Hassiker #31: In den 90ern war nicht alles gut

Hassiker der Woche: Hercules

Spoilerfrei
Jonas
25.03.18


Es gab eine Zeit, man nannte sie die 90er Jahre, in der es viel Platz für einfache und recht naive Serien im Hauptprogramm der großen Fernsehsender gab. Die Zuschauer hatten durch fehlende Alternativen einen noch nicht so ausgeprägten Sinn für Qualität. Oft fiel die Entscheidung fernzusehen nicht auf eine konkrete Sendung, sondern mehr auf die „Farbe“ – wie man so schön in der Branche sagt – eines Senders. Sprich, einmal RTL, immer RTL.

Wer meint, dass ich mit dieser Darstellung übertreibe, der soll mir bitte verraten, warum eine Serie wie Hercules eine Zeit lang um 20 Uhr 15 (!) auf dem eben genannten Sender mit dem Namen RTL lief? Aber warum rege ich mich auf, was hat es mit Hercules auf sich? Weshalb qualifiziert sich diese „Superhelden“-Serie aus den 90ern für den Hassiker?

Kostüme wie im Grundschultheater

Das erste, was hoffentlich jedem auffällt, der die Serie sieht, ist, dass alle Charaktere hoffnungslos lächerlich angezogen sind. Hercules, er soll ein Sohn der Götter sein, läuft in einem kaputten Schlafanzug umher. Und Hercules ist der Charakter, der in 99% aller Szenen zu sehen ist. Aber da hört es ja nicht auf, sein Sidekick Iolaus läuft als Trashversion eines Azubi-Strippers umher. Aber nicht nur die Kostüme sind furchtbar, sogar jede Szene leidet unter einem offenbar unterdurchschnittlichem Budget. Denn alles sieht gleich aus, der gleiche eine Wald, die gleiche eine Lichtung, die gleichen austauschbaren Händler mit den gleichen aus Holz und Stoff zusammen gezimmerten Verkaufsständen.

Kämpfe aus der Hölle

Man könnte sagen, in Ordnung, die Kostüme haben sie verkackt, aber wenigstens ist die Action gut. Nein, Fehlanzeige, die Action ist grottig. Offenbar hatte man am Set nicht viel Zeit zum Einüben der Kämpfe, weswegen die Stuntmänner auf Nummer sicher gegangen sind und schon ab 1 Meter Nähe der heranschnellenden Faust von Hercules umfielen. Andererseits haben die Kämpfe in Hercules den Vorteil, dass sie einen hohen Wiedererkennungswert haben. Genau wie bei Bud Spencer, der in jedem dritten Schlag dem Gegner von oben gerade auf dem Kopf haut. Das Problem bei Hercules daran: Es gab 111 Folgen mit mindestens doppelt so vielen Kämpfen….

Handlung?

Die Handlung… wo soll ich nur anfangen. Oder andersherum, warum muss ich überhaupt überlegen? Die Handlung lautet: Hercules gewinnt. Hercules gewinnt gegen Räuber, Könige, Zauberer, Amazonen oder seltsame und riesengroße Monster, dabei ist er immer gut gelaunt, verletzt sich nie und rennt zwischen den Kämpfen in seinem Schlafanzug umher. Zugegeben, die Ideen für die Gegner von Hercules sind wenigstens abwechslungsreich. Da wäre beispielsweise dieses überdimensionierte Seetier im folgenden Video. Hercules wird verschluckt und muss sich dann aus einem Swimming-Pool, äh Verzeihung „Bauch“, herauskämpfen.

Schauspiel? Welches Schauspiel?

Austauschbare Handlung, dumme Schulhofkeilereien und billige Kostüme; aber das Schauspiel kann es ja noch herausreißen. Gelernte Profis, denen man auch einen noch so bescheuerten Satz abnimmt, da diese Schauspieler Mimik und Emotionen wie Angst, Liebe oder Freude perfekt transportieren. Tja, leider kann auch in dieser Kategorie Hercules nicht überzeugen. Das folgende Video zeigt exemplarisch, wie das aussieht. Hercules, bzw. in dem Fall ist es eine böse Version des echten Hercules, schreit laut DISSAPOINTED. Das Urban-Myth dazu lautet, dass er eine Regieanweisung – er solle enttäuscht sein – einfach als Text laut liest. Ob das nun stimmt oder nicht, der Schauspieler selbst verneint diese These natürlich, ist relativ egal. Denn ob mit oder ohne „Dissapointed“, ich nehme dem guten Kevin weder eine Enttäuschung, Verärgerung, Überraschung, Rache, Übermütigkeit oder sonst eine nur annähernd passende Emotion im Bezug auf diese Szene ab. Es ist einfach nur schlecht, so wie 99% aller anderen schauspielerischen Leistungen in dieser Serie.

