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Raum geben, Raum nehmen, Konsequenzen tragen

Kommentar: Wie viel Verantwortung tragen TV-Sender?

Spoilerfrei
Kira
21.04.21

Es vergeht kaum eine Woche, in der es nicht mal wieder feinsten Gossip von der Reality-TV-Front des deutschen Fernsehens gibt. Habt ihr dies schon gehört, habt ihr das gesehen? Und genau das ist es ja auch, was Reality-TV bewirken soll: Gesprächsanlässe schaffen, polarisieren, zu Diskussionen anregen. Doch was ist, wenn Grenzen überschritten werden? Wer trägt die Verantwortung dafür, dass Homophobie, Rassismus, Sexismus auch im Fernsehen immer wieder Raum bekommen? Sind es die Personen, die bestimmte Äußerungen von sich geben, gewisse Handlungen vollziehen oder ist es nicht auch der TV-Sender, der diesen Personen einen Kanal gibt, um diese erst einer Masse zugänglich zu machen?

Grenzüberschreitungen und (keine) Konsequenzen

Während ProSieben mit den überraschenden Aktionen von Joko und Klaas in der letzten Zeit einige Male positives Aufsehen erregt hat, sei es durch ihre gnadenlose Berichterstattung über Moria, durch einen Rundgang durch „Männerwelten“, die einen Blick auf die tagtägliche Belästigung von Frauen eröffnet haben oder zuletzt durch die Begleitung einer Pflegekraft, mit der gezeigt werden sollte, dass die große Leistung und der unermüdliche Einsatz von Krankenhaus- und Pflegepersonal generell und nicht nur in Corona-Zeiten #NichtSelbstverständlich ist, so leisten sich andere Sender einen Klopper nach dem anderen.

Bei „Promis unter Palmen“, einer Sendung, die durch ihren Beititel „Für Geld mache ich alles!“ schon darauf verweist, mit welchem Niveau wir es hier zu tun haben, gibt Z-Promi Prinz Marcus von Anhalt nicht nur ordentlich Bodyshaming zum „Besten“, sondern auch homophobe Äußerungen gegenüber Katy Bähm ab. Und da fragt man sich: Warum wurden diese Äußerungen nicht direkt am Set unterbunden und wenn schon nicht das, warum strahlt Sat.1 dann diese Szenen aus und schneidet sie im Vorfeld nicht raus? Warum diesem Menschen und seinem diskriminierenden Gedankengut Raum geben und keine Konsequenzen ziehen? Nun wurde der Prinz direkt am ersten Abend aus der Show gewählt, immerhin. Doch als mit der Ausstrahlung der Szenen die Stimmen im Netz laut werden, versteckt sich Sat.1 hinter einem simplen Tweet, in dem sie darauf hinweisen, dass sie die Szenen zeigen wollten, da das Thema Homophobie Aufmerksamkeit bedarf. Später schießen sie hinterher:

Wow. Das ist in etwa so, wie bei einer „Black Lives Matter“-Demonstration ein „All Lives Matter“ reinzuschmeißen. Oder bei einer Diskussion über Gleichberechtigung für Frauen zu sagen, dass aber auch Männer einen Weltmännertag haben sollten, der Gleichberechtigung wegen. Zumindest nimmt Sat.1 die Folge „Promis unter Palmen“ später aus der Mediathek und macht sie damit für niemanden mehr zugänglich und der Sender gibt bekannt, dass Prinz Marcus künftig in keiner Show des Senders mehr zu sehen sein wird. Soweit, so gut. Und warum war Sat.1 hier erst so verspätet fähig Konsequenzen zu treffen? Aufgrund des großen Shitstorms, der sich im Netz entfachte?

