Gangster-Coolness mit Herz

Review: Snatch Staffel 2

27.11.18 11:28
Review
Mini-Spoiler
Maik
27.11.18

Mitte September wurden die zehn Episoden der zweiten Staffel „Snatch“ direkt in Gänze bei Sony Crackle veröffentlicht. Heute Abend beginnt um 20:15 Uhr die deutsche Erstausstrahlung auf AXN, bis 18. Dezember könnt ihr dort alle Folgen auch in deutscher Sprachausgabe sehen. Ob sich das lohnt, will ich in diesem spoilerarmen Review erzählen. Also, stets bezogen auf die englische Originalfassung, denn wer freiwillig auf den schönen britischen Akzent verzichtet, hat eh bereits verloren. Wobei, dieses Mal wird es ja ganz schön spanisch…

„They’ve found the good life in Costa del Sol. But nothing lasts forever.“

Große Paralleln zur ikonischen Film-Mutter habe ich in meinem Review zur coolnessverjüngten Staffel 1 ja bereits zu genüge gezeichnet, daher will ich mich hier etwas davon lösen. Wobei es weiterhin die gewohnten Kamera-Fahrten und dynamischen Schnitte samt recht ordentlichen (wenn auch etwas aus der Konserve kommenden) Soundtrack auf Augen und Ohren gibt. Außerdem ist mit Volkov eine an Boris „The Blade“ Yurinov erinnernde Figur am Start. Ansonsten bleibt es aber größtenteils bei Assoziationen und kleineren Referenzen zu einem der besten Kultfilme überhaupt. Also zur eigentlichen Handlung.

Costa del Solala

Ein paar Ganoven flüchten auf einer Yacht und mit Diamenten im Wert von 10 Millionen (je nach aktueller Marktlage), werden kurz vor der Küste Spaniens aber überfallen, so dass der Frührentenplan dahin ist. Angeschwemmt wird auf die Schnelle die „Bunker Bar“ übernommen und sich am „ehrlichen Leben“ versucht. Das hält natürlich so lange, wie die Erfolgssträhne komplett Gastronomie-unerfahrender Leute, die einheimischen Spaniern ihre Arbeitsplätze wegnehmen.

Das etwas skurrile Start-Setting außer Acht gelassen, bietet die spanische Szenerie einfach wenig bis keine Gangster-Atmosphäre. Klar gibt es da auch raue Gassen und verlassene Industrie-Orte, aber alles wirkt eher wie ein kleines Sommerurlaubs-Spielchen. Störend finde ich dazu, wie mit der Sprache umgegangen wird. Bis auf vereinzelte Spanisch-Sprecher und Wechsel wird fast ausschließlich direkt von jedem Englisch gesprochen. Ja, es gibt untertitelte Passagen, aber das wirkt alles enorm glattgestrichen und überinszeniert – so wie der Rest.

Der komplette Plot der Staffel ist mal wieder auf die alte Formel ausgelegt, viele Handlungsstränge zu schaffen, die dann irgendwie am Ende auf wundersame Weise zusammenführen. Klappt das bei der Filmvorlage noch einigermaßen glaubhaft auf Basis von zugegeben übertriebenen Zufällen, ist es hier stets der nächste „geniale“ Plan, der viel zu einfach funktioniert. Große „Heists“ werden nicht detailverliebt durchgeplant durchgeführt, sondern bestehen oftmals aus plumper „Reingehen, Herumballern, wird schon“-Taktik. Das wirkt selten wirklich brisant, bei so gut wie unbewachter Diamantenberge im Wert von etwa 50 Millionen (je nach aktueller Marktlage) wirkt es dann endgültig wie eine unrealistische Kinderaufführung.

Dabei bieten die Figuren noch immer viel Potenzial für Drama und Unterhaltung. So sie noch da sind. Auf das Fehlen von Charlies Freundin, die am Ende von Staffel 1 noch mit aufs Boot gehüpft war, wird gar nicht mehr eingegangen. Stattdessen ist die in „Haus des Geldes“ die Tokio mimende Úrsula Corberó ist mit noch kürzeren Haaren als Ines am Start, ein Charakter, der als Fluchtfahrerin eingeführt wird, quasi nie selbst in wirklichen Brisanz-Situationen hinterm Steuer sitzt und dafür so ziemlich alle Plot-Ebenen und Twists im Alleingang bereithalten muss.

Gut finde ich die Entwicklung von Albert. Der blüht als respektabler Chef der Truppe auf und erarbeitet sich den Respekt von Papa Vic. Allgemein wirkt die Generations-Ablösung größtenteils gelungen, dennoch sind die Snatch-igsten Gangster-Momente stets mit dem liebenswerten Charakter-Kopf Hate’Em verknüpft. Etwas überflüssig wirkt Billie über die komplette Staffel. Er wird etwas abgetrennt von der eigentlichen Truppe und bekommt eine zu offensichtlich auf Menschlichkeit und Empathie abzielende Side Story verpasst, die man auch komplett hätte weglassen oder zumindest kompakter erzählen können. Vermutlich hat man das schlicht genutzt, um andere Duos zusammen zu setzen, aber das wirkte in der Form nicht wirklich homogen.

Aber die Serie hat auch ihre Stärken. Die Mischung aus Lockerheit und Drama passt größtenteils. Die Folgen sind kurzweilig und abwechslungsreich. Auch stimmt die Chemie zwischen den Figuren bzw. Darstellern. Und es gibt auch einige wundervoll übertrieben charakterisierte Figuren, wie den Stadtangestellten Ramiro Ramirez oder Küchenjungen Fanta. Allgemein macht die Staffel meiner Meinung nach zumindest weniger falsch als die erste, so dass ich mal eine halbe Krone mehr zu geben wage. Auch wenn ich gerade merke, dass vieles an dem Review hier sehr negativ klingt…

Nachdem ich die ersten zwei Folgen relativ zügig nach Erscheinen geschaut hatte, war die Motivation weiterzugucken nicht wirklich vorhanden. Zwei längere Zugfahrten und der Mangel an Alternativen haben mich dann doch zügig zuende bingen lassen und an sich fühlte ich mich gut unterhalten. Und auch das ganz große Kopfschütteln wie in Staffel 1 blieb aus. Aber so viele kleine Dinge haben einfach keinen Sinn gemacht und sich komplett einer möglichst reibungslos und auf Effekt ausseienden Erzählung geopfert. Das nervt und durch das spanische Setting ist das eigentliche Gangster-Feeling auch selten aufgekommen.

So bleibt es eine unterhaltsame Serie, die knapp am Prädikat „Guilty Pleasure“ vorbei schrammt und vielleicht auch einfach nur das Problem des großen Schattens der Film-Vorlage besitzt. Doch auch wenn man diesen modern glattegebügelten Weg als solchen akzeptiert, bleiben zu viele Ungereimtheiten und Unnötigkeiten. Wer das aber auch wiederum akzeptiert und einfach nur Lust auf lockere Action mit ein paar coolen Sprüchen hat, der wird auch in Staffel 2 von „Snatch“ gut unterhalten. Ansonsten bleibt zu hoffen, dass man sich weiter an die Macken setzt und das durchaus vorhandene Potenzial vollends auszuschöpfen weiß.

Bilder: Sony Crackle

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