Netflix-Studie zum Zeitpunkt des Suchtens

Wann wird ein Fan ein „Fan“?

Spoilerfrei
Maik
25.09.15

Netflix hat gestern Daten einer neuen Studie veröffentlicht. Thema: „Ab wann werden Nutzer zu Fans?„. Diese wurde auch fleißig mehr oder weniger 1:1 von etlichen Medien übernommen – ohne sie zu hinterfragen. Denn leider ist die Studie zwar wunderbar plakativ, aber eben auch enorm irreführend aufbereitet.

Das Set-up

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click 4 BIG!

Die Idee: Wann wird ein Zuschauer ein Fan? Indiz: Wenn er weiter schaut. Bzw. hier: wenn er alles am Stück schaut:

Methodik: Die Daten wurden aus Mitgliederkonten erhoben, über die die erste Staffel der jeweiligen Serie in [vielen Ländern] zwischen Januar 2015 und Juli 2015 und im Falle von Australien und Neuseeland zwischen April 2015 und Juli 2015 angefangen wurde. Die Schlüsselfolge wurde definiert als die Folge, nach der 70 Prozent der Zuschauer im Anschluss die gesamte restliche Staffel schauten.

Das bedeutet, dass die Folge als „Fan-Kick“ genommen wird, mit der man ein Binge-Watching begonnen hat. Und da wundert man sich plötzlich bei der Sichtweise, dass kein einziges Mal Episode 1 der Startschuss für einen Marathon war? Im Ernst?! Ted Sarandos, der Chief Content Officer von Netflix, sagt, dass eigentlich Pilot-Folgen die wichtigsten seien, die Studie aber zu anderern Erkenntnissen kommt:

„Unsere Analysen des Zuschauerverhaltens für über 20 Serien in 16 verschiedenen Märkten haben jedoch gezeigt, dass niemand bereits nach der Pilotfolge ein überzeugter Anhänger der Serie war. Dies stärkt unsere Zuversicht, dass die Bereitstellung von sämtlichen Folgen auf einmal der Bildung von Fangemeinden besser entgegenkommt.“

Fehler in der Denk-Matrix

Nein! Verdammt nochmal, nein. Mal ganz abgesehen davon, dass ich Komplettveröffentlichungen scheiße finde und sie für den Tod eines ganzen Stücks Serien-Kultur verantwortlich mache, nein, es geht mir hier um die Logik. NATÜRLICH fängt fast niemand nach Folge 1 direkt mit dem Bingen an. Die Piloten schaut man für einen ersten Eindruck. Mal zwischendurch, um zu wissen, ob sich mehr überhaupt lohnt. Um es „auch mal gesehen zu haben“. Das schiebt man ggf. irgendwo zwischen und hat dann – Überraschung – keine 10 Stunden Zeit, um den Rest der Serie am Stück zu schauen. Findet man Episode 1 gut, will man vielleicht den Rest am Stück schauen und Voilá! – beim nächsten freien Sonntag wird eben mit Folge 2 gestartet.

Dann wurmt mich die Tatsache, dass hier alte Schinken aufgenommen werden. Erste Staffeln, teils Jahre nach der Erstausstrahlung. Echte Fans haben die dann nicht mehr auf Netflix geschaut. Die kennen die Serien schon. Manche echte Fans machen auch bei neuen Serien, die komplett online gestellt werden, ein wöchentliches Ritual draus – fallen hier aber aus der Rechnung. Echte Fans können tatsächlich auch Leute sein, die einfach „nur“ zwei, drei Folgen am Stück schauen, sich den Rest aber aufheben. Und ich habe zum Beispiel Mad Men aus „Interesse am Ende“ und „der Vollständigkeit halber“ weiter geschaut – Fan war ich nie. Alleine die Tatsache, dass die Varianz ungemein klein ausfällt (eigentlich immer zwischen Folge 2 und 5) sollte zu denken geben. Wieso überhaupt so ein dämliches 70%-Raster und nicht einfach eine Regression zwischen den Episoden im Bezug auf Sehmenge im Vergleich zum Sehzeitraum aufstellen? Also die tatsächlichen Werte miteinander korrelieren anstatt plump nach „der größten“ Folge zu schauen? Vermutlich wurde das gemacht und es kam nichts heraus, kann ja sein, aber so wirkt es eben falsch.

Und dann die angeblichen Momenten des „Hooks“. Beispiel Breaking Bad.

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„Als es dann jedoch die zersetzten menschlichen Überreste eines einstigen Drogendealers von Jesses Decke regnete, wollte das Publikum unbedingt wissen, was für ein Ende die Staffel nehmen würde (Folge 2).“ (Netflix PM)

Ungefähr die bescheuertste Interpretation überhaupt. Ich weiß von mehreren Leuten, denen es wie meiner Freundin ging, die an diesem Punkt eigentlich aufhören wollte. Das war eine der ekligsten Szenen der kompletten Serie, die Zuschauern ein komplett falsches Bild vom Kommenden suggeriert – und eher abgeschreckt – hat. Hier einige weitere Zusammenfassungen aus den angeblich Sucht-freisetzenden Folgen:

Netflix_Germany_Infografik2

Ärgerliche Fehldarstellung

Versteht mich nicht falsch – ich mag solche Studien. Und ich finde es gut, dass Netflix sich seine Milliarden an Daten nicht nur anschaut und analytisch betrachtet, sondern auch mit der Öffentlichkeit teilt. Mich nervt dann eher die Form des „Journalismus“, die eine Pressemitteilung zu dem Thema scheinbar unbedacht in einen Beitrag zusammen kopiert. Und am Ende eben die plakative Aussage an den Leser weiter gibt: Ab Folge X werden die Zuschauer Fans? Blödsinn. Ab Folge X sieht man, dass ein signifikant größerer Teil binge-watched – Ja. Es ist ein grober Indikator für die „Am Stück-Sehhaftigkeit“ einer Serie.

Wie seht ihr das? Könnt ihr meine Gedanken nachvollziehen? Und wie ist das bei euch, wenn ihr beachtet, wann ihr auch als „Fan“ einer Serie bezeichnet?

3 Kommentare

  • Für mich ist Netflix ein Phänomen ähnlich Apple, zig Journalisten berichten über jede noch so kleine Neuerung und loben das Unternehmen regelmäßig in den Himmel. Dazu gehört der „Big Data“ Mythos nach dem Netflix auf geradezu magische Weise ihre Nutzer wahnsinnig gut analysiert, worauf so eine Klitsche wie Amazon bislang offensichtlich nicht gekommen ist. Dazu kommt dann immer die „House of Cards“ Story, von der die dritte Staffel ja gerade nicht begeistert. Diese PR Studie passt für mich absolut in’s Bild dieser Pseudo-Wissenschaft.

  • Also dass Zahlen, Daten, Studien, Pressemitteilungen von einem Großteil der Presse unreflektiert übernommen wird, habe ich schon so häufig erlebt, das wundert mich überhaupt nicht mehr. Entweder das, oder aber Zahlen werden so verdreht und ohne Kontext hingestellt, dass eine vollkommen andere Aussage daraus wird.
    Diese Studie von Netflix, die Methode und das Resultat an sich finde ich aber auch irgendwie seltsam. Ich meine, wie du auch geschrieben hast, nur weil jemand eine Serie schaut, heißt das ja noch nicht, dass man Fan ist. Oder, auch von dir angemerkt, viele Fans schauen gar nicht über Netflix oder neigen nicht zum BingeWatching etc… ach, nee, das finde ich einfach total sinnlos :D



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