Star Trek gilt vielen als visionäre Science-Fiction-Serie. Für Jennifer Preuß ist das Franchise jedoch weit mehr als futuristische Unterhaltung. In ihrer Dissertation „Forensic Star Trek – Rhetorik und Recht bei Shakespeare und Star Trek“, die sie an der Ruhr-Universität Bochum vorgelegt hat, untersucht die Wissenschaftlerin, wie die Serien und Filme auf Shakespeare zurückgreifen, juristische Konflikte inszenieren und gesellschaftliche Werte verhandeln. Im Gespräch erklärt sie, warum Gerichtsverfahren im Star-Trek-Universum eine zentrale Rolle spielen, weshalb die Figur Q als kosmischer Richter gelesen werden kann und warum Star Trek auch nach fast 60 Jahren nichts von seiner kulturellen Relevanz verloren hat.

Q hinterfragt die Menschheit schon früh in der TNG-Serie.
Michael Braun: Star Trek als Gegenstand Ihrer Dissertation – wie kam es dazu, und was war Ihr Forschungsinteresse?
Jennifer Preuß: Die Entstehungsgeschichte ist bei mir relativ lang. Wenn Sie so wollen, bin ich gewissermaßen ein Nerd, denn ich habe bereits meine Bachelor- und meine Masterarbeit über Star Trek geschrieben – und jede Arbeit war dabei eine kleine Steigerung der vorherigen.
Interessanterweise bin ich über die Universität zu Star Trek gekommen und nicht über ein privates Interesse. Ich kannte das Franchise vorher eigentlich kaum. Natürlich hat jeder schon einmal Captain Kirk oder Mister Spock irgendwo gesehen, aber ich war überhaupt kein Star-Trek-Fan und hatte damit zunächst keine besondere Verbindung.
Im Laufe meines Bachelorstudiums besuchte ich dann ein Seminar, in dem um gnostische Elemente in der Literatur ging. Dort hielt jemand einen Vortrag über Deep Space Nine. Das fand ich ausgesprochen spannend. Daraufhin begann ich, mir dieses riesige Erzähluniversum zu Hause nach und nach anzueignen. Dabei war ich überrascht, wie vielfältig Star Trek ist.
Am Anfang habe ich mich zunächst eher klassisch mit Fragen der Adaption beschäftigt. Zeitgleich besuchte ich Seminare aus dem Bereich der Adaptation Studies, also zu Literaturverfilmungen und Medienwechseln. Star Trek war in diesem Zusammenhang besonders interessant, weil schon sehr früh Fanfiction dazu entstanden ist. In meiner Bachelorarbeit habe ich untersucht, wie Star Trek Strategien der Fanbindung entwickelt und sich als distinktives Format präsentiert, das gezielt ein bildungsorientiertes Publikum ansprechen möchte.
Michael Braun: Wie lautete dann der Ansatz bei der Masterarbeit?
Jennifer Preuß: Im Masterstudium ging ich dann einen Schritt weiter. Damals entdeckte ich ein Buch von Otta Wenskus, einer Altphilologin und Gräzistin aus Innsbruck. Sie hatte in der Reihe Comparanda, einer komparatistischen Publikationsreihe, zu Star Trek, Shakespeare und der Antike geforscht; Wenskus betrachtete das Thema naturgemäß aus einer stark altphilologisch-gräzistischen Perspektive. Mich faszinierte dagegen besonders dieser Umweg über Shakespeare zurück in die Vergangenheit.
