Sex ohne Liebe ist besser als gar kein Sex.

Review: „Sky Rojo“ – Staffel 1

Mini-Spoiler
Chris
21.03.21

„Spanien steht in Europa an erster Stelle beim Konsum von Prostitution und an dritter weltweit. Wir machen keine Gewinne mit Stahl und mit Bergbau auch nicht, sondern mit Nutten. Und darauf können wir mehr als stolz sein.“ (Romeo)

Ich bin niemand, der sich von irgendwelchen Hypes, Vorschusslorbeeren, Presse oder sonstigen „wichtigen“ Medien beeinflussen lässt. Deshalb gehe ich auch nicht darauf ein, welche Köpfe hinter „Sky Rojo“ stecken und was diese vorher schon an erfolgreichen Serien auf den „Markt geschmissen“ haben. Ich schildere euch aber meine Eindrücke dieser neuen, seit 19. März bei Netflix verfügbaren Serie, deren Trailer ihr hier findet. Die Story ist ganz kurz zu umschreiben: Drei (Ex-) Prostituierte fliehen vor ihrem Chef, um ein neues, ehrliches und „sauberes“ Leben zu beginnen. Wie es so meine Art ist, stelle ich die Hauptcharaktere kurz vor, so auch hier. Als da wären die drei Damen: Coral, Gina und Wendy, ihr Boss Romeo (wie sollte er sonst heißen) und dessen linke und rechte Hand: Christian und Moisés. Beginnen wir mit Coral.

Coral hat schon Einiges durch, ist die Älteste und Erfahrenste im Bunde. Im Verlauf der Serie erfahren wir von allen Mädels einige Eckpunkte aus ihrer Vergangenheit, so auch von Coral. Sie hat sauber Dreck am Stecken, sogar einen Mord zu verbergen und ihre Identität geändert. Im Club wollte sie entsprechend ein neues Leben beginnen. Ihrer Vergangenheit geschuldet ist es auch, dass sie über ein äußert niedriges Selbstwertgefühl verfügt und stets versucht, der Realität durch Drogenkonsum in Form von Medikamenten-Cocktails jedweder Art zu entfliehen. Ihre Stimme begleitet uns aus dem Off über alle acht knackig-kurzen Episoden (rund 25min.) und teilt dem Zuschauer Insiderinfos oder auch nur eigene Eindrücke mit:

„Wir waren wie verletzte Tiere auf der Flucht, die hinter sich eine Blutspur herzogen. Allein, mitten in der Wüste wurde uns klar, dass es kein Zurück mehr gab und dass nichts schlimmer sein würde als die Vergangenheit.“

Diese Flucht wurde von Gina in der erste Episode eröffnet und setzt die Ereignisse in Gang, die in den Folgeepisoden gezeigt werden. Nachdem sie endlich das Geld zusammen hat, um ihre Schulden bei Romeao zu begleichen, möchte sie sich selbst freikaufen und aussteigen, weshalb sie im Büro des Clubbesitzers und Haupt-Zuhälters Romeo auftaucht. Dieser ist natürlich alles andere als erfreut, präsentiert ihr einige Fantasiezahlen, die noch offen stehen und möchte sie auch noch aufgrund Respektlosigkeit etwas in ihre Schranken weisen. Das geht schief, ihre Schreie alarmieren schließlich ihre künftigen Komplizinnen Coral und Wendy. Gina will endlich ihr Leben ändern, denn sie hat einen kleinen Sohn, den sie in ihrem Heimatland bei ihrer Mutter gelassen hat und dem sie künftig eine gute Mutter sein möchte. Klingt nach 0815-Klischee? Klar. Egal. Es geht nicht um Story, sondern eigentlich um Action. Gina selbst ist die Sanfte im Bunde der Drei, die Ruhige und Süße, die Unschuld repräsentiert und entsprechend agiert. Ganz anders als Wendy.

Wendy, die Latina-Schönheit mit blond gefärbtem Haupthaar zeigt ihre Stärke erst gegen Mitte der Serie. Sie steht ihren Mann und hat ordentlich Power, wenn es darauf ankommt. Sie landete im Clubbordell, weil sie gemeinsam mit ihrer Lebensgefährtin durchbrennen wollte, dazu aber Geld fehlte. Wendy entschied sich, dies als Prostituierte zu verdienen und jeden Cent davon ihrer Freundin zu schicken, welche für die gemeinsame Zukunft sparen sollte. So weit, so gut, so falsch gedacht. Diese macht sich natürlich mit dem Geld aus dem Staub und entsprechend hat Wendy auch nichts mehr zu verlieren. Sie nimmt kein Blatt vor den Mund, auch nicht, wenn es um Coral geht:

„Du bist ’ne Nutte und hast ein Verhältnis mit deinem Zuhälter, spinnst du? Hast du zu oft Pretty Woman gesehen oder was?“

Mit Zuhälter meint sie hier aber Moisés, nicht dessen Chef Romeo.

Romeo ist Clubbesitzer, Chef-Zuhälter und Hobby-Philosoph. Irgendwie ist er echt eine coole Sau und verfügt über eine gute Portion Charisma. Wenn er im Kreise der Führungsriege des Clubs seine Weltanschauung und die Clubregeln verkündet, wie damals Moses die 10 Gebote, ist ihm die Aufmerksamkeit aller sicher. Romeo hat auf alles eine Antwort, kann, so scheint es, jedes Problem lösen und führt seinen erfolgreichen Club mit harter Hand. Er lebt (eigentlich) auch selbst nach diesen Grundsätzen. Einer davon ist es, die neuen „Pferdchen“ im Stall selbst testweise einzureiten und zu trainieren. Ein anderer aber, seinem „Personal“ nie zu nahe zu kommen, um sie auch weiterhin als Ware betrachten zu können. Seine Lieblings-Ganoven sind die Brüder Christian und Moisés, die quasi Romeos linke und rechte Hand darstellen und dementsprechend auch diejenigen sind, die auf die Fährte der drei Geflüchteten gesetzt werden.

