Das Ende einer Ära

This is England S03E01 – ’90 – Spring

Mini-Spoiler
Tobias
15.09.15

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Sie sind zurück. Trev, Harvey, Shaun, Lol, Woody, Milky, Smell, Gadget und das England der 80iger Jahre. Die Geschichte, die Autor Shane Meadows mit dem Film „This is England“ im Jahre 2006 zu erzählen begann, wird nun in der dritten Staffel der nachfolgenden Miniserie ein Ende finden. Und man darf gespannt sein, wie Meadows die Geschichte dieser Freunde und dieser Zeit ausklingen lassen wird.

Was bisher geschah

Ich könnte mir sehr gut vorstellen, dass diese Serie in Deutschland nicht gerade die größte Fanbasis besitzt, in England aber gehört „This is England“ zu den erfolgreichen kleinen Serien, die eine große Zuschauerzahl fesseln und Auszeichnungen horten kann. Die Geschichte, die im Film „This is England“ begann, hat zum einen Shaun im Mittelpunkt. Zum Zeitpunkt des Films haben wir 1983 und Shaun ist Zwölf Jahre alt. Er wohnt mit seiner Mutter in einer diesen tristen Vorstadtslums, wie sie zu jener Zeit in jeder größeren britischen Stadt zu finden waren und immer noch sind. Shauns Vater starb im Falkland Krieg, was seine Familie noch mehr in wirtschaftliche und finanzielle Schwierigkeiten brachte. Shauns Mutter Cynthia muss daher schauen, woher sie das Geld für sich und ihren Sohn herbekommt. Große Sprünge sind nicht drin. Vor allem fehlt Shaun eine Vaterfigur, so dass dieser eigenbrötlerische Junge, ein Außenseiter in der Schule, auf die Mobbingaktionen seiner Mitschüler irgendwann nur noch mit Gewalt reagiert. Irgendwann und durch Zufall lernt Shaun Woody und seine Skinhead Gruppe kennen, allesamt deutlich älter als Shaun, aber dennoch nehmen sie ihn als einen der ihren, als Außenseiter auf und nehmen sich seiner an.

Zusammen erleben sie in den bisherigen Folgen den Gesellschaftswandel im England der 80iger Jahre unter Margaret Thatcher, es fließt Schweiß, Tränen und Blut. Dies ist die zweite Ebene der Geschichte, die Meadows erzählen will. Shaun steht sinnbildlich für eine gesamte Generation junger Briten, die am Rande der Gesellschaft lebt ohne große Aussichten auf beruflichen und somit finanziellen Aufstieg. Und wie aus diesem Gefühl der Benachteiligung ein Druck entsteht, der sich teilweise durch Gewaltausbrüche ein Ventil sucht. Die Gruppe um Woody symbolisiert beide Entwicklungen dieser Gesellschaftsumbrüche, teilt diese in zwei Lager um an Ende dann doch wieder zusammen zu finden.

Die Geschichte des Films wurde in einer gleichnamigen Miniserie weitergesponnen, deren Staffeln jeweils ein Jahr als Staffelbezeichnung tragen. Nach den Ereignissen im Film 1983 trägt die erste Staffel die Bezeichnung „This is England 86“, die zweite Staffel „This is England 88“ und nun zum Abschluss eben „This is England 90“, die am vergangenem Sonntag bei Channel 4 begann.

Die dritte Staffel wird vier Episoden haben wovon ich mindestens die erste Episode zum Anlass nehmen wollte, auf diese wirklich beeindruckende aber auch schwer zu verdauende Serie hinzuweisen. Die Serie ist aber nicht nur Drama und eine Reise durch das England der 80iger Jahre sondern auch Comedy, denn der Autor baut bewusst auch lustige Gegebenheiten und Dialoge in seine Szenen. Typisch britischer Humor, muss man dazu sagen.

Zudem spielt Meadows gerne mit der Musik dieser Zeit und setzt diese gezielt ein, was allein schon ein Besuch bei den zahlreichen Fanplaylisten bei spotify erforderlich macht.

Es ist Frühling in England im Jahre 1990

Die erste Episode der letzten Staffel, die vier Episoden umfassen und nach den Jahreszeiten benannt sein wird, beginnt mit einer kleinen Collage an Bildern aus dem Ende der 80iger Jahre. Wir sehen u.a. Bilder zur Rinderseuche, der verschossene Elfmeter Englands bei der WM 1990 in Italien gegen Deutschland ist Thema und das nicht nur sinnbildliche Ende einer Ära und eines Jahrzehntes beendet auch das Intro und setzt den Startpunkt in die letzte Staffel: die Verabschiedung Margaret Thatcher aus 10 Downing Street, dem offiziellen Sitz des Premierministers, und ihren berühmten letzten Worten, dass sie ein Land übergibt, welches sich in einem besseren Zustand befindet als zu dem Zeitpunkt, als sie es als Premierministerin übernommen hatte.

Eine Sichtweise, die wahrscheinlich nur aus dem Munde der eisernen Lady verbalisiert und von ihr vertreten werden konnte. Die Thatcher-Ära hat eine gesamte Generation von Jugendlichen geprägt. Und dies ist ihre Geschichte.

