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Blick in die ultraorthodoxe Welt der jüdischen Gemeinschaft Antwerpens

Serientipp: Rough Diamonds (Netflix)

Mini-Spoiler
24. Juni 2023, 18:18 Uhr
Mini-Spoiler
Michael
24.06.23

Es gibt ja so Orte, die würde man als zweite Heimat bezeichnen. Oder zumindest als Orte, an denen man sich wie zu Hause fühlt, wo man gleich heimisch ist, wenn man ankommt. Bei mir ist Antwerpen so eine Stadt, und als ich letztens mal wieder da war, bin ich auf eine Netflix-Serie aufmerksam geworden, die dort total gefeiert wurde, die ich aber noch nicht einmal kannte: „Rough Diamonds“. Das ist ein belgisches Netflix-Original, das im Diamantenviertel von Antwerpen spielt und sich nicht nur mit dem Diamantenhandel an sich beschäftigt, sondern auch mit den Machstrukturen, den äußeren Einflüssen und den Verstrickungen von Ermittlungsbehörden und Politik. Klar, dass dabei auch orthodoxe jüdische Familien eine große Rolle spielen, schließlich wurde der Diamantenhandel in Antwerpen lange Zeit von jüdischen Familien geprägt und koordiniert. Und so bekommen wir einen teilweise sehr intimen, genauen Blick in die jüdisch-orthodoxe Welt, so dass sich ein spannendes Gesamtbild für acht interessante Folgen ergibt.

Auch wenn die Story an sich fiktiv ist (worauf Netflix am Ende des Abspanns noch einmal ganz explizit verweist), fusst sie auf vielen realen Wirklichkeiten, was mich dann natürlich wieder anspricht als jemand, der viel mit Antwerpen verbindet. Also: Antwerpen ist die Diamantenhauptstadt der Welt seit 1447 – damit wirbt die Stadt unter anderem. Hier werden Rohdiamanten, eben die „Rough Diamonds“, gehandelt und geschliffen. „Lange Zeit war der Diamantenhandel stark von der ultraorthodoxen jüdischen Community dominiert. Man sprach Jiddisch und am Schabbat war die Diamantenbörse geschlossen“, fasst es Christiane Laudage für die Jüdische Allgemeine perfekt zusammen. Bis zum letzten Jahrzehnt war Antwerpen die Heimat von über 80 Prozent des jährlichen weltweiten Handels mit ungeschliffenen Diamanten, und ein Großteil davon wurde von orthodoxen Haredi-Juden dominiert. Die Stadt war jahrhundertelang die Heimat einer großen jüdischen Bevölkerung, nachdem sie viele Juden aufgenommen hatte, die Spanien und Portugal im Zuge der Inquisition im 15. Jahrhundert verließen, darunter viele Diamantenhändler, denen die Arbeit in vielen anderen Branchen verwehrt blieb. Obwohl die Gemeinde durch den Holocaust dezimiert wurde, lebten in Antwerpen im Jahr 2018 mindestens 20.000 Juden, viele davon orthodoxe Haredi. In den letzten Jahren haben indische Familien die Kontrolle über bis zu drei Viertel der Antwerpener Diamantenindustrie übernommen. Auch dieser Konflikt wird in „Rough Diamonds“ aufgenommen und sinnvoll in die Rahmenhandlung eingebaut. Wer mehr zur Historie erfahren möchte, kann bei Gabe Friedmans Artikel für Israel National News nachlesen.

Diamanten-Hauptstadt Antwerpen

Im Zentrum der Serie steht die Familie Wolfson, eine Gründungsfamilie des Antwerpener Diamantenhandels und entsprechend angesehen. Die Serie startet dann auch mit einem jüdischen Ritual, das Yanki Wolfson ausführt, ehe er sich in Ruhe ankleidet, auf den Weg ins Diamantenviertel macht, um dort ins Büro der Wolfsons zu gehen. Dort überwältigt er allerdings den Wachmann, um ihm die Waffe zu entreißen und Selbstmord zu begehen. Das trifft die Familie natürlich stark, nicht nur emotional, sondern auch was das Ansehen in der jüdischen Gemeinde angeht. Zur Beerdigung erscheint auch Noah Wolfson, der sich vor einigen Jahren von der orthodoxen Familie losgesagt hat und mit seinem Sohn in London lebt. Seine Schwiegermutter ist offensichtlich in schmutzige Geschäfte in London verwickelt, in die auch Noah bereits einbezogen wurde.

