Chefautor Michael Meisheit im Interview über den Game of Thrones-Moment der Lindenstraße

Lindenstraße live: Darum musste Erich Schiller sterben

13.12.15 18:00
Lindenstrasse
SPOILER !!
Michael
13.12.15

meisheit_2013_b_512

Mit einer ganz besonderen Folge wurde am Wochenende der 30. Geburtstag der Lindenstraße gefeiert: Folge 1559 wurde live gespielt und gesendet – was einen großen dramaturgischen, logistischen und organisatorischen Aufwand bedeutete. Was es für Besonderheiten hinter den Kulissen gab, welche Aspekte zu berücksichtigen waren und wie es mit dem Tod der Figur Erich Schiller zu einem dramatischen Höhepunkt kam, hat uns Lindenstraße-Chefautor Michael Meisheit (mit ihm hatten wir in dem Beitrag „So funktioniert die Lindenstraße“ auch schon einmal über in die Mechanismen der Lindenstraße gesprochen) im sAWE.tv-Interview verraten.

sAWE.tv: „Michael, eine spannende Woche liegt hinter dem gesamten Lindenstraße-Team. Wie war’s?“

Michael Meisheit: „Gut war’s – eine tolle, spannende Erfahrung. Es war eine intensive Woche – viele Schauspieler waren ja schon die ganze Woche vor dem eigentlichen Sendetermin am Set, um zu proben. Ich selbst stand die ganze Woche über in Berlin auf stand-by, um gegebenenfalls Änderungen am Drehbuch vorzunehmen. Das Drehbuch für die Folge war vergleichsweise lang, es gab aber nicht viel zu tun – vieles passte. Ab Samstag war ich dann selbst in Köln, weil ich ja auch eine kleine Statisten-Rolle hatte und somit bei zwei Proben dabei war. Samstag und Sonntag habe ich dann als Autor auch noch kleine Dinge angepasst, die die Aktualität der Folge betrafen. Momo und Iffi sitzen in der Folge ja in einer Szene in der Küche beim Frühstück – Momo liest eine aktuelle Zeitung, im Radio laufen die aktuellen Nachrichten und die beiden unterhalten sich über die Messerattacke vom Vorabend, die in London passiert ist, und über einen Anschlag im Jemen von Sonntag Vormittag. Und dann haben wir auch noch ein Fußballereignis mit reingenommen – wenn Bayern wie am Samstag schonmal in der Bundesliga verliert, bietet sich das ja an.“

sAWE.tv: „War das eigentlich Dein erster Auftritt in der Lindenstraße?“

Michael Meisheit: „Nein, ich war schon einmal in einer Sendung dabei – in Folge 761, wenn ich mich recht erinnere. Die Folge damals sollte auch sehr aktuell sein, sie lief zur Zeit der Fußball-EM in Belgien und den Niederlanden. Ich war vor Ort in Köln, um noch Aktualisierungen am Buch vorzunehmen. Und da gab es drei Szenen, in denen ich als Fernsehtechniker aufgetaucht bin. Ein Fernseher fürs Public Viewing lief nicht, und wir von „ScreenMagic“ – so hieß die Firma damals – haben dann die Technik ans Laufen gebracht.“

1559c

sAWE.tv: „Die Besonderheit neben dem Live-Charakter der aktuellen Folge war ja auch, dass im Prinzip das gesamte aktuelle Ensemble vor Ort war. Was war das für eine Atmosphäre am Set?“

Michael Meisheit: „Das war wie eine Art Klassentreffen. Das gab’s ja auch so noch nie – zumindest nicht über einen so langen Zeitraum. Es wurde viel geredet, ich habe viele Darsteller getroffen, einige von denen, die erst seit kurzer Zeit dabei sind, auch zum ersten Mal, da ich ja nicht so oft am Set in Köln bin. Als weitere Besonderheit kam noch der Second Screen hinzu, der von den Zuschauern wohl umfangreich genutzt wurde. Da gab’s jede Menge Hintergrundinfos zur Folge, jeder stellte da Videos rein, die er mit seinem Smartphone am Set gedreht hat, und man bekam einiges mit vom Produktionsablauf – das hat auch richtig Spaß gemacht.“

sAWE.tv: „Zur Folge selbst – die hattest Du zusammen mit Irene Fischer ja schon geschrieben, bevor klar war, dass es eine Live-Inszenierung geben sollte. War das ein Problem?“

Michael Meisheit: „Eigentlich war die Folge eher ungeeignet für eine Live-Aufführung. Klar war vorher, dass es die Geburtstagsfolge sein würde und die einen Knaller beinhalten sollte. Deswegen gab es auch nur zwei statt der sonst üblichen drei Handlungsstränge. Da war einerseits der dominante Hausstrang, wie wir ihn intern nennen, und die romantische Geschichte zwischen Lara und Nico als eher leichter Kontrapunkt. Viele Szenen aus dem Anfang der Folge sollten eigentlich vormittags draußen stattfinden, aber zur Sendezeit war es ja schon wieder dunkel, so dass dies nicht mehr passte. So ist eigentlich auch der Nikolausmarkt entstanden.“