Moisés ist der ältere der beiden Brüder, welterfahren, charmant, sehr attraktiv, ein klassischer Bad-Boy mit entsprechendem Körperbau eben. Er hat wohl die Vaterrolle für seinen jüngeren Bruder Christian übernommen und passt auf diesen auf, so gut es ihm möglich ist. Moisés steht schon lange im Dienste von Romeo und hat unter anderem die Aufgabe, neues Personal für den Club anzuwerben, vorzugsweise in den Elendsvierteln Südamerikas. Deren Familien verspricht er gutes Geld, deren Töchter werden selbstverständlich als Kellnerin in Nobelclubs benötigt, von Prostitution wird kein Wort erwähnt. Sein Auftreten und gutes Aussehen sind hierbei klar von Vorteil und so füllte er über Jahre hinweg den Club mit Frischfleisch, also stets neuen, hübschen Damen. Nicht nur seine Optik ist cool, auch seine Sprüche sind es:

„Die Welt ist voll von Arschlöchern, die Scheiße bauen und nichts tun, um es wieder gut zu machen. Ich bin mir wenigstens dessen bewusst. Es schafft ’nen Ausgleich, ist gut fürs Karma.“

Anders sein Bruder Christian, welcher offensichtlich weniger gesegnet von Mutter Natur ist und scheinbar stets das Nachsehen gegenüber seinem Bruder Moisés hat.

Dazu kommt noch eine Drogensucht, der er regelmäßig nachkommt. Irgendetwas wird immer geschnieft oder geraucht, er rechtfertigt seinen Drogenkonsum damit, dass das doch normal wäre oder zumindest kein Problem darstellt.

Hmm.. ja. Und so jagen sich die Hauptcharaktere eben quer über den Flatscreen, mehr schlecht als recht. Es reicht aber immerhin für

Mehr war nicht drin, denn wer, wie ich, hier vielleicht mehr Action erwartet hat, dürfte etwas enttäuscht werden. Die Serie legt wenig Tempo vor, es plätschert alles irgendwie so dahin. Regelmäßige Rückblenden zeigen in jeder Folge Ausschnitte aus der Vergangenheit der Hauptcharaktere, andere Rückblenden erzählen von dem harten Arbeitsalltag im Club und weihen in das eine oder andere Geheimnis ein. Ich habe so zumindest lernen dürfen, was „schwarze Küsse“ sind oder welcher Gewinn durch den Betrieb eines Bordell-Clubs zu erzielen sein könnte. Das erinnert ein bisschen an Tarantino. Auch an zwischenzeitlich coolen Sprüchen oder der ein oder anderen Kameraeinstellung könnte man erahnen, dass jener wohl irgendwie als Vorbild gedient haben könnte.

Die Charaktere selbst sind glaubwürdig dargestellt, besonders Asier Etxeandia geht scheinbar in seiner Rolle als Romeo auf und hatte augenscheinlich viel Spaß daran, den Bordellboss zu spielen. Der Darsteller des Moisés, Miguel Ángel Silvestre, war mir bereits gut bekannt. In der Horror-Serie „30 Coins“ gab Miguel den etwas blauäugigen und naiven Bürgermeister und glänzte dort vor allem durch sein gutes Aussehen.

Doch irgendwie mag der Funke trotzdem nicht überspringen, auch wenn die Charaktere an sich schon irgendwie sympathisch sind. Doch durch das langsame Tempo nimmt man weder den Damen ab, dass es um Leben und Tod geht, noch den Herren, dass sie die Flüchtigen wirklich schnappen wollen. So ist das ganze eine Mischung aus Roadmovie, Comedy, Drama, Thriller und Crime, alles ein bisschen surreal, aber nichts davon wirklich, sondern irgendwie bleibt alles in den Anfängen stecken bzw. ist es wie eine Fahrt mit angezogener Handbremse. So wirkt „Sky Rojo“ dann doch eher wie ein Film, der künstlich auf Serienlänge gestreckt wurde.

Logiklücken gibt es natürlich auch. Auffällig war für mich zum Beispiel, dass eine junge Prostituierte, die irgendwo in Elendsvierteln dieser Welt groß wurde, perfekt Motorrad fahren und auch einen riesigen Bagger fehlerfrei bedienen kann. Selbst unter gewaltigem Stress saß jeder Handgriff, mich hätte allein das Cockpit des Baugeräts überfordert. Aber, Logik war auch sicherlich nicht das, worauf bei „Sky Rojo“ das Hauptaugenmerk gelegt wurde. Nebenbei fiel mir auf, dass wieder europäische Youngtimer eine wichtige Rolle spielen: Fluchtfahrzeug war ein bunt bemaltes BMW E30-Cabrio, weiter ging es mehrere Folgen in einem urigen Volvo-Kombi.

Das Ende der ersten Staffel wurde absichtlich offen gehalten. Aufgeklärte und interessierte Zuschauer wissen bereits: Es wird eine zweite Staffel geben. Damit also ein Wiedersehen mit Coral, Gina und Wendy und so einigen anderen, mittlerweile bekannten Charakteren. Ich bin gespannt und werde auch einer zweiten Staffel von „Sky Rojo“ eine faire Chance geben.

„Die Huren sind ehrlich und tun, was ihnen lieb ist, und ruinieren nicht den Mann durch das Band der Ehe.“
Friedrich Wilhelm Nietzsche

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