Knallharte Seriensofties aus vier Jahrzehnten

AWESOME 5: „Liebenswerte Waschlappen“

Spoilerfrei
Melanie
10.01.20

Ich begegne ihm immer wieder. In jedem Seriengenre, in jeder Serienepoche. Seine hervorstechendsten Merkmale sind Unentschlossenheit und mangelnde Entscheidungsfreude, gepaart mit einer gewissen sensiblen Naivität und Unbeholfenheit. Konflikte sind nicht sein Ding, er ist ein Meister der Vermeidung. Meist steht ihm eine starke Frau oder ein cooler Freund zur Seite und diese Person boxt ihn raus, schubst ihn an, würde ihn in gewissen Abständen gern auf den Mond schießen, aber kommt doch nicht ohne ihn aus. Denn er hat auch durchaus seine positiven Seiten: der liebenswerte Waschlappen! Hier eine kleine Auswahl in dieser Awesome 5-Kategorie, die mit Sicherheit endlos ergänzt und erweitert werden könnte. Sowohl von den Personen her als auch von zusätzlichen Eigenschaften oder typischen Zitaten von ihnen selbst und ihren Mitstreitern.

Ross Geller („Friends“)

„Warum passieren die schlimmsten Dinge immer den besten Menschen?“

Zum Zitat: Es stammt von Ross selbst; und zwar aus einer Szene, in der ihm – obacht! – nur das Shampoo (Pflegeprodukte passen irgendwie gut in die Kategorie „Waschlappen“) in seiner Reisetasche ausgelaufen ist und Rachel eigentlich mit ihm über etwas wirklich Wichtiges sprechen möchte! Friends von „Friends“ wissen das längst: Genau dieser blöde Hang dazu, erst mal alles auf sich selbst zu beziehen, kleine Dinge zu dramatisieren und generell alles schwarz zu sehen, gehört zu Ross wie sein nerviges Besserwissertum, sein schlechtes Händchen bei Frauen und seine Überkorrektheit. Aber gleichzeitig finde ich seine Loyalität und Verlässlichkeit und seinen Humor (hach, das Weihnachtsgürteltier!) so anstrengend-schön, dass ihn das zu einem durchaus liebenswerten Waschlappen macht.

John Watson („Sherlock“)

„Ist jeder, den ich kenne, ein Psychopath?“

John kann einem echt oft leid tun. Aber auch zum Wahnsinn treiben. So ein kluger, empathischer, reflektierter Mann, der sich immer wieder eine blutige Nase holt. Nicht nur beim – bekanntermaßen nicht wirklich menschenfreundlichen – Sherlock Holmes selbst. Aber John Watson macht sich oft zum Opfer – ob durch seine moralische Anständigkeit, seinen Schnäuzer, seine Gentleman-hafte Zurückhaltung oder sein grundsätzliches Vertrauen in das Gute. Und das trotz seiner Vorgeschichte als Kriegsveteran, der weiß, wie schlimm Menschen sich verhalten können. Oder vielleicht gerade deswegen? Seine trotzdem ironisch-sarkastische Art, die manchmal aufblitzt, genau wie seine Tatkraft und Energie, wenn es um Menschen geht, die ihm etwas bedeuten, gehören zu seinen typischen, und für mich absolut liebenswerten, Charaktereigenschaften.

Willie Tanner („ALF“)

„Beige – das nenne ich Mut zu einer Farbe!“

Natürlich hat Willie das mit dem „beige“ nicht selbst gesagt, sondern Alf. Aber es beschreibt für mich Willie, wie er halt ist. Da kommt so ein haariger, dreister und renitenter Alien in seine Garage reingekracht und stellt sein Leben auf den Kopf. Und Willie versucht trotz Fisch im Toaster, brennender Vorhänge und Anschläge auf den Familienkater, freundlich und harmonisch und unauffällig die Tanners plus Alf durch den Alltag zu bringen. Manchmal ist er dabei so blöde schwach und waschlappig, dass ich ihn nicht ernst nehmen kann. Aber immer nur für einen Moment. Denn im nächsten erweisen sich seine Unbeholfenheit zusammen mit seinen verborgenen schlichten Talenten oft als Rettung.

Phil Dunphy („Modern Family“)

„Ausgeschlossen, dass ich bei dieser Hochzeit nicht weine.“

Phil weint viel. Aber er lacht auch viel. Und er ist auch oft zum Lachen und Weinen für andere. Denn er ist ein Paradebeispiel für den liebenswerten Waschlappen. Er ist mit einem sonnigen Gemüt ausgestattet, hat eine bunte Familie und ist anscheinend auch mit seinem Job als Immobilienmakler nicht so wirklich ausgelastet, egal, wie viel Stress er sich damit nach außen hin macht. Ansonsten hätte er auch nicht so viel Zeit für Unfug und Ausreden und seine eigene Phil’osophy. Seine Weisheiten sind platt und kindisch, aber auch manchmal sehr lustig. Die anstrengenden Dinge überlässt er gern seiner Frau. Aber als Dad ist er voll da, wenn auch manchmal etwas mehr gewollt als gekonnt. Einen Waschlappen á la Phil könnte meiner Meinung nach jeder in seinem Leben brauchen – aber dosiert.

James („The End of the F***ing World“)

„Ich habe Alyssa nie beschützt. Sie war mein Beschützer.“

Tod. Verzweiflung. Pubertät. Eine verkrachte Existenz, die schon kleine Tiere umgebracht hat und einen Mord an einem Menschen plant, und noch nicht mal volljährig ist, kann doch kein Waschlappen sein! Doch. James kann gut rumsitzen, nichts sagen und in die Leere gucken. Handeln von selbst will er eigentlich nicht. Und tut er auch nicht. Obwohl in ihm drin die Gefühle toben. (Ich möchte ihn zwischendurch packen und schütteln!) Und dann trifft er auf Alyssa und es passieren ein paar grausame Dinge, die ihn aber nicht als Psychopathen, sondern als liebenswerten Waschlappen outen, der den beiden nicht in allen, aber in manchen Krisen, den Arsch rettet.

Und sonst?

Ich weiß, dass diese „Liebenswerte Waschlappen“-Kategorie nur eine minimale aktuelle Momentaufnahme von mir ist. Deshalb freu ich mich sehr über Eure Ergänzungen und Kommentare!

Bilder: Amazon Prime Video, Netflix, RTL nitro

Ein Kommentar

  • Diese Liste könnte man noch endlos fortsetzen…Fast in jeder guten Comedy-Serie gibt es einen Waschlappen-Mann, und das ist auch gut so. Am Ende des Tages sind das nämlich doch die Besten. Zumindest in der Serie… im echten Leben fehlen dann leider oft die ausgleichenden Charakterstärken, die hier so schön beschrieben werden 😉.


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