Ghettostress, Geldwäsche, Jet-Set und Drogenhandel

Review: Schnelles Geld – Staffel 1 (Mini-Serie)

Mini-Spoiler
Chris
10.04.21

Schnelles Geld

Schnelles Geld – das klingt doch spannend, verlockend, reizvoll. Wer will schon hart für sauer verdientes Geld arbeiten, am Ende noch massig Überstunden schieben, einen Zweit- oder gar Drittjob annehmen um sich den gewünschten Lebensstil leisten zu können? Niemand! Genau! Nur leider hat schnelles Geld zumeist den Nachtteil, dass es nicht gerade legalen Quellen entspringt. Es sei denn, man hat zufällig einen Lottogewinn oder ist Börsenprofi. Meist ist das Adjektiv „schnell“ hier aber mit „unsauber“, „illegal“ und „unseriös“ austauschbar. So auch hier in der gleichnamigen, sechsteiligen Mini-Serie „Schnelles Geld“, die ihr seit dem 07.04.2021 bei Netflix streamen könnt. Die Geschichte spielt sich rund um die Hauptperson, Leya (Evin Ahmad) ab, die versucht mit ihrem Startup „Target-Coach“ in der Gründerszene Fuß zu fassen. Dafür braucht sie natürlich Geld, viel Geld, „schnelles Geld“ also. Schauen wir uns die Charaktere, die wir in dieser Serie kennenlernen werden, doch einmal genauer an.

Beginnen wir doch gleich bei der wichtigsten Person. Leya ist alleinerziehende Mama eines süßen, fünfjährigen Jungen namens Sami. Sie arbeitet tagsüber als Kellnerin in einem libanesischen Restaurant, hat aber wesentlich größere Ziele. Sie will so richtig groß hinaus, dafür bastelt sie mit einem kleinen, handverlesenen (und oft unbezahlten) Team am Startup „Target-Coach“. Allerdings erfahren wir bereits zu Anfang, dass sie bereits monatelang keine Miete für ihre kleinen Firmenräume bezahlt hat. Finanziell sieht es also eher düster aus bei ihr. Das soll sich ändern. Sie sucht verzweifelt Investoren für ihr Geschäft und Marcus, einer davon, der schon öfter Geld lieh, lässt sie entsprechend zappeln. Letztlich hilft er ihr zwar aus der Patsche, aber zu sehr schlechten Konditionen. Als ihr Lieblingsinvestor Tomas auf den Plan tritt und Interesse an ihrem Unternehmen zeigt, gilt es aber erst einmal, Marcus als Investor loszuwerden, denn Tomas steigt nur ein, wenn sie sich von jenem freikauft. Nun kommt das „schnelle Geld“ ins Spiel, denn dieses kommt von der Straße, von Samis Onkel Ravy.

Ravy (Dada Fungala Bozela) ist schon lange und auch erfolgreich im Drogengeschäft tätig. Sein Drogengeld wird in zahlreichen legalen Unternehmungen gewaschen, wozu u.a. ein Supermarkt, ein Solarium oder diverse Restaurants zählen. Er ist gut durchorganisiert, seine Crew gehorsam, nur gelegentlich kommt es zum Zwist mit Danis Gang, der ebenfalls in Stockholm in genau abgesteckten Grenzen seine Deals abwickelt. Jeder kriegt was ab vom Kuchen, der groß genug ist, dass sich mehrere Dealer die Stadt teilen. Er ist ein Freund deutlicher Worte und haut auch gerne mal markige Ansagen raus wie:

„Wie konnte dieser dreckige Dani wissen, zu welcher Zeit wir dahin kommen würden? Niemand schläft oder isst hier irgendwas, bis wir herausgefunden haben, wer gesungen hat.“

Ravy selbst betont gern, er wäre ein Familienmensch. Leider hat er, dank Leyas Abneigung, nur sehr wenig Kontakt zu seinem einzigen Neffen Sami. So kann Ravy sein gewünschtes Familienleben nur innerhalb seiner Dealer-Crew ausleben und nennt seine besten Handlanger dann auch, ziemlich liebevoll und ernst gemeint, „Bruder“. Einer dieser Brüder ist Salim.

Salim (Alexander Abdallah) wirkt mit seinen großen, dunklen Augen stets ein wenig traurig, verträumt und nicht von dieser Welt. Er ist trotz seiner Verwicklungen im Drogenmilieu und Jobs für Ravy eine guter Kerl und tritt gerne als Sänger auf. Bei verschiedenen Gelegenheiten kann man seine teils falsett-artig hohe, aber stets wohlklingende Stimme bewundern. Am Rande sei erwähnt, dass er bei einer dieser Feiern auch Leya kennenlernen wird. Salim hat aber auch eine andere Seite, die wesentlich dunkler und schmutziger ist. Denn seine Jobs für Ravy bestehen darin, die Drecksarbeit für ihn zu erledigen, wozu auch die eine oder andere blutige Gewalttat gehört. Brüder stehen eben immer füreinander ein, egal was da so kommt. Schwierig wird das Ganze, wenn Salims nette Seite in den Vordergrund tritt, vornehmlich dann, wenn es um Kinder geht. Er zeigt hier seinen weichen Kern, wie für Sami oder auch Tim, einen 15jährigen Möchtegern-Gangster.

