Bill und Tom Kaulitz übernehmen „Wetten, dass..?“ – und damit eine der letzten großen Show-Dinos im deutschen TV. Dass ausgerechnet zwei Magdeburger Zwillinge, groß geworden mit Tokio Hotel, Glam-Rock-Ästhetik und Hollywood-Podcast, die legendäre Sendung fortführen sollen, ist für mich genau die Art Programm-Entscheidung, die das deutsche Fernsehen sich viel zu selten traut. Es ist ein Bruch mit der ewigen Rotation der „soliden“ Herren der samstagabendlichen Unterhaltung – und genau deshalb ist es, allen Aufregungen zum Trotz, eine sehr gute Idee.
Die Nachricht: Comeback mit Kaulitz-Turbo
ZDF und Kaulitz-Brüder haben die Entscheidung inzwischen offiziell gemacht: Bill und Tom moderieren im Dezember eine neue Ausgabe von „Wetten, dass..?“ für das ZDF, aufgezeichnet wird in Halle. „Es ist für uns natürlich eine wahnsinnige Ehre, diese legendäre Show zu übernehmen und mit neuem Leben zu füllen. Wir sind stolz, dass das ZDF uns das Vertrauen schenkt, diese große Brand im Winter weiterzuführen“, sagt Bill Kaulitz und kündigt gleichzeitig an: „Wir wissen auch, dass wir damit Unruhe stiften – und genau das wollen wir auch!“, werden sie vom ZDF zitiert. In ihrem eigenen Podcast hatten die Zwillinge längst mit der Gerüchteküche gespielt; Tom formulierte dort programmatisch: „Wir bringen ‘Wetten, dass..?’ zurück“, allerdings zunächst als einmalige Ausgabe am Jahresende. Dass dieser Weg überhaupt zustande kam, wirkt selbst wie eine Wette aus alten Zeiten: Aus einem launigen Spruch von Tom auf einer Preisverleihung wurde ein Running Gag – und irgendwann begannen geheime Gespräche mit dem ZDF, die nun in dieser Neubestellung des Samstagabend-Dinos münden, wie der BR es dokumentiert.
Was frühere „Wetten, dass..?“-Gesichter sagen
Ausgerechnet Thomas Gottschalk, der die Show geprägt hat wie kein Zweiter, begleitet die Kaulitz-Verpflichtung seit Jahren eher missmutig. Bereits 2023 hatte er in seinem Podcast „Die Supernasen“ über die Brüder gespottet und sie als „die Adoptivsöhne von Heidi Klum“ bezeichnet – verbunden mit der klaren Aussage, dass er sie nicht für geeignete Nachfolger halte. Die Kaulitz-Brüder ließen sich das nicht gefallen und konterten in ihrem Podcast deutlich: „Du hast die Sendung nicht erfunden!“, schleuderte Bill in Richtung Gottschalk, „du bist ein Moderator, das ZDF hat dich eingestellt, diese Sendung zu moderieren. Das ist nicht deine Sendung, du hast da auch gar nix zu melden.“ In dieser Frontstellung, hier wunderbar dokumentiert von Franziska Wenzlick, steckt viel von der generationellen Verschiebung, die mit der Neubesetzung verbunden ist: Hier verteidigt einer sein Lebenswerk, dort beanspruchen zwei Jüngere das Recht, ein Format neu zu denken.
Ganz anders klingt „Wetten, dass..?“-Erfinder Frank Elstner, der sich überraschend offen hinter das Duo stellt. „Bill und Tom sind zwei moderne Jungs, die genau im richtigen Alter sind, um im Fernsehen Verantwortung zu übernehmen“, sagt er gegenüber BILD. Er räumt ein, dass er die beiden zunächst „nicht auf dem Schirm“ gehabt habe, spricht aber dennoch von einem „mutigen Experiment“ und ergänzt, er sei überzeugt, dass dieses Experiment „gelingen kann“. Wenn der Mann, der den Showtanker überhaupt erst gebaut hat, das Experiment ausdrücklich unterstützt, ist das mehr als nur höfliche Kollegialität – es ist eine Art symbolische Staffelübergabe, die Gottschalk verweigert, Elstner aber gewährt.
