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Sitcom vom großen Regisseur

Rewatch-Review: „On the Air“ (Mini-Serie von David Lynch)

20. Januar 2026, 19:15 Uhr

David Lynch wäre heute 80 Jahre alt geworden, und derweil man in den Timelines der gängigen Social Media-Plattformen viele Beiträge zu seinen großen Filmen findet (und vielleicht noch zu seinem Serien-Kunstwerk „Twin Peaks“), die versuchen, Lynchs Werk zu erklären oder ironischerweise die „Geheimnisse“ seines Schaffens zu ergründen (was er nie wollte), hab‘ ich mir für unsere schöne Rewatch-Review-Rubrik ein Werk herausgesucht, was kaum jemand kennt und in den USA seinerzeit – wir sprechen von 1992 – noch nicht einmal komplett ausgestrahlt wurde: „On the Air“, eine siebenteilige Sitcom, die hierzulande einmal flüchtig bei RTL II versendet wurde und später nochmal auf Premiere Comedy auftauchen durfte.

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Moment… Lynch und Sitcom? Ja, da gab es tatsächlich einmal eine Verbindung. Jetzt darf man als geneigter Serienfan natürlich kein klassisches Comedy-Format erwarten. Wir sprechen hier vom Humor eines David Lynch. Und von Unterhaltung, die in anderen Kategorien unterwegs ist, als man es bei der Schubladen-Sortierung bei dem Emmys, den Golden Globes oder den Oscars kennt (wo die Zuordnung ja auch nicht immer passgenau ist). Sieben Folgen Sitcom, und dann noch eine Serie, die auf einer Metaebene unterwegs ist, denn in Serie „On the Air“ geht es um ein Fernsehstudio namens Zoblotnick Broadcasting Company (ZBC – natürlich eine Anspielung auf den Auftraggeber von „On the Air“, ABC), das Folge für Folge versucht, die „The Lester Guy Show“ zu produzieren – und jedes Mal kläglich scheitert. Der große Senderboss ist Mr. Zoblotnick, vor dem alle Angst haben, insbesondere Valdja Gochktch, Neffe des Senderbosses und Regisseur der „The Lester Guy Show“.

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Die Prämisse ist schnell erzählt: Bei der Zoblotnick Broadcasting Company soll 1957 das neue Flaggschiff „The Lester Guy Show“ entstehen, eine Live‑Varieté‑Show mit großem Staraufgebot – zumindest in der Theorie. Lester Guy, ein in die Jahre gekommener Filmstar, will seine Karriere im Fernsehen retten, doch jedes Mal, wenn die rote Lampe angeht, verwandeln technische Pannen, inkompetente Mitarbeiter und pure Dummheit die Show in ein Desaster. Dreh‑ und Angelpunkt dieser Desaster ist Betty Hudson, die quasi aus Versehen zur Co‑Moderatorin wird, mit ihrer naiven, völlig unprofessionellen Art aber das Publikum im Studio und vor den Bildschirmen sofort erobert – sehr zum Leidwesen des eitlen Lester. Die Episoden folgen im Kern immer demselben Muster: eine große Nummer wird vorbereitet, alles eskaliert auf der Bühne, und am Ende entsteht trotz – oder gerade wegen – der Katastrophen ein Erfolg, den niemand geplant hatte, was das Machtgefüge im Sender und im Studio immer wieder neu durcheinanderwirbelt.

Auf den Punkt gebracht: Die Serie ist natürlich schräg und unkonventionell und bricht mit gängigen Konventionen üblicher Sitcoms. Ein Stilmittel zum Beispiel: Gags wurden einfach Folge für Folge wiederholt, und sie waren noch nicht einmal sonderlich witzig, sondern gingen mehr in Richtung Slapstick. Um ehrlich zu sein: Man muss schon eingefleischter David Lynch-Fan sein, um mit den sieben Folgen halbwegs zurecht zu kommen.

