Netflix arbeitet offenbar an einem neuen Serienformat, das klassische Erzählstrukturen aufbricht und den Zuschauer stärker denn je in die Handlung einbindet. Im Zentrum steht eine interaktive Serie, deren Verlauf sich nicht nur verzweigt, sondern in Teilen in Echtzeit verändert – gesteuert durch kollektive Entscheidungen von Zuschauer:innen und unterstützt durch generative KI.
Dass sich Netflix intensiv mit dem Thema KI beschäftigt, ist nicht neu – wir haben es hier im Blog bereits thematisiert, zum Beispiel in Sachen Synchronisation von Serien. Zuletzt hat Netflix das KI-Unternehmen InterPositive des US-Schauspielers Ben Affleck gekauft. Mit dem Zukauf wolle der Streamingdienst nach eigenen Angaben die Möglichkeiten der Künstlichen Intelligenz in der Filmproduktion nutzen, ohne dabei Arbeitsplätze von Kreativen zu gefährden, heißt es dazu beispielsweise beim SPIEGEL.
Die Idee einer interaktiven KI-Serie klingt zunächst nach einer konsequenten Weiterentwicklung von Experimenten wie „Black Mirror: Bandersnatch“, geht laut Insidern deutlich darüber hinaus. Während frühere interaktive Formate auf vorproduzierten Entscheidungspfaden basierten, soll das neue Konzept hybride Technologien nutzen: eine Kombination aus klassischen Dreharbeiten, vorberechneten Story-Varianten und KI-generierten Szenen, die dynamisch eingefügt werden können.
Eingreifen per Live-Voting-System
Kern des Formats wäre ein Live-Voting-System; und falls jetzt ältere Semester an TED-Abstimmungen wie den ZDF-Wunschfilm in den 80ern zurückdenken – nein, so wird’s sicher nicht werden. Fernsehen zum Mitspielen gibt es immerhin seit dem 23. November 1953, als es zum ersten Mal „Ich seh‘ etwas, was Du nicht siehst“ hieß. Damals konnte man noch per Postkarte mitspielen – Christian Richter hat die Welt der Mitspiel-Sendungen wunderbar in diesem Beitrag aufbereitet. Und Fernsehen zum Mitbestimmen hat sogar eine noch längere Tradition – seit dem 2. Juli 1946 im CBS Radio Theater #3 in New York. Auch das hat Christian Richter hier prima aufbereitet.
Was ist jetzt hier in der Zukunft möglich? Denkbar wäre eher, dann an bestimmten Punkten innerhalb einer Episode uns Zuschauer:innen Entscheidungsoptionen eingeblendet werden – etwa, ob eine Figur eine riskante Entscheidung trifft, eine Beziehung beendet oder ein Geheimnis offenbart. Die Abstimmung erfolgt innerhalb weniger Sekunden, das Ergebnis wird aggregiert und beeinflusst unmittelbar den weiteren Verlauf der Episode. In einem globalen Modus sehen dabei alle Zuschauer:innen dieselbe, durch Mehrheitsentscheidungen bestimmte Version der Geschichte. Parallel dazu soll es auch personalisierte Modi geben, in denen individuelle Entscheidungen zu eigenen Handlungsverläufen führen.
Technisch könnte Netflix demnach auf eine sogenannte „adaptive narrative engine“ setzen. Diese analysiert in Echtzeit Abstimmungen, Nutzerverhalten und dramaturgische Parameter und entscheidet, welche vorproduzierten Szenen abgespielt oder welche KI-generierten Sequenzen eingefügt werden. Gerade bei Übergängen und Dialogvarianten kommt generative KI zum Einsatz: Sie kann Gespräche leicht abwandeln, Perspektiven verändern oder Nebenfiguren dynamisch anpassen, ohne dass jede Variante zuvor vollständig gedreht werden muss.
Besonders weitreichend ist die geplante Personalisierung von Charakteren. Zuschauer:innen könnten demnach Einfluss auf Aussehen, Stimme oder sogar grundlegende Charakterzüge einzelner Figuren nehmen. Möglich wird dies durch KI-basierte Avatare und synthetische Stimmen, die bereits heute in Ansätzen verfügbar sind. In der Praxis könnte das bedeuten, dass ein Nebencharakter in einer Version der Geschichte zum moralischen Gegenpol wird, während er in einer anderen als Antagonist agiert.
