Der Schweden-Krimi ist zurück

Review: Der junge Wallander S01E01 – Folge 1

Mini-Spoiler
Chris
06.09.20

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Was ist die typische Beschäftigung am Sonntagabend in Deutschland? Klar, da läuft im Wechsel „Tatort“ oder „Polizeiruf 110“. Was für eine Frage! Doch der hat in der Vergangenheit immer wieder Konkurrenz vom anderen großen Sender mit den drei Großbuchstaben bekommen (zumindest bis sich Rosamunde Pilcher und Konsorten auf diesem Sendeplatz angesiedelt haben): der Schwedenkrimi. Düster, humorlos, abgeklärt, brutal und kein bisschen IKEA-gelb und mit dauergrinsenden Gesichtern bestückt, zeig(t)en sie ein anderes Gesicht vom europäischen Vorzeigeland. Ob sie nun „Die Brücke“ oder „Arne Dahl“ heißen oder nach den Romanen von Håkan Nesser geschrieben wurden, ein Name fällt immer: Wallander.

Dieser verschrobene Charakter war der Hauptdarsteller einer der erfolgreichsten Krimi-Reihen. Auf diesen Zug springt jetzt auch Netflix auf und möchte in der neuen, 6-teiligen Serie „Der junge Wallander“, die seit 3.9. verfügbar ist, die Vergangenheit eben jenes legendären Kommissars beleuchten. Die erste Folge habe ich mir schon einmal zu Gemüte geführt. Maik hatte den Trailer bereits hier im Blog kurz vorgestellt.

Mord in Rosengaard

Es ist eine stinknormale Nacht, in der der junge Kurt Wallander (Adam Pålsson) und sein Kollege Reza Al-Rahman (Yasen Atour) in Malmö auf Streife waren. Beide witzeln noch über Rezas anstehenden Aufstieg, denn er darf als Ermittler zur Kripo wechseln, obwohl Wallander in der Polizeischule ja immer der Bessere war. Zuhause in der von Einwanderern und leider auch von Gewalt und Kriminalität beherrschten Gegend Rosengaard angekommen, wird Wallander zufällig Zeuge von einem bestialischen Mord. Der junge Schwede Hugo Lundgren, der sich zuvor beim Fußball mit Wallanders Nachbarn Ibrahim, genannt Ibra, gestritten hatte, wurde an den Zaun des Fußballplatzes gefesselt und mit einer Handgranate im Mund versehen.

„Du bist ein verdammt toter Mann!“ (Ibra zu Hugo)

Wie es der Teufel will, explodiert diese natürlich gerade dann, als ihm Wallander zur Hilfe eilen will. Sehr schnell wird auch der vermeintliche Täter gefunden: Natürlich Ibra, der erst zuvor einen Profi-Vertrag bei einem Fußballverein unterschrieben hat. Wallander will das jedoch nicht akzeptieren und glaubt, dass Ibra ein Bauernopfer ist, damit der Fall schnell abgeschlossen werden kann. Also ermittelt er auf eigene Faust in seiner Nachbarschaft.

Fazit

Ich muss ja zugeben, dass ich bislang keine einzige Wallander-Verfilmung gesehen habe, sondern „nur“ die Bücher aus den 1990ern kenne, aber ich denke, dass das der ganzen Sache vielleicht sogar zugutekommt. „Der junge Wallander“ möchte zeigen, wie der Kommissar sich vom Streifenpolizisten zum erfahrenen Mordermittler entwickelt. Hierbei wird sich lose an den neunten Band „Wallanders erster Fall“ der Buchreihe gelehnt, in dem Wallanders Entwicklung in mehreren kürzeren Erzählungen aufgeführt wird. Wie im Buch auch, geht es um einen Toten in der Nachbarschaft. Während sich im Roman allerdings ein Nachbar anscheinend das Leben nimmt, fährt die Serie härtere Geschütze auf und lässt einem Jugendlichen eine Handgranate im Mund explodieren. Während die Geschehnisse im Roman im Jahr 1969 stattfinden, wurde die Serie ins heutige Malmö verlagert, was ihr aber guttut. Dabei wird auch ein Thema aufgegriffen, mit dem man Schweden sicherlich nicht auf den ersten Blick in Verbindung bringt: Fremdenhass und Kriminalisierung von Einwanderern. Doch man sollte sich nicht vom Heile-Welt-Image des Landes irreführen lassen: diese Thematik griff Mankell auch schon in den alten Romanen immer wieder auf.