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Spannend wird „On the Air“ vor allem da, wo man Lynch beim Versuch zuschauen kann, sein übliches Spiel mit Wahrnehmung, Identität und Kontrollverlust in die Formen einer Network‑Comedy zu pressen. Die Pilotfolge, bei der Lynch selbst Regie führt, ist bei näherem Hinschauen schon ein spannender Mix aus Screwball‑Timing, hochkomplexer Mise‑en‑scène und orchestriertem Chaos: Kameras, Kulissen, Fahrstühle, Vorhänge und Tonbänder entwickeln ein Eigenleben, das die Figuren buchstäblich überrollt. Die Serie nutzt den Live‑Fernsehbetrieb als Maschine, die jeden Abend die Ordnung der Welt herstellt – und im selben Moment wieder zerstört, sobald etwas Unvorhergesehenes dazwischenfunkt; das Ergebnis erinnert eher an animierten Slapstick à la „Looney Tunes“ als an klassische Studio‑Sitcoms der späten 80er und frühen 90er.

Gleichzeitig geht es – lynchtypisch, möchte man sagen – auch um Macht: Der Senderchef und seine Handlanger versuchen die Show zu kontrollieren, doch ausgerechnet die ökonomische Logik der Quoten zwingt sie, den Kontrollverlust zu akzeptieren, weil das Publikum gerade das ungeplante Chaos liebt. „On the Air“ entlarvt damit früh, was heute Reality‑ und Live‑TV im Übermaß praktiziert: Inszenierte Pannen, überzeichnete Charaktere und bewusst hergestellte „authentische“ Momente als Verkaufsargumente; in der Serie kippt dieses Prinzip allerdings ins Radikal‑Groteske und zeigt, wie dünn die Trennlinie zwischen kalkulierter Show und echter Katastrophe ist.

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Das Schöne aus meiner Sicht: Man erkennt viele Bilder und Motive aus Lynchs Schaffen wieder, man erfreut sich an der Meta-Ebene des Studios, und natürlich am Cast, der sich aus diversen Darsteller:innen der kurz vor „On the Air“ abgedrehten Serie „Twin Peaks“ rekrutieren, von Ian Buchanan als Hauptfigur Lester Guy zum Beispiel, oder Miguel Ferrer als Bud Budwaller. Und natürlich lieferte Angelo Badalamenti auch wieder den Score zur Serie – und ist gleich noch in einigen Szenen am Klavier in der Serie zu sehen. Auch hinter der Kamera setzt sich die „Twin Peaks“-Familie fort: Regisseure wie Lesli Linka Glatter und Jonathan Sanger, die zuvor an Episoden von „Twin Peaks“ beteiligt waren, übernehmen nach Lynchs Pilot einzelne Folgen, und mit Autoren wie Robert Engels oder Scott Frost sind weitere alte Bekannte an Bord. Stilistisch finden sich typische Lynch‑Markenzeichen wieder – allen voran die Obsession mit roten Vorhängen.

Ich mag vor allem die Pilot-Folge, für mich eine der besten und unterschätztesten Comedy‑Fernsehstücke überhaupt. Die späteren Episoden sind dann schon wesentlich inkonsistenter, für mich oft zu slapstickhaft und konzeptionell schnell leerlaufendes Material, zumal David Lynch an den meisten Folgen nicht mehr direkt beteiligt war. Trotzdem lohnt sich ein Rewatch – gerade aus film‑ und fernsehwissenschaftlicher Perspektive. „On the Air“ zeigt für mich, wie weit man das Format der klassischen Mehrkamera‑Sitcom formal dehnen kann. Wer Lynch nur über Dunkelheit, Gewalt und Traumlogik beschreibt, übersieht mit dieser Mini‑Serie einen wichtigen Baustein seines Werks – nämlich den geradezu kindlichen Sinn für Blödsinn, der bei „On the Air“ zum einzigen, aber eben auch sehr fragilen Motor einer Serie werden durfte. In diesem Sinne: Happy Birthday an das Geburtstagskind David Lynch!

PS: Wer jetzt einmal reinschauen möchte – hier kann man die Serie finden.

Bilder: ABC

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Dienstag, 20. Januar 2026, 19:15 Uhr
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