Fantasie trifft Emotion

Review: Zoey’s Extraordinary Playlist – Staffel 1

Mini-Spoiler
Maik
04.05.20

Nach dem Review zur Pilotfolge möchte ich euch jetzt nochmal ein abschließendes (und möglichst spoilerfreies) Staffelreview zur Debütrunde von „Zoey’s Extraordinary Playlist“ liefern. In der Nacht zu heute lief nämlich die zwölfte und vorerst letzte Episode der neuen Dramedy-Serie mit Jane Levy in den USA (hier in Deutschland hinkt die Serie etwas hinterher, auf Sky One läuft Sonntag Folge Nummer Vier). Und um es vorweg zu nehmen: Den guten Ersteindruck konnte die Serie definitiv bestätigen, wenn nicht gar mehr, so dass dieser Beitrag auch direkt als Serientipp für euch fungiert.

Verrückte „Superkraft“

Die grundlegende Story kennt ihr vielleicht bereits aus den Trailern: Zoey Clarke (Jane Levy) ist Programmiererin und beginnt nach einer missglückten MRT-Untersuchung damit, andere Personen beim Singen ihrer persönlichsten Gefühle zu hören. Niemand sonst außer ihr kann den Gesang und die oftmals damit verbundenen Tanzeinlagen hören oder sehen.

„I am a mutant. I am ‚The X-Men‘ meets ‚The Voice‘.“ (Zoey)

Mit ihrer neu gewonnenen „Superkraft“ möchte oder vielmehr muss sie anderen und sich selbst im Verlaufe der Staffel helfen, indem sie persönliche Probleme löst. Oder es zumindest versucht. Unterhaltsam ist wie bei allen Superhelden-Formaten auch hier vor allem die Entdeckung der seltsamen Fähigkeiten. Aber auch darüber hinaus bleibt die Serie für uns und ihre Figuren stets frisch und weiß mit durchdachten Weiterentwicklungen zu überzeugen.

Große Abwechslung

Musical-Serien sind sonst ja eher nicht so mein Metier. Gegen eine einstweilen eingeworfene musikalische Darbietung in Form einer Sonderfolge, wie bspw. bei der 100. Ausgabe von „How I Met Your Mother“, oder recht regelmäßige, kurze Sequenzen in „Bob’s Burgers“ habe ich gar nichts einzuwenden, aber „Glee“ hat mich durch die inhaltliche Ausrichtung nie wirklich angesprochen und bei „Crazy Ex-Girlfriend“ habe ich es nie über die Pilotfolge hinaus geschafft, die ich ganz grausig fand. Bei „Zoey’s Extraordinary Playlist“ ist das jedoch anders. Das mag vor allem daran liegen, dass die Hauptfigur selbst zunächst etwas verstört auf den kitschig wirkenden Gesang reagiert und man sich entsprechend nicht alleine fühlt. Vor allem bleibt es aber nicht kitschig, bleibt es doch stets abwechslungsreich.

Zum einen musikalisch gesehen. Denn – im übertragenen wie wörtlichen Sinne – wird eben nicht ständig die gleiche Platte aufgelegt. Neben typischen „Kuschelrock“-Songs gibt es auch Uptempo-Nummern, neben Klassikern auch moderne Hits zu hören. Stets passend zur Situation werden die Lyrics gekonnt von entsprechenden Personen intoniert und dank mal dezenter Solo- und mal aufwendi choreografierter Gruppen-Tanzeinlagen bleibt es auch visuell kurzweilig. Vor allem hat die Staffel aber auch einige Weiterentwicklungen der Grundidee parat, die für Überraschungen sorgen. Immer, wenn das Setting in eine stete Wiederholung einzulullen droht, bricht sie dort hinaus und schafft es so, stets frisch und neu zu wirken. Nichts da mit dem „Monster of Week“, das Zoey’s singen lässt. Das wird storyseitig erfreulich komplexer als das.

Eine Liste sämtlicher in den jeweiligen Episoden gesungener Songs gibt es übrigens auf Wikipedia zu sehen.

Authentische Emotionen

Nicht nur wegen des Problemlösungs-Settings fühlte ich mich immer wieder an die tolle Serie „Kevin (Probably) Saves the World“ erinnert. Auch in Punkto Authentizität schlägt „Zoey’s Extraordinary Playlist“ gleiche Töne an. Damit meine ich zum einen, dass die Figuren nachvollziehbare Dinge tun. Klar, so eine aus dem Nichts erscheinende Gesang-Hör-Superkraft ist wenig realistisch, aber wie Zoey und die anderen Figuren allgemein reagieren, sehr. Hier und da gibt es ein paar kleinere Fehlerchen oder konstruiert wirkende Nuancen, aber im Großen und Ganzen sind alle Storylines nachvollziehbar gestaltet und zudem auch angenehm verwoben erzählt.

Zum anderen finde ich den Cast ziemlich gut zusammengestellt (u.a. sind ja Lauren Graham („Gilmore Girls“) und Peter Gallagher („The O.C.“) mit dabei). Die SchauspielerInnen wirken authentisch und die Regie scheint realistisch wirkende Dialoge gefördert zu haben. Da gibt es Verhaspler, stolpernde Blicke, kleine Gesten. Mich würde ja interessieren, wie viel davon auf der Stelle hinzu-improvisiert und wie viel vorgegeben war. Die DarstellerInnen haben jedenfalls einen vortrefflichen Job gemacht – vor allem, als es zu den sehr emotionalen Momenten kam. Von denen gab es einige.

