Hexerei und Schelmerei ist des Teufels Liverei

Review: „Motherland: Fort Salem“ – Staffel 1

Mini-Spoiler
Chris
21.11.20

APV_Motherland_Key Art © Freeform

Es ist Winter, Leute feiern vergnügt in den Straßen, ein harmloser blauer Luftballon schwebt über einer Stadt, Kinder laufen mit Wunderkerzen in der Hand herum, scheinbar liegt Weihnachten in der Luft. Eine junge blonde Frau intoniert unhörbar irgendetwas, fängt den Ballon auf, der gezielt zu ihr geschwebt ist. Dieser platzt lautlos, fällt zu Boden, unheilschwangere Musik dröhnt, der erste Mensch fällt von oben zu Boden, plötzlich regnet es Menschen, unzählige liegen tot und blutend am Boden. All das wird in den Medien als in diesem Ausmaß noch nie dagewesener „Selbstmordanschlag“ deklariert. Spätestens seit Stephen Kings „ES“ verbinden wir Horrorfans Luftballons auch irgendwie mit dem Bösen: sein Schreckgespenst, Pennywise der Clown, lockt damit doch immer die Kinder an. Gut, bei Pennywise ist der Luftballon rot, was jedoch nichts daran ändert. Hier war der Ballon blau und kostete ungleich mehr Menschen das Leben als insgesamt in Stephen Kings Mammutwerk „ES“ auf rund 1.500 Seiten ausgehaucht werden.

„Motherland: Fort Salem“ kann seit dem 20. November über Amazon Prime gesehen werden. Wer diesen Trailer kennt, der über YouTube zu finden ist oder den Teaser, den Maik in seinem Beitrag schon gepostet hat, der könnte enttäuscht sein, wenn er die Serie tatsächlich anschaut. Enttäuscht deshalb, weil diese Actionlastigkeit und Effekthascherei, die dort gezeigt wird, auf die falsche Fährte führt. Es gibt auch Story, sogar jede Menge davon. Wir dürfen drei junge Damen – Abigail, Raelle und Tally – bei ihrer militärischen Grundausbildung im titelgebenden „Fort Salem“ begleiten. Ähnlich wie in Hogwarts (der bekannten Schule für Hexerei und Zauberei) ist die Welt in und um das Fort voll von Magie. Natürlich wird dort auch die Ausübung von Hexerei und Magie trainiert, ebenso wie die körperlichen Fähigkeiten der Hexen im Zweikampf. Selbstverständlich findet das alles in einer Art alternativem Amerika der Neuzeit statt, Magie gehört zum Alltag und diejenigen Hexen, die sie ausüben werden geachtet und nicht verfolgt wie vor rund 300 Jahren. Damals schlossen Hexen einen Pakt mit der Regierung, der sie vor weiterer Verfolgung bewahrt, dafür aber zum Kampf für ihr neues Vaterland zwingt. Die ranghöchsten Militärdienstgrade sind daher auch Frauen vorbehalten. General Sarah Alder steht über allen und führt das Militärheer bereits seit über 300 Jahren an.

„Ladies denkt immer daran: Eure Stimmen sind eure Waffen. Es ist unbedingt erforderlich, dass euer gesamter Stimmapparat von der Stirnhöhle bis zum Kehlkopf zu jeder Zeit voll funktionstüchtig bleibt und Geräusche hervorbringt. Die Unfähigkeit zu singen kann einer Soldatin ihrer Macht berauben.“ (Drillsergeant Quartermaine)