Für die Masterarbeit konzentrierte ich mich daher auf ein spezielles Motiv: das Motiv der spielenden Götter. Laut Wenskus findet sich die Vorstellung, dass Götter zum Vergnügen mit Menschen spielen, in der Antike eigentlich nicht. Vielmehr handelt es sich um ein Motiv, das bei Shakespeare auftaucht. In King Lear heißt es beispielsweise: „As flies to wanton boys are we to the gods; they kill us for their sport.“
Star Trek greift dieses Motiv auf. Es dient gewissermaßen als Ankerpunkt, an dem sichtbar wird, wie Star Trek die Antike nicht direkt, sondern über den Umweg Shakespeare rezipiert. Meine Masterarbeit war daher stark motivgeschichtlich ausgerichtet. Für die Dissertation wollte ich noch einen weiteren Schritt gehen und mich stärker mit strukturellen Zusammenhängen beschäftigen.
Michael Braun: Und die Dissertation war dann der nächste Schritt…
Jennifer Preuß: Genau, die Dissertation entstand schließlich aus einem Projektentwurf, der sich mit dem Zusammenspiel von Gerichtsrhetorik und Shakespeare beschäftigte. Ich habe mir in Star Trek insbesondere – wenn auch nicht ausschließlich – sogenannte Courtroom Episodes angesehen, also Episoden, die Gerichtsverfahren oder juristische Auseinandersetzungen ins Zentrum stellen.
Die Shakespeare-Adaptionen hatte ich ja bereits in meiner Masterarbeit untersucht, und dieses Material habe ich nun erneut aufgegriffen – und dabei festgestellt, dass sich bestimmte Verbindungspunkte über das gesamte Franchise hinweg immer wieder zeigen. Besonders auffällig war dies in den Serien der Next Generation-Ära sowie in den Star-Trek-Produktionen der 1990er Jahre. Das hängt sicherlich auch damit zusammen, dass in dieser Zeit zahlreiche Shakespeare-Verfilmungen entstanden sind. Viele Entwicklungen liefen damals parallel.
Michael Braun: Wenn wir nun über die Erkenntnisse Ihrer Arbeit sprechen: Was war für Sie besonders auffällig? Was haben Sie herausgefunden?
Jennifer Preuß: Mir fiel auf, dass Gerichtsrhetorik und Shakespeare-Referenzen ungewöhnlich häufig gemeinsam auftreten. Daraus entwickelte ich schließlich ein Strukturmerkmal, das ich zusammen mit historischen Referenzen untersuchte. Star Trek verweist regelmäßig auf reale historische Ereignisse – etwa den Vietnamkrieg, den Kalten Krieg, den Holocaust oder andere historische Bezugspunkte. Diese Elemente bildeten schließlich das zentrale Strukturmerkmal meiner Dissertation, über das ich mich auf einer neuen analytischen Ebene mit Star Trek beschäftigt habe.
Da ich mich bereits in meiner Bachelorarbeit oberflächlich mit den zahlreichen Verweisen auf Hochkultur beschäftigt hatte, konnte ich auf gewisse Vorerfahrungen zurückgreifen. Besonders interessant fand ich die Beobachtung, dass sich die eher oberflächlichen Verweise auf Shakespeare sehr deutlich von einer anderen, wesentlich tiefergehenden Ebene unterscheiden lassen. Zu diesen oberflächlichen Verweisen gehören beispielsweise Episodentitel mit Shakespeare-Bezug oder Situationen, in denen Shakespeare lediglich zitiert wird – etwa wenn Captain Kirk gerade flirtet und dabei eine Shakespeare-Zeile einstreut. Solche Referenzen dienen häufig dazu, Hochkultur sichtbar zu machen und damit ein bildungsorientiertes Publikum anzusprechen.
Daneben gibt es jedoch eine zweite Ebene, auf der Star Trek Shakespeare ganz anders nutzt. Hier steigt das Franchise deutlich tiefer in das kreative Material Shakespeares ein. Dabei entsteht der Eindruck, dass die Verantwortlichen erkannt haben, dass bestimmte Strukturen in Shakespeares Werk außerordentlich gut nutzbar sind – selbst in einem Bereich, der sowohl medial als auch historisch und kulturell völlig anders gelagert ist als das elisabethanische Theater.