Was das ZDF sich davon verspricht
Das ZDF kommuniziert den Schritt sichtbar als Mischung aus Traditionspflege und bewusster Provokation. In der Ankündigung ist von einer „legendären Show“ die Rede, die man mit den Kaulitz-Brüdern „mit neuem Leben“ füllen wolle. Programmmacher verweisen darauf, dass Bill und Tom seit 25 Jahren im Musikgeschäft stehen, international touren und sich längst als Entertainer etabliert haben – inklusive preisgekrönter Reality-Doku „Kaulitz & Kaulitz“, die 2025 den Deutschen Fernsehpreis gewann. Thomas Lückerath zeichnet bei DWDL die Entwicklung des TV-Thems der Woche nach: „Erst wurde vermeldet und oft schon wenige Stunden später kommentiert, nicht nur von Journalistinnen und Journalisten. Das Spektrum der Reaktionen in den sozialen Netzwerken war extrem, vom Jubel der Fans bis zu untragbaren Beleidigungen.“
Das ZDF verkauft die Aufregung nicht als Kollateralschaden, sondern als Feature. Gleichzeitig versucht der Sender, die Angst vor einer reinen Reality-Show-Überformung zu entschärfen. Lückerath betont, die Befürchtung, es halte nun bloßer „Reality-Glamour“ Einzug, greife zu kurz; die bisherigen Erfolge der Brüder zeigten, dass sie mehr können als nur Social-Media-Blitzlichtgewitter. Und in den offiziellen Statements wird unterstrichen, dass man weiterhin auf „große Wetten, große Stars und große Samstagabendunterhaltung“ setze – nur eben mit anderen Gesichtern und einer moderneren, popkulturelleren Verpackung.
Wie lässt sich diese Entscheidung für die Kaulitz-Zwillinge einordnen?
Kaum war die Entscheidung draußen, lief der Meinungsbetrieb auf Hochtouren – wie oben beschrieben. Medienportale und Feuilletons sortierten sich in Pro- und Contra-Lager ein – und oft waren die Texte lesbar euphorischer als die Kommentarspalten darunter. Bei BILD jubelt etwa Tobias Render: „Jawoll, endlich traut sich das ZDF mal was! Die Kaulitz-Brüder moderieren ‚Wetten, dass ..?‘, Deutschlands einst wichtigstes Unterhaltungsformat – das ist ordentlich Glitzerlack für einen alten Dampfer, der eigentlich schon gesunken war.“ Das Bild ist grob, aber treffend: Ein historisch schweres Schiff bekommt eine Schicht Neonlack, statt noch einmal vom immergleichen Kapitän über die immergleichen Kurslinien gesteuert zu werden. Auch der SWR stellt in einem Kommentar klar heraus, dass der Schritt strategisch Sinn ergibt. Die FAZ berichtet nüchtern, die Brüder wollten „mit Spaß und Starpower ‚Wetten, dass..?‘ aufmischen“. Und was sagen die ehemaligen Moderatoren?
218 Sendungen, davon:
154 mit Thomas Gottschalk
39 mit Frank Elstner
16 mit Markus Lanz
9 mit Wolfgang Lippert
Frank Elstner 14.02.1981 (1.) – 04.04.1987 (39.)
Thomas Gottschalk 26.09.1987 (40.) – 02.05.1992 (75.)
Wolfgang Lippert 26.09.1992 (76.) – 27.11.1993 (84.)
Thomas Gottschalk 15.01.1994 (85.) – 03.12.2011 (199.)
Markus Lanz 06.10.2012 (200.) – 13.12.2014 (215.)
Thomas Gottschalk 06.11.2021 (216.), 19.11.2022 (217.) und 25.11.2023 (218.)
Prominente Stimmen zwischen Spott und Hoffnung
Während Gottschalk selbst eher in der Rolle des beleidigten Hausherrn verharrt, übernehmen andere Prominente die Rolle der Stichwortgeber im Kommentarfeuerwerk. Komiker Mike Krüger, langjähriger Gottschalk-Weggefährte, kann die Entscheidung des Senders im ersten Reflex kaum ernst nehmen. „Ich denke immer noch, bei der nächsten Sendung ‚Verstehen Sie Spaß?‘ kommt Barbara Schöneberger auf die Bühne und sagt: ‚Dieses Mal ist mir zusammen mit dem ZDF ein Riesencoup gelungen. Die Kaulitz-Brüder dachten bis eben, sie moderieren ‚Wetten, dass..?‘. Das war natürlich ein Scherz. Ich moderiere die nächste Folge.‘“, wird Krüger zitiert und macht aus seiner Skepsis einen Gag im Streich-Format.
