Vom Fern- und Nahsehen

Serie ist Serie – unabhängig von Medium und Art der Rezeption?

Spoilerfrei
Kira
14.08.19

Wann sprechen wir heute eigentlich noch von „Fernsehen“? Wenn wir etwas schauen, das sich auf dem physischen Medium Fernseher abspielen lässt? Oder wenn wir lineares Fernsehprogramm rezipieren, das gesendet wird? Das Medium, das sich vor Jahrzehnten in den Alltag einer Masse von Menschen gekämpft hat, hat sich recht schnell zum Leitmedium entwickelt und ist dies auch heute noch immer. Es wurde zum Fenster zur Welt. Und damit entwickelte sich eine spannende Film- und Fernsehkultur. Doch vom linearen Fernsehen sind so viele treue Serienzuschauer mittlerweile Welten entfernt. Was bedeutet das für die Serienkultur? Welche Möglichkeiten bringen die diversen Medien mit sich, auf denen wir heute Serien schauen können? Und welche Konsequenzen haben diese für die Produktion von Serien und die gesamte Kultur drumherum?

Früher war alles einfacher!

Wenn in den 70ern, 80ern oder 90ern Serien produziert und ausgestrahlt wurden, dann war alles limitiert. Die Anzahl der Serien an sich, die Wege der Distribution, die Wege der Rezeption. Serien wurden ins Programm aufgenommen (oder eben nicht), sie wurden zu einer bestimmten Zeit ausgestrahlt und dies war die Zeit, zu der man einschalten musste, um „dabei“ zu sein. Oder aber man hatte später ein neumodisches Aufnahmegerät, mit dem man auch mal eine Sendung aufzeichnen und zeitversetzt ansehen konnte. Das Fernsehen als solches war, so kann man behaupten, verhältnismäßig einfach zu fassen – zumindest im Vergleich zur heutigen Zeit.

Und dann kamen die „Sopranos“. 1999 läutete diese, heute definitiv als Kult geltende Serie das Qualitätsfernsehen ein. Und damit einher ging eine völlig neue Ästhetik, Dramaturgie und Zeichnung von Figuren. Das war kein gewöhnliches Fernsehen mehr. Und diese neue Komplexität und Erfahrung forderte die Zuschauer natürlich auch auf ganz neuen Ebenen heraus. Kultur und Gesellschaft waren von nun an anders Mittelpunkt der Serien. Man hat sich was getraut, Grenzen aufgebrochen, Neues gewagt. Und mit der Veränderung der Inhalte von Serien, der zunehmenden Digitalisierung und neuen Anbietern entwickelte sich mehr und mehr auch das starke Bedürfnis der Zuschauer, selbst entscheiden zu können, wann, wo und wie viele Serien geschaut werden. Passives Berieseln lassen wich immer mehr der aktiven Entscheidung für ein Programm.

Auswahl, mehr Auswahl!

Mediatheken und DVD-Rekorder waren schön zu haben, spätestens aber mit Video on Demand-Diensten wie u.a. Netflix und Amazon Prime Video, die beide 2014 in Deutschland auf den Markt kamen, hat sich unsere Rezeptionsweise von Fernsehserien enorm verändert. Wir „binge watchen“ jetzt – und das absolut zurecht! Zahlreiche Serien sind nun sogar darauf ausgelegt, sie in einem Rutsch zu schauen, ohne Pause, Wenn und Aber die Inhalte in uns aufzusaugen, um nach wenigen Stunden mit einem Gefühl von Leere zurückzubleiben. Bis zur nächsten Staffel kann es nun gut wieder ein bis zwei Jahre dauern und man hat die ganze Vorfreude innerhalb kürzester Zeit zunichte gemacht. Gut, dann halt auf zur nächsten Serie!

Egal, ob auf kleinstem Handy-Display oder im Heimkino – es gibt nicht nur inhaltlich keine Grenzen mehr für Serien, auch beim Medium und Ort der Rezeption werden wir kaum noch eingeschränkt. Und wir schauen vor allem nur noch für uns allein. Das, was mal die Zuschauerschaft war, ist heute selten noch um ein Ereignis herum versammelt, sondern über Plattformen hinweg verteilt. Und was macht das nun mit uns? Sind wir überhaupt noch fähig, auf etwas zu warten und bewusst unsere ganze Aufmerksamkeit auf eine Sache zu lenken? Können wir Qualität überhaupt noch schätzen? Ist da noch das Qualitätsfernsehen, das alle zur Jahrtausendwende so bewundert haben?