Eine Kreiegsgericht-Szene aus der Classic-Serie.
Michael Braun: Wie wurde das für Star Trek umgesetzt?
Jennifer Preuß: Star Trek scheint verstanden zu haben, dass sich bestimmte dramaturgische und rhetorische Strukturen hervorragend eignen, wenn man den Anspruch verfolgt, dem Publikum nicht nur Unterhaltung zu bieten, sondern auch inhaltlich etwas zu vermitteln.
Ich glaube, dieser Anspruch war von Beginn an vorhanden und ist in der Tradition Gene Roddenberrys bis heute spürbar. Star Trek wollte seinen Zuschauerinnen und Zuschauern immer etwas mitteilen. Die Serien wollten zum Nachdenken anregen, politisches Interesse wecken und insbesondere auch jüngeren Menschen Orientierung bieten.
Gerade in der Originalserie sollten Jugendliche Figuren finden können, die als moralische Vorbilder dienen. Es ging darum, zeitgenössische Themen aufzugreifen und die Zuschauerinnen und Zuschauer für gesellschaftliche Fragestellungen zu sensibilisieren. Und genau hier erweisen sich Shakespeare und die mit ihm verbundenen Strukturen als besonders wirkungsvoll. Einige von Shakespeares Stücken werden als „problem plays“ oder „philosophical plays“ bezeichnet. Diese wurden im 19. Jahrhundert von Franz Boas gruppiert, weil sie Probleme aufwerfen, die theoretisch in utramque partem diskutieren werden können. Sie verweigern sich gewissermaßen einer eindeutigen Interpretation und lassen sich nicht abschließend unter einem bestimmten Aspekt subsummieren.
Wenn man nun an die Föderation der Planeten denkt – also an diese Zukunftsutopie friedlicher, wissenschaftlich orientierter Menschen –, dann wird diese Utopie erst dann wirklich interessant, wenn deutlich wird, dass sie auf verbindlichen Regeln basiert.
Es handelt sich eben nicht nur um ein positives gesellschaftliches Gefühl oder um eine abstrakte Vision. Vielmehr existieren Gesetze, die bestimmte moralische Ansprüche absichern. Diese Regeln sind verbindlich und werden innerhalb der erzählten Welt ernst genommen. Gerade deshalb spielen Gerichtsverfahren und juristische Konflikte eine wichtige Rolle. Sie machen sichtbar, welche Werte eine Gesellschaft tatsächlich trägt und wie verbindlich diese Werte sind. Damit versetzt Star Trek die Zuschauer in einen Modus des Urteilens.
Star Trek besitzt dadurch das Potenzial, gesellschaftliche Fragen über seine Fernsehepisoden und Filme aufzugreifen und zur Diskussion zu stellen. Für ein populärkulturelles Franchise ist das durchaus bemerkenswert, denn solche Elemente wären für Spannung oder kommerziellen Erfolg nicht zwingend erforderlich. Gerade deshalb fand ich diese Verbindung von Shakespeare, Gerichtsrhetorik und moralischer Argumentation so interessant.
Michael Braun: Wenn man auf die neueren Serien schaut, dann wird die Föderation ja teilweise deutlich kritischer betrachtet. Das gesamte Konstrukt wird stärker hinterfragt. Ist das etwas, das ebenfalls in Ihre Überlegungen eingeflossen ist oder Ihnen zumindest aufgefallen ist, auch wenn es vielleicht nicht unmittelbar Gegenstand der Dissertation war?
Jennifer Preuß: Ja, durchaus. Für die eigentliche Hauptanalyse musste ich diesen Aspekt allerdings etwas ausklammern, weil das Strukturmerkmal, das ich entwickelt habe, vor allem in der Ära von The Next Generation und den beiden Spin-offs Deep Space Nine und Voyager besonders deutlich ausgeprägt ist. Trotzdem hat Star Trek diesen grundsätzlichen Anspruch nicht verloren.