Schauen wir uns doch die Hauptpersonen einmal näher an. Da wäre General Sarah Alder (Lyne Renée), eine hochgewachsene, athletische Gestalt, die man nur in Uniform sieht. Diese ist selbstverständlich eindrucksvoll mit Orden und allerlei Zierrat behängt, wie sich das gehört. Ihr Haar trägt sie stets steif und streng zum Pferdeschwanz gebunden und sie blickt mit wachem, klaren, aber auch sehr strengem Blick in die Welt. Wir erfahren, dass sie seit über 300 Jahren uniformiert als Oberhaupt der Streitkräfte zu agiert und sie bereits dem 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten dient. Stets ist sie umschwärmt von einem kleinen Heer von altgedienten Hexen, vermutlich ihrem Coven oder Hexenzirkel, wer genau das ist, wird nicht erklärt. Sieben ältere Frauen begleiten sie jedenfalls auf Schritt und Tritt und unterstützen sie auch im Bedarfsfall stimmlich wie aktiv durch ihr Eingreifen, so es denn nötig wäre. Alder hat aber anscheinend alles stets fest im Griff und führt souverän ihre Gefolgschaft im Fort Salem mit harter Hand in den Kampf. An ihrer Seite steht Drillsergeant Quartermaine.

Sergeant Quartermaine besitzt auch einen klangvollen Vornamen, bei welchem sie selbstverständlich nur von wenigen angesprochen werden darf, dieser lautet Anacostia. Sie heizt ihren ausschließlich weiblichen Kadetten nicht nur mit Worten ein, sondern legt auch einmal Hand an, wenn es denn nötig ist und Rekruten zur Ordnung gerufen werden müssen. Anfangs hatte ich gedacht, ihr Name wäre eine Anspielung auf den fast legendären Abenteurer Allan Quatermain, der im Afrika des frühen 20. Jahrhunderts den Schatz des Königs suchte, eine Art „früher Indiana Jones“. Genug der Historie, zurück zu Anacostia. Von ihr werden wir noch einiges sehen im Verlauf der Serie. Auf jeden Fall sollte man sich nicht von ihrem harmlos wirkenden Äußeren blenden lassen: sie hat auch Folterknechtqualitäten und kann in das Bewusstsein anderer eindringen.

Motherland Quatermaine_

Natürlich dürfen unsere drei Hauptdarstellerinnen, die Bellweather-Crew, nicht unerwähnt bleiben. Da wäre zum einen Abigail (Ashley Nicole Williams), die Tochter von General Petra Bellweather, entsprechend aus sehr gutem Hause stammend. Des Weiteren die etwas kindlich und unschuldig wirkende Tally (Jessica Sutton), die passenderweise auch noch Jungfrau ist (was im Laufe der Serie noch eine wichtige Rolle spielen wird) und die rebellisch auftretende, zynische Raelle (Taylor Hickson). Alle drei haben unterschiedliche Talente und wurden zu einer Crew, „Einheit“ oder „Unit“ genannt, zusammengewürfelt unter Führung von Abigail. Klar, sie stammt eben aus dem einflussreichsten Geschlecht. Ihr Ziel ist es, gemeinsam die Grundausbildung durchzustehen, um später die Erlaubnis zu erhalten, auf das renommierte War College wechseln zu dürfen. Gut, nicht nur unterschiedliche Fähigkeiten, sondern auch komplett unterschiedliche Charaktere erschweren anfangs den „Teambuilding-Charakter“ des Ganzen. Raelle glaubt zudem noch, Abigails Mutter wäre schuld am Tod ihrer Mutter, die deren führende Offizierin war – alles in Allem nicht die besten Voraussetzungen ein schlagkräftiges und später erfolgreiches Team zu bilden.

Motherland - das Trio

Abigail wurde wohl schon ihr ganzes Leben auf eine Karriere im Militär getrimmt und muss eine Führerrolle erringen, wie bereits einige Generationen der Bellweather-Hexen vor ihr. Es wird von ihr erwartet, sich hervorzutun und entsprechend selbstbewusst tritt sie auf. Männer behandelt sie wie leibeigene Clowns oder auch getragene Unterwäsche und zeigt gottgegebene Arroganz. Sie will nicht gemocht werden, hat das aber auch nicht nötig. Ihre Karriere scheint vorherbestimmt und unaufhaltsam. Ob dem wirklich so ist, wird nicht verraten, lasst euch überraschen! Tally wirkt anfangs wie ein unbedeutender Nebencharakter, einzig durch ihre Jungfräulichkeit sticht sie ein wenig hervor, vielleicht auch durch ihre vorgebliche Naivität: sie ist ganz altruistisch dem Militär beigetreten, um Gutes zu tun und den Schwachen zu helfen. Raelle hingegen entwickelt sich von Episode zu Episode. Ihre Kraft als Heilerin zeigt sie bereits in den ersten Minuten der Serie, wo sie scheinbar Krankheiten von Menschen „aufsaugen“ und übernehmen kann. So trägt sie zum Beispiel dann den optisch bösartigen Hautausschlag einer menschlichen Kundin am eigenen Leib. Dafür benötigt sie natürlich einen entsprechenden „Zauberspruch“:

