Manche Schlüssel öffnen nicht nur Türen

Review: Locke & Key S01E01 – Willkommen in Matheson

Mini-Spoiler
Chris
11.02.20

Joe Hill – wer ist das denn? Der geistige Vater von „Locke & Key“! Eingeweihte wissen natürlich, dass dieser Joe einen berühmten Vater hat, genau: Stephen King! Joseph Hillstrom King ist selbst Autor einiger wirklich brillanter Werke im Science Fiction/Horror-Genre. Eines davon, „Locke & Key“, erschien bereits 2009 als Graphic-Novel im IDW/Panini Verlag. Der Zeichner Gabriel Rodriguez unterstrich mit seiner düsteren, ganz eigenen Bildsprache die faszinierende Wirkung dieser Bildromane. Als passionierter Comicfreak und „King-Fan“ habe ich selbstverständlich alle Ausgaben in meiner Sammlung und war entsprechend gespannt auf die über ein Jahrzehnt später folgende Verfilmung dieser Comic-Reihe in Form einer Serie. Mehr darüber, wie der Comic zur Serie umgesetzt wurde, könnt ihr hier erfahren. Seit 7. Februar ist die erste Staffel der Serie auf Netflix verfügbar.

Ich habe mir die Pilotfolge angeschaut und lasse euch gern an meinem Eindruck teilhaben. Hauptdarsteller ist die titelgebende Familie Locke, anfangs bestehend aus den Eltern Rendell und Nina sowie ihren drei Kindern, Bode, Kinsey und Tyler. Der gewaltsame Tod des Vaters bringt einen Umzug in das antike als „Keyhouse“ betitelte Familiendomizil ihrer Vorfahren mit sich. Bode, der jüngste Spross der Familie, findet ein El Dorado für Entdecker vor und erbeutet bei seinen Streifzügen in und um das Anwesen zahlreiche antike Schlüssel. Jeder dieser Schlüssel hat eine „Funktion“, die sich aber nicht nur auf das Öffnen von Türen beschränkt. Sie „entsperren“ quasi verborgenes magisches Wissen und öffnen Türen, die den Zugang zu anderen Sphären öffnen.

„Ihr müsst mir glauben, diese Schlüssel sind kein Spielzeug.“ (Bode)

Bode (Jackson Robert Scott) ist der wichtigste Charakter der Serie. Der Junge ist faszinierend dargestellt: schlau, gewieft und nie um einen flotten Spruch verlegen, wenn ihm die „Großen“ wieder einmal seine unbeschwerte Kindheit versauen wollen. Somit ist er das komplette Gegenteil seines älteren, in sich gekehrten und verschlossenen Bruders Tyler. Man merkt Bode die Trauer um seinen Dad zumindest nicht an. Eher ist er damit beschäftigt, „Keyhouse“ mit seinen vielen Geheimnissen zu entdecken. Unter anderem trifft er dabei auf eine unheimliche Frau, die anscheinend im versperrten Brunnenhaus auf dem Grunde des Brunnens lebt. Diese klärt ihn über versteckte Schlüssel und andere Geheimnisse des Hauses auf, nicht aber darüber, weswegen sie jenes „Verlies“ bewohnt. Die Darstellung dieses weiblichen „Brunnengeists“ durch die sehr gut gecastete Laysla de Oliveira ist wirklich gelungen. Sie verkörpert ihren Seriencharakter mysteriös, verführerisch, durchtrieben und bei Bedarf durchaus etwas „furchteinflößend“, wenn eben Bode nicht das tut, was sie verlangt.

Die anderen Mitglieder der Familie Locke fallen in dieser Episode nur wenig auf. Tyler nimmt seit dem Tod seines Vaters Rendell nur sporadisch an allem, was um ihn herum passiert, teil. Bemerkenswert ist dies deshalb, weil beide zu dessen Lebzeiten nie ein gutes Verhältnis zueinander hatten. Kinsey gibt sich unglaublich selbständig, übernimmt quasi die Mutterrolle und reagiert entsprechend erwachsen und skeptisch auf Bodes Mitteilungen über irgendwelche magischen Schlüssel und seine Erlebnisse mit diesen. In der Schule gibt sie allerdings die Eigenbrötlerin und setzt sich in Mittagspausen allein unter die Treppe, um dort ihr „vegetarisches Wurstbrot“ in Einsamkeit zu verzehren. Tyler und Kinsey werden von Bode quasi „an die Wand“ gespielt – zumindest in der ersten Folge der Serie. Hier haben die Handlungen ihrer Charaktere nur geringen Anteil an der Storyentwicklung. Andere Charaktere wie Mama Nina und Onkel Duncan sind scheinbar nur der Vollständigkeit halber präsent und tragen nur unwesentlich zur Handlung bei, beziehungsweise sorgen durch gelegentlich witzige Dialoge für den einen oder anderen Lacher.

„Es sind nur noch 118 vegetarische Wurstbrote bis zum Ende des Schuljahres.“ (Kinsey)

Vermutlich ist es vor allem der FSK12-Freigabe geschuldet, dass wir hier eine deutlich entschärfte Version der ursprünglichen Story zu sehen bekommen, in welcher es entsprechend blutarm zugeht. Teilweise weisen die Sequenzen, die Bode im Reich der Magie zeigen, Harry-Potter-esken Charme auf und einige Aufnahmen wirken auch wie frisch in Hogwarts gedreht. Dazu passt auch, dass der neben Keyhouse zweite Haupthandlungsort Matheson, eine malerische Küstenkleinstadt in Massachusetts, wie aus dem Bilderbuch gestohlen wirkt. Trotz der doch ernsten Thematik hat alles einen verwunschenen, spannenden und etwas gruseligen Touch – für die Altersklasse von 10-12 wohlgemerkt. Der Zuschauer bekommt eine Mischung aus Teenie-Drama und Harry-Potter-Mystery geboten, die eine ausgewogene Balance zwischen Humor, Ernst und Grusel für die ganze Familie bietet. Doch trotz des vermeintlichen Weichspülgangs (im Vergleich zum Comic) entfaltet die Pilotfolge den nötigen Charme für eine gewisse Sog-Wirkung. Die zehn Folgen der ersten Staffel werden somit flugs in einem Rutsch „ge-binge-watched“.

Gerade wenn ihr die Graphic-Novels nicht kennt und komplett unvoreingenommen an die Sache herangeht, kann ich euch die Serienadaption von „Locke & Key“ guten Gewissens empfehlen.

Bilder: Netflix

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