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Chris Rock als Gangster-Boss

Review: Fargo – Staffel 4

07.12.20 14:10
FargoReview
Mini-Spoiler
Maik
07.12.20

Vergangene Woche lief das Finale der vierten Staffel von „Fargo“ auf dem US-Sender FX (Trailer & Vorschau). Ab Donnerstag werden die neuen Folgen hierzulande nicht etwa bei Netflix oder Sky aufschlagen, sondern auf joyn. Reinzuschauen lohnt sich, soviel sei schon mal vorab verraten. Ansonsten möchte ich in diesem Spoiler-armen Review meinen weiteren Eindruck zur von Chris Rock als Gangsterboss angeführten neuen Geschichte der Anthologiereihe schildern.

Eine wahre Geschichte?

Traditionell wird ja jede Folge der Serienadaption genau wie einst die Filmvorlage mit den Worten bedacht, es handele sich um eine echte Geschichte, obwohl das nie wirklich der Fall ist. Noch nie hat man derart an dieser Lüge gezweifelt, wie in dieser Staffel. Nicht nur, weil die Geschichte erstaunlich wenig Hand zur Übertreibung hat, sondern vor allem, weil sie mit vielen kleine Details enorm authentisch inszeniert ist.

Wir befinden uns im Kansas City der 50er Jahre (die Stadt Fargo wird tatsächlich nur in einer Folge mal nebenbei erwähnt). Untergrund-Gruppierungen begegnen sich auf offener Straße. Die Inszenierung der sich wiederholenden Begegnungen und Machtübergaben über die Jahre hat mir sehr gut gefallen (Kindes-Übergaben als Vertrauens-Zeichen und Macht-Vehikel inbegriffen). Auch, weil beim Aufkommen neuer Gangster-Größen stets eine Art Fahndungs-Steckbrief gezeigt wird, den man glatt als reale Vorlage missverstehen könnte. Im späteren Verlauf der Staffel sind auch diverse Zeitungsausschnitte zu sehen, die derart authentisch gestaltet sind, dass man von zumindest realen Bezügen ausgehen möchte.

Aber nein, im Detail soll nichts der Wahrheit entsprechen. Dennoch hält die vierte Staffel „Fargo“ etliches im Großen und Kleinen bereit, das so oder so ähnlich passiert sein dürfte. Rassismus, korrupte Polizisten und vor allem viele dubiose Geschäfte und Kleinkriege zwischen Gangster-Familien. Vor allem geht es hierbei um ein afro-amerikanisches Syndikat und die Mafia-Familie ausgewanderter Italiener. An dieser Stelle bitte eine stereotypische Hand-Geste vorstellen.

Erfreulich skurrile Figuren

Ein Karotten-knabbernder Mormonen-Sheriff, ein unter lauter Ticks leidender Polizist, eine verschwitzt-eloquente Krankenschwester mit Hang zur Sterbehilfe oder der durchgeknallte Gangster-Bruder mit irrem Stierblick – auch diese Staffel zeigt uns „Fargo“ wieder das, was das Format ausmacht. Lauter verrückte und durchgeknallte Charaktere. Und auch wenn viele so ihre eigenen Macken und teils überspielten Eigenarten haben, wirkt es alles noch größtenteils glaubwürdig. Natürlich wird an einigen Stellen bewusst übertrieben, um auf humorige Art und Weise Gebraucht davon zu machen. Wenn der Cop in bester Sheldon-Cooper-Manier mehrfach anklopfen muss, um ein Zimmer zu betreten oder x-fach das Türschloss am Auto auf und zu macht, während andere Figuren doof gucken oder ein trockenes „Haben wir’s bald mal?“ ablassen, fühlt man richtig mit. Mit beiden Seiten.

