Stop shaming!

Kommentar: Ist man out, nur weil man nicht raus geht?

24.04.19 09:42
KommentarSerien
Spoilerfrei
Leonie
24.04.19

Ich war am Ostermontag draußen. So richtig draußen, mit Sonne, Natur, Wald und einem Kloster am Ende des Weges. Der Weg zum Kloster war mitunter etwas steil, so sparte man sich Gespräche mit den Wegbegleitern und hing seinen Gedanken nach.

Eigentlich hatte ich keine gesteigerte Lust, rauszugehen, Sonne hin oder her. Eigentlich wollte ich gern „Chosen“ sehen, worauf Kira mich mit ihrem „In weiteren Rollen: Milo Ventimiglia“ gebracht hat. Eigentlich kann ein perfektes langes Feiertags-Wochenende für mich so aussehen, dass ich auf der Couch faulenze, bei Serien und Candy Crush, und ja, auch vier Tage am Stück, gar kein Problem. Eigentlich will ich mich dafür auch überhaupt nicht rechtfertigen oder gar schämen. Eigentlich bin ich nämlich der Meinung, ich muss nicht immer produktiv sein, oder gar draußen, und außerdem werde ich irgendwann mal Kinder haben, und dann ist es ohnehin vorbei mit Netflix ´n Chill. Eigentlich habe ich gestern also einen halben Tag Faulenzen verschwendet. Hmpf.

Aber – das darf man ja keinem erzählen. Zumindest, sobald das Thermometer mehr als 10 Grad zeigt. Dass man lieber Serien schaut als rauszugehen. Dass man Bingen als Hobby betrachtet. Dass man eine Serie über die Natur der Natur vorzieht. Selbst dass ich über Serien blogge ist den meisten nicht Grund genug dafür, dass ich auch einen veritablen Teil meiner Zeit mit Serien verbringe und das auch noch gerne tue. Was ich ernte sind Verständnislosigkeit und Kopfschütteln.

„Mal einen Film schauen, das ist ok – aber eine ganze Serie?“

„Was, du schaust Serien? Woher nimmst du dazu nur die Zeit?“ wurde ich letztens gefragt. Dahinter steckt offenbar die Meinung, dass Serien immer wahnsinnig viel Zeit beanspruchen und dass man überhaupt nicht anders kann, als drei Staffeln à 24 Folgen „Shameless“ ohne Pause zu verschlingen. Spoiler: Es geht auch anders. Wenn man möchte. Streaming sei Dank ist man sogar völlig frei, wie man sich eine Staffel einteilt, und muss nicht jeden Dienstag zur gleichen Zeit Zeit haben. Und dank waipu.tv spare ich mir auch noch die Werbeunterbrechungen – rechnet das mal zusammen.

Leute, die meinen, dass sie keine Zeit für Serien haben, finden oft auch, Filme schauen ist das einzige, was man sich zeit-technisch leisten kann oder darf. Die stellen mit Sicherheit einen Teil der Personen, die an Ostermontag im Schnitt 216 Minuten (!) TV geschaut haben, und das, obwohl praktisch nur Wiederholungen liefen. Wiederholungen von Sonntag!! Ich mag Filme einfach nur ganz selten, die fordern meine ganze Aufmerksamkeit, man kann nicht zwischendurch quatschen, meistens schlafe ich ein, ist einfach nichts für mich. Ich stehe deswegen auch nicht „Pfui“-rufend vor dem Kino.

„Aber draußen scheint die Sonne!“

Wenn man sich mal ansieht, was da gestern auf Kloster Andechs los war, gibt es (viel zu viele) Menschen, die denken, dass sie raus müssen, nur weil die Sonne scheint einfach gern rausgehen. Sie spazieren, flanieren, wandern, Hauptsache raus, Natur, Sonne, Wald, Wiesen, Burgen, Klöster. Wenn man denen sagt, man hat am Wochenende nur gemerkt, dass schönes Wetter war, weil man die Jalousien runtermachen musste, dann wechseln sich Erstaunen, Ungläubigkeit und Mitleid in den Gesichtern ab. Danke, aber nein, ich möchte nicht mit den ganzen anderen Naturliebhabern in den botanischen Garten, ich will nicht auf einen Berg steigen oder auf einem Fluss paddeln, ich will mich nicht in den Stau stellen mit Hunderten Münchnern und Auswärtigen, die den Ostersonntag am Starnberger See verbringen. Ich will vielleicht noch nicht einmal in einen Biergarten. Ich möchte jetzt meine Watchlist abarbeiten und trinke ein kühles Radler dazu, daheim, auf meinem Sofa.

