Zu Pluribus habe ich bereits einen spoilerarmen Ersteindruck verfasst – damals war etwa die halbe Staffel vorüber. Inzwischen ist die Serie aus der Hand von Vince Gilligan abgeschlossen, und ich möchte die Gelegenheit nutzen, alles einmal zusammenzufassen.
In meinem ersten Blick auf die Serie habe ich vermutet, dass wir hier einen neuen Serienhit sehen. Und tatsächlich: Zumindest die Zuschauerzahlen – soweit man das aus Meldungen entnehmen kann – unterstreichen das. Angeblich ist „Pluribus“ die meistgesehene Apple-TV+-Serie. Da Apple TV weiter wächst und neue Zuschauer*innen hinzugewinnt, ist es nicht überraschend, dass eine aktuell erfolgreiche Serie frühere Titel übertrifft. Aber wenn man zusätzlich die Ratings auf einschlägigen Portalen anschaut, passt die Botschaft zum Erfolg.
Um uns auf den gleichen Stand zu bringen, hier noch einmal kurz die Geschichte der Serie: Die Menschheit wird von einem außerirdischen Virus infiziert. Alle Menschen verbinden sich zu einem großen geistigen Kollektiv. Spricht man mit seinem Nachbarn, antwortet die ganze Welt – alle Erinnerungen, alle Gefühle sind eins. Das einzelne Individuum verschwindet; trotzdem sind alle kollektiven Menschen glücklich. Davon ausgeschlossen sind nur sehr wenige Personen – unter anderem unsere Protagonistin Carol.
Vince Gilligan hat für diese Serie seine Komfortzone bei Drehort und Cast nicht verlassen: Rhea Seehorn (Carol) und Albuquerque (USA) sind – wie schon bei seinem letzten großen Erfolg „Better Call Saul“ – wieder mit dabei. Die Geschichte ist aber komplett anders und bricht mit vielen üblichen Drama-Mechaniken der letzten Jahre.
Zunächst denkt man, hier wird eine Art Zombieapokalypse inszeniert, aber die Serie entwickelt sich in eine völlig andere Richtung. Jeder auftretende Konflikt wird fast sofort entschärft – das ist sehr schön an Carols Reaktionen zu beobachten. Sie sucht den Konflikt, aber ihre Schläge treffen nur Luft und verpuffen.
Aber der Reihe nach: Zu Beginn bekommen wir eine fast schon komödiantische Szene zu sehen, als Wissenschaftler ein Signal entdecken und schließlich den Code entschlüsseln, die eine DNA Sequenz ergeben. Die Menschen, die Dialoge: lustig, entspannt, mit Musik untermalt.
Parallel sehen wir Carols Leben: Sie tourt als Autorin mit ihrer Partnerin und Managerin durchs Land und bewirbt ihre Bücher. Sie ist erfolgreich, aber nicht wirklich zufrieden – denn eigentlich würde sie gerne über andere Dinge schreiben. Doch sie ist dem Erfolg verpflichtet und muss ihre Fantasy-Buchreihe fortsetzen.
Währenddessen testen die Wissenschaftler das, was aus dem fremden Signal entsteht – zu diesem Zeitpunkt wissen sie noch nicht, was es ist. In jedem Fall verbreitet sich das aus dem Signal hergestellte Virus rasend schnell. Die ersten Infizierten agieren wie in einem klassischen Invasions-Drama, in dem Außerirdische die Weltherrschaft übernehmen. Als Zuschauer denkt man an diesem Punkt: Okay, jetzt eskaliert das gleich. Und die nächsten Minuten bestätigen das: Flugzeuge verteilen den Erreger, und sobald man infiziert ist, fällt man um, zittert – bis das „Ding“ seine Arbeit erledigt hat. Das dauert ein paar Minuten.
Das trifft dann auch Carols Partnerin. Carol selbst ist als Einzige weit und breit nicht betroffen – und findet sich in einer bizarren Welt wieder. Trotz Gruselfaktor (alle Menschen verhalten sich seltsam) „schnappen“ sie Carol nicht, sondern grüßen sie freundlich. Über das Fernsehen wird versucht, Kontakt aufzunehmen; diese Szenen sind beängstigend und gleichzeitig komisch – etwa wenn über den Bildschirm eine Art „politische Ansprache“ im Dialogformat stattfindet.
Solche Sequenzen tauchen über die gesamte Staffel immer wieder auf – und auch die Wahrnehmung dieser Szenen verändert sich. Am Anfang lacht man innerlich, fühlt aber auch Carols Verwirrung und Angst. Im Verlauf wird sie wütend, kommt mit der Situation nicht klar und geht sogar so weit, dass sie ihre Betreuerin (Zosia) unter Drogen setzt und damit fast tötet. Dennoch ändert sich das Verhalten des menschlichen Kollektivs nicht – im Gegenteil: Sie werden eher immer lieber und netter. Eine meiner Lieblingsstellen: Sie würden Carol sogar eine Atombombe geben, wenn sie das glücklich machen würde. Diese extreme Naivität führt fast dazu, dass man eher Mitleid mit der Menschheit im Kollektiv bekommt.
In der Mitte der Staffel gibt es die Szene, in der Carol am Ende einer Folge feststellt, dass das Kollektiv tote Menschen isst. Aber auch diese große dramatische Enthüllung wird sofort entschärft: Ja, sie geben es zu (weil sie nicht lügen können) und erklären, dass sie keinem lebenden Wesen Leid zufügen können – und deshalb nur Fallobst essen – sowie Leichen, die zu einer flüssigen Nahrung verarbeitet werden. Aber auch damit wird das Kollektiv irgendwann zu wenig Nahrung für die Menschheit bereit stellen können. Und genau an dem Punkt kommt dann wieder das Mitleid und das Verständnis für den Kannibalismus.