„Bittet, so wird euch gegeben werden. Suchet, so werdet ihr finden. Klopfet an, so wird euch aufgetan. Denn wer da bittet, der empfängt und wer da suchet, der findet. Und wer da anklopfet, dem wird alsbald aufgetan. Denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit.“ (Raelles Heilspruch)

Soviel zu den Helden. Doch wo es Licht gibt, gibt es bekanntlich auch Schatten. Ergo brauchen wir die Bösewichte. Diese sind im englischsprachigen Original „The Spree“, deutsch übersetzt hat man daraus das eher misslungene „die Plage“ gemacht. „Die Plage“ steckt hinter den blutigen, brutalen Anschlägen, die Amerika überziehen. Dabei hat diese „Plage“ kein eindeutiges Gesicht, keinen erkennbaren Hintermann, keine deutliche Hierarchiestruktur oder ein Hauptquartier. Sie scheint unsichtbar, ungreifbar und ändert auch ihr Vorgehen, sobald Gegenschläge durch das Militär, angeordnet durch General Alder, durchgeführt werden. Es bleibt also nicht bei den Ballons, die Auslöser für die Gräueltaten sind. „Die Plage“ agiert kreativ, mehr wird aber an dieser Stelle nicht verraten. Ein Gesicht immerhin zeigt sie in Gestalt von Scylla Ramshorn (Amalia Holm), die einen innigen Kontakt zu Raelle sucht und erfolgreich findet. Scylla gibt auffällig wenig über sich selbst preis, will im Gegenzug aber alles von anderen wissen. Bereits früh wird klar: mit Scylla ist etwas faul! Sie ist nicht nur eine coole Socke, die immer gute Laune hat und scheinbar auch etwas bisexuell orientiert ist, sondern oft genau da zu finden, wo inside Fort Salem etwas so richtig schief geht.

Motherland Scylla

Sehr stylisch das Ganze, das muss ich zugeben. Sehr viele hübsche Menschen, vorrangig Frauen in sehr gut sitzenden Phantasieuniformen, coole Filter, die die Szenerie etwas unwirklich erscheinen lassen, Fort Salem als eine Art „Hogwarts für erwachsene Hexen“, Coming-of-Age Thematik, eine Prise History dort, etwas Grusel da, zwei, drei Effekte dort. Insgesamt gesehen hatte ich durchaus Spaß daran, die 10 Folgen der Serie zu schauen, auch wenn ich vielleicht allein aufgrund meines Alters nicht mehr zur Zielgruppe gehören sollte.

Anfangs dachte man als unbefangener Zuschauer: aus den drei Mädels, also Abigail, Raelle und Tally wird niemals nie ein Team, eine Einheit, was nicht zuletzt an der fehlenden Chemie zwischen den Schauspielerinnen lag. Allerdings haben diese es doch geschafft, sich zusammenzuraufen und gemeinsam erlebten Gefahren zu trotzen, die eben, wie man weiß, am Besten zusammenschweißen. Je besser deren Zusammenhalt als Team funktioniert, desto besser kamen die drei auch bei mir an und ich begann ungefähr ab der vierten Folge der Serie tatsächlich Interesse daran zu finden, wie es den dreien so ergeht, welch Schicksal jede Einzelne erleidet. Thematisch gesehen erleben wir eine Art Matriarchat, Frauen stehen überall vorn, es gibt weibliche Generäle, einen weiblichen Präsidenten Amerikas, gleichzeitig verhalten sich die Frauen allerdings auch so, wie man dies aus Klischees so kennt. Stutenbissig, arrogant, schnippisch, zänkisch, beleidigt, eingeschnappt, intrigant und überemotional. Okay, scherzhaft sei mir vergönnt zu sagen, dass das durchaus realistisch erscheint. Weiß doch jeder, dass bei zu vielen Frauen auf einem „Haufen“ gerne ein Zickenkrieg entsteht (und bevor hier ein riesiger Shitstorm entsteht: ausschließlich Männer auf einem Haufen geht genauso in die Hose).

