Adieu, Melancholie!

Review: BoJack Horseman – Staffel 6 (Serienfinale)

Mini-Spoiler
Maik
06.02.20

Ich muss zu meiner und unserer Schande gestehen, dass „BoJack Horseman“ über die Jahre hier im Blog viel zu kurz gekommen ist. Immerhin hatten wir Reviews zu den Staffeln Eins, Zwei und Vier hier, aber so ganz wurden wir der Größe dieser Serie eigentlich nie gerecht, die vergangen Freitag mit dem zweiten Teil der finalen sechsten Staffel ihren Endpunkt auf Netflix gefunden hat. Aber Einzelepisoden-Reviews haben sich nicht ganz angeboten und bei den Staffeln waren wir einfach immer wieder zu spät dran, um noch eine rechtzeitige Einschätzung liefern zu können. Jetzt aber. Denn das Fernseh-Pferd hat einen entsprechenden Abschied verdient!

Auf der ewig währenden Suche nach dem persönlichen Glück

Von der Ausrichtung her ist die sechste Staffel „BoJack Horseman“ eigentlich den vorherigen recht ähnlich. Es geht um die eigene Unsicherheit und Unzufriedenheit. Verfolge ich dir richtigen Ziele? Habe ich überhaupt wirkliche Ziele? Sind meine Prioritäten richtig gesetzt? Zweifel sind weitreichend gesät, vor allem scheinen alle Figuren in Hollywoo(b) Angst vor Veränderung zu haben. Und davon gibt es so einige. Sei es vor allem für BoJack, der erst durch eine seeehr lange Reha-Phase geht (und sogar Angst vor der Beendigung derer hat) ehe er als Professor (das wird man in den USA scheinbar recht schnell ohne wirkliche akademische Arbeit) für darstellende Künste an der Universität anheuert, oder Diane, die nach Chicago zu ihrem Freund zieht, oder, oder oder. Die gedankliche Verarbeitung des Lebens als solches dominiert seit jeher die Ausrichtung der Serie, wirkt in dieser Staffel aber nochmal wegweisender und durchgreifender. Die Entscheidungen werden größer und folgenreicher.

Letztlich spricht „BoJack Horseman“ damit natürlich auch wieder uns Zuschauende an. Ich denke, wir alle haben so unsere Unsicherheiten. Ist der Job der richtige? Habe ich mich selbst verwirklicht? Soll ich wirklich dort hinziehen / ein Kind bekommen / den nächsten Schritt wagen? Das sind Anknüpfungspunkte, die viele Leute auf sich beziehen können. Dafür muss man nicht mal ein depressiver, gefühlskalter Alkoholiker sein. Oder ein Pferd. Dass „BoJack Horseman“ trotz des Darstellungsstils und der Fabelwelt immer wieder schafft, derart elementare menschliche Züge zu transportieren, ist immer wieder beeindruckend.

Kreative Darstellung

Sehr positiv aufgefallen ist mir erneut die Auswahl origineller Darstellungsform für kleine Sequenzen, die entweder den bestehenden Animations-Stil bereichern (z.B. in der hier zu sehenden Mutter-Multitasking-Zeitraffer-Sequenz von Princess Carolyn) oder eine komplett brechende Visualisierung (wie bspw. Dianes Schreibprozess). Das wirkt bisweilen ein bisschen so, als habe man sich von der deutlich Fantasie-mutigeren Darstellung in der Schwesterserie „Tuca & Bertie“ inspirieren lassen.

Auch hat man sich in der Darstellung der Figuren und vor allem der Dialoge abwechslungsreich gezeigt. Vor allem bereichernd wirkte die Figur der „Front Page Paige“ Sinclair, eine Journalisten-Sau, die ihren Mann am Altar stehen lässt, um DER Story hinterher zu jagen. Gemeinsam mit dem beinahe genauso auf-, aber vor allem abgedrehten, Maximillian Banks schmeißt sie sich die Silben nur so zu. Da sind einige herrlich formulierte Zungenbrecher bei.

„Nice While It Lasted“

Wie das in einer finalen Staffel so ist, wird auch nochmal Revue passiert. Statt billiger Rückblenden oder einer all zu offensichtlich inszenierten Wiedersehen-Orgie schafft „BoJack Horseman“ auch das auf ausgefallenere Art und Weise. Vor allem die vorletzte Episode der Serie (S06E15, „The View from Halfway Down“) weiß mit einer surrealen (Nah-)Tod-Erfahrung aufzuweisen, die mehr als sehenswert ist. Wie bereits in der Vergangenheit schafft es die Serie auch in dieser Staffel wieder, smart Geschehnisse in abstrakter Weise nach und nach aufzurollen, die Fantasie des Zuschauers anzuregen und mit Metaphern zu spielen. Auch Wortspiele und gewohnte Andeutungen hinsichtlich der Film- und Fernsehbranche sind natürlich wieder haufenweise dabei.

