Kommentar zur "Serien-Umsetzung" von Comics

Von der Graphic Novel zur Schrott-Serie

Mini-Spoiler
Chris
01.07.20

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In den letzten Jahren waren Comic-Verfilmungen der „große Wurf“. Sowohl das halbe Marvel- als auch DC-Comic-Universum wurden da gefühlt verfilmt. Mit mehr oder weniger guten Einspielergebnissen jagten zum Beispiel die Avengers, Batman, Superman oder die komplette Justice League die entsprechenden Superschurken über die Leinwand und mit dem Merchandise wurden Millionen gescheffelt. Findige Geldgeber und Produzenten dachten sich wohl, dieses Erfolgsrezept müsste auch für die Umsetzung von erfolgreich als Graphic-Novel auf den Markt gebrachten Stories zur Serie gelten. Auch diverse Streaming-Portale versprachen sich davon wohl das schnelle Geld. Allerdings geht gerade diese Gleichung „gut verkaufte Comic-Serie umsetzen ergibt automatisch hohe Einschaltquoten und generiert immense Einnahmen als Serie“ eben oft nicht auf. Halten wir es wie seinerzeit Helmut Kohl „Entscheidend ist, was hinten raus kommt“ und wenden obigen Sinnspruch auf diese Thematik an, dann stellen wir fest, dass hier hinten leider vorwiegend Serien-Schrott rauskommt. Nehmen wir zwei kürzlich veröffentlichte Serien als Beispiel.

Beginnen wir mit „V-Wars“. Netflix hatte die erste Staffel dieser „Vampirvirus-stürzt-Welt-ins-Chaos“-Serie im Dezember 2019 veröffentlicht und nur wenige Monate später war bereits klar, dass es niemals eine zweite Staffel davon geben wird, s. Beitrag.

Warum das so ist, ist schnell erklärt: Scheinbar erging es nicht nur mir, sondern auch zigtausend anderen Fans der Graphic Novel so, dass diese sich im wahrsten Sinne des Wortes schwarzgeärgert hatten. Jeder kennt das aus eigener Erfahrung: Gerade, wenn man sich auf etwas richtig freut, sei es das neue Auto, einen Umzug, den neuen Job oder auch nur eine neue Biersorte: Man hat eine gewisse Erwartungshaltung, kennt man doch zumindest den Hersteller des Produkts, den Markennamen etc. lange Jahre, ist auch nicht umsonst Fan davon geworden und dann folgt die Ernüchterung: Die Vorfreude war dann doch um einiges größer als das Ergebnis selber. Schaut man sich nun die teils vernichtenden Kritiken von Fans und auch externer Medien an, so dürfte sich niemand wundern, warum die Einschaltquoten zu wünschen übrig ließen. Zumindest ging es mir haargenau so nach der ersten Folge, wie ihr in der Review nochmal nachlesen könnt.

Dort war zu lesen, dass „V-Wars“ eben gerade nichts zeigt, was der geneigte Horrorfan nicht schon unzählige Male, oftmals jedoch deutlich besser, gesehen hat. Weder die Story noch die Effekte der ersten Episode machten mich damals neugierig auf Folge zwei, weswegen ich deren zweite Hälfte, geschweige denn die restlichen Folgen, auch nie gesehen habe.

Entsprechend durchwachsen fallen dementsprechend auch die Bewertungen auf IMDB aus, die da einen respektablen Score 6.1 von 10 erreichen – absoluter Durchschnitt und alles andere als genial für eine gehypte Serie. Okay, hier geht es aber um meine Meinung. Ich kann als Fan der entsprechenden Graphic Novel wenig Positives daran finden, was hier aus der spannenden Story, die einst blutrot aus der Feder von Jonathan Maberry geflossen war, gemacht wurde. Dabei geht es mir weniger um die tatsächlichen Unterschiede zwischen Comic und Realumsetzung, sondern eher darum, dass der Comic beim Lesen schnell zum „Page-Turner“ wurde und die wenigen Seiten entsprechend flott gelesen waren. Bei der Serienumsetzung hingegen war es dann eher so, dass ich bereits die Minuten bis zum Schluss zählte, die ich noch auszuharren hatte um letztlich die Review zu verfassen.

Daran schuldig im Sinne der Anklage waren die schlechten optischen Effekte, die unterirdische Darstellung der Vampire, die teilweise richtig billig wirkten und damit auch jeden ersehnten Moment des Gruselns bereits im Keim erstickten. Was soll ich denn bitteschön von einer Horrorserie halten, deren unmenschliche Protagonisten mich nicht erschrecken, sondern deren Darstellung eher (unfreiwillig) belustigt und nur ein müdes Grinsen entlockt? Nichts, ganz genau.

Gut, könnte man sagen, es gibt sicherlich auch andere, deutlich bessere Graphic-Novel-Umsetzungen. Werfen wir daher einen Blick auf die im Januar dieses Jahrs gestartete Serie „October Faction“. Auch diese war von mir mit Spannung erwartet worden, da ich, wie soll es anders sein, die entsprechenden Comics aka Graphic Novels mein Eigen nennen darf. Die Voraussetzungen, damit einen Serienhit zu landen, waren vorhanden. Autor Steve Niles bürgt im Normalfall für Qualität. Zumindest gilt das für die Ausführung der Serie in gedruckter (Heft-)Form. Der Autor präsentiert seine Hauptdarsteller, die Familie Allan und ihre Abenteuer, angenehm düster. Lockere Texte und hervorragende Zeichnungen runden seine Stories prima ab und verhalfen diesem Werk zum Status des wirklich empfehlenswerten Comic-Gesamtkunstwerkes. Leider stellt auch hier die Serienumsetzung nur einen müden Abklatsch davon dar.

