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Chris regt sich auf

Nein, „Sky Rojo“ ist nicht „tarantinoesque“!

27.03.21 11:41
SerienTV
Spoilerfrei
Chris
27.03.21

Wer fleißig unseren Serienblog verfolgt, der weiß, ich habe „Sky Rojo“ nicht nur gesehen, sondern sogar rezensiert. Sehr viele Medienberichte und Reviews über diese neue Netflix-Serie verwenden dabei gezielt Tarantino-Anspielungen/Vergleiche. Anscheinend sollen damit wohl haufenweise Zuschauer und Klicks generiert werden. Klar, wenn man diesem Kultregisseur das Wasser reichen kann, hat man schon so einiges erreicht. Denn Fakt ist: Der Stil des bekannten Regisseurs Quentin Tarantino ist eindeutig erkennbar. Das Wort „tarantinoesque“, welches gerade diesen Stil kennzeichnet, wurde deshalb 2018 in das Oxford English Dictionary aufgenommen. Es steht für „grafische und stilisierte Gewalt, nichtlineare Plotverläufe, Referenzen auf andere Filme, satirische Themen und scharfzüngige Dialoge“. Wer Tarantino mag, weiß, was damit gemeint ist. So weit so gut. Dass diese Vielschichtigkeit und eigene Bildsprache sich zu einem runden Werk verarbeiten lassen, ist seeeehr schwierig und eine Serie/ einen Film mit Tarantino zu vergleichen, kommt doch so etwas wie einem Ritterschlag gleich. Warum ich das schreibe? Weil „Sky Rojo“ alles ist, aber bestimmt nicht tarantinoesque!

Wer aber Tarantinos Werke kennt, beispielhaft möchte ich nur „Pulp Fiction“, „Inglourious Basterds“ oder „Kill Bill“ in Erinnerung rufen, der weiß, dass dessen Look sicherlich sehr oft kopiert, aber ganz selten erreicht wurde. Auch „Sky Rojo“ erreicht dies nicht, wobei ich natürlich keinesfalls behaupten möchte oder kann (wider besseren Wissens), dass dies beabsichtigt wäre. Ganz egal, ich möchte mich in meinem kleinen, ganz persönlichen Aufreger hier nur darüber beschweren, mich darüber aufregen, dass eben überhaupt Vergleiche zu Tarantino gezogen werden, wenn das Machwerk dies keinesfalls verdient.

Okay, was ist denn überhaupt noch Tarantino-typisch: er steht nicht wirklich auf CGI, er mag Effekte lieber handgemacht. Weiter lehnt er Product-Placement ab, bringt lieber erfundene Marken und Logos in seine Filme ein (man denke an den legendären „Big Kaluha Burger“ oder die Zigarettenmarke „Red Apple“). Weibliche Darsteller tragen bei Quentin gerne Hosenanzüge und werden häufig als kämpfende Amazone gezeigt, die sich eben nicht (nur) auf ihre weiblichen Reize verlassen. Aktentaschen und Koffer kommen irgendwie auch sehr oft vor. Des Weiteren steht er auch auf alte Ami-Schlitten. In „Sky Rojo“ kommen aber, wie meine Review zeigt, eindeutig eher europäische Fahrzeuge älteren Baujahres zum Einsatz (BMW E30, Volvo).

Die (und ich nenne sie jetzt absichtlich so, um den Gegensatz besser darstellen zu können) Mädels kämpfen in der Serie natürlich auch und benutzen Waffen, aber es gibt einen signifikanten Unterschied zu den Frauen bei Tarantino. Sei es Uma Thurman in „Kill Bill“ oder Mélanie Laurant alias Shoshana in „Inglourious Basterds“: diese wollen UNBEDINGT Rache, sind dabei sehr zielstrebig und schrecken vor nichts zurück, während unsere Mädels bei „Sky Rojo“ leider den Eindruck erwecken, irgendwie durch Zufall genau da zu sein, wo sie jetzt sind. Sie planen schön, was sie denn nicht alles vorhaben, aber leider fehlt ihnen die Durchzugskraft. Sorry, aber ihre Gegner sind bei weitem kein „Hans Landa“ oder eben „Bill“. Irgendwie fehlt da die intellektuelle Herausforderung für ein richtiges Katz-und-Maus-Spiel.

