Donald Glover Wunderkind!

Review: Atlanta Staffel 1

SPOILER !!
Anna
21.03.17

Der Sender FX hat mal wieder, das muss man neidlos anerkennen, einen Coup gelandet: Atlanta von und mit Donald Glover.
Glover, auch als Musiker Childish Gambino bekannt, ist dem versierten Serienkonsument durch die Comedyserie Community ein Begriff. Nun hat er also Atlanta erschaffen, und natürlich übernimmt er auch die Hauptrolle. Nebenbei schreibt er, führt auch mal Regie und ist ausführender Produzent. Wow, nicht schlecht.

Darum geht es

Earnest „Earn“ Marks (Glover) ist ein sehr intelligenter, aber erfolgloser Millenial und Universitätsabbrecher ohne Perspektive, der mehr schlecht als recht über die Runden kommt. Nicht mal seine Eltern wollen ihm kurzfristig aufnehmen, also übernachtet er mal bei seiner On/Off-Freundin Van (die gleichzeitig die Mutter seiner kleinen Tochter ist) oder bei Freunden. Als sein Cousin Alfred als Rapper „Paper Boi“ lokalen Ruhm erlangt, wittert Earn seine Chance und bietet sich als Alfreds Manager an. Von da an verbringt Earn viel Zeit mit Alfred und dessen dauerbekifften Kumpel Darius.

Um gleich eins vorwegzunehmen: Atlanta ist großartig. Glover scheut sich nicht, gesellschaftlich relevante und brisante Themen zu behandeln und nimmt Stereotypen aufs Korn. Außerdem erinnert mich Atlanta sehr an Aziz Ansaris Master Of None. Beide handeln von einer Gesellschaft jenseits des weißen Mittelklasse-Amerikas.

„Poor people don’t have time for investments because poor people are too busy trying not to be poor.“ – Earnest „Earn“ Marks

Die Serie behandelt eigentlich jede Folge ein wichtiges Thema, wenn nicht sogar mehrere. Es geht um Polizeigewalt, Diskriminierung von Mitgliedern der LGBT-Gemeinschaft, gender equality und Rassismus. Aber auch der (bedenkliche?) Umgang mit Social Media (Instagram, Snapchat) findet seinen Platz.
Die Polizeigewalt ist in den USA derzeit so omnipräsent, dass ihr in Atlanta mehrfach Platz eingeräumt wird. In Episode 2 („Streets on Lock“) und 10 („The Jacket“) trifft die Thematik den Zuschauer unverhofft, sodass sie ihre Wirkung so richtig entfalten kann.

Und was für ein Cast! Allen voran natürlich Glover, aber auch Zazie Beetz (Van) und Keith Stanfield (Darius) sind einsame spitze.
Gerade beim Charakter Darius fragt man sich, wie er mit Alfred aka „Paper Boi“ befreundet sein kann, da die beiden doch sehr unterschiedlich sind. Darius ist oft bekifft und hat oft unkonventionelle Ideen (Beispiel Schießstand, was ich als überaus amüsant und auch wahr angesehen habe).

Ein weiteres Highlight ist definitiv Folge 7 („B.A.N.“). Es wird eine fiktive Talkshow („Montague“), inklusive fiktiver Werbung und Sender, gezeigt, in der „Paper Boi“ zu Gast ist. Er darf dann stellvertretend für uns Zuschauer die groteske Reportage kommentieren und seinen Augen und Ohren nicht trauen. Satire vom Feinsten!

Neben den gesellschaftskritischen Themen scheut sich Atlanta aber auch nicht vor surrealen, witzigen Szenen. Das beste Beispiel ist hier das Ende von Episode 8 („The Club“). Man muss es gesehen haben, um es zu glauben. Diese Folge zeigt außerdem das amüsante Katz-und-Maus-Spiel von Earn und einem Clubbesitzer, der Earn und „Paper Boi“ die Gage schuldet. Oder ein schwarzer Justien Bieber! Auf so eine Idee muss man erstmal kommen.

