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Größer, länger aber auch besser?

Review: Stranger Things – Staffel 4

ACHTUNG: SPOILER !!
17. Juli 2022, 11:33 Uhr
SPOILER !!
Jonas
17.07.22

Es gibt wohl wenige Serien, die einen derartigen Hype auslösen wie „Stranger Things“. Die Serie startete vor 6 Jahren als – aus meiner Sicht – wohl kalkulierte Kombination von Erfolgsfaktoren der 80er Jahre Entertainment Branche sowie den Erfahrungen moderner Erzähltechniken der Netflix-Ära. Das klare Ziel war es, die kaufkräftige Zielgruppe im besten Familienalter (35 bis 50 Jahre) anzusprechen, die gerne zurück in ihre Kindheit schauen. Bei mir hat dieses Konstrukt perfekt funktioniert, seit Staffel 1 bin ich gefangen in der Geschichte rund um eine mystische Welt unterhalb einer amerikanischen Kleinstadt. Auf die 4. Staffel mussten wir alle viel zu lange warten. Bei einer normalen Serie mit erwachsenen Schauspielern wäre die lange Wartezeit nervig gewesen, aber man hätte die Zeit den Charakteren nicht angesehen. Bei „Stranger Things“ ist es etwas schwieriger, denn wir haben den Kindern beim Erwachsenwerden zuschauen können. In Staffel 4 sollten sie um die 15 Jahre alt sein, die Schauspieler:innen sind aber in der Realität schon 18 bis 20. Und das merkt man leider auch, aber wirklich stören tut es nicht. Dazu kommt, dass die Folgen alle mindestens eine Stunde dauern, wir die Geschichte an 4 verschiedenen Orten erleben und die Effekte nochmal zugelegt haben. Die Staffel verspricht also ein Blockbuster-Erlebnis und die Frage lautet, kann dieses Versprechen gehalten werden?

Unsere Helden werden erwachsen

Unabhängig davon, ob sie nun 15 oder 20 Jahre alt sind, alle unsere Helden sind in einem neuen Lebensabschnitt. Eleven, Jonathan, Will und Joyce versuchen ein normales Leben weit weg von Hawkins zu führen. Mike und Dustin nerden sich durch die High School. Lucas, als Mitglied der erfolgreichen Basketballmannschaft, ist kurz davor, zu den coolen Kids zu gehören. Max hadert mit den Ereignissen der letzten Staffel. Jim sitzt in einem russischen Geheimgefängnis – zunächst ohne dass Joyce überhaupt weiß, dass er lebt. Und lediglich Steve, Robin und Nancy sind so geblieben, wie wir sie kennen.

Abseits von Jim, versuchen unsere Protagonisten alle, ein normales Leben zu führen. Und obwohl diese Normalität schon in der ersten Folge beendet wird, funktioniert diese kurze Phase des normalen Lebens gut, um die Fallhöhe für die großen Schrecken der Staffel zu realisieren. Und wie schön diese erste Folge ist. Wir sehen zum ersten Mal Eddie, zu ihm später mehr, und erfreuen uns an dem großen Dungeons und Dragons Spiel und dem parallel dazu geschnittenen Basketball Finale von Lucas. Da merkt man, wie sehr man die Kinder, äh Jugendliche, äh Erwachsene (?), ins Herz geschlossen hat.

Viele Orte, viele Ebenen und viele Charaktere

Das besondere an der Staffel ist, dass wir die verschiedenen Ebenen und Orte im ständigen Wechsel sehen, aber die Geschichte sich trotzdem wie aus einem Guss anfühlt. Während ich überlege, wie ich dieses Review aufbauen soll, da so viel passiert, fällt mir auf, dass mir das beim Anschauen gar nicht aufgefallen ist. Einer Erinnerung von Eleven aus ihrer Zeit bei dem verrückten Professor folgt eine Szene aus Russland, dem folgt eine Szene aus Kalifornien und dann wieder Hawkins – irre. Es funktioniert deshalb so gut, weil sich alles auf den großen Gegner Vecna konzentriert. Und man natürlich auch weiß, dass sich alle am Ende sehen werden.

Und das ist auch etwas Besonderes an „Stranger Things“. Aus den 80er Jahre Filmen weiß man, dass die Helden nicht sterben. Jim hat es am Ende der dritten Staffel geschafft, Will in der ersten Staffel und so weiter. Klar sterben auch Charaktere, aber unsere geliebten Helden sind save – und trotzdem ist die Spannung greifbar.

Bevor ich es vergesse, ich finde Szene, in der Eleven gemobbt wird, gut, da auch hier ein Film zitiert wird. Zwar nicht aus den 80er Jahren, aber nicht weit entfernt: Carrie aus 1976. In diesem Film wird eine junge Frau auf einer Schulfeier gedemütigt und rächt sich dann mit übernatürlichen Kräften. Ein bisschen so wie Eleven. Auch wenn Eleven sich hier noch irdisch mit einem Schuh rächt. Später sehen wir eine Hommage an die Horrorfilme der 80er, als Robert Englund (Freddy Krueger) in Folge 4 auftritt – auch mit einem entstellten Gesicht.

Und kurz danach schafft es die Serie zu überraschen, als die Armee auf brutalste Art und Weise die Beschützer von Will, Jonathan und Mike angreift. Ich habe mich erschreckt. Und auch hier könnte man meinen, sich in einem 80er Jahre Film, Stirb Langsam oder Lethal Weapon, wiederzufinden. Und während sich hier kein Kind mehr vor dem Fernseher befinden sollte, so naiv einfach und kindgerecht sind dann wieder die Szenen wie der Besuch bei Dustins Freundin. Dieses verrückte Haus mit tausenden Geschwistern, die alle machen, was sie wollen. Die Fantasie und der Facettenreichtum in dieser Staffel sind herausragend. Ich freue mich auch, dass John Reynolds als Officer Callahan wieder dabei ist. Viel Screentime bekommt er nicht, aber er sorgt dafür, dass selbst die kleinen Nebenszenen großartig sind.