Wenn wir schon bei fehlender Durchzugskraft sind, kommen wir gleich zum nächsten Thema: Die Gewalt. Tarantino hat es geschafft, diese sehr übertrieben, düster, comichaft, aber gleichzeitig ästhetisch darzustellen. Wo war denn diese Gewalt? Nicht, dass „Sky Rojo“ das nötig hätte, nein, nicht falsch verstehen. Aber wenn ich nur „Tarantino…“ höre, so erwarte! ich Blut, viel Blut, Gemetzel, eine Kamera die da auch „draufhält“. Der Kampf zwischen Uma Thurman und Lucy Liu in „Kill Bill“, bei dem so viel Blut floss, dass die Szene in Schwarz-Weiß gezeigt wurde, das Abtrennen von Skalps in „Inglourious Basterds“, das Auspeitschen von Sklaven in „Django Unchained“, der „Unfall“, bei dem John Travolta/ Vince Vega aus Versehen „Marvin“ in den Kopf schießt und damit das komplette Auto versaut…

Gewaltdarstellungen dieser Art gab es in den acht Folgen „Sky Rojo“ nicht einmal ansatzweise.

Fazit: Man will wie Tarantino sein, aber da ihn so viele Kleinigkeiten ausmachen, die perfekt miteinander verwoben sind, kann man nur scheitern. Deswegen wohl -esque, weil darin das Scheitern inbegriffen ist.

Allgemein bleibt mir hier festzustellen:

„Genie und Wahnsinn sind eng verbunden.“
Edgar Allan Poe

Bilder: Netflix, Sky

5 Kommentare

  • Ja, ich weiß, was Du meinst. Ich rege mich auch regelmäßig auf, wenn mal wieder jemand auf die Idee kommt, diese und jene Serie (DARK!) mit Twin Peaks zu vergleichen. Nur weil sie vielleicht ein bisschen anders ist als die Norm. Oder ich erinnere an die Diskussion, als die Pastewka-Serie als das deutsche „Breaking Bad“ angekündigt wurde, nur weil es ganz entfernt um eine ähnliche Thematik gehen könnte.

    Schon klar, man will damit die entsprechenden Fans und damit eine größere Zielgruppe anlocken, ich bin aber mittlerweile dazu übergangen, mit Twin Peaks verglichene Serien gar nicht erst zu schauen.

    • Sehr vernünftige Einstellung, Michael. Ich überlege mir auch künftig neue Kriterien festzulegen für Serien, die ich als wirklich sehenswert erachte :)

    • Patrick

      Michael, du lässt Serien links liegen, nur weil irgendein beliebiger Schreiberling meint, Bezüge zu Twin Peaks herstellen zu müssen?

      Da würde ich vermutlich eher den Schreiberling und seine Rezensionen links liegen lassen und nicht unbedingt die von ihm rezensierte Serie. :-)

      • Patrick, erstmal bitte die Vokabel ‚Schreiberling‘ weglassen – die hasse ich noch mehr als diese Serienkategorisierungen. ;-)
        Ansonsten werden die Vergleiche ja in der Regel von den Produktionsfirmen oder Sendern angeschoben. Insofern würde es dann eher schwierig, gleich mal Netflix komplett links liegen zu lassen. Und wenn man solche Vergleiche schon nötig hat, dann weiß man… ok, ich nehm’s auf die Liste, aber gaaaaaanz weit unten. ;-)

  • Falls er zufällig mitliest hier: Happy Birthday zum 58. Geburtstag heute, lieber Quentin!😁

    Der Veröffentlichungstag meines Aufregers war perfekt getimt💪😜


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