Tatsächlich schafft es die Staffel ganz gut, keine schwarz-weiße „Gut vs. Böse“-Schablone an den Zuschauer zu verteilen. Weder wird jemand einst Gutes mit der Zeit böse (zumindest nicht so radikal, wie bspw. in der ersten Staffel), noch gibt es wirklich den einen Protagonisten. Natürlich gibt es die Polizei und man fühlt zumindest mit dem Tick-Cop mit, aber die Institution tritt eher als dramatisches Vehikel auf, oder gar als Freund und Helfer der Bösen. Und auch bei den zwei großen Gegenspieler-Seiten fühlt man sich zwar der afro-amerikanischen Seite zugehörig, was vor allem an der souveränen und ehrenhaften Darbietung Chris Rocks liegt, dennoch erhält man Einblicke in das italienische Familientreiben, die einen mitleiden lassen.

Allgemein ist das Schauspiel auf hohem Niveau. Nicht immer gibt das Drehbuch allen Figuren wirkliche Tiefe, das gehört aber zu einem auf Coen-Material basierendem Stoff dazu. Einzelne Charaktere sind eine Persiflage auf Klischees, allen voran gibt es etliche Mafiosi in stilechte Inszenierung zu sehen: Feiner Zwirn, Zigarette, Gesten, Knutscher auf die Wange, und so weiter. Aber das wirkt in der Regel stimmig und weiß, Atmosphäre aufzubauen. Allen voran hat mir Salvatore Esposito als der durchgeknallte Bruder Gaetano Fadda sehr gefallen. Vor allem in der ersten Hälfte der Staffel.

Auch wenn viele Einzelfiguren und Handlungsstränge für sich betrachtet unbedeutend oder überspielt wirken, schafft man es erneut vorzüglich, die Fäden zusammen zu führen und letztlich alles mit allem verbunden zu haben. Natürlich fußt das auf diversen Zufällen und etliche Entwicklungen sind so oder so ähnlich vorherzusehen. Aber so ein bisschen reizt einen das als „Fargo“-Zuschauer doch auch, die gängige Formel der Serie frühzeitig anzuwenden, um gewisse Dinge vorab zu erahnen. Ein konkretes Beispiel, das allerdings sehr spoilert: Wenn der Ire Patrick „Rabbi“ Milligan zum ersten Mal nur sagt, dass er „gleich wieder da“ ist, war eigentlich klar, was passieren würde… Wo wir gerade dabei sind: Der Wirbelsturm war schon ziemlich schick inszeniert, vor allem in der an „Sin City“ erinnernden beinahe comichaft-dichtotomen Schwarz-Weiß-Gestaltung. Auch wenn der Sturm natürlich absurd ist und utopisch schnell aufgekommen ist.

Nicht immer auf der Höhe

Dieser gewisse Respekt gegenüber, wenn Gangster-Unterhändler sich im Café treffen, taktische Kniffe im geheim oder offen geführten Bandenkrieg, die Komplikationen, die private Kleinigkeiten im großen Berufsfeld ausrichten können – „Fargo“ macht verdammt vieles richtig, was die Zeichnung des Untergrund-Lebens anbelangt. Auch gibt es viele tolle Kamera-Einstellungen zu sehen, die Kostüme und Szenerien (allen voran die tollen Oldtimer) sind wundervoll gestaltet, man wähnt sich definitiv in der alten Ära, auch wenn ich persönlich nicht wirklich einschätzen kann, ob es damals dort wirklich exakt so zuging – aber es wirkt so. Und doch will man nicht immer gänzlich in der gezeigten Welt versinken. Das liegt vor allem anfangs an der ungemeinen Länge der Folgen und Szenen, die manchmal doch recht zäh werden.

Die ersten fünf Episoden sind alle jeweils knapp eine Stunde lang. Nach der kurzweiligen Inszenierung der wichtigsten Figuren setzt es viel Grundarbeit. Dialoge, Charakter-Zusammenführungen, Verhandlungen, etc. Das braucht Zeit, hätte man aber an einigen Stellen sicher kürzen können, ohne an Atmosphäre und Gewichtigkeit einbüßen zu müssen. Interessanterweise werden die Folgen ab dann immer kürzer. Erst auf Viertelstunden-Niveau, Episode Elf liegt gar bei lediglich 37 Minuten. Ungewohnt, vor allem, da es sich um das Staffelfinale handelt. Man könnte aber argumentieren, dass die bisherigen Staffeln „Fargo“ ja jeweils lediglich derer zehn Folgen hatten und man so einen Nachschlag erhalten hat. Vielleicht hat man aber auch einfach versucht, einen psychologischen Kniff anzuwenden. Denn passiert in den ersten Folgen verhältnismäßig wenig Konkretes, nimmt die Höhe der drastischen Entwicklungen im Gegenzug der sinkenden Laufzeit deutlich zu. So geschieht gefühlt noch mehr.

