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Cage trifft auf Bogart

Review: „Spider-Noir“ – Staffel 1

10. Juni 2026, 12:07 Uhr

Hollywood-Star Nicolas Cage schlüpft in die Rolle eines abgehalfterten Privatdetektivs im New York der 1930er Jahre. Als er einen neuen, skurrilen Fall erhält, in dem es um Menschen mit besonderen Fähigkeiten geht, wird der einstige Held The Spider auf den Plan gerufen. Und so beginnt ein erstaunlich gelungenes Abenteuer.

Spider-Noir-Titelbild

Als die Live-Action-Serie „Spider-Noir“ angekündigt wurde, war ich zunächst skeptisch, ob die düstere Spider-Man-Alternative und ein über 60-jähriger Cage zusammenpassen würden. Doch schon nach der ersten Episode waren meine Zweifel verflogen, denn die Serie weiß zu überraschen und zählt für mich zu den spannendsten Marvel-Projekten der letzten Jahre. Nicolas Cage spielt den ehemaligen Superhelden The Spider und sein Alter Ego Ben Reilly. Als er in einen Fall verwickelt wird, der zunächst wie eine gewöhnliche Untersuchung beginnt, stößt er auf das organisierte Verbrechen New Yorks um den Gangsterboss Silvermane (überzeugend gespielt von Brendan Gleeson) und dessen dunkle Geheimnisse. Die Serie nimmt sich Zeit, um seine Motivation und seine Vergangenheit auszuleuchten. Dadurch wird er zu weit mehr als einem klassischen Schurken. Parallel dazu begegnet Ben zahlreichen Figuren, die Comicfans sofort bekannt vorkommen dürften. Allen voran Cat Hardy (Li Jun Li), die hier die Rolle der klassischen Femme Fatale übernimmt. Ihre Auftritte in den verrauchten Nachtclubs gehören zu den atmosphärisch stärksten Momenten der Staffel. Besonders eine Szene, in der sie einen Jazz-Song auf der Bühne performt, wirkt, als sei sie direkt einem Film der 1940er Jahre entnommen.

Spider-Noir-Cat-Hardy

Generell lebt „Spider-Noir” von solchen Momenten. Die Serie nimmt sich Zeit für Atmosphäre. Man spürt den Regen auf den Straßen förmlich, riecht den Zigarettenrauch in den Clubs und glaubt jederzeit, dass hinter der nächsten Straßenecke ein Gangster mit Pistole und Hut lauert. Ebenso gut gelungen ist die Entwicklung von Ben Reilly selbst. Anfangs wirkt er wie ein gebrochener Mann, der seine Zeit als Held längst hinter sich gelassen hat. Immer wieder wird deutlich, wie sehr ihn die Erlebnisse des Ersten Weltkriegs geprägt haben. Die Serie nutzt seine Spinnenfähigkeiten sogar als Metapher für Kriegstraumata. Sein Spinnensinn erscheint dabei weniger als coole Superkraft, sondern vielmehr als schmerzhafte Erinnerung, die ihn nie loslässt. Ein Highlight ist die surreal inszenierte Traumsequenz in einer der späteren Folgen. Darin durchlebt Ben seine Kriegserlebnisse erneut. Die Episode spielt mit expressionistischen Bildern, verzerrten Perspektiven und alptraumhaften Symbolen. Gerade in Schwarz-Weiß entfaltet diese Sequenz eine enorme Wirkung und erinnert stellenweise an die frühen Universal-Horrorfilme. Im Verlauf wird die Serie immer experimenteller. Während die ersten Folgen noch stark auf Detektivgeschichte und Gangsterdrama setzen, rücken später die fantastischen Elemente stärker in den Vordergrund. Dabei treten mehrere bekannte Spider-Man-Schurken auf, die für das Noir-Universum neu interpretiert wurden. Besonders Sandman (Jack Huston) bleibt in Erinnerung. Die Serie findet einen interessanten Ansatz, um seine Kräfte und sein tragisches Schicksal in die düstere Welt zu integrieren.

Spider-Noir-SandmanTombstone

Auch die Action kann überzeugen. Anstelle gigantischer CGI-Schlachten setzt „Spider-Noir“ auf kleinere, bodenständigere Auseinandersetzungen. Wenn Ben im Trenchcoat durch enge Gassen flüchtet, auf fahrenden Autos kämpft oder sich mit Gangstern in verlassenen Lagerhäusern anlegt, erinnert das oft mehr an klassische Serials als an moderne Superheldenfilme. Zum Ende hin gewinnt die Serie nochmals deutlich an Fahrt. Besonders gelungen ist dabei, dass sie den Kern der Spider-Man-Figur nicht aus den Augen verliert. Hinter all den düsteren Bildern und dem zynischen Humor bleibt Ben Reilly jemand, der Menschen helfen möchte. Es gibt einen entscheidenden Moment im Finale, in dem er einem Gegner nicht mit Gewalt begegnet, sondern versucht, ihn zu retten. Genau in diesem Augenblick werden die typischen Spider-Man-Eigenschaften sichtbar. Auch sonst liegt die Serie auf hohem Niveau. Die Ausstattung ist hervorragend, die Kostüme wirken authentisch und New York wird fast zu einer eigenen Figur. Besonders beeindruckend sind die Kameraarbeit und die Beleuchtung. Durch schräge Kamerawinkel, harte Schatten und starke Kontraste entsteht permanent das Gefühl, sich in einem klassischen Noir-Film zu befinden. Alle Folgen sind sowohl in Schwarz-Weiß als auch in Farbe abrufbar. Ich habe sie teilweise in beiden Fassungen gesehen. Die Farbversion sieht gut aus und erinnert mit ihren kräftigen Tönen an frühe Technicolor-Filme. Dennoch funktioniert die Serie für mich eindeutig besser in Schwarz-Weiß. Dadurch gewinnen viele Szenen an Tiefe und Stimmung. Die Gesichter wirken markanter, die Schatten bedrohlicher und die Welt erscheint insgesamt glaubwürdiger. Nicht jede Episode ist perfekt. Vor allem im Mittelteil verliert die Handlung stellenweise etwas an Dynamik. Einige Nebenfiguren erhalten mehr Aufmerksamkeit als nötig und manche Ermittlungsstränge hätten straffer erzählt werden können. Diese kleineren Schwächen fallen jedoch kaum ins Gewicht, da die Serie stilistisch und schauspielerisch so stark ist. Bleibt zu hoffen, dass dies nicht das letzte Mal war, dass wir The Spider in Aktion gesehen haben.

Fazit

Eine überraschend gelungene Comic-Adaption mit einem großartig aufgelegten Hauptdarsteller und einem tollen Noir-Feeling.

Bilder: Amazon Prime Video

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Mittwoch, 10. Juni 2026, 12:07 Uhr
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