Was außerdem sehr positiv auffällt, ist die unkomplizierte Beziehung zwischen Van und Earn. Ihre On/Off-Beziehung wird nie negativ aufgeladen. Normalerweise werden solche Beziehungen einseitig dargestellt, indem einer der Beteiligten (meistens die Frau) eifersüchtig reagiert. Danke an Glover und Co., dass dem hier nicht so ist. Insgesamt ist es lobenswert, dass nicht nur auf Earn und seine Kumpels eingegangen wird, sondern Van eine eigene Folge spendiert wird (Episode 6, „Value“). Dort trifft sie eine alte Freundin, die in einer komplett anderen Welt als sie selbst lebt. Sie zelebriert einen oberflächlichen, statusbedingten Lifestyle (Instagramwahnsinn, Selfiewahnsinn etc.), der Van anekelt. Der darauffolgende Morgen und die panische Lösungsfindung, um die Urinprobe zu umgehen, sind ein krasses Gegenteil davon, aber höchst amüsant.

Und was wäre eine Serie heutzutage ohne einen ach so winzigen Cliffhanger bzw. offene Fragen? Atlanta reitet auf dieser Welle mit und hinterlässt uns Zuschauer die Frage: Seit wann hat Earn seinen Lagerraum und wieso wurde dieser bisher nicht gezeigt? Es zeugt aber von einer Zufriedenheit Earns, dass er nun in seine eigenen vier Wände einkehrt und dort die Nacht verbringt. Außerdem wird klar, dass er wirklich selbstlos ist und Van und seiner Tochter sein verdientes Geld als „Paper Bois“ Manager überlässt.

Zu guter Letzt soll nicht unerwähnt bleiben, dass Atlanta auch visuell tolle Arbeit leistet. Und der Soundtrack überzeugt auch.

Um mein eingangs vorweggenommenes Fazit zu ergänzen: Atlanta ist eine tolle Dramedy, die nachdenkliche Töne anschlägt, aber auch Comedy kommt eindeutig nicht zu kurz. Eigentlich könnte ich jede Folge als Highlight anführen, und das sagt meines Erachtens viel über die hohe Qualität der Serie aus. Wer Master Of None mag, wird auch Atlanta mögen. Ihr investiert hier 5 Stunden in wunderbares, reflektiertes und gesellschaftkritisches Fernsehen. Glover stellt das wahre Leben ungeschönt dar, mit liebenswerten Charakteren und wichtigen Botschaften.

Leider müssen wir uns noch bis 2018 gedulden, ehe die zweite Staffel von Atlanta ausgestrahlt wird. Aber das sind wir ja mittlerweile gewohnt.

Bilder: FX

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4 Kommentare

  • Ich bin da etwas zwiegespalten. Donald Glover ist super, aber von „Atlanta“ hatte ich mir mehr erhofft. Sie hat starke Momente (wie die angesprochene TV-Sendungs-Parodie) und tolle menschliche wie zum schmunzeln anregende, aber gerade zu Beginn ist da auch viel Leerlauf drin, der versucht wird, mit pseudo-coolen Montagen und „Atlanta-Feeling“ aufzuwiegen. Daher sicherlich okay, aber durchaus mit mehr Luft nach Oben als eine halbe Krone. Würde auf 3,5 gehen, maximal.

  • Hab mich an die Serie bislang nicht ran getraut, da ich Glover einfach in seiner Community Rolle total geliebt habe.

    Das Review klingt aber sehr interessant und werde dem Ganzen wohl mal einen Versuch geben :)

    • In der Rolle hier wirkt er natürlich komplett anders, aber sehr angenehm. Cooler und glaubwürdiger Charakter, der so vieles richtig machen möchte und dabei sehr charmant wirkt. In der Hinsicht also absolut kein Problem. Aber ja, „Community“ war nach seinem Weggang nicht mehr das Gleiche. :(

    • Na hoffentlich habe ich dich nun nicht zu sehr gespoilert. Viel Spaß beim Anschauen :)



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