Deutlich freundlicher fällt wiederum das weitere Urteil von Frank Elstner aus, der – wie erwähnt – die Brüder „zwei moderne Jungs“ nennt, die „genau im richtigen Alter“ seien, um „Verantwortung im Fernsehen zu übernehmen“, und dem ZDF bescheinigt, dass dieses „mutige Experiment“ durchaus „gelingen kann“. Jenseits der Promi-Blase zeigen Zuschauerreaktionen, dass sich die Frontlinien weniger entlang der Frage „Kaulitz – ja oder nein?“ verlaufen, sondern entlang der Generationen. In einer klassischen Straßenumfrage des BR sagt etwa eine junge Zuschauerin: „Ich finde es positiv, weil ich ihren Podcast sehr cool finde. Ich denke, dass sie eine jüngere Zielgruppe ansprechen werden.“ Andere Befragte halten die Brüder dagegen für „total fehl am Platz“ und kritisieren: „Der Flair der beiden passt nicht zur Sendung.“
Warum die Kaulitz-Zwillinge die bessere Wahl sind
Bleibt die Frage: Ist das ein genialer Coup – oder die nächste Verzweiflungstat einer öffentlich-rechtlichen Nostalgie-Maschinerie? Ich neige klar zur ersten Lesart. Die Stärke der Kaulitz-Brüder liegt genau in ihrer Ungleichheit: Bill, der schillernde Frontmann, der jede Kamera inhaliert, und Tom, der eher lakonische, trockene Kommentator im Hintergrund, bringen eine Dynamik mit, die im deutschen Showbetrieb selten ist. Das klassische Samstagabendfernsehen war jahrzehntelang auf den einen großen Onkel angelegt, der den ganzen Laden alleine trägt – Gottschalk, Elstner, Kulenkampff, Kerner. Dazu gab’s ja auch immer wieder einmal Diskussionen – gefühlt nicht selten durch die Protagonisten selbst – ob nicht Jan Böhmermann (der ja schonmal eine eigene „Wetten, dass..?“-Version produziert hat), oder auch Joko & Klaas die Show übernehmen könnten. Gerade bei letzteren hätte ich’s mir persönlich auch gut vorstellen können. Der jetzige Schritt des ZDF ist aber nochmal radikaler: Ein Duo wie Kaulitz & Kaulitz bricht diese alte Rollenprosa noch stärker auf.
Dazu kommt: Sie sind keine klassische Casting-Entdeckung, sondern seit einem Vierteljahrhundert Profis im Rampenlicht, mit internationaler Fanbase und dem sehr gegenwärtigen Gespür dafür, wie Entertainment gleichzeitig auf Bühne, Social Media und im Podcast funktionieren muss. Wenn man „Wetten, dass..?“ nicht als Museum, sondern als Event verstehen will, das auf TikTok und Instagram genauso weiterlebt wie im linearen TV, dann sind Bill und Tom schlicht plausibler als jede noch so routinierte One-Man-Moderationsmaschine. Einen Johannes B. Kerner oder Kai Pflaume als neue Gesichter auf diese Couch zu setzen, wäre dramaturgisch vermutlich sauber, aber eben auch: komplett erwartbar. Es wäre die sichere, aber langweilige Entscheidung gewesen – die Verlängerung des ewig gleichen Samstags in eine Zeit, in der es diesen Samstagabend als gesellschaftliches Ritual kaum noch gibt.
Dass das ZDF sich bewusst gegen die Standard-Lösung entschieden hat, ist daher ein seltenes Zeichen von Risikobereitschaft im öffentlich-rechtlichen Unterhaltungsbetrieb. Natürlich kann das grandios schiefgehen – aber wenn man sich anschaut, wie „tot“ viele die Marke ohnehin schon nennen, dann wirkt der Mut zur kompletten Neuformatierung mit zwei polarisierenden Zwillingen eher wie die letzte ernsthafte Chance. Oder um es mit einem Instagram-Kommentar zu sagen, den die Brüder selbst zitiert haben: „Hauptsache wir machen die geilste Show der Welt.“ Genau diese Anmaßung braucht ein Format, das zu lange nur davon gelebt hat, dass es einmal groß war.
Am Ende wird die Wahrheit in der Live-Situation liegen: Werden Bill und Tom die Mischung aus Respekt vor dem Mythos und frischer Respektlosigkeit finden, die man für so einen Tanker braucht? Werden sie die Wetten ernst nehmen, ohne altmodisch zu wirken, und gleichzeitig die große Couch entstauben, ohne sie in eine reine Influencer-Lounge zu verwandeln? Wenn sie das schaffen, dann war die Entscheidung nicht nur mutig, sondern überfällig. Und falls nicht – dann hat das ZDF immerhin etwas versucht, wozu es jahrelang der Mut gefehlt hat: Es hat „Wetten, dass..?“ nicht an der Vergangenheit, sondern an der Zukunft gemessen.
Bilder: ZDF / Netflix




































Kommentiere