Apropos Shitstorm. Was Sat.1 kann, kann VOX auch. Nachdem zwei Männer in einer der neuen Folgen „Die Höhle der Löwen“ den Investoren und Investorinnen mit Pinky Gloves, pinken Periodenhandschuhen, ein absolut innovatives und me-ga diskretes Produkt vorgestellt haben, das es endlich ermöglicht, dass Frauen ihre Tampons und Binden auf maximal umweltschädliche Weise entsorgen können, wurde wieder einmal eine Welle in Gang gesetzt, die Ausmaße annahm, mit denen der Sender im Vorfeld wohl nicht gerechnet hat – sonst wäre auch hier vermutlich eher eingegriffen worden. Worum es genau ging? Zwei Männer, geprägt von der Zeit, in der sie in einer Frauen-WG gewohnt haben und es unzumutbar fanden, im Mülleimer unangenehm riechende, durchtränkte Hygieneprodukte ihrer Mitbewohnerinnen vorzufinden, kamen auf die geniale Idee, pinke Einmalhandschuhe zum Entnehmen, Einrollen, Entsorgen und neuen Einsetzen von Tampons zu erfinden. Pink, weil Frauen das mögen. Ralf Dümmel fand die Idee super und investierte. Die Geschichte wäre weniger schlimm, wenn nicht vor etwa zwei Jahren schon einmal zwei Frauen mit Menstruationsunterwäsche in der Sendung ein Periodenprodukt vorgestellt hätten, das nicht nur sinnvoll, sondern auch umweltfreundlich und kostensparender war. Das Feedback damals: Produkt sei viel zu nischig. Stimmt. Menstruierende Menschen: ein verschwindend geringer Anteil unserer Gesellschaft.

Natürlich hagelte es für die pinken Handschuhe viel Kritik. Hier wird ein Problem geschaffen, das gar nicht existiert – und ein Tabu verstärkt, das sehr wohl auch heutzutage noch viel zu stark herrscht: Über Periode spricht man nicht, man darf sie nicht sehen und sollte alles Dazugehörige bitte schnell diskret entsorgen. Zugegeben: Diese Hasstirade, die nach der Veröffentlichung der Folge auf die beiden Gründer einprasselte, hat wirklich niemand verdient. Auch nicht für ein so überflüssiges Produkt. Die Konsequenz: Die beiden nehmen das Produkt vom Markt. Und eine gute Sache hat diese ganze Diskussion doch: Es wurden viele Gespräche über Menstruation angeregt, die hoffentlich nicht verstummen. Doch hätte dem Ganzen nicht auch vorgebeugt werden können? Hätte ein anderes Auffangen der Macher:innen der Sendung diesen Nachhall verhindert? Wäre es konsequenter gewesen, dieses Produkt gar nicht erst in die Sendung zu lassen?

Ein für diesen Beitrag letzter Fall: Die Journalistin Ines Anioli, vielen bekannt durch ihren Podcast „Besser als Sex“, in dem sie mit ihrer Kollegin Leila Lowfire über Tabuthemen diskutiert, spricht seit einiger Zeit immer wieder über eine frühere „toxische Beziehung“, in der sie psychisch und physisch misshandelt wurde und sexuelle Übergriffe erleiden musste. Ein Name wird in diesem Zusammenhang nie genannt, doch die Gerüchte brodeln, dass es sich bei Aniolis damaligen Partner um den Sat.1-Comedian Luke handelt. Beweise gäbe es nicht, zahlreiche Artikel zu dem Thema verschwinden mit enormer Geschwindigkeit und wie von Geisterhand wieder aus dem Netz. Doch die Stimmen, die #KonsequenzenFuerLuke fordern, der aktuell in zahlreiche Sendungen bei Sat.1 integriert ist, werden lauter, sodass der Sender um ein Statement nicht drumherum kam:

Die Unschuldsvermutung ist generell ein hoch zu bewertendes Gut. Aber was ist das für ein Statement? Wo ist der faire Ansatz, sich um eine Aufklärung zu bemühen, wo ist der respektvolle Ansatz allen Opfern sexueller Gewalt gegenüber, zu verdeutlichen, dass diese Vorwürfe gehört wurden und ernst genommen werden? Davon ist absolut nichts zu spüren.

Ganz anders ein aktueller Fall: Willi Herren ist überraschend gestorben. Aus Pietätsgründen wird Sat.1 die verbleibenden Folgen „Promis unter Palmen“, bei denen auch Herren als Kandidat mit dabei ist, nicht zeigen. Schnelles, korrektes Handeln ist also doch möglich. Warum also nicht öfter so?

