Zerstört Binge-Watching serielle Emotionen?

Ausgebinged

28.02.18 09:30
KommentarSerien
Spoilerfrei
Susanne
28.02.18

Die neue Staffel der Lieblingsserie beginnt wieder und gleich die erste Folge hört mit einem riesigen Cliffhanger auf. Arghhh. Wie gerne wüsste man doch, wie es weiter geht. Noch eine Woche warten, dann endlich. Und dann erst das Staffelfinale. Noch länger warten. So zumindest ist der eigentliche Gedanke bei Serien. Es baut Spannung auf, lässt Zeit zum atmen. Wäre da nicht Netflix gewesen und die Veröffentlichung ganzer Staffeln mit einem Mal. Oder umtriebige „Serienverderber“ die einfach bis zum Ende einer gesamten Serie warten und sich dann kurzerhand fünf oder sechs Staffeln an einem Wochenende reinziehen als wäre es eine Packung Chicken Nuggets die man ganz schnell verdrücken muss, weil sie kalt einfach nur noch eklig sind. Nein, Serien MÜSSEN sparsam verzehrt werden.

Binge-Watching zerstört Serien. Ich bin strickt dagegen und finde sogar, das gehört abgeschafft. Bei zwei oder drei Folgen hintereinander gehe ich noch mit, aber ganze Staffeln durchziehen, nein nein NEIN! Als Beispiel nehme ich mal das gute alte Lost. Eine Serie, die sich gerade darauf aufgebaut hat, über mehrere Wochen rätseln und munkeln bei den Zuschauern auszulösen. Über das Finale kann man sicherlich streiten, aber die Zeit während der Serie war einmalig. Eine Folge ist vorbei, Cliffhanger. Ab ins Forum und mit anderen Fans Theorien aufbauen. Stundenlang zerwühlt man sich den Kopf, was es denn wohl mit versteckten Details oder Büchern auf sich haben könnte. Werden alle Charaktere die Staffel überleben. Spannung. 20 Folgen und quasi in Echtzeit auch 20 Wochen später und ein lieb gewonnener Charakter verabschiedet sich in den Serientod. Das ist dann Emotion pur. Tränen kann da keiner unterdrücken. Dann ein dreiviertel Jahr auf die neue Staffel warten und rätseln, spoilern zu Drehberichten oder einfach nur Teaser ansehen. So gehört eine Serie geguckt. Eine enge Bindung zu einem Charakter oder der Story kann nicht am Stück und innerhalb von 20 Stunden erzeugt werden. Wer sich jetzt Lost im Marathon zum ersten Mal ansieht, wird sicherlich auch einige Logikfehler mehr finden, als der begeisterte Echtzeitzuschauer damals, aber er wird nie die gleiche Verbundenheit aufbauen. Obendrein ist es auch keine Wertschätzung der etlichen Arbeitsstunden der Produktionsteams. Wochen- und monatelange Arbeit, in 24 Stunden weggeguckt. RTL2 ist dafür auch ein schlechtes Beispiel. Game of Thrones oder Walking Dead an einem Wochenende ausstrahlen. Das hat beides (TWD zumindest vor der aktuellen Staffel) nicht verdient.

Es gab auch eine Zeit, da wurden Serien simultan während der laufenden Staffel produziert. Vorteil: Das Team konnte auf Kritiken und Wünsche der Fans eingehen. Beispiel gefällig? Nikki und Paulo in Lost. Die Fans übten Kritik. Man würde immer nur die Hauptcharaktere beleuchten, dabei gibt es so viele andere Personen auf der Insel. Gesagt getan. Die Produzenten fokussierten Episoden auf Hintergrundcharaktere. Problem: alles wirkte zu gestellt und gewollt. Die Fans übten wieder Kritik. Lösung: beide Charaktere, Achtung Spoiler, starben nur knapp drei Folgen später.

Sicherlich ist die simultane Produktion nicht immer von Vorteil, aber am Stück gegenüber am Stück produzierte Serien zumindest im Echtzeit-Fanservice besser. Wenn man nun also so eine Serie binge watched, geht einiges verloren. Man wird doch auch müde und dem ganzen überdrüßig. Zu Serien gehört nun mal auch Wartezeit. Serien müssen gedeihen und langsam wachsen. Wer schnelle und in sich geschlossene Unterhaltung will bediene sich beim guten alten Spielfilm. Natürlich ist es in Zeiten von Netflix und einem Überangebot an binge-fähigen Serien leicht diesem Drang zu verfallen. Serien können sehr wohl süchtig machen, aber die Sucht ist umso „schöner“, wenn man ein paar Tage oder Wochen auf Entzug ist und sich dann die Lust wieder frei entfalten kann.

Für eine oder zwei Folgen und dann einfach den TV oder Computer wieder ausschalten. Raus in die Natur oder ein gutes Buch gegriffen. Vielleicht ja auch eins, was in der Lieblingsserie versteckt im Hintergrund zu sehen war. Wer weiß, vielleicht versteht man dann auch den ein oder anderen Hinweis in der Serie noch besser.

Ein Kommentar

  • Interessante Meinung, wenn ich das für mich reflektiere, dann kann ich die Frage eigentlich gar nicht mehr beantworten. Auf der Reise schaffe ich mal 2 oder 3 Folgen aber echtes hardcore bingen liegt schon Jahre zurück.

    Lost beispielsweise habe ich damals zum Teil gebinged und fand es trotzdem genial. Irgendwann war ich dann up to date und dann ging es natürlich nicht mehr, aber wirklich verloren hat die Serie dadurch nicht.



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