Alles andere als harmlos

Kommentar: Der gefährliche Einsatz klischeehafter Darstellungen

Spoilerfrei
Kira
02.12.20

Franzos*innen können kein Englisch, Frauen sind verrückt nach Schuhen und IT-Menschen sind sozial weniger kompatible Nerds – diese und ähnliche Klischees haben wir sicherlich alle schon mal gelesen, gesehen und gehört. Ja, vielleicht haben sie sich sogar auch ein bisschen eingebrannt und beeinflussen seither unsere Wahrnehmung gegenüber anderen Menschen, Ländern und Kulturen. Ich bin der Ansicht, dass der Einsatz von klischeehaften Darstellungen gefährlich ist und wenn überhaupt bewusst parodierend verwendet werden sollte. Oder gibt es etwas Positives an Klischees, das ich vielleicht übersehe?

Differenzieren

Wenn wir über Klischees sprechen, sollten wir eine Unterscheidung zwischen mehreren, häufig synonym verwendeten Begriffen treffen: Ein Klischee reduziert Personen, aber auch Situationen und Stimmungen auf wenige, vermeintlich typische Merkmale. Beziehen sich diese konkret auf Personen, so spricht man meistens von Stereotypen, wie etwa „dem überkorrekten Deutschen“. Häufig werden stereotype Darstellungen eingesetzt, um in einer Serie oder einem Film eine schnelle Orientierung zu geben. Stereotype sollen meist die Komplexität reduzieren. Eigentlich verzerren sie jedoch die Wirklichkeit, verallgemeinern und lassen keine differenzierte Wahrnehmung zu, sondern lenken die Zuschauer*innen ganz bewusst in eine Richtung.

Nicht selten wird aus stereotypen Darstellungen, die laufend wiederholt werden und sich damit in der Vorstellung der Rezipient*innen verfestigen können, auch ein Vorurteil, das sich wiederum auf unsere Wahrnehmung und unser Handeln in der Realität auswirkt, sogar in Diskriminierung gipfeln kann. Ja, manchmal suchen wir förmlich nach Argumenten, um bestimmte Klischees zu festigen und ignorieren dabei sämtliche Gegenargumente, da sie nicht in das vorgefertigte Bild in unseren Köpfen passen. Was passiert, ist, dass sich die immer gleichen Klischees multiplizieren. Ein ganz schöner Beitrag dazu, welche Klischees sich in der Darstellung von Frauen in Serien über lange Zeit hinweg gefestigt haben, weil sie von männlichen Autoren dauerhaft vervielfacht wurden, findet ihr hier. Womit wir allerdings auch wieder beim Thema Diversität vor und hinter der Kamera wären – aber das ist ein anderes Thema.

Kein Klischee ohne Grund?

Nun könnte man behaupten, es gäbe Klischees ja nicht ohne Grund. Da ist sicherlich etwas Wahres dran. Doch vielleicht sollten wir uns bei den Darstellungen, die wir künftig sehen, einmal fragen: Denke ich, dass dieser Sachverhalt auf diese Personengruppe oder Situation zutrifft und daher wird dieses Klischee hier aufgegriffen – oder ist es nicht viel mehr die Tatsache, dass dieses Klischee weit verbreitet ist, dass ich denke, dass dieser Sachverhalt auf diese Personengruppe oder Situation zutrifft?

Für mich persönlich sollte man bei der Einordnung und Bewertung eine Unterscheidung zwischen Stereotypen, die sich auf Personen und Personengruppen beziehen und klischeehaften Darstellungen von Situationen treffen. Stereotype sind meines Erachtens immer kritisch zu betrachten, weil sie Personen und Personengruppen in Schubladen einordnen, während klischeehafte Darstellungen von Situationen, wie beispielsweise das typische „lauf nicht in den dunklen Wald statt die hell beleuchtete Stadt, während dich der Mörder verfolgt“ aus Horrorfilmen und -serien etwas anderes sind, harmloser, wenn man so will und die Situationen an sich parodieren, ohne dass es wichtig ist, wer die agierende Person ist.

Anlass zu viel Diskussion rund um das Thema Klischees hat erst kürzlich die Serie „Emily in Paris“ geboten – auch in unserer Redaktion gingen die Meinungen dazu ziemlich auseinander: Für Michael waren es deutlich zu viele Klischees und Vorurteile, die die Serie hier bedient hat, Nicolas Devise war, die Serie mit ihren klischeehaften Darstellungen einfach nicht zu ernst zu nehmen. Das sind natürlich in erster Linie subjektive Auffassungen, hier gibt es kein richtig oder falsch. Und dass klischeehafte Darstellungen insbesondere im Rahmen von Comedyserien wie dieser Verwendung finden, ist auch nicht ungewöhnlich.

Ich bin der Meinung, dass Klischees smart eingesetzt werden müssen, denn als Stilmittel sind sie absolut berechenbar und überraschen wenig. Sie lassen Serien oberflächlich oder mitunter unbedacht und unreflektiert erscheinen. Serien, die ganz bewusst mit Klischees spielen, sind interessant; ja, sie fordern uns gar heraus, uns selbst über unsere eigene Eingefahrenheit zu erheben und darüber hinaus zu denken.

Hoffnung

Vor einiger Zeit hatte Fabio sich im Rahmen der ersten Folgen „Dogs of Berlin“ hoffnungsvoll gezeigt, da die Serie es schaffte, den Protagonisten mit türkischem Migrationshintergrund mal nicht dem gängigen Klischee entsprechend zu zeichnen – nicht als Drogendealer, Shishabar-Besitzer oder Obstverkäufer, sondern als guten Cop. Und insgesamt lässt sich mit dem großen Angebot, das die Streamingdienste mit sich bringen, eine immer stärkere Tendenz zu diversen und damit realistischeren Darstellungen feststellen. Ich frage mich, warum es dann heutzutage immer noch von Klischees überlaufende Serien braucht, die uns ein 08/15-Denken lehren, dieses festigen und damit die Bildung von Stereotypen und Vorurteilen weiter begünstigen.

Oder braucht es diese vielleicht gar nicht? Warum Gefahr laufen, dass durch solche Werke manche Missstände in der realen Welt weiter verstärkt werden? Warum nicht neue Erzählformen finden? Wir brauchen mehr von den Serien, die mit Klischees brechen und diese auf den Kopf stellen. Wer möchte denn lieber die eigene Erwartungshaltung erfüllt wissen, statt etwas Neues zu erleben? Denn seien wir mal ehrlich, Serien aus dem immergleichen Guss kennen wir doch zu Genüge.

Beitragsbild: Netflix
Gifs: HBO | nickelodeon | Comedy Central

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