Wichtig ist dabei, dass sich das Fernsehformat inzwischen massiv verändert hat. Wenn man an die großen Star-Trek-Serien der 1990er-Jahre denkt, sprechen wir von sieben Staffeln mit jeweils etwa 26 Episoden. Das ist eine enorme Menge an Material. Fernsehen funktioniert heute grundsätzlich anders. Zum einen ist die Rezeption digital geworden. Zuschauerinnen und Zuschauer müssen nicht mehr eine Woche auf die nächste Folge warten. Zum anderen ist es nicht mehr notwendig, am Ende jeder Episode den ursprünglichen Status quo wiederherzustellen, sodass das Raumschiff einfach weiterfliegt und das nächste Abenteuer beginnt. Stattdessen sind moderne Serien wesentlich stärker narrativ verflochten. Die Staffeln sind kürzer, die Episodenzahl ist geringer und die Geschichten werden wesentlich dichter erzählt. Das hat natürlich Auswirkungen auf die Art und Weise, wie Themen verhandelt werden.
Dennoch gibt es auch in neueren Serien wie Discovery immer wieder Momente, die an den ursprünglichen Anspruch von Star Trek anknüpfen. Die Serie präsentiert ein ausgesprochen diverses Setting und greift zahlreiche zeitgenössische politische und kulturelle Fragestellungen auf. Dazu gehören etwa Themen wie Migration oder – wie Sie bereits angesprochen haben – die Infragestellung von Institutionen. In den älteren Serien gab es zwar vereinzelt korrupte Admiräle oder einzelne problematische Figuren innerhalb der Föderation, die dann beseitigt werden mussten. Im Großen und Ganzen wurde die Föderation jedoch als relativ homogenes Gebilde dargestellt, dessen Grundwerte nicht ernsthaft infrage gestellt wurden. In den neueren Serien ist das anders.
Dort werden auch konkrete politische Entwicklungen aufgegriffen. Man darf nicht vergessen, dass Star Trek ein amerikanisches Franchise ist. Entsprechend finden beispielsweise politische Debatten und Vorgänge Eingang in die Geschichten, die in den Vereinigten Staaten besonders präsent sind. Dazu gehören etwa die Diskussionen rund um die Impeachment-Verfahren gegen Donald Trump, die in der amerikanischen Öffentlichkeit eine große Rolle gespielt haben.
Star Trek schlägt also weiterhin Brücken zwischen seiner fiktionalen Zukunft und den historischen sowie politischen Gegebenheiten der Gegenwart, in der die jeweilige Serie entsteht. Gleichzeitig haben sich die narrativen Strukturen natürlich verändert und den Sehgewohnheiten der Gegenwart angepasst. Die Erzählweise ist heute deutlich verdichteter. Dennoch nimmt man sich nach wie vor Zeit für längere Dialoge und ausführliche Diskussionen. Vielleicht fällt mir das aufgrund meines wissenschaftlichen Interesses besonders auf, aber ich sehe diesen Anspruch weiterhin.
Deshalb würde ich sagen: Ja und nein. Star Trek hat sich verändert, aber der grundlegende Anspruch ist weiterhin erkennbar und wird immer wieder aufgegriffen.
„Ich mag die meisten Star Trek-Serien des klassischen Kanons, begeistere mich aber auch für die jüngeren Serien. Wenn ich eine Lieblingsserie aussuchen müsste, würde ich Deep Space Nine nehmen. Grundsätzlich habe ich eine Vorliebe für die Außenseiterfiguren des Franchise, die ihren Platz in der Gesellschaft suchen, wie Worf, Data, Odo oder Seven of Nine, da sie häufig zum ethischen Prüfstein für die Werte der Föderation werden.“ – Jennfer Preuß
Michael Braun: Ich hatte oft den Eindruck, dass früher vor allem über die Oberste Direktive gesprochen wurde – also darüber, ob man sich einmischen darf oder nicht. Heute geht man bei vielen Themen deutlich tiefer hinein. Die aktuellen Serien diskutieren die Fragestellungen intensiver und hinterfragen mehr. Gleichzeitig wird am Ende meist doch wieder deutlich gemacht, welche Werte gelten und warum sie wichtig sind. Das wirkt auf mich auch wie ein Spiegel gesellschaftlicher Debatten.