Damit ist dann der Bogen bereitet für ein ganz spannendes Geflecht aus verschiedenen Einflussgrößen: Das jüdisch-orthodoxe Leben mit dem Widerpart Noah, die kriminellen Geschäfte von Noahs Schwiegermutter Kerra McCabe, die bald mit den Familienaktivitäten der Wolfsons indirekt verquickt werden, die indische Community, die sich im Diamantenviertel breit gemacht hat, dann die albanische Mafia, die die Rohdiamanten zur Geldwäsche nutzen wollen, und mit einem Zwischenhändler namens Matthias eine klassische Figur des zwielichtigen Geschäftsmanns.

Überhaupt sind die Figuren ausgezeichnet angelegt und werden zudem im Laufe der acht Folgen toll entwickelt. Allen voran natürlich Noah Wolfson, gespielt von Kevin Janssens, einem der wenigen halbwegs bekannten Schauspieler:innen in dem Ensemble (kann man aus der belgischen Netflix-Serie „Undercover“ kennen). Er hat sich vor Jahren von der Familie losgesagt, lebt ein normales leben und gerät jetzt zurück in die traditionellen, konservativen Strukturen der Familie. Dass er nicht im Guten gegangen ist, kann man sich vorstellen, und so brechen auch schnell verschiedene Konflikte auf, mit seinem Bruder Eli (großartig gespielt von Robbie Cleren), mit seinem Vater, seinem Cousin Benny Feldman, und natürlich mit seinem Glauben. Gerade diesen Punkt entwickeln die beiden israelischen Showrunner Rotem Shamir und Yuval Yefet richtig stark. Noah setzt äußerlich deutlich Zeichen, dass er nicht mehr mit dem orthodoxen Glauben verbunden ist, spricht aber in bestimmten Momenten doch Gebete mit oder lässt sich auf Rituale ein. „Die religiösen Werte und Beschränkungen sowie die Bräuche der Gemeinschaft bestimmen jede Handlung, die in dieser spannenden Serie stattfindet“, befindet auch Jason Flatt für But Why Tho?. Die Showrunner wollten eine normale chassidische Familie so authentisch wie möglich darstellen, aber natürlich ist es eine Familie, die in Schwierigkeiten steckt, also ist es keine normale Situation, in der die Wolfsons versuchen zu überleben, wie es auch Gabe Friedman für Pittsburgh Jewish Chronicle beschreibt. Dabei gelingt es, in der jiddisch geprägten Serie antisemitische Stereotype zu vermeiden. Wie das Rotem Shamir und Yuval Yefet geschafft haben, darüber haben sie mit Lior Zaltzman für Kveller gesprochen – das Interview ist hier zu finden.

Ein Blick in die ultraorthodoxe jüdische Community

Insgesamt ist die Serie am wirkungsvollsten, wenn sie sich auf die Familie und die Folgen von Geheimnissen und Groll konzentriert. Die Showrunner waren bestrebt, eine differenzierte, humanisierende Darstellung einer Gemeinschaft zu präsentieren, die oft weitgehend abgeschottet ist aus der breiten Öffentlichkeit. Wie sie das genau geschafft haben und wie sie vorgegangen sind, darüber berichtet Amy Spiro in „The Times of Israel“ ausführlich. An dieser Stelle nur soviel: Dass das alles kulturell passt, dafür standen die beiden Regisseure in Kontakt ultraorthodoxe Gemeinschaft Antwerpens, engagierten einen Jiddisch-Coach sowie einen kulturellen Berater, wie Gabe Friedman für St. Louis Jewish Light berichtet. Und Tatsächlich sich auch Mitglieder der orthodoxen Community in kleinen Rollen beteiligt, wie Dudu Fisher als Familienoberhaupt Ezra Wolfson oder Yona Elian als seine Ehefrau Sarah. Tatsächlich fällt nur die Besetzung der Ermittlungsbehörden vom Rest des Castings ab. Gerade bei den Krimielementen schwächelt „Rough Diamonds“ leider ein wenig, droht im letzten Drittel sogar den Faden zu verlieren, rettet sich aber am Ende dank der wieder funktionierenden Verknüpfung mit der Familiengeschichte der Wolfsons. Da hat „Rough Diamonds“ eine der wenigen Schwächen, vor allem leider auch bei Els Dottermans als Staatsanwältin Jo Smets, die wirklich sehr schwach agiert, was man im ansonsten starken Ensemble merkt. Ähnlich hat das Ben Biron Brauda für „The Jerusalem Post“ festgestellt (der übrigens auch die Darstellung der ultraorthodoxen Strukturen lobt). Gut, dass an den anderen Stellen großer Wert auf Authentizität gelegt wurde.

