Die (fast) perfekte Strategie des Streaming-Anbieters ist Grundlage für den Erfolg

Kommentar: Von Netflix lernen

Spoilerfrei
Michael
16.01.19

„Siehe zu und lerne“ – was der Fotokollege damals in der Lokalredaktion immer leicht überheblich wirkend zu mir sagte, stimmt natürlich im Kern: Wer’s gut macht, bei dem kann man sich auch viel Gutes abgucken. Übertragen auf die Serienwelt ist definitiv Netflix so ein Kandidat für ein Vorbild, bei dem man sich viel abgucken kann. Das hat zuletzt das Thema #BirdBoxChallenge und die weltweite Regionalisierungsstrategie in Sachen Serienproduktion gezeigt. Netflix ist eine Blaupause für Unternehmen, die eine internationale Expansion anstreben, um weltweit erfolgreich zu sein.

Netflix weiß, was die Zuschauer wollen

Netflix gibt seinen Zuschauern, was sie wollen. Die Macher des Streaming-Dienstes haben sehr genau analysiert, was die Kunden wollen. Dazu gehört ein unkompliziertes und extrem flexibles Abo-Modell (Genau aufpassen, Sky) und eine einfache Benutzeroberfläche, die auch einfach auf jeder Plattform läuft (Hey Sky…). Ich kann jederzeit kündigen, möchte das aber gar nicht, weil… ja, weil sich das Angebot einfach danach richtet, was mich interessiert. Das Menü passt sich stets meinem Geschmack an. Es zeigt, was ich zuletzt gesehen habe und gibt mir Tipps, was mich sonst noch so interessieren könnte. Zudem sind immer einige Film-, Doku- und vor allem Serienperlen dabei, bei denen es Spaß macht, sie zu entdecken und zu genießen. Ist wie die guten Serien auf ZDFneo, die irgendwo rund um Mitternacht versteckt werden, nur dass ich sie hier jederzeit abrufen kann (Bevor es jemand erwähnt – nein, in der Mediathek des ZDF gibt’s nicht alles). Netflix bringt uns die Stars auf den Bildschirm, die wir vor einigen Jahren noch hauptsächlich auf der Kinoleinwand geliebt haben. Und Themen, über die wir sprechen…

Netflix spricht über das, was seine Kunden bewegt

… und da beweist Netflix immer wieder ein ganz besonderes Händchen. Als vor einigen Jahren der Serien- und Superhelden-Hype beinahe gleichzeitig einsetzte, gab es bei Netflix – Superhelden-Serien, im Fünferpack, am laufenden Band. Mit „13 reasons why“ wurde der heikle Themenkomplex Depressionen und Mobbing in den Mittelpunkt gerückt – eine Diskussionen, die offensichtlich viele bewegte und betroffen gemacht hat. Es war ein Thema für die Netflix-Community, insofern hat Netflix hier den Nerv getroffen. Oder die Nostalgie-Affinität der Kernzielgruppe, die man mit der 80er Jahre-Lookalike-Serie „Stranger Things“ ansprach. Wer hat sich nicht dabei ertappt, in der Serie nach kleinen Hinweisen und Easter Eggs zu suchen, die auf die Helden der 80er abzielten?

Netflix spricht das Nationalgefühl des Publikums an

Ganz clever: Netflix spult nicht einfach nur US-Serien ab. Andere Länder haben auch gute Regisseure und Geschichtenerzähler. Und die Zuschauer in den vielen Nationen, in denen Netflix mittlerweile verfügbar ist, mögen mitunter auch ihre eigenen Stars und Stories. Was also lag da näher als eine Regionalisierungsstrategie in der Film- und Serienproduktion? Und die regionalen Produktionen überzeugten auch noch, waren sogar international erfolgreich. Spanische Serien in Deutschland, deutsche Serien in den USA usw. Netflix hat den Serienhype nicht nur befeuert, sondern aus dem Hype einen Standard entwickelt.

Netflix weiß, wie Marketing geht

Die #BirdBoxChallenge hat es spätestens gezeigt: Netflix weiß, wie Marketing geht. Über den Twitter-Account werden zum Beispiel nicht einfach inspirationslos Sendeankündigungen verbreitet, sondern mitunter witzige Anekdoten und Sprüche unters Volk gebracht. Nachrichtenkanal mit Entertainment-Faktor. Und, wie gesagt, die #BirdBoxChallenge, die mit dem Release des Netflix-Sandra-Bullock-Films rund um den Jahreswechsel zu tun hat. „Bitte bloß nicht nachmachen, keine Challenge aus dem Film machen“, bettelte Netflix via Twitter kurz nach dem Filmstart – vermutlich wohlwissend, dass dadurch die #BirdBoxChallenge erst ins Rollen gebracht wurde. In der heutigen Zeit eine der besten Strategien, schnell Aufmerksamkeit für ein Thema oder Produkt zu erzielen. Ob es die Challenge tatsächlich gab oder durch Netflix erst gestartet wurde – ist unerheblich, denn Netflix hat das Ziel schnell erreicht, eben dass über den Film gesprochen wird und der Film konsumiert wird. Unabhängig davon, dass der Film tendenziell allenfalls gehobener Durchschnitt ist, gehört er zu den erfolgreichsten Filmen der letzten Wochen – der perfekten viralen Marketing-Strategie sei Dank.

„Siehe zu und lerne“, hatte ich am Anfang gesagt. Das muss man anderen Sendern, Streaming-Diensten und Anbietern raten, wenn sie erfolgreich sein wollen. Das lässt sich aber wie gesagt auch auf jede x-beliebige Expansionsstrategie übertragen. Netflix kennt genau die medialen Mechanismen der heutigen Zeit und weiß sie zu nutzen. Der Streaming-Dienst hat die Funktionsweise der heutigen Gesellschaft dechiffriert, Tools daraus entwickelt und setzt diese perfekt ein. Der Erfolg gibt Netflix recht.

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