Jennifer Preuß: Ja, das stimmt. Wenn wir beispielsweise über Discovery sprechen, dann wird die Föderation zu Beginn der Serie durchaus kritisch betrachtet. Gleichzeitig ist die Handlung aber so konstruiert, dass sie sich letztlich nicht fundamental mit dem bestehenden Kanon in Konflikt bringt. Die Oberste Direktive existiert nach wie vor und bleibt ein wichtiger Bestandteil des Star-Trek-Universums. Allerdings spielen inzwischen andere Elemente ebenfalls eine größere Rolle. Zeitreisen beispielsweise sind heute deutlich präsenter, wodurch die Oberste Direktive teilweise gar nicht unmittelbar relevant wird.
Außerdem begegnet die Föderation inzwischen häufiger Gegnern oder Situationen, in denen sie selbst nicht mehr die dominante Macht darstellt. In früheren Serien war die Föderation oft die starke, etablierte Größe. In neueren Produktionen wird sie dagegen gelegentlich in die Rolle eines Außenseiters versetzt. Man denke etwa an Szenarien, in denen Figuren plötzlich im 32. Jahrhundert landen und sich in einer völlig veränderten Situation wiederfinden. Dort müssen sie sich zunächst neu orientieren und stehen gewissermaßen wieder ganz am Anfang. Auch solche Konstellationen verändern natürlich die Art und Weise, wie Geschichten erzählt werden.
Michael Braun: Ist die Figur Q für Sie so etwas wie ein Sonderfall innerhalb des Star-Trek-Universums? Oder hat es Ihnen auch besonders viel Spaß gemacht, sich mit dieser Figur zu beschäftigen?
Jennifer Preuß: Spaß gemacht hat die Arbeit insgesamt. Allerdings ist es natürlich so, dass man, wenn man sich einer Sache sehr verbunden fühlt, oft auch kritischer auf sie blickt. Das hat Vor- und Nachteile: Wenn man mehrere Jahre mit einem Forschungsthema lebt, sollte man zumindest eine gewisse Begeisterung dafür mitbringen. Andernfalls wird es schwierig. Q ist in vielerlei Hinsicht eine besondere Figur.
Bereits in der Originalserie findet sich eine Struktur, die sich auf Shakespeares The Tempest zurückführen lässt. Die Originalserie selbst kann man in gewisser Weise als eine Adaption oder zumindest als eine sehr starke Referenz auf dieses Stück verstehen. Man hat dort das klassische Konstrukt, dass Fremde an einen exotischen Ort gelangen, dort auf eine Art Prospero-Figur treffen, bestehende Machtverhältnisse durcheinanderbringen und anschließend wieder weiterziehen.
Genau dieses Muster findet sich auch in der Originalserie. Kirk, Spock und McCoy landen immer wieder auf fremden Planeten, treffen dort auf fremde Kulturen, bestehen Abenteuer und verlassen den Ort anschließend wieder. Wenn man es zuspitzen möchte, begegnen sie erstaunlich häufig humanoiden Lebensformen, die oft sogar eine attraktive Tochter entsprechend Miranda in „The Tempest“ haben, bevor die Handlung ihren Lauf nimmt und die Enterprise weiterfliegt. Dieses Grundmuster verweist wiederum auf eine längere Traditionslinie.
