Es geht um die Situation der Kulturindustrie

Mein TV-Aufreger der Woche: Die Ärzte in den Tagesthemen – dürfen die das?

Spoilerfrei
Michael
24.10.20

„Hier ist das Ärzte Deutsche Fernsehen mit den Tagesthemen“ hieß es gestern Abend zu Beginn des Nachrichtenjournal-Ablegers der deutschen Nachrichten-Institution, der Tagesschau. Dann wurde das Tagesthemen-Intro in einer gitarrenlastigen Rockversion intoniert, von drei Männern in Anzug und Schatten. Und spätestens, als es „hell“ wurde und sich die drei Musiker als die deutsche Punkrock-Band „Die Ärzte“ entpuppten, dürften sich viele Menschen vor den Fernsehern, Tablets etc. gefragt haben – dürfen die das? Also, sowohl die Ärzte als auch die Tagesthemen? Die Frage werden sich auch die Ärzte und die Macher der Tagesthemen im Vorfeld selbst gestellt haben.

Und damit dürfte ihnen klar gewesen sein: „Die Ärzte“ im piefigen öffentlich-rechtlichen Fernsehen, dazu noch in einer recht konservativen Nachrichtensendung (ja, es hat sich längst gebessert, aber…), das wird für viele Ärzte-Fans nicht gehen. Siehe deren Twitter-Reaktionen seit ca. 21:46 Uhr gestern Abend (wobei, „dürfen“ Ärzte-Fans bei Twitter sein?). Ist natürlich auch hart, wenn man sich die Musik seiner ureigensten Lieblingsband vor 30 Jahren noch irgendwo illegal besorgen musste, da sie auf dem Index stand, und sie jetzt als Intro der Tagesthemen nach „Reiterhof Wildenstein“ läuft.

Und dann die Tagesthemen-… nunja… ‚Fans‘, die natürlich seriösen, gediegenen Nachrichtenjournalismus erwarten und dann gleich zu Beginn vom Sofaüberwurf runtergerockt werden, wenn auch nur für eine halbe Minute. Auch hier ging’s gleich zur Sache, mit den üblichen „Von meinen Zwangsgebühren bezahlt“ über „eine Nachrichtensendung ist keine Werbeplattform für Musiker“ bis zu „Euch vom Staatsfunk ist nichts zu peinlich“.

Ich habe mich natürlich auch gefragt: „Dürfen die das?“, und natürlich war die Antwort sofort klar: Ja. Einfach, weil es um eine sehr ernste Sache geht. Um die Situation der Kultur- und Veranstaltungsbranche, immerhin zu den fünf größten Wirtschaftsbranchen Deutschlands gehörend, bislang bei den ganzen Hilfspaketen aber irgendwie auch mindestens ein bisschen vergessen worden. Und natürlich sind Kultur und Veranstaltung weit mehr als Branche und Wirtschaft. Sie bilden ein gesellschaftspolitisch relevantes Gut, sorgen für Verständigung und Kommunikation, für Unterhaltung und neue Einblicke, für Kritik und Mahnung. Und letztlich sorgen für Kontakte unter Menschen, was im Moment einfach nicht geht. Und damit geht auch nichts für Kulturschaffende, es sei denn, man möchte vor Autos auftreten oder gestreamt werden.

Die Ärzte hatten einfach ein wichtiges Anliegen – und damit meine ich nicht zwangsläufig die Promo für ihr zufällig ebenfalls gestern erschienenes neues Album „Hell“ – sie wollten auf genau diese problematische Situation aufmerksam machen. Und das geht eben sehr gut über ein Informationsmedium, das im Schnitt mehrere Millionen gebildete Menschen schauen. Da darf man natürlich so etwas Ungewöhnliches wagen wie das gerockte Intro, und da darf man auch Interviewpartner im Studio von Ingo Zamperoni sein. Ein viel besseres Forum – weil viel gesehen, als seriös angesehen – gibt es da sicher nicht. Und wenn die Tagesthemen schon so etwas machen, dann muss es schon mit einem so wertigen und gleichermaßen kontroversen Künstlerformat à la „Die Ärzte“ sein. Insofern, auch wenn es einige Tagesthemen-Zuschauer schmerzt und nicht wenige Ärzte-Fans gestern gleich zwei Mal mit „Hell“ (muss ich hoffentlich nicht erklären) beschert worden sind – die dürfen das. Und die massiven Reaktionen auf diese halbe Minute „das Ärzte Deutsche Fernsehen“ zeigen, dass alle alles richtig gemacht haben: Man spricht darüber, über den Auftritt, aber eben auch über die Situation der Kultur in Zeiten von Corona.

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