Mit der Gesamtbewertung habe ich mir schwer getan. Nach den interessanten ersten Minuten hatte ich so meine Probleme, richtig in die Staffel rein zu finden. Vielleicht auch, weil die vielen Charaktere zunächst wenig Orientierung für eigene Bindungs-Bildung zugelassen haben. Mit der Zeit habe ich die Figuren und Handlungen aber sehr ins Herz geschlossen und, als es dann endlich auch konkreter zur Sache ging, sehr mitgefiebert. Und das voller Faszination nicht etwa für eine bestimmte Seite, sondern für einzelne Figuren, egal, ob das nun Mafia, afro-amerikanisches Syndikat oder Polizei war. Die Staffel hat geschafft, dass man nicht etwa Gruppierungen, sondern einzelnen Figuren Gutes oder Schlechtes wünscht. Persönliche Entwicklungen stehen deutlich über dem großen Gesamtbild. Und dabei wird auf vortreffliche Weise gezeigt, dass manche Dinge über allem stehen. Allem voran die Familie. Selbst bei den sich beinahe die Köpfe einschlagenden Mafiosi-Brüdern schlägt die Liebe zwischendrin immer wieder durch.

War das nun besser oder schlechter als Staffel 3? Schwer zu sagen, da sich beide in unterschiedlichen Bereichen auszeichnen konnten oder eben Schwächen offenbart haben. Letztlich würde ich Staffel Vier aber minimal über der Staffel davor einordnen. Das ist vielleicht auch einfach nur ein aktuelles Bauchgefühl, war ich bei Staffel 3 doch recht enttäuscht ob der hohen vorherigen Erwartungen. Insgesamt liegen beide aber auf einem recht ähnlichen Level. Hohe Qualität in der Erzählung, die aber keine total epischen Momente bereithält, die zu großen Empfehlungs-Lobhudeleien einladen würden. Anschauen kann man es sich aber definitiv, auch wenn man sich ein bisschen durchkämpfen muss.

„Fargo“ Staffel 5?

Der Blick in die Zukunft von „Fargo“ ist ähnlich nebulös wie nach dem Ablauf der vorherigen Staffel vor rund drei Jahren. Serienschöpfer Noah Hawley hatte damals bereits betont, dass er eine Fortsetzung davon abhängig macht, ob ihm und seinem Team eine entsprechend hochwertige Idee einfällt. Aufgrund des Anthologie-Settings der Serie muss man nicht nur eine Grundhandlung sondern auch etliche neue Figuren entwickeln. Von Cast, Regie, etc. mal ganz abgesehen. Und dabei auch noch zumindest minimalen Bezug auf das filmische Universum schaffen. Zum jetzigen Zeitpunkt bin ich jedoch optimistischer als noch vor drei Jahren, dass es weitergehen wird. Ebenso sicher bin ich mir aber auch, dass es erneut seine Zeit benötigen wird. Vor 2023 rechne ich persönlich nicht mit einer Fortsetzung. Oh man, das klingt verdammt weit weg, ich weiß…

Bis dahin kann man sich ja nochmal die bisherigen Staffeln in Gänze als Rewatch geben. Mehrfach. Dann kann man sich ein besseres Vergleichsbild machen und findet vielleicht einige versteckte Details, die beim ersten Anblick nicht direkt beachtet werden konnten. Schauen kann man die ersten drei Staffeln über diese möglichen Kanäle:

„Fargo“ gibt’s bei:

Bilder: FX

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Ein Kommentar

  • Hab’s jetzt auch gesehen – sehe es ähnlich wie Du. Kam mit der Staffel erst gar nicht zurecht, wurde aber von Folge zu Folge besser. Der Moment am Ende war recht vorhersehbar, dafür entschädigt die Post-Credit-Scene definitiv mit dem schönen Anschluss an Staffel 2. :-)


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