Politik ist ein Tummelplatz für Menschen, die nichts davon verstehen

Review: Hindafing – Staffel 1

17.03.20 08:13
DramaReview
Mini-Spoiler
Chris
17.03.20

Derzeit ist unser geliebtes Bayern noch immer vollgepflastert mit Wahlplakaten. Kein Wunder, standen doch die Kommunalwahlen auf dem Programm und zwar in allen 2.056 Gemeinden und Städten sowie den 71 Landkreisen. Eine dieser Gemeinden könnte auch „Hindafing“, irgendwo mitten im Nirgendwo zwischen Ingolstadt und der Grenze zu Tschechien, sein. Wie überall in Bayern geht es gemächlich, ruhig und gesittet zu. Pfiffkaas – oder auf hochdeutsch: Pustekuchen! Dank dieser Serie wird man schnell eines Besseren belehrt. In Hindafing ist die Welt nämlich, wenn überhaupt, nur dann in Ordnung, wenn man nur das Ortsschild betrachtet. Betritt man aber das Dorf und lernt die Mitglieder der Gemeinde kennen, tun sich tatsächlich die sprichwörtlich bekannten Abgründe auf. Es wird kein Blatt vor den Mund genommen, egal ob bei der Beerdigung des Vaters des Bürgermeisters, bei hitzigen Gemeinderatssitzungen oder natürlich am Stammtisch.

„Jaja, der Herr Goldhammer, von Jahr zu Jahr schaust du deinen Schweinen ähnlicher.“ (Mama Zischl über Sepp)

Schauen wir uns doch die Hauptfiguren einmal an. Da wäre zunächst Bürgermeister Alfons Zischl, authentisch verkörpert durch Maximilian Brückner. Dieser spekuliert auf die anstehende Wiederwahl als Gemeindeoberhaupt, hat aber mit einigen Problemen zu kämpfen. Eines davon wäre seine finanzielle Lage: er ist nämlich pleite. Schuld daran war seine Idee, auch in Hindafing die Energiewende mittels groß angelegtem Windpark einzuläuten, welcher nur den finanziellen Ruin, aber keinerlei Gewinn brachte, weder für Alfons noch für seine Gemeinde. Weiter wäre sein „kleines Drogenproblem“ zu nennen: eine Nase voll Crystal Meth geht ja bekanntlich immer und hilft beim Lösen der allergrößten Alltagssorgen.

Weiter wäre da der Großmetzger Sepp Goldhammer, der unserem Alfons nur zeitweise gut gesonnen ist. Sepp weiß aus eigener Erfahrung, dass das, was immer der Alfons auch anfasst, nicht zu Gold, sondern eher zu Dreck wird. Nichtsdestotrotz planen beide gemeinsam das „Donau Village“, das einmal Bayerns größtes Bio-Shoppingcenter werden soll. Davon verspricht Sepp sich viel Geld und unser Alfons die gesicherte Wiederwahl. Nicht vergessen darf man auch Sepps Frau Gabi, die wieder einmal bayerische Klischees verkörpert, indem sie so ziemlich jedes Mieder und Dirndl dank ihrer sehr voluminösen Oberweite sprengt. Sie hat jedoch nicht nur „Holz vor der Hütten“, sondern einen nicht zu unterschätzenden Einfluss auf die Tätigkeiten ihres Angetrauten.

Auch der Landrat Pfaffinger( Jockel Tschiersch) gehört zu den Personen mit Relevanz. Wunderbar großkotzig und mit natürlicher Arroganz gesegnet gibt er Alfons klare Anweisungen, was er denn zu tun habe, um seine politische Position zu festigen oder gar noch auszubauen. Größtenteils führt er seine Gespräche total relaxt aus der privaten Sauna mittels Mobiltelefon. Er hat für alles eine Lösung parat, egal wie diese auch aussieht. Von gezielter Bestechung ausgewählter Würdenträger bis hin zum Zugang zu immensen Schwarzgeldvorkommen ist da so einiges im Angebot. In der ersten Staffel setzt er Alfons den Floh ins Ohr, dass sich die Aufnahme von Flüchtlingen sicher super auf seinen Wahlkampf auswirken würde. Alfons könne sich ja Gedanken machen, wo er denn diese „Busladung“ voller neuer Mitbürger am sinnigsten unterbringen kann.

„Der Typ ist ein Haifisch, verlogen und hinterfotzig! Dem kannst nicht trauen.“ (Alfons über Landrat Pfaffinger)

Ich muss zugeben, ich hatte diese brillante Serie aus den Augen verloren und bin erst durch die Netflixankündigung, dass ab Mitte Februar die zweite Staffel der Serie ausgestrahlt wird, wieder darüber gestolpert. Ich habe das nicht bereut und die sechs Folgen dieser ersten Staffel dann auch innerhalb kürzester Zeit „geschnupft“, wie Alfons seine geliebte Prise Meth. Zack und weg!

Wie es seine Gemeinde von ihm verlangt, versucht Alfons alles, wirklich ALLES, um möglichst jedes seiner hochgeschätzten Gemeindemitglieder zufriedenzustellen. Leider kollidieren deren Interessen einfach viel zu oft. Möchte er, gut geschmiert, das Bio-Shoppingcenter von Sepp verwirklichen, steht dem leider die durch Landrat Pfaffinger erzwungene Aufnahme von mindestens 50 Flüchtlingen entgegen. Alfons muss sich schnell entscheiden, was ihm wichtiger ist, denn Hindafing bietet nur Platz für ein „Großprojekt“.

Es werden so ziemlich alle aktuellen Themen aufgegriffen, so wie es der politisch interessierte Serienkonsument erwartet. Von A wie Asylpolitik über G wie Gammelfleischverwertung bis zu V wie Vetternwirtschaft und W wie Wahlbetrug wird vieles „verbraten“ und zwar so richtig! Ohne Rücksicht auf Verluste fährt Alfons durch seine Dorfpolitik-Agenda wie ein ICE geradewegs durch den Hauptbahnhof. Dabei gerät die Serie aber nie in Plattitüden und behält stets einen herrlich süffisant-zynischen Unterton bei.

Die Darsteller sind super gecastet, nicht nur die wichtigsten Rollen, sondern auch kleine Nebenrollen wurden mit viel Liebe zum Detail besetzt, wie beispielsweise Alfons demente, aber dennoch sehr scharfzüngige Mutter oder der überkorrekte, das Recht paragraphengenau-auslegende Dorfpolizist türkischer Herkunft.

Es macht einfach großen Spaß, die Schauspieler bei ihrer Arbeit zu erleben. Leider hat Staffel 1 nur sechs Episoden und ist entsprechend schnell zu Ende geguckt. Dankenswerterweise hat Netflix auch die zweite Staffel im Angebot, was sich hervorragend zum „Nach der Wahl ist vor der Wahl“-Binge-Watching nicht nur für politikinteressierte Zuschauer, die mit ausreichend Humor an die Serie herangehen, eignet.

„Wenn Willy Brandt sagt, in Bayern gingen die Uhren anders, stimmt das. Denn hier gehen sie richtig.“ (Franz Josef Strauß)

Ob diese tolle Serie mit einer dritten Staffel fortgeführt wird, steht noch in den Sternen. Dies liegt aber nicht an schlechten Einschaltquoten sondern, wie sollte es anders sein, an der Senderpolitik. Weitere Informationen dazu findet ihr hier.

Bilder: Netflix

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