Fremde Haut zu Markte tragen

Review: The Outsider S01E01 – Fish in a Barrel

Mini-Spoiler
Chris
29.02.20

Nach der Serie „Locke & Key„, die aus der Feder von Stephen Kings Sohn Joe stammt und erst kürzlich auf Netflix veröffentlicht wurde, erwartet uns Fans nun ein Werk aus der Feder des Meisters persönlich. „The Outsider“ wurde am 22. Mai 2018 als Buch veröffentlicht (Partnerlink), welches von mir quasi verschlungen wurde. Keine zwei Jahre später erfolgt bereits die Umsetzung als TV-Thriller im knackigen Miniserien-Format, einen ersten Teaser zur Serie findet ihr hier. Wie von Stephen King gewohnt, erleben wir wieder einmal den Einzug des Terrors in eine idyllische Kleinstadt in Gestalt des brutalen Mordes am elfjährigen Frankie.

Der Schuldige scheint schnell gefunden: Bereits nach 10 Minuten Laufzeit steht Terry Maitland, Englischlehrer und Coach der Little League, unter Generalverdacht und wird während eines Baseballspiels publikumswirksam festgenommen. Jason Bateman gibt Terrence, genannt Terry, Maitland, der den Jungen auf brutalste Weise ermordet haben soll und nun natürlich im Fokus der Ermittler steht.

„It’s a fucking nightmare. A nightmare.“ (Terry)

Diverse Zeugenaussagen führen zu dem Schluss, dass der letzte Mensch, dem Frankie in seinem Leben begegnete, wohl Terry gewesen sein muss. In einer Kleinstadt kennt eben jeder jeden, was dem vermeintlichen Killer schnell zum Nachteil gereicht. Mehrere Augenzeugen wollen ihn eindeutig erkannt haben, einer davon traf ihn sogar blutverschmiert in unmittelbarer Tatortnähe an – passend zum geschehenen Verbrechen, wie das sprichwörtliche „Tüpfelchen auf dem i“ oder die „Faust aufs Auge“.

Man fragt sich nun, wie eine Serie über zehn Folgen bestehen soll, wenn bereits in Folge Eins der Täter anhand im wahrsten Sinne des Wortes bissfester Beweise dingfest gemacht wurde? Was soll da noch groß passieren? Wer Stephen Kings Werke kennt, der weiß: Da kommt noch allerhand. Terry lässt noch im Polizeiwagen die „Bombe“ platzen: Am Tag des Mordes will er 70 Meilen entfernt gewesen sein, es sei daher faktisch unmöglich, dass er diese schreckliche Tat in seinem Heimatort begangen habe. Kann es denn eindeutigere Beweise für seine Unschuld geben?

Wie heißt es so schön: Wer’s glaubt, wird selig! Cops und Krimi-erfahrene Zuschauer wissen längst, dass echte Ganoven immer etliche Alibis in petto haben! Nun nimmt die Story auch an Fahrt auf, denn es gibt tatsächlich verlässliche Zeugenaussagen und Videoaufzeichnungen, die Terry bei einer Konferenz zeigen und somit knallhart beweisen, dass er eben doch nicht Frankies Mörder sein kann.

Der Zuschauer ahnt nun bereits, dass es hier sicherlich nicht länger mit rechten Dingen zugeht. Man fragt sich, welche Form der Wahrheit ist die richtige? Wo war Terry Maitland zum Tatzeitpunkt, welcher der vorliegenden Film-/Videobeweise ist denn nun gefaket? Gibt es am Ende Komplizen, die sich als Terry verkleidet haben und entweder für das Alibi sorgten oder gar in Terry-Maitland-Verkleidung die blutige Gewalttat verübten? Terry wird uns als ehrlicher, braver Familienvater gezeigt, der seine Rolle in der Kleinstadt wahrnimmt, sich ehrenamtlich engagiert, als eine Stütze der Gesellschaft fungiert. Man will nicht glauben, dass er einer Fliege etwas zuleide tun könnte. Bei der Aufklärung des Falles ist dank unseres High-Tech-Zeitalters nicht mehr Kommissar Zufall derjenige, der den Fall löst, sondern Oberinspektor DNA! Ob dem auch hier so ist, werden wir in den folgenden Episoden noch feststellen.

„From your gut. Do you think Terry Maitland killed that boy?“ (Ralphs Frau Jeannie)

Unglaublich, aber wahr, ich lernte wieder zu warten, da es doch nur eine Folge „The Outsider“ pro Woche gibt, was mein heißgeliebtes Bingewatching unmöglich macht. Aktuell wird die Serie bei Sky parallel zur US-Erstausstrahlung jeweils montags gestreamt. Nachdem Vorfreude bekanntlich die schönste Freude ist, hat nun der für Arbeitnehmer ungeliebte Montag zumindest eine schöne Seite: eine neue Folge „The Outsider“. Nachdem viele Stephen King-Buchvorlagen nur sehr schwach filmisch umgesetzt wurden, wie zum Beispiel in jüngster Zeit „Der Dunkle Turm“, hatte ich schon Bedenken, dass hier nicht viel zu erwarten wäre. Erfreulicherweise war dem nicht so, diese Serie hat es geschafft, mich in ihren Bann zu ziehen.

Die Zutaten sprechen für sich: Ein passionierter, mit Feuereifer ermittelnder Detective, ein unbescholtener Vorzeige-Kleinstädter, der plötzlich zum Beschuldigten in einem abscheulichen Mordfall wird, es dabei scheinbar schafft, an zwei Orten gleichzeitig zu sein, und der Antagonist, ein „Etwas“, was nicht greifbar ist, etwas Mystisches, Unerklärliches. Nach meinem Geschmack wurde die Buchvorlage sehr gut umgesetzt, mit glaubhaften Charakteren, einem passenden Soundtrack, düsteren Kulissen und wenig Dialoglastigkeit.

Das Warten auf Episode Zwei war fast unerträglich, wollte ich doch wissen, wie sich die Serie weiterentwickelt, wie es Stephen King wohl schaffen wird, die bislang geschaffene Spannung aufrechtzuerhalten und, nicht zuletzt, wie sich die scheinbar vorhandene „Doppelgänger-Situation“ klären wird.

Bilder: HBO

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