Auch du, Gamer!

Und dann ist da noch dieser Gamer, mit dem ich zusammenlebe. Mit dieser Spezies sollte man doch in einem Boot sitzen, sollte man meinen, Serienjunkies und Gamer, da teilt man das Schicksal, dass die anderen™ meinen, Kommentare wie „Du musst auch mal rausgehen!“ oder „Es ist so schönes Wetter draußen!“ bringen zu müssen.

„Du kannst doch nicht das ganze Wochenende nur Serien schauen.“

Der gleiche Gamer, der total gut vier Tage am Stück das neue „Anno“ zocken kann, findet Bingen dennoch schlimmer und hält sich zumindest ein bisschen für etwas Besseres, weil ich ja nichts baue, nicht vorankomme, weil ich nichts tue. Als wäre das Erreichen des 2.000sten Levels bei Candy Crush nichts! Und das mache ich noch nebenher. Genauso wie kochen, duschen, Wäsche aufhängen, bügeln, bloggen, puzzlen, lesen, einkaufen, mich mit besagtem Gamer unterhalten, etc etc. Das soll mir mal jemand zeigen, wie er irgendwas anderes während des Zockens macht. Nichts tun. Pf. Viele dieser Dinge kann ich, nebenbei bemerkt, übrigens auch nicht tun, wenn ich draußen bin. Nur mal so.

Ich halte es für mich so: Jeder, wie er mag. Also ihr lieben Mitmenschen, macht euch doch mal locker und hört auf, jemanden zu verurteilen, nur weil ihr seine Begeisterung für etwas nicht nachvollziehen könnt. Für die Natur-Freunde ist so draußen mehr Platz, wer seine Freizeit mit Filmen oder ganz anderen Dingen verbringen möchte, go for it, und mein liebster Gamer – bau du mal deine Städte weiter, ich melde mich, wenn mir langweilig wird oder das Essen fertig ist. Und dann bleibt die Glotze auch aus, versprochen.

Welchem Lager gehört ihr an? Lieber doch raus, sobald es warm ist, oder auch ganz ohne Reue mal ein (oder vier) schöne Tage mit Serien verbringen? Und wie reagiert ihr auf die Shamer? Ich freue mich auf eure Kommentare!

3 Kommentare

  • Mit zwei Kindern gehe ich zwangsläufig sehr oft raus und wünsche mir häufig andere Erwachsene würden einfach mal zuhause bleiben… Egal ob man an einem sonnigen Tag in’s Freibad, den Zoo oder nur irgendeinen Park geht, meistens ist der ganze Rest der Stadt auch schon da. Umgekehrt ist man an grauen Herbstagen oft genaug allein auf dem Spielplatz, soweit her ist es mit der Naturliebe bei den meisten dann doch nicht.

    Mich nervt es auch, dass bestimmte Freizeitaktivitäten als „wertiger“ angesehen werden, Hobbys müssen doch keinen Zweck erfüllen. Jeder entspannt eben anders und das Zeitargument ist bei den meisten auch nur vorgeschoben. Wenn ich mir alleine überlege wie oft und ausgiebig bei schönem Wetter gegrillt wird, wovon die Welt ja auch nicht unbedingt besser wird.

  • Dieses Draussen ist eh nur eine Erfindung von Jack Wolfskin.

  • Du sprichst mir aus dem Herzen. Es sollten sogar noch viel mehr Leute drinnen bleiben. Dann sind nämlich viel weniger draußen, dort wo ich bin. Diese Leute nörgeln dann auch gerne herum, weil draußen in den meisten Fällen doch nicht so ist, wie man es gerne hätte.



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