Dazwischen liegt beispielsweise der Science-Fiction-Film Forbidden Planet aus dem Jahr 1956, der eine Science-Fiction-Adaption von The Tempest darstellt. Rund zehn Jahre später übernimmt Star Trek ähnliche Strukturen und überführt sie in ein serielles Fernsehformat. Mit dem Sprung zu The Next Generation etwa zwanzig Jahre später verändert sich diese Konstellation. Die Figur des Prospero wird gewissermaßen aufgeteilt.

Q in Uniform in Picards Raum.
Auf der einen Seite steht Jean-Luc Picard. Er begegnet dem Fremden grundsätzlich offen, respektvoll und neugierig. Er verkörpert den Glauben an Verständigung, Forschung und die Achtung allen Lebens. Auf der anderen Seite steht Q.
Q übernimmt gewissermaßen die dunkleren und problematischeren Aspekte dieser Prospero-Figur. Er ist ein Wesen von nahezu unbegrenzter Macht und fungiert innerhalb des Star-Trek-Universums als eine Art psychologische Konstante.
Er taucht immer wieder auf, beobachtet die Menschheit und konfrontiert sie mit ihren Schwächen. Q ist ein kosmischer Trickster. Er ist Antagonist, Richter und Spieler zugleich. Er manipuliert Situationen, provoziert Menschen und führt sie immer wieder an ihre Grenzen. Gerade deshalb war er für meine Arbeit besonders interessant.
Zu Beginn von The Next Generation erscheint Q als omnipotentes Wesen und erhebt Anklage gegen die Menschheit. Hier begegnen wir unmittelbar meinem eigentlichen Thema: Gerichtsrhetorik. Q tritt als Richter auf und erklärt, dass die Menschheit nicht berechtigt sei, weiter in den Weltraum vorzudringen. Nach seiner Auffassung handelt es sich um eine gewalttätige und gefährliche Spezies, die friedliche Kulturen gefährden würde. Picard übernimmt daraufhin die Verteidigung der Menschheit. Er argumentiert, dass die Menschheit sich weiterentwickelt habe und nicht mehr dieselbe sei wie in ihrer gewalttätigen Vergangenheit. Er bittet darum, die Möglichkeit zu erhalten, dies unter Beweis zu stellen.
Aus dieser Ausgangssituation entsteht etwas sehr Interessantes. Man kann nämlich argumentieren, dass jede einzelne Episode von The Next Generation Teil eines riesigen galaktischen Gerichtsverfahrens ist. Der eigentliche Prozess bildet die Rahmenhandlung; die einzelnen Episoden fungieren als eine Art Beweisführung innerhalb dieses Verfahrens. In jeder neuen Situation muss die Menschheit zeigen, dass sie tatsächlich die Werte verkörpert, die sie für sich beansprucht. Aus dieser Perspektive werden die zahlreichen Abenteuer zu einzelnen Prüfsteinen innerhalb eines übergeordneten Gerichtsprozesses. Gerade diese Struktur fand ich außerordentlich spannend. Q verschwindet ja nicht nach der ersten Episode. Teilweise sieht man ihn über längere Zeit nicht, dann kehrt er plötzlich zurück und erinnert die Menschen daran, dass das Verfahren noch immer läuft. Sinngemäß sagt er immer wieder: „Dieser Prozess ist noch nicht beendet.“ Die Menschheit befindet sich dauerhaft in einem Zustand der Prüfung. Dieses Motiv zieht sich weit über The Next Generation hinaus durch das Franchise. Q taucht in späteren Serien erneut auf und greift dieselbe Idee wieder auf.
