Die Devise: einfach nicht zu ernst nehmen

Review: Emily in Paris – Staffel 1

Mini-Spoiler
Nicola
26.10.20

Wie ihr vielleicht schon gelesen habt, ist Michael nicht so begeistert vom Staffelauftakt von „Emily in Paris“ gewesen. Ich habe mich allerdings gerne hingesetzt und die Staffel bis zum Ende gesehen. Und wenn man nur die erste Folge gesehen hat, kann ich Michael durchaus verstehen, dass für ihn „Emily in Paris“ oberflächlich und klischeebeladen wirkt. Doch gerade das macht die Serie meiner Meinung nach aus: das bewusste Spielen mit den Klischees. Das wird im Verlauf der Serie besonders deutlich.

Bewusste Klischees als Stilmittel

Für manchen mag es kitschig wirken, doch Emily, gespielt von Lily Collins, wird bewusst zunächst mit allen möglichen Klischees überhäuft. Niemand mag die Amerikanerin, schon gar nicht mag man eigentlich mit ihr auf Englisch sprechen. Das Mittagessen ist eine Zigarette, der charmante Parfümier ist verheiratet, aber seine Frau toleriert irgendwie die Geliebte. Es gibt einen Chefkoch, die beste Freundin kommt aus einer Familie mit Weingut und ein eingestaubter Haute-Couture-Designer steht vor dem Aus. Alles, was man eben in einem typischen Pariser Setting erwartet; aber irgendwie auch nicht haben will. Jetzt fragt ihr euch bestimmt, wenn Michael schon nicht so überzeugt war und ich gleich mit diesem Punkt einsteige, wieso ihr euch diese Serie überhaupt anschauen solltet. Ich kann es euch sagen: die Klischees werden hier einfach nicht allzu ernst genommen. Die Franzosen sind bekannt für ihren speziellen Humor: etwas schwarz, leicht derbe und definitiv auch anrüchig. „Emily in Paris“ lebt eben von diesen Klischees: dem französischen Humor, der Zweideutigkeit und dem verschrobenen amerikanischen Blick auf die Stadt der Liebe.

Klischees werden meiner Meinung nach bewusst als Stilmittel eingesetzt, um den Humor zu überspitzen, Situationen bewusst aufzuladen und zu karikieren. Vom Einsatz der Stilmittel erinnert mich „Emily in Paris“ ein wenig an Filme wie „Scary Movie“, die schon wieder so albern und überzogen sind, dass es bereits wieder lustig ist. Das ist zwar eine spezielle Art von Humor, doch gerade die macht meines Erachtens bei „Emily in Paris“ den Unterschied zwischen einer schlechten RomCom-Serie und einer bewusst karikierenden Klischee-Parodie aus. Man darf sich nicht mit der Intention, eine ernst zu nehmende Serie zu sehen, vor den Fernseher setzen und auf Netflix „Emily in Paris“ anschauen. Bitte macht das nicht, denn dann fallt ihr in das selbe Loch wie Michael und haltet nicht mal die erste Episode aus. Aber wenn ihr diesen Punkt überwunden habt, erwarten euch ein paar tolle Dinge.

Emilys Kleiderschrank

Anfangen möchte ich hier gerne bei Emilys schier unendlich großem Kleiderschrank. Klar wirkt das auch etwas utopisch, da sie ständig neue Outfits trägt, die wahrscheinlich im realen Leben nie in ihrem Budget sein würden. Aber da erkennt man einfach, die „Sex and the City“-Ader in „Emily in Paris“ (stammen doch beide Serien von dem gleichen Macher, könnt ihr hier auch nochmal nachlesen).

Ehrlich gesagt ist mir relativ egal, wie realistisch der Kleiderschrank von Emily ausgestattet ist. Ich würde ihn sehr gerne auch besitzen. Natürlich läuft niemand so aufgestylt durchs alltägliche Leben, aber gerade deswegen sehe ich mir solche Serien gerne an. Ich liebe Mode und ich liebe schöne Outfits. Und das hat „Emily in Paris“ eindeutig zu bieten: einen ausgezeichneten Stil. Und dabei spreche ich nicht nur von Emilys Garderobe. Auch die ihrer Chefin Sylvie oder die ihrer besten Freundin Camille sind einfach bezaubernd. Das versetzt mich in die guten alten Zeiten von „Gossip Girl“, als ich nichts so sehr wollte, als mich einmal im Kleiderschrank von Blair Waldorf zu bedienen.

Der zweideutige Unterton

In der ganzen Serie schwingt ein gewisser zweideutiger Unterton mit und macht es um so amüsanter, den Dialogen zu folgen. Die ménage à trois lässt einfach so schöne witzige Szenen entstehen, ebenso aber auch Emilys mangelde Französischkenntnisse, die zu dem ein oder anderen Witz auf ihre Kosten führen. So machen sich ihre Kollegen mit Spitznamen über sie lustig, die sie zunächst gar nicht versteht und als Kompliment hinnimmt. Die besten Szenen jedoch entstehen zwischen Emily, Gabriel und Camille. Meine liebste Szene und die, die mir auch lange nach der Episode noch im Gedächtnis geblieben ist, ist die ab dem Timecode von ca. Minute 1, wenn Emily und Camille zusammen eine Werbeinstallation besuchen.

Resümee

Zusammenfassend kann ich über „Emily in Paris“ sagen, dass ich durchaus die Enttäuschung und den Frust von manchen Personen über diese Serie nachvollziehen kann, ich aber auch sagen muss, dass man das nicht so eng sehen sollte. Für mich ist „Emily in Paris“ einfach keine Serie, die ein akkurates Bild vom Leben in Paris abbilden möchte. Sie möchte bewusst mit Klischees überladen und eine bunte schöne kitschige Welt zeichnen, die uns kurz aus unserem Corona-Alltag entfliehen lässt. „Emily in Paris“ ist für mich ein neumodisches in Europa angesiedeltes Kind aus „Sex And The City“ und „Gossip Girl“. Und seien wir mal ehrlich: die beiden Serien haben auch nicht gerade die Lebenswirklichkeit in New York abgebildet.

Anstatt sich also über jede Kleinigkeit an Klischee aufzuregen, sollte man einfach dieses bunte Bild des stereotypen Paris‘ auch mal auf sich wirken lassen. Man sollte über den schon wieder witzig werdenden flachen Humor dieser Serie lachen, denn „Emily in Paris“ ist schlichtweg eine Wohlfühl-Serie zum Abschalten; nichts wo man großartig Nachdenken muss. Ich kann „Emily in Paris“ nur weiterempfehlen, kann aber auch jede und jeden verstehen, denen diese Serie nach einer Episode zu viel wird.

Für alle die es noch interessiert, die New York Times hat einen schönen Artikel über „Emily in Paris“ geschrieben und wie Ridicule Franzosen auf die Serie reagieren. Hier nachzulesen.

Bilder: Netflix

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