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Es geht um die "Notlage"

Review: Die geheime Benedict-Gesellschaft – Staffel 1

Mini-Spoiler
Michael
07.08.21

Wenn man sich auf Disney+ „Die geheime Benedict-Gesellschaft“ anschaut, fragt man sich natürlich unweigerlich: Was ist eigentlich diese Notlage, von der ständig gesprochen wird und vor der sich Mr. Benedict so fürchtet? So richtig erfahren wir es nicht in der 1. Staffel des Disney Originals, und auch einige andere Aspekte bleiben bis zum Ende offen – das ist aber gar nicht schlimm, denn darauf kommt es auch gar nicht an. Es ist vielmehr die Geschichte an sich, die erzählt wird: Kinder retten die Welt, guter Bruder kämpft gegen böser Bruder, und zusammen ist viel mehr möglich, als wenn jeder für sich alleine kämpft. Alles sehr idealistisch und natürlich nicht neu, aber hier so liebevoll, kreativ und bunt verpackt, dass es einfach Spaß macht, die acht Folgen der „geheimen Benedict-Gesellschaft“ zu schauen.

Ich hatte ja schon in meinem Review zur ersten Folge beschrieben, dass mir die Optik, die Inszenierung, der Sprachwitz und die vielen Ideen im Storytelling sehr gefallen – das bleibt glücklicherweise über die Staffel auch so. Man fühlt sich weiterhin an Serien erinnert wie das bunte „Pushing Daisies“, das verrückte „Dirk Gentlys holistische Detektei“ und natürlich an das abgedrehte „Eine Reihe betrüblicher Ereignisse“.

Zur Optik: Alles ist ziemlich bunt in… ja, wo genau wir sind, wird gar nicht so richtig klar, weil’s für die Geschichte auch keine Rolle spielt. Auffällig ist, dass in der Stadt praktisch nur französische Autos unterwegs sind, trotzdem finden sich überall englische Schilder, Werbetafeln usw. Genau einordnen lässt es sich wie gesagt nicht. Also bunt, ja, alles ist in kräftigen Farben angelegt, von den Autos über die Sachen, die alle tragen, bis zur Einrichtung von Zimmern. Besonders großartig finde ich dabei die Gestaltung von Mr. Curtains Büro auf der geheimnisvollen Insel. Seine Bücheregale sind offensichtlich nur gemalt, und auch der Blick aus dem Fenster scheint nicht echt zu sein. Dann die Räume der Wissenschaftler, alles so schön detailreich gestaltet, dazu alles dunkel im Untergrund, und alles strahlend weiß oben im Turm, wo sich der Flüsterer befindet. Bei Mr. Curtain ist alles hochtechnisiert, wenn auch in 60er Jahre Optik, im Gegensatz dazu ist Mr. Benedict naturverbunden, wohnt in einer Holzhütte und benutzt eher klassische Werkzeuge – ein schöner Kontrast. An den beiden Brüdern kann man sich im Prinzip noch lange weiter abarbeiten, von der Frisur, bei dem Guten wirr und zerzaust, bei dem Bösen aalglatt, über die Beziehungen zu den Mitmenschen (gleichberechtigte Gemeinschaft hier, klare Befehlskette dort) bis zu den Gründen, warum die beiden Brüder in einen Narkolepsie-Zustand fallen (Humor und Freude hier, Einsamkeit dort). Ich mag den Kontrast sehr, wobei für mich Mr. Curtain noch einen Tick besser charakterisiert wird – eine tolle Figur. Mehr zum Design gibt’s in diesem Beitrag.

Alles ist durchweg fein inszeniert. Dass praktisch jede Folge von einem anderen Regisseur inszeniert und von einem anderen Autor erzählt wird, merkt man der Serie nicht an – das ist positiv gemeint, denn so erleben wir die Geschichte aus einem Guss und alle schönen Elemente bleiben über die acht Folgen erhalten. Ich mag die Close-Ups bei den einzelnen Schauspieler:innen oder die Momente, in denen die Figuren uns etwas erzählen. Also eigentlich nicht uns Zuschauern, sie reden aber immer in unsere Richtung, weil die Kamera genau dort steht, wo der Gesprächspartner eigentlich steht. Auch das Arbeiten mit Größenverhältnissen fällt auf: Das Holzhaus von Mr. Benedict sieht von außen so klein aus, hat innen aber riesig viel Platz. Oder der Raum des Flüsterers wirkt mal riesengroß, mal total beengt. Was besonders in der letzten Folge auffällt, wenn Mr. Curtain Reynie mal gegenübersteht, in der nächsten Einstellung wieder weiter weg zu stehen scheint.

Apropos letzte Folge, und damit sind wir beim Storytelling: Die acht Folgen über wandelt die Serie zwischen Kriminalgeschichte (die ist es, man denke nur an die Intro-Musik und die ‚Situation‘ im Land), Mystery und Drama, lässt sich kaum einordnen. Es geht allgemein darum, die „Notlage“ zu verhindern, eine Bedrohung, die alle acht Folgen lang über den Köpfen der Menschen schwebt. Die Kinder sind der Schlüssel für die Verhinderung und das Werkzeug für die Bedrohung zugleich, und natürlich können die Kinder die Welt retten, aber sie schaffen es dann auch nicht alleine, sondern nur zusammen mit den Erwachsenen. Für meinen Geschmack löst sich alles am Ende etwas zu einfach und zu unspektakulär auf – die hatte ich definitiv mehr erwartet und auf mehr gehofft, was auch auf das Zusammentreffen von Mr. Benedict und Mr. Curtain zutrifft. Dass wir am Ende ziemlich viel Happy-End präsentiert bekommen und ganz klassisch dem Bösewicht das Finale gehört, um auf eine 2. Staffel vorzubereiten, ist da noch zu verschmerzen, aber zur Auflösung an sich, wie gesagt, da war ich etwas enttäuscht.

Macht aber nicht viel, weil man sich einfach über die restlichen siebeneinhalb Folgen freuen kann und zu praktisch jeder Zeit Spaß hat, den Kindern Reynie, Sticky, Kate und Constance zu folgen. Ich fühlte mich auf jeden Fall gut unterhalten und gehe mit dem Gedanken in die Pause bis zur zweiten Staffel, ob das, was alle die Notlage nennen, tatsächlich die Bedrohung ist oder ob es nicht doch die Verhinderung derer ist. Wäre eine spannende Entwicklung, wenn sich irgendwann nochmal alles ins Gegenteil dreht. Dafür sind die Rollen jetzt eigentlich schon zu klar verteilt, und es wäre eine gewisse Herausforderung, das zu inszenieren, aber spannend fänd ich’s auf jeden Fall.

Bilder: Disney

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