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Review: Ich und die Anderen (Sky-Miniserie)

Mini-Spoiler
Maik
03.08.21

Anfang des Jahres hatten wir euch hier den vielversprechenden Trailer zur neuen deutschen Miniserie „Ich und die Anderen“ gezeigt. Das Sky Original von David Schalko und mit Tom Schilling ist seit 29. Juli auf Abruf verfügbar. Ich habe mir die sechs jeweils rund 40 Minuten langen Episoden angeschaut und möchte euch meine (spoilerarme) Meinung zu dieser wahrhaft originellen Erzählung mitteilen.

Tristan, der wunschlose Wünschende

„Ich will, dass es um mich geht. Ich will, dass ihr mich seht, dass ihr mit mir mitgeht. Ich will, dass ihr ich seid, dass ihr alles über mich wisst.“ (Tristan)

Mit diesen vielsagend Worten beginnt „Ich und die Anderen“. Vielsagend, weil sie auf mehrere Weisen das aufzeigen, was uns Zuschauer in den kommenden rund vier Stunden erwartet. Viel Ich-Bezug, viel philosophisches Gedanken-Anregen, viel aufgefeilter Dialog, aber eben auch viel theatralische Inszenierung.

Mittelpunkt der Geschichte ist Tristan (Tom Schilling), ein stets irgendwie hilflos-überfordert reagierender relativ charakterloser Entscheidungs-Legastheniker, der plötzlich die Gabe besitzt, sich Dinge zu wünschen. Das funktioniert zu Beginn der Serie super. Zum einen, weil Realisierungs-Szenarien immer unterhaltsam anzuschauen sind, zum anderen, weil die Serie zunächst noch ein stimmiges Konzept verfolgt: Jede Folge gibt es eine Art Reset, ein neuer übergreifender Wunsch, der die Welt nach Tristans impulsiver Vorstellung justiert. Zunächst banal utopisch klingende Grundsätze werden dann derart ins Extrem weiter gesponnen, dass die Einsicht erfolgt: „Ne, das war jetzt auch nicht so richtig toll…“. Wieder von vorne.

Charakter-starkes Theater-Ensemble

So unentschieden und charakterschwach der eigentliche Ich-Bezug in Person des Marketing-Fuzzis Tristan ist, so charakterstark kommen etliche andere Figuren des facettenreichen Ensembles daher. Katharina Schüttler spielt Tristans schwangere Freundin Julia, Lars Eidinger ist Tristans mit Buzzwords um sich werfender Agentur-Chef, die zwischen Liebes-Überhäufung und bestimmender Missmüstigkeit pendelt, Merlin Sandmeyer mimt Tristans eigentlich besten Freund Hubert, Michael Maertens verkörpert das durch Kaffee aufgedrehte Abziehbild eines nicht immer Distanz wahrenden Psychiaters und Ramin Yazdani schafft es sogar, einen Taxifahrer mit verdammt viel Tiefe und erfrischenden Momenten zu spielen. Von der Familie Tristans mal ganz zu schweigen, da wäre exzentrisch wohl noch eine Untertreibung. Aber genau hier beginnt das Problem.

Die Figuren wirken beinahe ausnahmslos alle als exakt das: Figuren. Charaktere, die möglichst extravagant und aneckend überzeichnet worden sind. Natürlich gibt es da etliche reale Anknüpfungspunkte, aber dennoch wird die Authentizität einer theatralischen Darbietung geopfert. Nun gut, eine Serie, in der die Hauptfigur sich gottgleich Dinge wünschen kann und etliche mysteriöse und unerklärbare Dinge passieren, muss jetzt nicht unbedingt authentisch sein. Aber gerade im Dialog wird klar, dass man hier vor allem Kunst schaffen wollte. Die Drehbuchzeilen sind pointiert und drängend geschrieben. Eloquent, philosophisch, vielsagend, anstrengend. Nach der ersten Folge hat mein Lieblingsmädchen gesagt, die würden ja alle wie auf der Theaterbühne reden – und ab da konnte ich das nicht mehr nicht hören. Es fehlt eigentlich nur noch, dass sich alle Figuren ständig gen Publikum (also, die Kamera) drehen, wenn sie wieder lautstark und überdeutlich artikuliert einen lyrischen Satz von sich geben.

