Kulturelle Nähe als Erfolgsfaktor?

Tatortreiniger vs. Dexter

Spoilerfrei
Daniela
11.12.14

In der Kulturwissenschaft gibt es das Cultural Proximity-Konzept. Es besagt, dass man mediale Inhalte prinzipiell mehr schätzt, wenn sie aus der eigenen Kultur kommen (u. a. weil man mit den propagierten Werten mehr anfangen kann). Demnach müsstet ihr den Tatortreiniger besser finden als Dexter, Doctor’s Diary besser als Grey’s Anatomy und Im Angesicht des Verbrechens besser als The Wire.

Ihr merkt schon, so einfach funktioniert das nicht. Japanische Animes oder Bollywood-Serien mögen uns tatsächlich recht fremd sein, aber an US-amerikanische Produktionen hat man sich mittlerweile sicherlich gewöhnen können (wenn man nicht ausschließlich ZDF schaut).

Auch dazu haben wir mal eine Studie (mit knapp 3500 Leuten) gemacht und festgestellt, dass kulturelle Nähe kein Erfolgsfaktor beim jüngeren Publikum darstellt. Die Top-Ten der (offen abgefragten) Lieblingsserien der Befragten war ausschließlich US-amerikanisch: Scrubs, How I Met Your Mother, Grey’s Anatomy, Two and a Half Men, Lost, House MD, The Simpsons, Gilmore Girls, CSI/CIS und Desperate Housewives (die Umfrage war 2010, deswegen). Unter den erstgenannten 40 Serien war nicht eine aus Deutschland. Das wäre heute vermutlich auch nicht anders. Oder gibt es jemanden unter euch, der eine deutsche Lieblingsserie hat? Oder zumindest eine deutsche in der persönlichen Top Ten? Würde mich interessieren.

Insbesondere höher gebildete Zuschauerinnen und Zuschauer, die mit US-Importen groß geworden sind, das Land auch aus eigener Anschauung kennen und ganz gut Englisch sprechen (also eigentlich wir alle), bevorzugen definitiv US-Ware. Das liegt vor allem daran, dass hier die interessanteren, vielfach ambivalenten Charaktere zu finden sind und dass die Serien einfach besser gemacht sind (Production Values!). Die kulturellen Bezüge sind für die meisten dagegen weniger wichtig. Eigentlich keine Überraschung, aber aus wissenschaftlicher Perspektive eine Novität.

Schotty_vs_Dexter

Hier der ganze Aufsatz:

Schlütz, D. & Schneider, B. (2014). Does cultural capital compensate for cultural discount? Why German students prefer US-American TV series. In V. Marinescu, S. Branea & B. Mitu (Hrsg.), Critical reflections on audience and narrativity: New connections, new perspectives (S. 7-26). Stuttgart: ibidem.

(Anmerkung: Den Titel des Aufsatzes hat der Verlag vermurkst. Ich gebe ihn hier in der korrekten Version wieder.)

Ein Kommentar



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