Das Geschäftsmodell ändert sich – mal wieder
Mit diesen Eingriffsmöglichkeiten geht ein Geschäftsmodell einher, das deutlich an Mechaniken aus dem Gaming erinnert – hier ist Netflix ja auch bereits ziemlich engagiert, wie hier im Blog nachzulesen ist. Neben dem klassischen Abo könnten zusätzliche Interaktionsoptionen kostenpflichtig sein. So wird in internen Präsentationen offenbar mit Funktionen wie „alternative Story-Pfade freischalten“, „verlorene Figuren zurückholen“ oder „Entscheidungsgewicht erhöhen“ experimentiert. Einzelne Features sollen dabei zu kleinen Beträgen angeboten werden – vergleichbar mit Mikrotransaktionen in Spielen.
Ein besonders diskutierter Ansatz sind sogenannte „Influence Boosts“. Dabei könnten Nutzer ihre Stimme im Abstimmungsprozess verstärken und so die Wahrscheinlichkeit erhöhen, dass ihre bevorzugte Handlung umgesetzt wird. Kritiker sehen darin bereits eine mögliche „Pay-to-influence“-Mechanik, die die kollektive Idee des Formats untergraben könnte. Befürworter argumentieren hingegen, dass genau diese Dynamik neue Formen der Zuschauerbindung und Monetarisierung ermögliche.
Premiere bei der Serie „Shifted“?
Als Testumgebung dient laut Berichten eine Sci-Fi-Serie mit dem Arbeitstitel „Shifted“. Im Mittelpunkt steht eine Welt, in der Realitätsebenen manipuliert werden können – ein Setting, das sich besonders gut für alternative Handlungsverläufe eignet. Entscheidungen der Zuschauer verändern dabei nicht nur einzelne Szenen, sondern ganze Zeitlinien. Erste Beta-Tester berichten von deutlich divergierenden Episodenverläufen, je nachdem, welche Entscheidungen getroffen wurden.
Parallel dazu müsste Netflix an einer Infrastruktur arbeiten, die diese Form des Streamings überhaupt erst ermöglicht. Dazu gehören reduzierte Latenzzeiten, cloudbasierte Rendering-Prozesse und eine enge Verzahnung von Content-Produktion und Datenanalyse. Denn ein zentraler Vorteil des Systems liegt in den Daten selbst: Jede Entscheidung liefert Hinweise auf Vorlieben, moralische Tendenzen und narrative Erwartungen der Zuschauer:innen. Diese könnten künftig direkt in die Entwicklung neuer Inhalte einfließen.
Innerhalb der Branche wird das Projekt aufmerksam beobachtet. Wettbewerber wie Amazon Prime Video und Disney+ dürften ebenfalls mit interaktiven Formaten experimentieren, bislang hat man allerdings offiziell noch nichts von Piloten mit vergleichbarer Integration von KI und Echtzeitmechaniken gehört. Sollte sich das Konzept durchsetzen, könnte es die Grenzen zwischen Streaming und Gaming weiter verwischen – und Netflix in eine neue Rolle als Anbieter interaktiver Story-Erlebnisse bringen.
Wie weit geht die KI-Integration?
Gleichzeitig wirft das Modell grundlegende Fragen auf. Wie viel Kontrolle sollte das Publikum über eine Geschichte haben? Was passiert mit der künstlerischen Vision von Autoren und Regisseuren, wenn narrative Entscheidungen demokratisiert oder sogar monetarisiert werden? Und wie verändert sich das Seherlebnis, wenn jede Entscheidung potenziell Auswirkungen auf den Verlauf hat? Und was mich persönlich interessiert: Wird es irgendwann möglich sein, seine eigenen Figuren zu integrieren, oder sich selbst sogar?
Von Netflix selbst hört man bislang nichts Offizielles. Doch die Richtung ist klar: Der nächste Evolutionsschritt im Streaming könnte weniger darin bestehen, was erzählt wird – sondern wie und von wem die Geschichte überhaupt gestaltet wird.
Hinweis: Ihr habt es womöglich gemerkt – bei dieser Meldung handelte es sich um unseren diesjährigen Aprilscherz. Interessant bleibt natürlich die Frage: Wie realistisch ist ein solches Format in den nächsten Jahren? Und wer würde das nutzen wollen?
Bilder: KI-generiert mit Midjourney






































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