Qualität oder Quantität?

Ja lautet die Antwort! Wenn wir es nur zulassen. Auch wenn es zur finalen Staffel von „Game of Thrones“ zahlreiche Diskussionen gab: Sprechen wir von höchstqualitativen Produktionsbedingungen, ist GoT durchaus eine Serie, die unbedingt genannt werden muss. „Game of Thrones“ ist als Epos ausgelegt, die finale Staffel wurde in verschiedenen Ländern und Städten sogar im Kino ausgestrahlt. Mehr Ehre kann man einer „TV“-Serie kaum zuteil werden lassen. Ein paar (globale) Medienereignisse gibt es also in Bezug auf Serien doch noch.

Obwohl ich nun alles immer überall sehen kann, sollte ich das nur deshalb dann auch tun? Ich persönlich hätte mir nicht vorstellen können, eine der finalen Episoden von GoT auf einem Handy-Bildschirm in einer vollen Bahn zu schauen, nur um die Episode möglichst schnell gesehen zu haben. Das ist einfach nicht das gleiche wie gemütlich und mit ungeteilter Aufmerksamkeit auf dem Sofa zu sitzen und gebannt auf den Bildschirm zu starren. Eine Folge „How I met Your Mother“ hingegen funktioniert zwischendurch und ohne viel Trara immer ziemlich gut. Da schmerzt es auch nicht, zwischendurch mal die Fahrkarte vorzeigen zu müssen. Qualitätsfernsehen aber braucht einen Rahmen, der es ihm erlaubt, seine Qualität entfalten lassen zu können. Und genauso gibt es mittlerweile wiederum Webserien, die darauf ausgelegt sind, sie eben genau auf dem Display des Smartphones morgens auf dem Weg zur Arbeit oder zur Schule auf YouTube zu schauen.

Die Serie als Wandel

Serie ist nicht gleich Serie, ganz gleich des Rezeptionsmediums. Ich bin überzeugt, dass sich das Medium enorm darauf auswirkt, wie wir eine Serie schauen, wie wir sie wahrnehmen und bewerten. Dass ich im Heimkino die Möglichkeit habe, die HD-Auflösung zu genießen und die vielen kleinen versteckten Hinweise im Bild zu finden, die mir auf einem Handy-Display nicht mal im Entferntesten auffallen würden. Denken wir nur an die GoT-Folge zurück, bei der die Hälfte der Zuschauer aufgrund der mangelnden Kontrastfähigkeit ihrer Projektionsgeräte nicht sehen konnte, was passiert und die überwiegende Zeit auf einen schwarzen Bildschirm gestarrt hat. Das Medium und unsere Art, mit dem Serienangebot umzugehen, ihnen Raum und Fläche zu geben oder sie nebenbei herunterzuschlingen, machen Serien zu dem, was sie sind – und beeinflussen das Angebot, das uns entgegengebracht wird, wiederum enorm.

Das Angebot an Serien – und damit einhergehend an Medien und Plattformen, über die uns diese zur Verfügung stehen – zeigt uns den Wandel unserer Zeit an. Und da wird Flexibilität nun mal am größten geschrieben. Alles muss sich nach uns richten. Alles muss sofort und immer und überall zur Verfügung stehen. Ich möchte keinesfalls das umfassende, uns zur Verfügung stehende Angebot oder die sich in den vergangenen Jahren entwickelte Technik zunichte machen. Ganz im Gegenteil: Beides ist ein großes Privileg. Ich denke aber, wir sollten uns viel öfter mehr Zeit nehmen, um den kleinen und großen Werken an Serien mehr Respekt zu zollen, mehr Raum zu geben – und: mehr Aufmerksamkeit und Konzentration zu schenken. Da ist es schön, dass es doch auch noch das ein oder andere Medienereignis gibt, bei dem man zumindest kurzzeitig das Gefühl hat, durch das Schauen einer Serie zu einem bestimmten, festgelegten Zeitpunkt am nächsten Tag auch auf dem Schulhof oder beim Kaffee im Büro mitreden zu können, weil man „dabei“ gewesen ist. Wie früher halt. Denn das Kollektiv macht die Kultur. Auch wenn Fernsehen heute in erster Linie nur noch Inhalt bedeutet.

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