Sogar in der Serie Picard wird noch einmal deutlich gemacht, dass die Prüfung der Menschheit niemals aufgehört hat. Insofern spielt die Vorstellung des Gerichtsprozesses auf einer sehr grundlegenden Ebene eine zentrale Rolle innerhalb von Star Trek. Hinzu kommen dann die zahlreichen kleineren Gerichtsverfahren und Konflikte innerhalb einzelner Episoden. Sie dienen gewissermaßen dazu, immer wieder neu zu überprüfen, ob die Menschheit den eigenen Ansprüchen tatsächlich gerecht wird. Besteht sie die Prüfung – oder besteht sie sie nicht? Genau diese Frage wird immer wieder neu verhandelt. Deshalb ist Q für meine Arbeit eine ausgesprochen wichtige Figur. Er verkörpert die Richterrolle innerhalb dieses großen, übergeordneten Gerichtsverfahrens. Und unabhängig von der wissenschaftlichen Analyse kommt natürlich hinzu, dass viele Star-Trek-Fans Q-Episoden besonders mögen. Er ist schlicht eine sehr unterhaltsame Figur.

Q und Picard in der „Picard“-Serie.
Michael Braun: Genau. Q ist natürlich einerseits Gegenspieler, andererseits vielleicht manchmal auch ungerecht oder zumindest so angelegt, dass er ungerecht wirkt. Trotzdem ist er bei den Fans ausgesprochen beliebt. Haben Sie sich damit ebenfalls beschäftigt? Was macht diese Figur Ihrer Meinung nach so attraktiv?
Jennifer Preuß: Ich denke, dass zunächst einmal sein Wortwitz eine große Rolle spielt. Q ist eine Figur, die sehr sprachbewusst agiert und immer wieder auch mit Shakespeare hantiert. Dadurch entsteht bereits eine Verbindung zu vielen der Themen, die mich in meiner Arbeit interessiert haben. Gleichzeitig verweist Q immer wieder auf die reale Welt außerhalb der Serie. Hinzu kommt natürlich, dass die Figur von einem hervorragenden Schauspieler verkörpert wird.
Im Rahmen meiner Dissertation konnte ich mich allerdings nicht allzu ausführlich mit einer eigenständigen Figurenanalyse beschäftigen. Zum einen hatte ich Q bereits in meiner Masterarbeit behandelt, weil er genau jenes Motiv verkörpert, das mich damals interessierte: den Gott, der mit den Menschen spielt.

Q und Picard in der „Picard“-Serie.
Zum anderen lag mein Schwerpunkt in der Dissertation stärker auf den konkreten Analysen. Ich habe mir einzelne Szenen angesehen, Gerichtsprozessstrukturen herausgearbeitet, rhetorische Figuren untersucht und die jeweiligen Argumentationsmuster analysiert. Eine umfassende Analyse der Figur Q hätte den Rahmen der Arbeit gesprengt. Wenn ich die Beliebtheit der Figur außerhalb des wissenschaftlichen Kontexts erklären müsste, würde ich dennoch sagen, dass der Wortwitz eine wichtige Rolle spielt. Darüber hinaus vereint Q viele Elemente, die man auch aus Shakespeare kennt. Er ist eine Figur der Verkleidung. Er tritt ständig in neuen Rollen auf. Immer wieder erscheint er in anderen Kostümen und Identitäten. Damit greift er ein zentrales Motiv des Theaters auf. Q erinnert außerdem an den verkleideten Herrscher, ein Motiv, das sich häufig bei Shakespeare findet. Gleichzeitig ist er Richterfigur, Verführer, Täuscher und Taschenspieler. Er spielt mit den Menschen, manipuliert Situationen und bewegt sich ständig zwischen Ernst und Komik. In gewisser Weise besitzt er sogar etwas Dämonisches oder Teuflisches. Er fungiert als eine Art Richter, der die Menschen prüft und provoziert. Ich glaube, dass gerade diese Vielzahl unterschiedlicher Ebenen die Figur so interessant macht. Sie spricht das Publikum auf ganz verschiedene Weise an. Deshalb funktioniert Q sowohl als humoristische Figur als auch als ernstzunehmender Antagonist. Er kann komisch, bedrohlich, philosophisch und moralisch herausfordernd zugleich sein. Das macht ihn zu einer der faszinierendsten Figuren innerhalb des gesamten Star-Trek-Universums.