Wer meine Review zur ersten Folge der Staffel gelesen hat, der weiß, wovon ich spreche. An der Story liegt es hier nicht. Wohl aber daran, dass sich die Schreiber der Serie zu sehr bemühten, Dialoge und Optik auf „cool“ zu trimmen. Sohnemann Geoff hat sein vorlautes Mundwerk ständig offen, was leider nicht immer zur Situation passt. Gewollt witzig ist eben nicht tatsächlich witzig und man fragt sich tatsächlich immer wieder, warum es wirklich niemanden gibt, der ihn auch nur ansatzweise in die Schranken weist. Dies gilt auch für extrem bemüht und konstruiert super-coole Szenen wie diese: zwei Endvierziger (Mama und Papa Allan), die im heißen 60er-Jahre-Musclecar auf dem Supermarktparkplatz einen Joint durchziehen, direkt im Anschluss an die Beerdigung des Vaters wohlgemerkt. Solche Szenen gibt es im Comic nicht, wieso muss das in einer Serienumsetzung dann gezeigt werden? Überhaupt lässt der gesamte Cast sehr zu wünschen übrig. Allen voran der Schauspieler, der das Familienoberhaupt der Allans darstellt. Der wirkt eher gelangweilt und spult in 0815-Manier auswendig gelernten Text ab ohne groß seine Mimik (sofern vorhanden) auf entsprechende Situationen anzupassen. Allgemein herrschte keinerlei Chemie zwischen den Hauptdarstellern, sie agierten nebeneinander her statt wirklich wie eine Familie zu wirken, die nebenbei auch noch Monster bekämpft.

Ein weiteres Ärgernis: Wie bereits in „V-Wars“ wirken auch hier die Special-Effects schwach und lieblos umgesetzt, auch wenn sie vielleicht absichtlich den gewünscht trashigen Charme der Serie unterstreichen soll(t)en. Dies fiel nicht nur mir auf, auch viele derjenigen Fans, die „October Faction“ bei IMDB bewertet haben, bemängelten ähnliches.

Nun könnte man natürlich sagen, dass wohl nur wenige die entsprechenden Graphic Novels kennen und daher diese Enttäuschung, die ich verspüre und hier anspreche, gar nicht nachvollziehen können. Das mag wohl sein, aber ich richte mich mit diesem Kommentar gerade an die Besitzer und Kenner der entsprechenden literarischen Vorlagen.

Mich hat auch die Netflix-Werbung, die Aussicht und Vorfreude darauf, einige meiner Lieblings-Graphic-Novels nun endlich verfilmt zu sehen, zum Einschalten bewogen. Gerade die Nennung der mir bekannten Autoren war hier das Zugpferd und für mich waren das nicht „auf-die Schnelle lieblos für vielleicht sehr junges Publikum-abgedrehte-viertklassige Serien“. Nein, denn gerade als Fan bin ich wohl etwas kritischer als der „notorische Streaming-Vielseher“, den es sicherlich auch geben wird. Ich gehe eben mit einer anderen Erwartungshaltung an solche Serien heran, die mich schon vorher einige Jahre meines Lebens in gedruckter Form begleitet haben.

Glücklicherweise gibt es auch die eine oder andere Umsetzung eines Comics, die wirklich gut gelungen ist, soviel gebe ich gerne zu. Einer meiner Lichtblicke ist hier „Preacher“. Die Serie um den demotivierten Priester Jesse, der seinen Glauben an Gott verloren hat und mit seinem durchgeknallten Vampir-Buddy Cassidy etliche Abenteuer zu bestehen hat, macht vieles besser. Angefangen vom brillanten Cast, der Wahl der Locations, den guten Special-Effects bis zum Spaß den die Darsteller beim Dreh hatten, was man ihnen auch anmerkt. Schwarzer Humor, ein der Comicvorlage ziemlich angemessener Grad an Gewalt und entsprechend witzige Dialoge runden das harmonische Gesamtbild ab. Der Comicfan in mir wurde von „Preacher“ nicht enttäuscht.

Was den Regisseuren und Produzenten hier gelang, darf gerne nachgeahmt werden, es ist also definitiv möglich, eine Comicserie, die schon etliche Jahre auf dem Buckel hat, in unserer Zeit der Originalvorlage würdig umzusetzen und eben gerade die Fans der ersten Stunde nicht vor den Kopf zu stoßen. Aber dazu muss man sich halt ein bisschen bemühen und nicht schnell vergessenen Serien-Schrott produzieren.

„Filmemacher sollten bedenken, dass man ihnen am Tag des Jüngsten Gerichts all ihre Filme wieder vorspielen wird.“ Charlie Chaplin

Bravo, Sam Catlin, Evan Goldberg, Seth Rogen! Von euch können einige etwas lernen!

Bilder: Netflix, Amazon Prime Video

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