Let's Talk About Sex

Kommentar: Sind TV-Serien heutzutage zu freizügig?

24.02.21 10:15
KommentarSerien
Spoilerfrei
Fabio
24.02.21

Kommentar Freizügigkeit in Serien

Es sind sieben Jahre vergangen, seit sich die beiden Schulfreunde Archie und Betty das letzte mal gesehen haben. Nach seinem Einsatz bei der Armee, kehrt die Titelfigur aus „Riverdale“ in der aktuellen Staffel in sein Heimatort zurück. Betty hilft ihm freundlicherweise beim Aufräumen und Saubermachen seiner Wohnung. Nach getaner Arbeit beschließen beide Pizza zu bestellen, doch vorher wollen die durchschwitzten Jugendlichen sich noch schnell frisch machen. Unentschlossen, wer zuerst unter die Dusche soll landen beide gemeinsam im feuchten Nass, nachdem man sich eindeutige Blicke zugeworfen hat. Den Zuschauer*innen dürfte ziemlich klar sein, was nun als nächstes folgt. Aber anstatt eines Schnitts zur nächsten Szene, nimmt uns die Teenie-Serie noch einen kurzen Augenblick mit unter die Dusche und präsentiert uns eine leidenschaftliche Sexszene bei der die nackten Körper fest aneinandergeschmiegt sind. Vermutlich spricht hier der prüde Katholik in mir, aber ist die Szene nicht überflüssig in einer an ein junges Publikum gerichteten Serie? Interessanterweise wurden die Comics, die der Serie als grobe Vorlage dienen, ursprünglich als tugendhafter Gegenentwurf zu düsteren Horror- und Krimi-Comics entworfen. Aber da man sich einen Pin-Up-Künstler für die Umsetzung ans Zeichenbrett holte, schwang auch immer eine gewisse Schlüpfrigkeit in den Geschichten mit. Nicht selten rekelten sich darin Betty und ihre Freundinnen in Bikinis am Strand. Die Serie folgt dem Prinzip und zeigt vordergründig spannende Geschichten über die Bewohner von Riverdale, lässt dabei aber keine Gelegenheit aus, um ihre Figuren in sexy Situationen zu zeigen.

Sex in TV-Serien

In den 1950ern sorgte schon eine Schwangerschaft in der Serie „I love Lucy“ für Aufsehen. Und in den 1970ern galt auch „Drei Engel für Charlie“ als obszön. Selbst 2004 wurde noch Janet Jacksons Nippellüfter während einer Super Bowl Übertragung als Skandal gesehen. Aber spätestens seit „Game of Thrones“ oder „American Horror Story“ sind Sexszenen im Fernsehen keine Seltenheit mehr. Auch gleichgeschlechtliche Liebe oder bisexuelle Interaktionen wie in „Sense 8“ decken inzwischen diverse Facetten der menschlichen Sexualität ab.

Sense8

Der offene Umgang im TV mit jeglicher Art von Sexualität kann dazu beitragen, dass sie in der Gesellschaft eher akzeptiert wird. Das kann für Homo-, Bisexuelle und alle anderen, positiv sein, da sie mögliche Phobien abbauen. Allerdings sind eher seltene Fetische oder illegale Praktiken wie Inzest in „Game of Thrones“ oder Nekrophilie in „Screem Queens“ vielleicht doch etwas problematisch. Gerade die Grenze zwischen Inhalten für Jugendliche und Erwachsene wird immer geringer. Selbst wenn die Serien für eine junge Zielgruppe keine expliziten Szenen zeigen, dreht sich oft vieles um das Thema Sex. Leider werden dabei zu oft auch die Risiken und Konsequenzen, wie übertragbare Krankheiten und ungewollte Schwangerschaften vernachlässigt. Eine Studie von RAND Health, die den Einfluss von TV-Serien auf Jugendliche untersucht hat, zeigt, dass Teenager früher sexuell aktiv werden, umso eher sie der Thematik im TV ausgesetzt sind. Immerhin hebt die Untersuchung auch hervor, dass Themen rund um Verhütung und Schwangerschaft auch einen lehrreichen Einfluss haben und sogar einen Dialog zwischen Eltern und Kindern fördern kann. Ein gute Serie, der es gelingt das Thema Sex für Teenager zu entmystifizieren ist „Sex Education“. Sie handelt von Otis, dem Sohn einer Sexualtherapeutin, der seine Mitschüler über Themen wie erektile Dysfunktion und sexuelle Belästigung aufklärt. Durch Humor, dem Verzicht von Stereotypen und authentischen Gesprächen ist die Serie besonders gut für die Zielgruppe geeignet.

Sex Education

Alles eine Frage des Blickwinkels

Mit einer schärferen Unterscheidung von Inhalten für Teens und Erwachsene ist es aber meiner Meinung nach nicht getan. Die Art und Weise wie und was gezeigt wird sollte ebenfalls genauer betrachtet werden. Dient die Darstellung von Sex und Nacktheit nur dem Selbstzweck oder trägt sie tatsächlich zur Handlung bei. Die gefeierte Serie „Normal People“ ist ein gutes Beispiel dafür, wie eine feinfühlige Liebesgeschichte, inklusive körperlicher Kommunikation, umgesetzt werden kann. Anders hingegen in „Das Damengambit“: Natürlich finde ich Anya Taylor-Joy in Unterwäsche auf der Couch sitzend nett anzusehen, aber wenn wir und der Regisseur ehrlich sind, dann hätte sie die Szene auch in einem herkömmlichen Pyjama spielen können.

Das Damengambit

Wie sehr insbesondere Frauen in Serien objektifiziert werden, merkt man als heterosexueller Mann spätestens, wenn man sich eine Ryan Murphy Produktion anschaut. Hier wird nämlich oft genug die Kamera auch auf den männlichen Schritt oder Hintern gehalten. Zumindest ich kann seitdem ein wenig besser nachvollziehen, wie sich das für weibliche Zuschauerinnen anfühlen mag, wenn die Frauen, wie beispielsweise in „Haus des Geldes“, permanent in durchsichtigen Tops und knappen Höschen rumlaufen. Mir geht es nicht darum die Darstellung von Sex und Nacktheit abzuschaffen oder zu tabuisieren, aber ich würde mir einen reflektierten Einsatz von Freizügigkeiten seitens der Serienmacher wünschen. Insbesondere im Hinblick auf die Zielgruppe.

Bilder: The CW, Netflix

Ein Kommentar

  • Ja, Frauen in Unterwäsche oder stark körperbetonter Kleidung zu zeigen, wenn es irgendwie gar nicht passt, ist entbehrlich. Mich nervt eher, wenn Menschen, die offensichtlich Sex hatten, morgens dann mindestens in Unterwäsche aus dem Bett steigen oder sich prüde in das Bettlaken wickeln. Einfach lächerlich. Dann lasst den Sex einfach weg. Und Männer haben übrigens Penisse, das kann man ruhig auch sehen, ohne dass es gleich in erigierter Form sein muss. Für mich gehört das einfach dazu, dass man Menschen auch in normalen Serien nackt zeigt, ohne das es gleich zum Porno wird. Mich stören tatsächlich viel eher völlig enthemmte Gewalt und Folterszenen, die ohne Diskussion akzeptiert werden, oder die man akzeptieren muss.


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