Spoilerarmer Blick auf die Amazon Prime Video Serie

Review: Undone Staffel 1

Mini-Spoiler
Michael
22.09.19

Nanu, stimmt irgendwas nicht mit meinen Einstellungen bei Amazon Prime Video, oder warum sieht das Bild bei der neuen Serie „Undone“ so komisch aus? Tja, das ist Absicht und nennt sich Rotoskopie. Die ganze Serie ist im Rotoskopie-Verfahren gedreht: Reale Schauspieler spielen die Serie, und in der Folge wird das Gedrehte dann durch Projektion und Zeichenstil verfremdet. Produziert wurde die Serie von Kate Purdy und Raphael Bob-Waksberg nicht etwas deswegen in diesem Stil, um ‚das mal gemacht zu haben‘ und damit unter Umständen Neugier zu erzeugen. Vielmehr bietet sich genau dieser Stil an, um die Geschichte der Hauptfigur Alma Winograd-Diaz adäquat erzählen zu können.

Naja, am Anfang wird man tatsächlich auf die falsche Fährte gelockt. Zu unspektakulär läuft der Einstieg in die Handlung ab. Man fragt sich die meiste Zeit über, warum denn das nun wirklich in Rotoskopie (das fragt man sich natürlich nicht wirklich, weil man den Fachbegriff gar nicht kennt) produziert werden musste. Sobald wir aber tiefer in die Story einsteigen, umso sinnvoller wird’s – und umso mehr Spaß macht die ganze Geschichte. Irgendwann merkt man, dass man sich fragt, wie man die ganzen Handlungsstränge und Zeitebenen hätte darstellen sollen, wenn man nicht auf dieses spezielle Verfahren zurückgegriffen hätte. Natürlich gibt es in der heutigen Zeit auch genug andere Möglichkeiten, das computerunterstützt zu produzieren. Mir ist im Laufe der Serie immer der Film „Marvel’s Dr. Strange“ eingefallen, bei dem ja auch ziemlich geschickt und optisch beeindruckend mit Raum- und Zeitebenen gespielt wurde.

Hier finde ich die Rotoskopie aber vor allem auch deswegen sinnvoll eingesetzt, weil es einfach mit der Story harmoniert. Es wirkt alles etwas simpler, etwas vertrauter; es fühlt sich an, als würde man in einer Graphic Novel oder einem Bilderbuch blättern. Man blättert dabei durch Almas Erfahrungen und Erlebnisse nach einem Autounfall, und bald fragen wir uns, bis zu welchem Punkt der Geschichte alles so geschehen ist, wie es uns gezeigt wird, oder ob es ganz anderes war. Was ist Einbildung, was ist Erinnerung, was ist Wunschtraum – oder was ist tatsächlich eine Reise durch Raum und Zeit?

Auch die Figurenentwicklung gefällt mir. Alma hat so eine trockene, leicht resignierende und dann doch wieder ermutigte Art. In der Synchronfassung wird Alma-Darstellerin Rosa Salazar übrigens von Anja Stadlober gesprochen, die auch Marvels Jessica Jones synchronisiert hat – die Tonalität passt einfach wunderbar zu diesem Charakter.

Apropos Rosa Salazar – auch für den Cast muss man man lobende Worte finden. Zuerst fürs Casting selbst, dann aber auch für das Spiel unter anderem von Bob Odenkirk, dem weitgehend unbekannten Siddarth Dhananjay oder Daveed Diggs – alle spielen wirklich gut und sorgen für einen tollen Gesamteindruck – der durch das inhaltliche Finish noch einmal unterstrichen wird. Man fragt sich ja unweigerlich, wie die Story wohl aufgelöst wird, und am Ende haben Kate Purdy und Raphael Bob-Waksberg wirklich ein glückliches Händchen bewiesen mit der Entscheidung, Alma auf die Reise zur Erkenntnis zu schicken und sie (und uns) mit diesem Ende zurückzulassen. Das war vollkommen überzeugend und sorgt dafür, dass diese bunte, oft unbequeme, vielfach nicht wirklich geradeaus laufende Story uns durch das Ende noch einmal herausfordert, selbst weiter zu denken und die Welt von Alma weiterzuspinnen.

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