Zu viel des Guten

Diese Übertreibung führt sich leider auch in der bildlichen Darstellung fort. Es gibt immer wieder kleinere, durchaus kunstvolle Sequenzen, die viel zu lang gespielt werden. Die Aussage hat man nach kurzer Zeit begriffen, aber Musical-Einlagen oder Drogen-Trips werden einfach viel zu sehr in die Länge gezogen. Allgemein wird vieles, was anfangs noch erfrischend kurz und dynamisch gehalten worden war, immer abstrakter und fordernder. Der Reiz der Frage nach der Ursache und Erklärung der Situation, in der Tristan sich findet, weicht der Frage, wann es denn endlich vorbei ist. Die ersten zwei Folgen sind originelle Fernsehunterhaltung mit vielen tollen Momenten, die Interesse schüren, wie die Geschichte wohl weiter und vor allem zuende geht. Dann wird es wirr. Dann sehr wirr. Und gerade, wenn man denkt, es kann nicht wirrer werden, straft uns Schalko lügen und zeigt, dass es doch geht. Aber irgendwie wirkt es so, als wäre das Richtung Ende der einzige Trumpf im Ärmel. Originalität. Anderssein. Kunstvoll sein.

Einige Kritiker und Feuilletons werden „Ich und die Anderen“ abfeiern, da bin ich mir sicher. In der Masse wird die Serie es aber schwer haben, würde ich behaupten. Ab der dritten Folge ziehen sich die Episoden immer mehr, man kann nicht mehr allen Aspekten allumfassend folgen und wenn Tristans Familie noch mal irgendwas über Penisse redet, will man nur noch gedanklich abschalten. Richtig abschalten wollte ich dann aber doch nicht, weil es eben doch anders war. Und ich auf die Auflösung gehofft hatte. Vergebens. Ja, zwischenzeitlich sieht es danach aus, als würde sich da ein Kreis schließen, als gäbe es doch die große übergeordnete Agenda, die sich uns ergibt. Und dann folgt eine finale Phase und ich sitze ratlos vor dem einsetzenden Abspann. Vielleicht war ich auch einfach zu doof überfordert, vielleicht war diese erzwungene eigene Auseinandersetzung mit dem Stoff auch das Ziel von Schalko, aber mich hat es enttäuscht zurückgelassen.

Konkreter zum Ende: Soll alles quasi eine psychische Reise auf dem Weg zum Coming-Out oder dem Überwinden der Bindungsangst gewesen sein, die in einer Ehe mit einem Mann, einer transsexuellen Frau oder Drag Queen gipfelt? Wer war die Person da ganz am Ende, hat man die zuvor bereits in der Serie zu sehen bekommen gehabt?

Es bleibt eine Serie, die vom Konzept her so vieles richtig und vor allem für eine deutsche Serie so vieles erfreulich anders macht. Leider hat sich im Zuge der Folgen meine zunächst eher bei 4-4,5 Kronen anzusiedelnde Bewertung immer wieder nach unten justiert, weil man sich in abstrakter Kunst verloren hat, statt zu beweisen, eine mysteriöse Ausgangslage auch volldurchdacht auflösen zu können. Mit der Bewertung tue ich mich dennoch schwer. „Dem kann man zwischen zwei und vier Kronen irgendwie alles geben“ hatte ich dem Lieblingsmädchen gesagt. „Dann nimm doch 3, das ist zwischen zwei und vier Kronen!“ – alles klar. Das klingt jetzt sehr nach Mittelmaß, was es eigentlich gar nicht ausdrücken soll. Vielmehr handelt es sich um einen Mittelwert all jener Aspekte, die die Serie ausmachen.

„Ich und die Anderen“ hält einiges für uns bereit. Eine fantasievolle Basisgeschichte, die es schafft, gesellschaftliche Probleme unserer Zeit aufzugreifen, die uns alle betreffen. Ich-Bezogenheit, Priorisierung von Karriere und Familie, Empathie, Freundschaft, Liebe. Viele Figuren machen auch Spaß anzuschauen. Lars Eidinger als Stromberg 2.0 hält einige wunderbar überzogene Statements, der irgendwie durchgeknallte und doch charismatische Hubert oder auch der obdachlose Marwin – da war schon viel Tolles dabei! Das hätte ein absoluter Serientipp werden können. Aber dann wird vieles überspielt, die Geschichte verliert sich in abstrakter Verkünstelung und schafft es nicht, ein zufriedenstellendes Ende zu bringen. Dabei wirkt es zwischenzeitlich, als wolle „Ich und die Anderen“ alles sein – ein bisschen Tarantino, ein bisschen Kant, ein bisschen „LOST“ – am Ende ist es aber nur ein Potpourri origineller Elemente, die einfach nur anders sein wollen. Da war mehr drin.

Dennoch empfehle ich allen Serieninteressierten, zumindest mal reinzuschauen. „Ich und die Anderen“ ist definitiv mal was anderes und die ersten zwei Folgen machen wirklich Spaß, danach muss jede:r für sich entscheiden, wann es Zeit wird, abzuschalten.

Bilder: Sky

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