„My whole goal with the show is to be real and authentic to my own experiences as much as possible and putting it through the lens of this family.“ (Quelle)

Man merkt wirklich, wie involviert Creator Austin Winsberg in die Geschichte ist. Nein, er hört nicht etwa auch andere Menschen singen (zumindest hat er es uns nicht offenbart), aber leider hat auch er seinen Vater an der degenerativen Hirnerkrankung progressive supranukleäre Blickparese („progressive supranuclear palsy“, PSP; auch progressive supranukleäre Paralyse, Steele-Richardson-Olszewski-Syndrom) verloren. Entsprechend auch die „In loving memory of Richard Winsberg“ vor dem Abspann der Folge und der Episodentitel „Zoey’s Extraordinary Dad“ dürfte auch zu einem gewissen Teil gen Himmel formuliert worden sein. Und ja, ich hatte eine kleine Träne im Augenwinkel…

„Zoey’s Extraordinary Playlist“ ist der Inbegriff einer Dramedy-Serie, die gekonnt den Spagat zwischen emotionaler Tiefe und unterhaltsamer Leichtigkeit vollführt bekommt. Die Besonderheit der „Superkraft“ sorgt für den besonderen Reiz, die Figuren und ihre Geschichten für die Menschlichkeit und die realistische Nähe. Viele Leute können sich in Herausforderungen am Arbeitsplatz und Unsicherheiten im Liebes-Bereich wiederfinden, einige werden beim Thema Verlust und Krankheit in der Familie abgeholt. Mir ist beim Schauen zwischendrin ein „wie schrecklich!“ entglitten, weil mich die alleinige Vorstellung, einer gezeigten Situation beizuwohnen, bereits so mitgenommen hatte. Für ZuschauerInnen, die derartige Momente selbst mitmachen müssen oder mussten, dürfte diese Serie ein willkommener Anker sein. Auch andere Leute haben einschneidende Erlebnisse mitgemacht. Dass empathische Vertrautheit und das gemeinsame Unterstützen mit Erfahrungsteilung für den eigenen Verarbeitungs-Prozess helfen können, hat die Serie gekonnt bereits in den ersten Episoden zwischen den Figuren erarbeitet.

Ich möchte hier aber gar nicht auf einer allzu traurigen Note enden. „Zoey’s Extraordinary Playlist“ hat nämlich noch viel mehr zu bieten. Vor allem auch viel Frohsinn und Lebensfreude, die den emotionalen Hürden entgegenstehen! Zoey ist smart und aufgeweckt, ihre Nachbarin Mo eh ein kunterbunter Sonnenschein, Tobin ein verpeilter Programmierer-Bro, der definitiv seine Momente hat und Howie einer, mit dem ich gerne mal ein Bierchen trinken würde. Es gibt viele tolle Figuren, die neben Herz auch Humor in die Serie bringen. Mir gefällt, dass der selten Schenkelklopfer-Niveau hat, sondern auch hier authentische Einbindung als treibendes Stilmittel gewählt wurde. So droht die Serie auch nie in eines der Fahrwasser zu sehr abzutauchen, bis auf vielleicht den bewusst emotional gewählten Abschied aus der ersten Staffel.

Insgesamt hat mir diese erste Staffel sehr gefallen. Es war (für mich als Nicht-„Crazy Ex-Girlfriend“- oder „Glee“-Schauer) ein sehr besonderes Erlebnis. Eine sehr gut ausbalancierte Genre-Mischung, die eine originelle Abwechslung zum Einerlei darstellt, das oftmals entweder total seichte Comedy, tiefschwarze Dramatik oder einen missglückten Mischversuch aus beidem im Angebot hat. Und entsprechend darf es gerne einen Nachschlag geben!

2. Staffel „Zoey’s Extraordinary Playlist“?

Noch wurde nicht öffentlich bekannt gegeben, ob es eine zweite Staffel geben wird. Ich denke aber, dass der grundlegende Erfolg der Serie, die inhaltliche Möglichkeit einer fortlaufenden Erzählung (alleine in der finalen Folge wurden ja etliche Pfade aufgerissen) und nicht zuletzt die bereits getätigten Gedanken von Showrunner Winsberg hinsichtlich einer Fortsetzung stark dafür sprechen, dass es nächstes Jahr weitergehen dürfte. Hier ein kleiner Ausblick auf das, was wir dann zu sehen bekommen könnten:

„One of the ideas going forward in season 2 is how does a family move on after death and how does the family move on after tragedy and what are the ways in which we try to rebound and bounce back? And what are any lessons, if at all, that we can take from this experience to hopefully make ourselves better people? It informs the family in a huge way, like with my own mother in the Maggie [Mary Steenburgen] story, the idea of going back into the world and having to learn to be independent after being married to the same man for over 40 years. With David [Andrew Leeds] and Emily [Alice Lee] the idea of becoming a parent while losing your parent and what kind of father does he want to be and what lessons from his dad can he hopefully impart onto his child? And then for Zoey just this idea of where do I go from here and what, if any, good can I take from this? The overarching thematic idea I’d like to do in season 2 is a little bit of man’s search for meaning, and amongst all of our characters but especially for Zoey what kind of person do I want to be and how can I make the most of the time I have? She learned from her dad that time is precious and it’s important to live in the present and trying to take those messages but at a time where you’re also grieving too. There’s going to be emotional complexity for Zoey ahead and she might not always act in the ways that we would think or expect for her to act because of it.“ (Austin Winsberg)

Ich würde mich jedenfalls darüber freuen, wenn die wahrlich außergewöhnliche Geschichte um Zoey und ihre Familie weitererzählt werden würde. Solltet ihr euch noch etwas unsicherer sein und dem Vorhaben persönlich Nachdruck verleihen wollen, so könnt ihr ja die Online-Petition für eine zweite Staffel „Zoey’s Extraordinary Playlist“ unterzeichnen…

„Zoey’s Extraordinary Playlist“ gibt’s bei:

Bilder: NBC

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