Als Abschluss-Akkord wird dann aber eine ruhiger Nummer ausgewählt. Nicht weniger intensiv, aber eben seichter und sich den Raum zum Abschiedsagen gebend. Die finale Dach-Szene schlägt ideal den Bogen zur ersten Staffel und der Ausgangslage zwischen BoJack und Diane. Es wird sich (nicht nur in diesem Moment) Zeit genommen. Zeit für ein authentisch wirkendes Gespräch zwischen zwei kaputten Figuren. „Positiv kaputten“ Figuren. Die beiden haben einiges erlebt und sich dabei gewandelt, vermutlich genau, wie wir Zuschauer über die Zeit. Sei es nun im wörtlichen Sinne, was das eigene Leben anbelangt, oder auch einfach nur im übertragenen Sinne in der eigenen Stellung zur Serie und ihren Figuren.

„Life‘s a bitch and then you die, right?“ – „Sometimes. Sometimes life‘s a bitch and you keep living.“ (BoJack & Diane)

Am Ende gibt es Schweigen. Und da ist sie wieder, die Unsicherheit. Beide Figuren schwenken mit den Augen hin und her. Wer wagt den Schritt? Ich warte bereits darauf, dass eine der beiden Charakter zu einem „I love you…“ ansetzt, das rüde vom Abspann abgehackt wird. Doch es folgt nicht. Die Angst vor Veränderung, die Zweifel oder einfach die Erkenntnis, dass man nicht immer nur an sich denken und das Leben der/des anderen beeinflussen sollte. Was auch immer es ist. Es ist vorbei. Und das schöne Lied von Catherine Feeny mit dem Titel „Blue“ weiß nicht nur stimmungstechnisch den idealen Abschluss-Ton zu treffen.

Wie bei allen drei vorangegangenen Reviews war ich auch hier kurz davor, vier von fünf Kronen zu vergeben. Dabei hätten die Staffeln kaum unterschiedlicher sein können. „BoJack Horseman“ hat sich immens gewandelt. Von einer beim Ansicht der Trailer nicht ganz ernst genommen Serie, die in der ersten Staffel noch einfach nur haltlos überspitzt und mit Fokus auf die knallig-bunte Cartoon-Welt wirkte, hin zu einer der schwergemütigsten und ernstesten Dramen unserer Zeit. Ja, auch im Vergleich zu nicht-animierten Formaten. Vorteil der gezeichneten Variante war – neben der Möglichkeit der Überspitzung und, Tiere überhaupt als Personen darstellen zu können – die Tatsache, dass man surreale Fantasie-Episoden schaffen konnte. Dabei half sicherlich auch der gewohnt erstklassige Synchronisations-Job, den allen voran Will Arnett, Alison Brie und Aaron Paul geleistet haben. Und auch wenn die genialen Momente, die es in vorherigen Staffeln zu sehen gab (alleine diese geniale Monolog-Folge!), war das einfach eine ganz andere Qualität als noch zu Beginn. Die ersten Staffeln waren auch schon gut bis sehr gut, aber hatten noch nicht ganz die Balance zwischen melancholischer Anti-Stimmung und den lockereren Elementen raus.

„BoJack Horseman“ hat mit der finalen Staffel denke ich einen gelungene Abschluss der Geschichte geschafft, der stellvertretend für die Figuren und Serie selbst waren. Nein, es gibt kein Happy End, aber eben auch keine ganz große Tragödie. Nichts ist perfekt, vieles noch im Argen und teils sogar unbeantwortet. Aber genau so ist das Leben doch auch, in dem man eigentlich nie an dem Punkt ankommt, an dem alles für den Moment ausgesorgt und ideal ist. Vielleicht ist genau das die Message: Wartet nicht darauf. Freut euch über die Möglichkeiten, die euch gegeben werden und macht das Beste draus. Wie wir das Beste aus der Tatsache machen sollen, dass es wohl nie mehr neue „BoJack Horseman“-Folgen geben wird, bleibt mir ein Rätsel. Aber die Serie hat sich und ihre Charaktere auserzählt, es hätte vermutlich keinen Sinn gemacht, weiter zu machen. Wer weiß, vielleicht in einigen Jahren mal, um den späten BoJack zu Gesicht zu bekommen. Mit neuen Problemen, Zweifeln und Unstimmigkeiten. Aber genau das hat dich so einzigartig und irgendwie doch perfekt gemacht. Das beste schlechte Beispiel, das man sich vorstellen kann.

Adieu.