Carol versucht verzweifelt, mit den wenigen Menschen auf der Welt, die so sind wie sie, Kontakt aufzunehmen – und den Kampf gegen das Virus (oder was auch immer es ist) aufzunehmen. Doch ihren Willen haben viele nicht. Sie ergeben sich der Situation oder freuen sich sogar darüber, dass sie alles bekommen, was sie wollen.
Nur ein Mensch teilt Carols Skepsis wirklich – und ist sogar noch extremer in seinen Handlungen. Denn Carol kommt mit der Einsamkeit nicht klar und sucht (sogar mit einer Art Entschuldigung) wieder den Kontakt zum Kollektiv und zu ihrer Betreuung, nachdem sie diese vergiftet hatte. Zu diesem Punkt „Einsamkeit“ komme ich gleich nochmal.
Während Carol am Anfang der Staffel die treibende Kraft ist, dreht sich das am Ende: Sie wirkt zunehmend wie die Angepasste, die nicht mehr alles dafür einsetzt, die Menschen zu „retten“. Für mich ist das ein dramaturgischer Geniestreich. Die Serie schafft es, ständig Erwartungen aufzubauen, die sich dann völlig anders manifestieren. Gerade als geschulter Serienfan mit Blick auf Dramaturgie und Spannungskurven ist das eine Wohltat. Kurzer Einschub: Man könnte fast sagen, „Pluribus“ sei eine Kritikerserie – aber dafür hat die Serie (zum Glück) zu viel Erfolg.
Ganz am Ende der Staffel wird dann doch ein klarerer Spannungsbogen aufgemacht: Zwar ist das Kollektiv naiv und nett und wird Carol und die anderen „Anderen“ nicht verletzen. Aber sie sind fest davon überzeugt, dass die Teilnahme am Kollektiv das ultimative Glück ist – und dass alle Menschen Teil der Verbindung sein sollten. Und hier würden sie auch gegen den Willen von Menschen wie Carol agieren, solange sie dabei niemanden verletzen. Die Forschungen dazu verlaufen zunächst wenig erfolgreich, aber am Ende stellt sich heraus, dass das Kollektiv irgendwann in der Lage sein wird, einen veränderten „Virus“ für Carol herzustellen. Der Countdown wird somit als großer Staffelcliffhanger gestartet.
Trotzdem bin ich noch nicht überzeugt, ob das wirklich die zentrale Spannung der neuen Staffel sein wird. Und genau das freut mich: Ich denke so viel über diese Serie nach. Was mich aber am meisten begeistert hat – auch auf eine melancholische Art – ist das Thema Einsamkeit. Carol ist die personifizierte Einsamkeit: Sie hat ihre Frau verloren, die durch die Infizierung mit dem Virus umfällt und stirbt; dann alle Freunde; kein Mensch in ihrem Umfeld ist noch so wie früher. Sie versucht, das Kollektiv auf Abstand zu halten, aber sie schafft es nicht. Zu stark ist der menschliche Drang nach Verbindung.
Und dieses Thema ist hochaktuell. Viele Menschen teilen dieses Gefühl – mal stärker, mal weniger stark. Auch ich kenne dieses Unwohlsein, dieses Gefühl, nicht genügend verbunden zu sein, irgendwie allein auf dieser Welt. Ist das ein Resultat einer sich immer schneller drehenden Welt? Oder der Erkenntnis, dass man proklamierten Idealen mit der eigenen Kraft nicht gerecht wird? Einsamkeit ist auf jeden Fall der Punkt, weshalb Pluribus für mich so gut funktioniert: dieses geteilte Leid, dieses schaurige Gefühl, auf teils humoristische, teils spannende und teils überraschende Art durch Carol auf der Mattscheibe mitzuerleben.
Insgesamt kann ich die Serie wirklich jedem empfehlen – egal, ob man das Thema Einsamkeit nachvollziehen kann oder einfach nur auf der Suche nach einer Serie ist, die aus der (qualitativ hochwertigen) Masse hervorsticht. Denn „Pluribus“ sticht heraus: wenige Figuren, eine besondere Grundidee und keine klassische Erzählweise.
Spekulationen zur zweiten Staffel
Ich könnte mir vorstellen, dass es sich irgendwann dreht, es nicht mehr darum geht sich vor dem Kollektiv zu schützen, sondern es am Leben zu halten. Diese extreme Naivität, die Ablehnung von „normalem“ Essen – all das birgt große Gefahren für die Menschheit. Was in jedem Fall passieren wird (oder passieren muss): Diese positive Einstellung des Kollektivs wird auf die Probe gestellt.
Klassisch würde man erwarten, dass irgendwann herauskommt, dass die Menschen doch nicht so glücklich sind, wie es scheint. Oder Carol schafft es mit Hilfe von Zosia, die Verbindung aufzulösen – und dann muss man das Chaos aufräumen. Während ich das schreibe, merke ich: Alles könnte sein, aber es muss auch nicht. Genau das macht den Charme der Serie aus. Wenn man sich an „Breaking Bad“ und „Better Call Saul“ orientiert, kann man aber erwarten, dass Staffel 2 weiterhin eher gemächlich daherkommt – und dass vielleicht auch weiterhin vieles unaufgelöst bleibt.
Bilder: Apple TV







































Kommentiere