Was mich auch sehr erfreut, sind die Szenen mit Papa und seiner Geheimorganisation. Ist er böse oder doch der Gute? Bzw. rechtfertigt die Bedrohung die Mittel? Das sind interessante Fragen und der Charakter Martin Brenner, gespielt von Matthew Modine, kann diese verschiedenen Seiten hervorragend umsetzen. Und damit haben wir wieder eine neue Ebene in der Staffel. Aber auch eine, die endgültig und sprichwörtlich begraben wird. Etwas übertrieben ist dieser Armeeeinsatz schon dargestellt, aber Actionfans kommen auf ihre Kosten und auch Cineasten – man denke nur an die Szene, in der Eleven den Hubschrauber zum Abstürzen bringt.

Und dazwischen ist immer auch Zeit, sich um die Charaktere zu kümmern. Die Szene mit Will und Mike im Auto beispielsweise. Will, der sich selbst noch nicht gefunden hat und hadert – herzzerreißend. Und auch wenn es Leute geben mag, die das als übertriebenen Wokeismus abstempeln (falls es das Wort überhaupt gibt), ich finde, es passt zur Story. Ich bin gespannt, ob Will in Staffel 5 sein Coming-Out feiern wird – man wünscht es ihm einfach.

Und das ist auch etwas sehr Besonderes an Staffel 4. Jeder Charakter bekommt genug Zeit für Hintergründe und eine Weiterentwicklung. Man denke nur an Dustin. Wie er über den Tod seines Freundes trauert, Wahnsinn. Da bleibt kein Auge trocken. Und es kommen noch neue Charaktere hinzu. Argyle, der grundgute Kumpel, der nie etwas Böses denkt und sich einfach so auf eine Tour durch die gesamten USA begibt, ohne Fragen zu stellen. Und dann hätten wir Eddie, wow, Eddie. Obwohl Eddie neu eingeführt wird, liebt ihn die ganze Welt. Am Anfang hart und überdreht, dann verletzlich und verängstigt, um dann ganz am Ende Mut zu beweisen und große Gefühle gegenüber Dustin zu zeigen. Mir läuft es immer noch den Rücken herunter, wenn ich an die Szene denke, in der er sagt, dass Dustin sich bitte nie ändern solle.

Das Finale

Das Finale untermauert die Besonderheit dieser Staffel. Wir finden alles in dieser letzten Folge, die in Spielfilmlänge daherkommt. Episch, ja, diese letzte Folge ist einfach nur episch. Dafür sorgt unter anderem Eddie mit seiner Metal Gitarre in der Schattenwelt. Die Staffel weiß es, Musik einzusetzen, um Emotionen zu transportieren. Nicht ohne Grund wurde das Lied von Kate Bush „Running Up That Hill“ wegen der Serie zurück in die Charts gespült.

Und das alles in der Staffel funktioniert am Ende auch deshalb so großartig, weil der Endboss Vecna glaubhaft ist. Man stelle sich nur vor, all dieses Brimborium würde stattfinden, ohne dass man sich am Ende einem übermächtigen Gegner stellen muss. Die Duffer Brüder haben auch das richtige Händchen gehabt und mit Jamie Campbell Bower einen sehr guten Schauspieler für Vecna gefunden. Mir gefällt ebenfalls, dass alles zusammenhängt und Brenner und Eleven Vecna erschaffen haben. Und obwohl viel aufgeklärt wird und die Fäden zusammenlaufen, so sind noch nicht alle Fragen zur Schattenwelt beantwortet. Spannend wird sein, ob die Gesellschaft weiterhin getäuscht werden wird, denn das Ende deutet darauf hin, dass man es nicht mehr verheimlichen kann.

Das Fazit zur Staffel findet ihr auf der nächsten Seite

Bilder: Netflix

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3 Kommentare

  • Es ist bisher sehr ruhig in den Kommentaren. Ich hatte mit Gegenmeinungen gerechnet. Also finden alle die Staffel so super wie ich? :-)

    • Okay, wenn du unbedingt willst… ;)

      Ich fand sie auch um Längen besser als Staffel Drei und allgemein in eine erfreulich düsterere Horror-Richtung gehend, damit auch mehr Berechtigung als die Wiederholung, die Staffel Zwei ausgemacht hatte. Insgesamt daher sehr gut, aber meiner Meinung nach bei Weitem nicht perfekt. Vor allem war die Macht-Darstellung von 001 und 011 meiner Meinung nach recht inkonsequent inszeniert, allgemein wirkte das dramatische Auf und Ab ein bisschen klischeehaft und vor allem haben mich im Finale einige Momente gestört, zum Beispiel auch die inhaltlich komplett unnötige Aufopferung Eddie.

      Also ja, sehr gute Staffel und erfreuliche Entwicklung, vor allem, was die Etablierung eines vernünftigen Gegenspielers anbelangt, aber eher bei vier Kronen, maximal viereinhalb. ;)

  • Wer Action und Kämpfszenen mag, kam auf seine Kosten. Mir fehlte aber der Charme der vorherigen Staffeln, der jeweils nur kurz aufblitzte. Für Staffel 5 fürchte ich ähnliches.



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