Bilder: Netflix

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6 Kommentare

  • Aljoscha

    Ich muss das einfach sagen, da es sonst wohl keiner tut. Zumindest hier. Ich finde eure Arbeit einfach Spitze. Das ihr euch die Zeit nehmt das alles für uns zu schreiben und euch mit den Serien und dem stuff dazu auseinanderzusetzen. Ich lese eure Beiträge immer wieder gerne. Einfach eine Super Leistung. Danke dafür an dich Maik und an dein restliches Team. Macht weiter so :)

    • Das hören wir natürlich sehr gerne! :) Hab vielen Dank, sowohl für den freundlichen Kommentar, als auch das Lesen unser Beiträge im Allgemeinen. Mach weiter so! ;)

  • Vielen Dank für das Review. „Bojack“ hat sich in den letzten Jahren zu meiner absoluten Lieblingsserie gewandelt und hat es wie kaum eine andere geschafft komplexe Charaktere zu erzeugen. Ich muss dir bei vielen Recht geben, würde aber an einem Punkt wiedersprechen: dem Happy End. Nach mehrmaligem Sehen des Finales, kann ich nicht anders als für alle Charaktere glücklich zu sein. Außer Bojack. Ich hatte als erstes auch den Impuls zu fragen: wo ist closure für Bojack, diesen charismatischen Antiheld, dessen Perspektive wir seit Jahren auf die Dinge hatten. Und dem wir seit Jahren die wiederlichsten Dinge verzeihen. Die parallelen zu Weinstein und Louis CK sind nicht von ungefähr. Und irgendwie wünsche ich mir ein Happy End für BJH, weil man das so macht, am Ende einer serien-reise (für alle die diesen Impuls haben: schaut auf die vorletzte Folge der ersten Hälfte der Staffel, dass ist ein klassisches Serienfinale und schaut ab da nicht mehr weiter). Aber das mutige und richtige Ende ist sich einzugestehen, dass Bojack sich nicht mehr ändern wird. Sich aber sein Umfeld verändert hat, dass sie seinem toxischen Einfluss entkommen sind und ihr Leben auf die Reihe bekommen. Und das es okay ist, wenn man sich auseinander entwickelt. Das ist traurig, aber manchmal das richtige.

    • Aber du schreibst doch auch, dass es kein „Happy End“ im klassischen Sinne für die Hauptfigur gibt…? Sehe demnach nicht wirklich, wo wir uns widersprechen sollten. :)

  • Auch ich möchte mich kurz für das Review bedanken. Ich habe gerade die letzte Folge geschaut und wollte natürlich wissen, was andere über das Serienfinale denken.
    Ich persönlich finde aber, dass die vorletzte Folge ein besseres Ende als die wirklich letzte Folge gewesen wäre. Nach insgesamt sechs Staffeln voller Depression, Unzufriedenheit und anderen negativen Gefühlen hätte ich mir wirklich eine Ultima Ratio gewünscht: Der Hauptcharakter war von der Gesellschaft ausgegrenzt, hatte weder Freunde noch ein Zuhause und eigentlich keinen Platz mehr in der Welt. Nach so einem Absturz würde wohl so mancher den Freitod wählen. Insbesondere in einer (teilweise) so ernsten Serie wie BoJack Horseman, finde ich das weitgehend glimpfliche Ende doch eher unpassend, aber das ist vermutlich wie immer alles Geschmackssache.

    Ein paar Worte noch zur vorletzten Folge: Diese finde ich einfach wunderbar bedrückend und beinhaltete wirklich genau das, was ich mir als passendes Ende für die Serie vorgestellt hatte. Die Auftritte der bereits vorher gestorbenen Figuren, die BoJack sozusagen in den Tod geleiten, haben mich sehr stark an Dr. House‘ Halluzinationen von Amber Volakis aus der gleichnamigen Serie oder auch an das Ende von Harry Potter (und die Heiligtümer des Todes, Teil 2) im verbotenen Wald erinnert. Auch die einzelnen Bühnenauftritte der Begleiter, die Musik und Handlungen, die aus vorigen Staffeln wieder aufgegriffen werden, BoJacks langsam einsetzende Realisierung des Geschehens und die darauf folgende Hilflosigkeit erzeugen die perfekte Stimmung. Das Telefonat mit Diane tut das Übrige und zeigt einerseits, dass BoJack sein Ende nun akzeptiert hat, aber auch wie viel ihm sie bedeutet und ihm vielleicht sogar die Angst vor dem eigenen Tod ein Stück weit nehmen kann.

    Insgesamt finde ich also, dass nicht jede Serie immer gut Enden muss, vor allem nicht, wenn sie so gehaltvoll und vielschichtig ist wie jene, die hier besprochen wurde.

    • Bin da komplett bei dir, ein emotional „vernichtendes“ Ende hätte auch absolut zum Charakter und der Grundausrichtung der Serie gepasst.


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