Bei den liebgewordenen Figuren der Serie hat sich in den zwei Jahren nach der letzten Staffel einiges gesetzt, anderes ist noch so wie früher. Woody und Lol wohnen mit ihrer kleinen Familie in einer kleinen Wohnung und schlagen sich so durchs Leben. Shaun wohnt immer noch bei seiner Mutter, er ist jetzt 19 Jahre alt, und hat weiterhin keine Ahnung, was er mit seinem Leben anfangen soll. Ins College zu gehen, wie seine Mutter vorschlägt, kommt für ihn nicht in die Tüte. Zudem ist er weiterhin innerlich sehr angeschlagen aufgrund der vor zwei Jahren in die Brüche gegangenen Beziehung mit Smell, eine der älteren Mädchen aus der ehemaligen Skinhead Gruppe, die nun in schwarzen Klamotten durchs Leben wandelt und sich einer Gothic Gruppe angeschlossen hat, wo sie auch einen festen Freund gefunden hat und mit den alten Freunden nichts mehr zu tun haben will. Erst recht nicht mit Shaun, den sie in flagranti erwischt hatte, was zur Trennung in „This is England 88“ führte.

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Shaun und Smell – eine herzzerreißende Szene mit Tränen am Ende

Viel an Handlung passiert noch nicht, die erste Episode ist erst einmal damit beschäftigt, uns aufzuzeigen, wo die einzelnen Figuren gerade stehen. Harvey hat sich beispielsweise zu einem kleinen Drogendealer entwickelt und die Ladys der Gruppe führen und arbeiten in der Schulkantine. Über all dem schwebt aber schon wieder das Gefühl der Trostlosigkeit, welches so typisch für diese Serie ist. Für die Lacher in der ersten Folge sorgen neben den szenetypischen Klamotten und Frisuren dieser Zeit vor allem Higgy und Flip, zwei aus der letzten Staffel bekannte Figuren, die nicht direkt zur Gruppe gehören. Die Situation und die kaum verständlichen Dialoge beim Ankauf von Drogen bei Harvey waren grandios und gut geschauspielert.

Das Ende der Folge ist eine kleine Rauferei zwischen Shaun und dem neuen Freund von Smell auf einer Madchester-Party (britische Mischung aus Independent-, Psychedelia- und Elektromusik), den allerdings der neue Freund ein wenig herausgefordert hat, da er Shaun energisch darauf hinweisen wollte, dass er Smell in Ruhe lassen soll. Zuvor, während die Partygäste sich noch im Rausch der Musik und der leichten Drogen um den Verstand tanzten, da war sie ganz kurz, die Leichtigkeit des Seins. In diesen wenigen Minuten konnte man spüren, wie scheinbar die Last des Alltages von den Schultern der Freunde wich. Sie waren wieder Jugendliche, die nur eine Zeit kennen, die Gegenwart.

Kenner der Serie werden es bemerkt haben, es fehlt noch eine ganz wichtige Person: Combo. Der frühere Kopf der Skinhead Gruppe und sehr stark nationalistisch eingestellte Glatzkopf, der aktuell noch seine Gefängnisstrafe absitzt aber im Rahmen der letzten Staffel entlassen wird. Wir dürfen gespannt sein, wie Meadow ihn in die finale Handlung einbauen wird.

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Higgy und Flip – die blondierten Männer sind zurück

Fazit

Die Folge an sich war ok, man hatte sofort wieder ein Gefühl für die Charaktere, auch wenn seit der letzten Folge zwei Jahre ins Land gegangen sind. Hier und da hatte ich das Gefühl, dass die Handlung an der ein oder anderen Stelle zu sehr auf den Lacher aus war, ich denke da an eine Szene bei Woodys Familie, dennoch gab es wieder ausreichend Zeit und Momente des Innehaltens. Der Cast gefällt mir weiterhin am besten, wenn sie sich der Trostlosigkeit hingeben.

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Woody und Lol bei Woodys Eltern

Jetzt noch einsteigen?

Schwierige Frage. Auch wenn die dritte Staffel nur vier Folgen aufweisen wird, die ersten beiden Staffeln waren auch nicht länger, so halte ich es für sehr mühselig, wenn man sich die Folgen ohne Vorwissen der Serie jetzt noch anschauen möchte. Meadows wird schon beim Zuschauer voraussetzen, dass man den Film und die ersten beiden Staffeln gesehen hat. Ohne dieses Wissen ist ein Einstieg bei der Vielzahl der Figuren und unterschiedlichen Verbindungen untereinander eher nicht zu empfehlen. Die Serie an sich natürlich schon. Ich würde daher jedem empfehlen, der sich mit dieser wirklich guten aber auch anstrengenden Serie beschäftigen will, sich zunächst den Film anzuschauen. Wenn einem diese Stimmung gefällt, die in der Miniserie eins zu eins weitergelebt wird, der kann sich dann mit günstigen DVDs eindecken. Die haben dann auch die teilweise echt notwendigen Untertitel. Dieses Nuschelenglisch der unteren Klasse in Sheffield ist mal echt hart für ungeübte Ohren. Aber wer es versucht, der wird noch tiefer eintauchen können in eine wirklich faszinierende Serie.

Den Film gibts übrigens aktuell für Amazon Prime Mitglieder kostenlos im Stream.

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Ein Kommentar

  • Ist mir immer noch unklar, warum Ascot Elite nach This is England und This is England ’86 nicht auch ’88 und ’90 rausgebracht hat. Denke, der Film hat sich ganz gut verkauft. Bei der Serie kann ich es nicht einschätzen. Die deutsche Synchro war bei Film und Serie megaschlecht (wie ja öfter bei britischen Filmen), aber besonders wegen der Untertitel wär es schon schön, könnte man sich die deutsche Version statt der englischen zulegen. Schade. Hatte vor ein paar Jahren mal bei Ascot Elite nachgefragt, ob eine VÖ geplant ist, aber leider keine Antwort erhalten.



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