Verantwortung übernehmen, Stellung beziehen, Zeichen setzen

Dieser ganze Hass, der sich in Sekundenschnelle im Netz entfacht, ist nicht nur traurig, sondern auch extrem gefährlich. Das ist ein ganz großes Problem unserer heutigen, digitalen Zeit. Doch manchmal kann nur die Masse im Netz bewegen, dass sich Sender eines Mediums, das auch heute noch ein Leitmedium ist, in die Pflicht genommen fühlen. Und auch wenn TV-Sender nicht verantwortlich für die Aussagen und Taten einzelner Protagonist:innen ihrer Formate sind, so tragen sie meiner Meinung nach dennoch große Verantwortung – für das, was sie zeigen, wem sie Raum geben, sich und die eigenen Meinungen zu präsentieren und genauso auch, welche Position sie als Sender dazu beziehen.

Bilder: Sat.1

Ein Kommentar

  • Naja, das Ganze ist schon ein bisschen kompliziert. Einerseits wäre es schön, wenn Fernsehsender ein gewisses Niveau halten würden. Und etwas zu zeigen, bedeutet nicht immer, es auch gutzuheissen (Siehe vor ein paar Jahren die Diskussion über „Wolf Of Wall Street“, in der Scorcese vorgeworfen wurde, er wäre auf Seiten der Protagonisten, einfach nur, weil er ihre Geschichte erzählte.). Aber wenn man wirklich minutenlang unkommentiert eine Schwulenfeindliche Tirade zeigt, die tatsächlich aus der Seele eines echten Menschen kommt und eben nicht von einem Schauspieler, der einen Unsympathen spielt und nur sagt, was jemand für ihn schrieb, fragt man sich schon wo „Was für ein Arsch, aber Kontroverse ist gut für die Quote!“ endet und „Ha, der sagt wie es ist!“ anfängt.

    Allerdings, auch wenn gerade in der heutigen Zeit zuletzt immer wieder gezeigt wurde, wie gewisse Menschen einfach alles Nachplappern, was sie in Funk, Fernsehen und Internet hören, sind die Sender auch nicht für die Dummheit der Zuschauer verantwortlich. Zum Beispiel bin ich der Meinung, dass so Serien wie „South Park“ oder „Family Guy“ sehr viel zur neuen Normalisierung von Nazis beigetragen haben, da man ja jetzt jeden antisemitischen Spruch mit „Hey, war doch nur ein Witz, hat doch Cartman gesagt“ verharmlosen kann. Zudem ist es schwieriger so einen Humor zu einem Tabu zu erklären, wenn man diese Witze jeden Tag auf Comedy Central um die Ohren gehauen bekommt.

    Aber gebe ich Stone, Parker und MacFarlane WIRKLICH die Schuld dafür, dass irgendwelche Teenager den Holocaust und Vergewaltigungen für verdammt witzig halten? Nein. Idioten sind halt Idioten und da können die Fernsehmacher nichts dafür, wenn ihr Publikum falsch erzogen wurde.

    Über Luke: Das ist das erste mal, dass ich etwas davon höre, also nehme ich jetzt nur die Infos die ich vom obigen Artikel habe.

    Also eine Ex-Partnerin von Luke sagt, einer ihrer Ex-Partner hätte sie missbraucht, sie nennt aber keinen Namen und alle Anschuldigungen kommen von völlig fremden Personen, die nicht dabei waren und vermutlich auch nur diesen einzelnen ex-Partner kennen, einfach nur, weil er ein Promi ist? Sorry, aber da würde ich auch keinen meiner Mitarbeiter feuern. Versteht mich nicht falsch, sobald es konkrete Anschuldigungen oder sogar Beweise gibt, raus mit ihm. Aber Sat 1 ist NICHT die Polizei! Sie sind nicht dafür zuständig, Verbrechen aufzuklären. Im Zusammenhang mit #MeToo gibt es immer den Satz „Believe the victims“, aber aktuell ist es genau so möglich, dass Luke ein Opfer von wilden Anschuldigungen irgendwelcher völlig fremder Menschen ist, die die Betroffenen nur aus dem Fernsehen, bzw ihrem Podcast kennen.

    Aber um insgesamt auf den Punkt zu kommen: Es gibt Gesetze und Regelungen darüber, was, wann und wieso im Fernsehen gezeigt werden darf. So sehr ich mir auch eine echte Qualitätsoffensive wünschen würde, im Endeffekt dürfen die Sender zeigen was sie wollen, solange es nicht gegen diese Richtlinien verstößt. Und wer es nicht sehen will, soll abschalten. Funktioniert für mich ganz gut.


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