Ziele und Träume hat? Es ist schön, dass sie am Ende dort angekommen ist, wo sie ursprünglich gar nicht erst hinwollte. Die Schauspielerin selbst hat Worte der Kritik an der Erfolgsserie gefunden: “Was denken diese Frauen, was wahre Liebe ist? Ein Mann, der genug Geld hat, um Dir einen begehbaren Kleiderschrank zu kaufen?” (Gala)

Last, but not least kommen wir zur zentralen Figur des Trauerspiels: Carrie Bradshaw. Ich mag Sarah Jessica Parker nicht. Aber das ist mein persönlicher Geschmack. Ich finde es toll, dass diese versierte Schauspielerin nicht nur Schubladenrollen übernimmt. Man siehe Hocus Pocus oder Mars Attacks. Sie steht zu ihrem Charaktergesicht und das ist in Ordnung. Kleopatra war ja auch trotz großer Nase ziemlich erfolgreich. Das ändert nichts daran, dass ich die Augen verdrehe, wenn sie über den Bildschirm neurotisiert. Und der dargestellte Charakter macht es nicht besser. Carrie ist nicht in der Lage ihr carriezentriertes Verhalten zu reflektieren und ihre Freunde müssen sie ständig darauf hinweisen. Genau wie ihr hinterherhecheln nach Anerkennung oder Bestätigung. Respekt, dass ihre Freundinnen noch nicht schreiend weggelaufen sind. Dass sie in Zeiten eventueller Armut eher eine Vogue kaufen würde, als ein Mittagessen, finde ich tatsächlich ausnahmsweise konsequent. Absolutes No-Go: sie ist Raucherin.

Schönes Beiwerk

Es ist erstaunlich, wieviele hochkarätige Stars sich zu einem Gastauftritt haben hinreissen lassen. David Duchovny, Alanis Morissette, John Bon Jovi und und und. Ob sie das im Lebenslauf verschweigen?

Die Liste der vielen, vielen, vielen, vielen… vielen, vielen männlichen Darsteller durchzugehen, ist mir zu mühselig und der Artikel würde unnötig aufgebläht, denn keiner der Herren hat einen ernsthaft bleibenden Eindruck hinterlassen. Und den Hype um Mr. Big (was übrigens keine Anspielung auf sein Gemächt ist) verstehe ich sowieso nicht. Chris Noth spielt gekonnt den Egomanen, der sich daran erfreut, dass Carrie ihm schön brav hinterherheult.

Das Wort “Quotenschwuler” ist hässlich, aber hier fällt mir kein anderes ein. Nicht nur, dass Carrie natürlich einen schwulen besten Freund hat, denn jede Frau sollte einen haben, aber er bedient auch schon wieder jegliche Klischees. Er kennt sich hervorragend mit Mode aus, legt viel Wert auf sein Äußeres, ist ein bisschen zickig und hochnäsig.

Kann nicht einfach mal eine dieser Figuren aus dem Klischeerahmen fallen? Irgendetwas besonderes hat doch jeder an sich, nur diese von kreativen Köpfen ausgedachten Gestalten leider nicht.

Und die ist an allem schuld

Um das Thema für mich rund zu machen, habe ich ein paar Rezensionen zu dem semibiographischen Buch von Candace Bushnell gelesen, auf denen die TV-Serie basiert. Und ich war erschrocken, als ich gelesen habe, dass die Serie wohl das einzig gute an dem Buch, bzw. der Buchreihe ist. Carrie ist keine Hauptfigur und die restlichen Damen wirken eher verbittert. Aber reich wurde die Autorin trotzdem, denn alle Welt kauft sich das Buch wegen der Serie und ist dann enttäuscht. Aber das Geld haben sie ihr schon in den Rachen geworfen. Dafür hat die gute Frau die Filmrechte für eine gerademal fünfstellige Summe verhökert. Tja…

Ad Acta

Des Öfteren habe ich mich mit Notizbuch und einem Handy, das sich für smart hält, außerhalb meiner vier Wände hingesetzt, um zu recherchieren und ein wenig zu schribbeln. Jedes Mal, wenn irgendwer auch nur in meine Nähe kam, habe ich alles ausgemacht und zugeklappt. Der Gedanke, jemand könnte mich für einen Fan halten, war mir höchst unangenehm. Die Serie ist an Oberflächlichkeit nicht zu überbieten. Einige Bekannte, die bekennende Fans sind, deren Nummern ich leider aus Versehen gelöscht habe, sagten mir, dass die Serie sich selbst nicht so ernst nimmt. Und das mögen sie. Dem kann ich im gewissen Maß zustimmen. Ich kann sie auch nicht ernstnehmen. Diese Serie bricht keine Klischees auf, sie manifestiert sie.

Ein bisschen habe ich jetzt wohl durchblicken lassen, dass ich bei einem Besuch in New York keinen Cosmopolitan zuzzeln werde. Ich werde auch keine Bustour machen, um ein Quentchen der Luft zu atmen, in der die verwöhnten Damen geruht haben ihr teures Parfüm verdampfen zu lassen.

Ich werde mich jetzt erst einmal mit meinen Freundinnen treffen und so richtig über Penisse und Vibratoren reden. Andere Themen haben wir nicht. Danach gehen wir Schuhe shoppen. Bussi!

2 Kommentare

  • Danke! Danke! Danke!

    Besser hätte ich es nicht schreiben können. Diese Serie macht alles falsch und wurde dafür gefeiert. Wie Mario Barth.

    Ich habe dem nichts mehr hinzuzufügen…. Und freue mich, dass ich mit meiner Meinung nicht allein bin ^_^

  • Auch wenn ich eine derjenigen wäre, deren Nummer du aus Versehen gelöscht hättest, würdest du meine Nummer haben, bekenne auch ich mich – sicherlich teilweise aus nostalgischen Gründen – zu der Gruppe der Lover der Serie. Ja, die Serie ist vollkommen überzogen. Aber das weiß sie und das macht sie auch aus. Die Kleidung ist drüber, die Darstellung der Figuren ist drüber – aber das ist es auch, was Spaß macht. Mittlerweile liegt die Ausstrahlung der Serie ja schon einige Jahre zurück, das muss man immer noch im Hinterkopf behalten. Und ich würde sagen, dass SATC :) in einigen Dingen durchaus revolutionär war.
    Beim zweifelhaften Frauenbild kann ich dir wohl nur zustimmen. Aber es gibt trotzdem einige Themen, die die Serie recht offen und ehrlich behandelt, wie es sonst keine Serie und kein Film gemacht hat oder heute noch macht.



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