Wallander_zwei

Wie bei den meisten skandinavischen Krimis ist der Erzählton beim „jungen Wallander“ auch sehr ruhig und langsam, wobei es auch nicht darauf ankommt, großartigen Thrill aufzubauen, sondern eher die Charaktere zu beleuchten. Wallander wird in dieser ersten Folge als ambitionierter, aber doch auch unsicherer Polizist dargestellt, der es seinen Kollegen und Vorgesetzten unbedingt recht machen will. Natürlich möchte auch er lieber heute als morgen zur Kriminalpolizei wechseln, würde dabei aber nie auf die Idee kommen, anderen ins Gehege zu kommen. Bei seinem Streben nach Gerechtigkeit für Ibra werden ihm immer wieder Grenzen aufgezeigt. Sei es, dass ihm seine Nachbarn nicht mehr vertrauen, weil er ja Cop ist oder weil ihn die ermittelnde Beamtin Frida Rask durch sein gutes Verhältnis zu Ibra für befangen hält. Hierbei bleibt die Figur des Wallanders allerdings meiner Meinung nach etwas farblos. Ja, man nimmt ihm ab, dass er mit der Verhaftung des Jungen nicht einverstanden ist, aber irgendwie fehlt ihm dabei der Biss. Dadurch kommt es immer wieder zu Momenten, in denen man ihm die Rolle des Polizisten nicht abnimmt.

Auch die für skandinavische Krimis typische Erzählweise sorgt im Laufe der Folge immer wieder für Längen. Die Bilder sind sehr dunkel gehalten, der Himmel stets bedeckt und alle Aufnahmen wirken recht distanziert. So fühlt man sich als Zuschauer, der man ja natürlich auch ist, eher außen vor und ein wirkliches Mitfühlen oder sogar -fiebern fällt leider komplett weg. Das wäre wiederum okay, wenn es harte Spannung geben würde und nicht, wie ich es vorher schon erwähnt habe, um Charakterzeichnung ginge. Ich kann nicht einmal sagen, ob ich einen der Darsteller (abgesehen von dem gut gelaunten Reza) sympathisch oder nicht finde und die ein oder andere Szene (vor allem die mit Kurts Affäre/Freundin/whatever) hätte man sich auch sparen können, was der Stringenz der Handlungsentwicklung sicherlich gut getan hätte.

Der Vorteil an diesen Längen ist allerdings wiederum, dass sich die Geschichte nicht Knall auf Fall, sondern langsam entwickelt und Raum für Hintergrundhandlungen und -informationen, wie eben das Problem mit rechten Einwanderungsgegnern, gegeben wird. Nachdem ich mich vor kurzem erst über die vorschnellen Ermittlungserfolge in vielen Serien ausgelassen habe, darf ich mich natürlich nicht beschweren, da hier ja genau das Gegenteil passiert. Schnellschüsse werden nicht akzeptiert und wie im wahren Leben tappen die Ermittler auch erst im Dunkeln. Dieser Realismus gefällt mir, ich vergebe daher:

Auch wenn ich noch etwas gespaltener Meinung bin, werde ich den nächsten Folgen auf jeden Fall eine Chance geben, da ich durchaus noch Potential nach oben sehe und die Spannung sich bestimmt noch entwickeln wird.

Bilder: Netflix

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