1559d

(Fotos: WDR)

sAWE.tv: „Musstest Ihr viele Anpassungen vornehmen?“

Michael Meisheit: „Wir haben das Buch vor allem technisch überarbeitet. So durften zum Beispiel keine zwei Szenen nacheinander im selben Studio stattfinden; und die Schauspieler mussten Zeit haben, das Set zu wechseln oder sich umzuziehen. Ansonsten passte es ganz gut. Für die Schauspieler – vor allem die vier Hauptakteure – war es natürlich ziemlich stressig. Allein Bill Mockridge musste sich vier Mal umziehen.“

sAWE.tv: „Er war ja gewissermaßen sogar etwas außer Atem, wie man am Ende gesehen hat…“

Michael Meisheit: „… naja, für die Szene eigentlich nicht genug außer Atem. Aber insgesamt kann man schon sagen, dass das alle Beteiligten sehr gut gemacht haben. Es sind auch viele erfahrene Theaterschauspieler dabei, die an Live-Situationen ohne gewöhnt sind.“

sAWE.tv: „Viele Zuschauer waren ja überrascht, dass es mit Erich Schiller eine beliebte Hauptfigur getroffen hat, die sterben musste. Wie ist es zu dieser Entscheidung gekommen?“

Michael Meisheit: „Wer eine große Geschichte erzählen möchte, der muss auch einen gewissen Einsatz bringen. Die Zeitung „Die Welt“ hat es so schön den ‚Game of Thrones-Moment der Lindenstraße‘ genannt. Dort werden ja regelmäßig Hauptfiguren aus dem Spielgenommen. Ich fand’s auch schade, weil Bill Mockridge ein toller Schauspieler ist und Erich Schiller eine Figur war, mit der man viel machen konnte. Aber es war notwendig.“

sAWE.tv: „Wer hat Bill Mockridge gesagt, dass Erich Schiller sterben wird?“

Michael Meisheit: „Ich denke, dass wird Hans W. Geißendörfer in einem persönlichen Gespräch gemacht haben. Bill Mockridge hat es ja auch professionell aufgenommen – sicher hätte er gerne noch weitergemacht, das hat er nach der Folge ja auch gesagt. Aber er hat noch viele andere Engagements und Projekte, so dass man ihn weiter sehen wird.“

sAWE.tv: „Mittlerweile gibt es auch einen Trailer zur weiteren Handlung in den kommenden Wochen – es wird sehr dramatisch…“

Michael Meisheit: „… in der Tat, ja. Ich finde den Trailer sehr gut gemacht. Er greift jetzt vor allem diesen einen dramatischen Handlungsstrang auf und zeigt, wie er die nächsten Wochen verlaufen wird. Aber natürlich wird es auch leichtere Elemente geben. Als ich den Trailer gesehen habe, hatte ich mich auch kurz gefragt: ‚Haben wir das wirklich alles geschrieben?‘ Ich bin gespannt, wie die Geschichte beim Zuschauer ankommt.“

sAWE.tv: „Jetzt hat die Live-Folge viele Zuschauer zurück zur Lindenstraße gebracht. Ich habe viele Kommentare von Zuschauern gelesen, die nach längerer Zeit mal wieder in die Lindenstraße reingeschaut haben und überrascht waren von dem hohen Erzähl- und Produktionsniveau…“

Michael Meisheit: „… ja, ich habe auch viele Reaktionen dieser Art registriert. Sicher war die Live-Situation ein enormer Aufwand, aber es hat allen viel Spaß gemacht. Danach waren sich natürlich alle einig, dass man so etwas unbedingt wiederholen müsste, aber da spielen viele Faktoren eine Rolle. Ich kann mir vorstellen, dass es so eine Live-Folge zu einem späteren Jubiläum geben könnte; oder eine Art Eventfolge. Ich glaube aber auch, dass die zweite Ebene, die wir mit dem Second Screen eingezogen haben, Potenzial bietet. Das Experiment war sehr innovativ – das hat’s im deutschen Fernsehen so noch nicht gegeben. Und es kam tatsächlich sehr gut an und hat vor allem jüngeres Publikum an die Lindenstraße herangeführt – eine Zielgruppe, die man ja wieder für die Lindenstraße begeistern möchte. Ich glaube, dass vor allem in diese Richtung ein Denkprozess eingesetzt hat und man hier einiges für die Zukunft entwickeln kann.“

Und so geht’s mit Folge 1560 weiter:

Auf der nächsten Seite gewähren wir einen Einblick in die Planung und Produktion der Live-Folge.

Und in diesem Beitrag gewährt uns Michael Meisheit einen Einblick in die Funktionsweise der Lindenstraße.

Dieser Beitrag hat mehrere Seiten:
1 2

Kommentiere



    Hinweis: Bei Kommentar-Abgabe werden angegebene Daten sowie IP-Adresse gespeichert und ein Cookie gesetzt (öffentlich einsehbar sind - so angegeben - nur Name, Website und Kommentar). Alle Datenschutz-Informationen dieser Website gibt es hier zu sehen.