Deshalb wurde hier auch das „Beltane“-Event eingeführt. Zu diesem Anlass kam geplant der Witchfather (Nick E. Tarabay) mit einem Bus gut gebauter, männlicher Armee-Kadetten vorbei. Bei diesem Fest sollen die Jung-Hexen ihre Energie auffüllen, indem sie die Kadetten verführen und letztlich mit diesen in der bekannten Kiste landen. Klar, dass die Mädels nach all dem Drill und der Enthaltsamkeit entsprechend gut zu sprechen waren auf diese Art der „männlichen Ablenkung“. Sicher – klischeehaft dargestellt und fast würde man meinen, es fehlte noch, dass einigen Damen der sprichwörtliche Geifer aus dem Mund läuft, aber, ein wenig Spaß muss und darf doch auch sein.

Weiter sei vermerkt, dass es allgemein so einige gute Ideen gibt, die die Serie zu vermitteln weiß. So dienen als Speicher für die Voices/Zaubersprüche fabergé-ähnliche Eier, die sich öffnen und dann die Stimmen/Gesänge ertönen lassen. Es wird auch eine Art der Nekromantie gezeigt, bei der Tote kurzzeitig wiederbelebt werden, um diese zum Beispiel nach dem Grund ihres Ablebens oder eben ihren letzten Augenblicken zu befragen. „Drogenpflaster“, genannt Salva, ermöglichen es den Trägern zu fliegen, was natürlich vorher eingeübt sein will, ansonsten drohen Abstürze. Irgendwie haben mich solche Flugszenen ein wenig an Bibi Blocksberg erinnert. Nur bediente diese sich ihres Besens namens „Kartoffelbrei“, um sich in die Lüfte zu erheben und benötigte keine wie auch immer hergestellte „Droge“. Es gibt später sogar noch einige Kampfszenen: Frau gegen Frau, so richtige Handgemenge also, kein Schlamm-Ringkampf, es wird aber in voller Kampfmontur aufeinander eingeschlagen. Ein wenig Humor gibt es auch, sogar bei Drillsergeant Quartermaine:

„Ihr beide müsst auf jeden Fall zurückkommen, damit ihr mich weiter frustrieren und vorzeitig altern lassen könnt.“

Wenn ihr es bis zur letzten Episode geschafft habt, gibt es einen passenden Cliffhanger, einige unerwartete Wendungen, einen neuen Hauptgegner und und und. Man denkt sich: Es muss einfach eine zweite Staffel geben, unbedingt! Fragt man Google, so erfährt man, dass der Sender Freeform wohl schon eine zweite Staffel bestellt hat, was natürlich nicht nur den Serienerfinder Eliot Laurence freut. Also, schaut vorbei im Fort Salem und bildet euch euer eigenes Urteil.

Bilder: Amazon, Freeform

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2 Kommentare

  • ich hatte noch nie von der Serie gehört und erst am Donnerstag in der Bild zum ersten Mal davon gelesen. Heute ist Samstag und ich habe bereits alle zehn Episoden durchgesehen. Eine superspannende Serie mit tollen Stars und unerwarteten Twists. Ich kann es nicht erwarten sie nochmal zu schauen und drücke fest die Daumen für eine zweite Staffel.

    • Das freut mich. Mir geht es ähnlich, dank zahlreicher anderer Neuerscheinungen vergeht die Wartezeit auf die Staffel 2 sicher auch ziemlich flott 😀


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