Tim (Ali Alarik) ist eigentlich ein ganz normaler, typischer 15-jähriger Teenie. Blass, schlaksig, rotblond, sommersprossig und eher schmächtig verkörpert er wohl den Prototyp des Schweden – zumindest für die afrikanisch-stämmigen „Mitarbeiter“ von Ravy, weswegen er schnell den Spitznamen „Schwede“ erwirbt. Sonst ist Tim unauffällig, hängt mit seinen beiden Kumpels ab und schlägt seine Zeit tot. Doch möchte er aber irgendwie cool sein und wie es der Teufel so will, lernt er zwei von Ravys Drogendealern kennen: Nala und Omar. Beide geben ihm zuerst kleiner Aufträge, doch bald schon darf er aber auch für fünfstellige Beträge Drogen ausliefern. Spätestens, als er auch noch eine Handfeuerwaffe erhält, um sich im Ernstfall zu verteidigen, merkt er, dass er hier in ein gefährliches Umfeld gelangt ist. Er hat zwar schnell einige Tausender verdient, kann sich das coole Moped kaufen und seine Freundin beeindrucken, doch welchen Rattenschwanz dies nach soch zieht, wird er bald bemerken.

Alle Protagonisten treffen sich natürlich irgendwie und anfangs getrennte Handlungsstränge werden gekonnt miteinander verknüpft. Konstellationen entstehen, die weder gedacht noch erwünscht sind, Verräter offenbaren sich, es wird gefährlich, einige Menschen sterben auch. Langsam aber sicher entfesselt sich Ein Katz- und Maus-Spiel, das am Ende nur einen Gewinner haben kann. Nachdem mir die Serie grundsätzlich gefallen hat, vergebe ich

Vielleicht kann sich der eine oder andere noch an die schwedische Film-Trilogie „Schnelles Geld“ erinnern. Snabba Cash (Easy Money, 2010), Snabba Cash II (Easy Money – Hard to kill, 2012) und letztlich Snabba Cash III (Easy Money – Live deluxe, 2013). Diese filmische Umsetzung legte den Fokus auf den männlichen Hauptdarsteller „JW“ (Joel Kinnaman). Die neu aufgelegte Serie „Schnelles Geld“ gibt sich als „davon inspiriert“ aus und setzt auf den weiblichen Charakter Leya. Leya schwebt hier oft zwischen den extrem gegensätzlichen Gefühlsausdrücken „himmelhochjauchzend“ und „zu Tode betrübt“ – einmal freut sie sich, nachvollziehbarerweise, den Popo ab, weil es eben von Großinvestor Tomas etliche Millionen gibt. Ein anderes Mal, wenn es darum geht, sich zwischen Liebesglück und Business-Erfolg zu entscheiden, fällt sie in ein tiefes Loch und reißt so einiges und einige mit sich hinunter in den selbst geschaffenen Abgrund.

Auch erleben wir, dass sie alle möglichen Kontakte nutzt, um ihren Filius tagsüber schnell einmal abzuschieben. Ob ihre Mama, die Nachbarin, eine Babysitterin, jeder, der gerade dann Zeit hat, wenn sie einen Aufpasser braucht, ist ihr hier recht. Diese unverantwortlich wirkende Art, ihre Mutterrolle auszuüben, lässt ihre Rolle schon sehr unsympathisch erscheinen. Leya trifft alle Entscheidungen nur aus ihrer eigenen, sehr egoistisch anmutenden Perspektive. Passt jemand gerade in ihr Leben und ihr Konzept und lässt sich das alles auch mit dem für sie so wichtigen Business vereinbaren, dann ist alles paletti. Wenn nicht, sch.. drauf – dann eben weg damit! Man muss sie nicht mögen, diese Leya, aber sie ist sehr zielstrebig und weiß, was sie will. Dabei ist ihr durchaus nicht immer bewusst, was sie für dieses Ziel alles opfern will, wird und muss. Vielmehr handelt sie oft unüberlegt und kurzsichtig, bringt sich und andere in Gefahr und nutzt alle Menschen, die ihr helfen mit zumeist leeren Versprechungen schamlos aus. Irgendwie hofft man ständig, dass sie jetzt mal endlich auf die Schn… fällt.

Zimperlich waren die Drehbuchschreiber bei den Nebenhandlungen übrigens nicht: Hunde werden erschossen, auch einmal Kniescheiben mit einem Zimmermannshammer bearbeitet, es gibt ein, zwei Hinrichtungen per Kopfschuss. Ja, Action wird ausgewogen dargeboten, nicht im Übermasß und auch nicht übertrieben. Was gezeigt wird, wirkt realistisch. So mag ich das. Die Gangster tragen vorwiegend Balkan-Smokings verschiedener Hersteller aus Ballonseide und fahren fast ausschließlich deutsche Nobelmarken wie Audi und BMW. All das wirkt durchdacht, überlegt und realitätsnah. Sogar etwas Humor ist mit im Spiel, wenn zum Beispiel Salim unabsichtlich reimt:

„Leya. Was ist daran so schwer. Entweder ich, du oder er!“

Sicher bleiben die Figuren größtenteils oberflächlich und werden nicht im Detail ausgearbeitet. Auch steht die Gangthematik im Vordergrund, nicht die Start-up-Kultur und Jet-Set-Welt. Wenn ihr aber kein Meisterwerk und auch kein „4 Blocks“ erwartet, dann macht ihr bei „Schnelles Geld“ nur wenig falsch. Schaltet ein und denkt daran:

„Geld ist nichts. Aber viel Geld, das ist etwas anderes.“
George Bernard Shaw

Bilder: Netflix

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