Schlimme Fanvideos, sehr schlimme Fanvideos!

Eine schlechte Serie für den einen oder eben gute Unterhaltung für den anderen, so sieht es oft aus. Denn Geschmäcker sind verschieden und das ist auch gut so. Wenn man sich aber anschaut, was die Fans aus ihrer Serie machen, dann frage ich mich ernsthaft, ob der Aspekt „Geschmäcker sind verschieden“ bei Hercules akzeptiert werden kann. Bei der Recherche für diesen Artikel habe ich krampfhaft Videos gesucht, die nicht austauschbarer Popmusik unterlegt waren. Aber es gibt so gut wie keine. Warum macht man das? Warum, wenn man nicht selbst ein Problem mit Geschmack hat? Die Beispiele für furchtbare Fanvideos habt ihr oben schon gesehen. Was lernen wir daraus? Diese Serie ist so grässlich, dass man sie nur mit angeblich emotionaler Musik ertragen kann. Und diese Feststellung ist der unumstößliche Beweis, dass diese Serie eine Plage für das Fernsehen, für die Unterhaltungsbranche, ja, sogar für die gesamte Menschheit ist.

PS: Young Hercules

Außerdem verdanken wir Herclues die vielleicht noch furchtbarere Serie Young Hercules mit – true story! – Ryan Gosling. I Rest My Case.

5 Kommentare

  • Naja, auch wenn die Serie unwiederlegbar all das war, war mit den Fernsehserien der späten 90er falsch lief (vor allem in der Production Value Abteilung), hat „Hercules“ einen Vorteil, der es unmöglich macht, sie zu hassen: Nach einer kurzen Eingewöhnungsphase von Ca einer Staffel, wussten die Macher genau, was sie wollten. Der ganze Ton wurde augenzwinkender, leichtfüßiger und mehr „self aware“, wie es im Englischen so schön heißt, gleichzeitig nahm man in den richtigen Momenten die Charaktere ernst.

    Natürlich hat das spin-off „Xena“ alles (abgesehen von den Production Values) etwas besser gemacht (und falls das nächste Woche der Hassiker sein wird, werde ich darauf genauer eingehen), aber im Endeffekt fällt es schwer eine Serie zu hassen, die so deutlich dem Zuschauer sagt: „Hör mal, wir wissen, dass wir hier keine Kunst machen, aber wenn du mit uns keinen Spaß haben willst, ist das deine Schuld. Hier, ein paar Kämpfe auf A-Team Niveau, noch eine „Tanz der Teufel“ Anspielung, eine Folge voller Meta-Humor und der sympatischste und menschlichste Hercules der Film- und Fernsehgeschichte! Schönen Nachmittag!“

  • Spricht da der Holden aus 2018 oder 1996? Also beurteilst du die Serie vor dem Hintergund von Kindheitserinnerungen, oder hast du die Serie unlängst noch einmal geschaut?

    • Habe ich. Sie ist alt. Man kann sie nicht nach heutigen Maßstäben beurteilen. Aber das, was damals funktionierte (sprich: Der leichtherzige, selbstironische Ton), funktioniert auch noch heute.

      • :-) Man muss ehrlicherweise auch anmerken, dass die Serie extrem erfolgreich war; also irgendwas muss ja unterhaltsam gewesen sein.

        Bei mir hat es halt nie gezündet.

  • Haha,
    ich oute mich mal als absoluter DieHard-Fan der Serie: Schaue eigentlich nichts anderes, wenn ich mal Zeit habe: Heute eine Folge, gestern drei Folgen, vorgestern drei Folgen. Gut, so heftig treib ich’s dann aber auch nicht immer. Hab auch den Kevin Sorbo mal getroffen …

    Um es kurz zu machen: Alles, was du an der Serie hasst, ist genau der Grund, warum ich’s so gern gucke. Aber nichts für ungut. ;-)

    Dass man so was heutzutage nicht mehr machen könnte: Geschenkt. Sehe ich genau so. Da sieht man mal, welchen weiten Weg Serien genommen haben, von damals bis heute (immerhin war Hercules so weit ich weiß damals die erfolgreichste Serie der Welt).



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