Michael Braun: Zum Abschluss würde ich gerne noch einen Blick in die Zukunft werfen. Das Star-Trek-Universum befindet sich derzeit in einer interessanten Phase. Einige aktuelle Serien wurden eingestellt, andere Projekte stehen auf dem Prüfstand. Insgesamt wirkt es ein wenig wie ein Umbruch oder vielleicht sogar wie eine Phase des Stillstands. Wenn Sie auf Grundlage Ihrer Analysen auf die Entwicklung des Franchise schauen: Wie müsste sich Star Trek Ihrer Meinung nach weiterentwickeln, um auch künftig relevant zu bleiben und neue Zuschauer anzusprechen?
Jennifer Preuß: Ehrlich gesagt sehe ich die Situation gar nicht so kritisch. Star Trek begleitet sein Publikum inzwischen seit fast sechzig Jahren. Das ist eine außergewöhnliche Leistung. Über viele Jahrzehnte hinweg haben die Serien immer wieder neue Generationen von Zuschauerinnen und Zuschauern erreicht. Dabei gab es immer wieder längere Pausen. Zwischen der Originalserie und The Next Generation lagen rund zwanzig Jahre. Auch später gab es Phasen, in denen das Franchise scheinbar an sein Ende gekommen war. Der große Serienboom, den The Next Generation ausgelöst hat, war ohnehin bemerkenswert. Bis heute zählt die Serie zu den beliebtesten Fernsehserien überhaupt und nicht nur innerhalb des Science-Fiction-Genres.
Aus diesem Erfolg gingen zahlreiche Spin-offs hervor. Es entstanden immer neue Serien, bis sich dieses Modell irgendwann erschöpft hatte. Anfang der 2000er-Jahre wurde schließlich auch Enterprise eingestellt und viele Menschen gingen damals davon aus, dass Star Trek damit beendet sei. Doch rund zwölf Jahre später kehrte das Franchise zurück. Es entstand erneut ein regelrechter Serienboom mit Produktionen wie Discovery, Picard, Strange New Worlds sowie den verschiedenen Animationsserien. Dabei waren und sind viele ausgesprochen talentierte Kreative beteiligt.

In der neuesten Serie „Starfleet Academy“ spielt Literatur auf einer Meta-Ebene eine Rolle.
Man denke beispielsweise an Michael Chabon, einen hervorragenden Schriftsteller, der ebenfalls für Star Trek gearbeitet hat. Insgesamt waren an den neueren Produktionen zahlreiche kreative Köpfe beteiligt, die aus ganz unterschiedlichen Bereichen kamen und ihre Perspektiven eingebracht haben. Wenn das Franchise nun erneut in eine ruhigere Phase eintritt, halte ich das nicht für ungewöhnlich. Es wurde in den vergangenen Jahren sehr viel Star Trek produziert. Dass danach eine Phase der Konsolidierung folgt, erscheint mir vollkommen normal. Ich bin deshalb überzeugt, dass Star Trek auch künftig wieder relevant werden wird.
Das Franchise besitzt eine außergewöhnliche Fähigkeit, immer wieder neue Themen aufzugreifen und sich mit aktuellen gesellschaftlichen Fragestellungen zu verbinden. Gerade deshalb ist es so langlebig. Star Trek bietet ein erzählerisches Gerüst, das sich immer wieder neu nutzen lässt. Es eignet sich hervorragend dazu, gesellschaftliche Entwicklungen, politische Fragen und kulturelle Veränderungen zu reflektieren. Deshalb sehe ich keinen Anlass, Star Trek abzuschreiben oder als abgeschlossenes Kapitel zu betrachten; irgendwann wird etwas Neues kommen. Da bin ich tatsächlich sehr zuversichtlich.
Bilder: Jennifer Preuß / Paramount / CBS





































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