Rough Diamonds: Originalversion mischt Jiddisch, Flämisch, Französisch und Englisch

Entsprechend fühlt sich auch alles echt an, wirkt nichts aufgesetzt – und übrigens auch nichts bewertend. Es geht um Werte wie Familie, Liebe, Freiheit. Und das im Spannungsfeld der ultraorthodoxen Familie, aber auch eben in der Welt von Noah – und in der Verbindung dazwischen. Die Frage „Wieviel Freiheit ist möglich oder nötig?“ macht die Serie an mehreren Stellen auf, ohne sich auf die eine oder andere Seite zu schlagen. Die Figur des Noah hilft den Machern der Serie dabei, die Relevanz von Familie, Verpflichtungen und Loyalität zu betrachten. Er ist eine Figur außerhalb der Familie, fühlt sich aber immer noch allen verpflichtet, und geht dabei über praktisch alle Grenzen hinweg, um sie zu schützen. Die Showrunner machen dabei sogar noch die Frage auf, was Familie eigentlich bedeutet, speziell für Noah, der seine Familie in Antwerpen zurückgelassen hat, sich eine neue Familie in England aufgebaut hat und jetzt genau zwischen diesen Verpflichtungen steht. Welche Familie ist wie viel wert? Da entstehen auch tolle Momente wie die jüdische Hochzeit, der wir einfach für Minuten beiwohnen und miterleben. Oder Elis Bad zu Schabbes, wenn er sich unter Wasser begibt und ein gebet spricht und man nicht weiß, wie dieses Gebet ausgeht. Das ist ganz toll erzählt, gerade dann auch wieder aus der Perspektive der ultraorthodoxen Familie, die ihre Werte und Rituale lebt und im Alltag auch vor Herausforderungen gestellt wird, bei denen sie entscheiden muss, welchen Weg sie geht. Das besondere an „Rough Diamonds“ ist dabei die ganze Zeit: Man bekommt einen sachlichen Blick auf die Kultur und die Haltung, ohne dass „Rough Dianmonds“ verurteilt, entlarvt oder eben bewertet. Das ist bemerkenswert, tut der Serie gut und ist sicher mit ein Grund für den Erfolg der Netflix-Produktion, die es übrigens in der deutschen Synchronisation, aber natürlich auch im Original gibt, das man aber wirklich wollen muss. Denn da wird in der Familie jiddisch gesprochen, nach außen flämisch oder gar französisch, je nach Handlung natürlich auch Englisch. Das ist ganz spannend gemacht, weil das mitunter von Szene zu Szene wechselt und die Sprache der jeweiligen Situation angepasst ist. Ist es ein Dialog in der Familie? Spricht Noah mit seiner Familie? Spricht die Familie mit anderen Händlern? Spricht Noah mit seiner Schwiegermutter? je nach Moment wird eine andere Sprache genutzt. Wer sich damit intensiver beschäftigen möchte: Mosaic hat dazu einen großartigen Beitrag veröffentlicht. Für ein Re-Watch kann man sich das mal vornehmen, denke ich, wenn man also weiß, worum es so insgesamt geht.

Über allem liegt praktisch die ganze Zeit ein dunkler Schatten, es geht um Intrigen, faule Geschäfte, Bestechung, Hinterhalte, mafiöse Strukturen und vieles mehr. Und trotzdem kommt „Rough Diamonds“ nicht bedrückend daher, und ich habe mich gefragt, wie Rotem Shamir und Yuval Yefet das eigentlich machen. Ich glaube, es ist der Fokus auf die Familie, auf die Familienmitglieder, auf die Betonung der Werte, des Zusammenhalts, des Miteinanders. Das gelingt den beiden tatsächlich ganz hervorragend, hier ein anderes Gefühl zu erzeugen, als es die Beschreibung der bloßen Handlung vermuten lassen würde.

Bilder: Netflix

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