Nur dabei, statt mittendrin

Kommentar: Die Einsamkeit des Streamens

Spoilerfrei
Leonie
31.01.19

Jonas` Kommentar über das erloschene Fernseh-Lagerfeuer hat mich zum Nachdenken gebracht. Jeder sieht, was er will, wann er es will! Warum? Ja, ok, weil wir es können. Aber ist das Luxus? Mal ehrlich – Fernsehen hat dereinst die Menschen verbunden! Nationen! Die Welt! VoD scheint uns zu isolieren. Wie konnte es nur so weit kommen?

Die Geschichte des Fernsehens hat es in sich. 1952 gibt es in Deutschland 300 Fernsehgeräte. Dann kommt die Krönung von Elizabeth II. (ja, DIE Queen), dann die Weltmeisterschaft in der Schweiz (ja, DIE Weltmeisterschaft), 1955 gibt es schon 100.000 Geräte. Zwei Jahre später wird die Million geknackt, `64 ist man bei 7.000.000 TVs – das sind Wachstumsraten, da wird selbst Jeff Bezos neidisch.

Nicht ohne meinen Fernseher!

Nun ist Deutschland zwar nicht unbedingt Vorreiter – aber! Immerhin ist der Fernseher in Deutschland per Gesetz unpfändbar. Die Leute hätten sonst ja keine Möglichkeit mehr, sich über das Weltgeschehen zu informieren. Gut, viel anderes läuft auch nicht. Es gibt einen Sender, dann zwei, begrenzte Sendezeit, hauptsächlich Nachrichten und besondere Ereignisse. Lang ist´s her.

[Hinweis: Ein nachfolgendes Bildmotiv ist nichts für Epileptiker.]

Irgendwann später startet Sat.1 und die weiteren „Privaten“, Unterhaltungsfernsehen, werbe-finanziert, und damit kommt die Hauptsendezeit, auch als „Prime Time“ bekannt. Fun Fact: Das Radio-Pendant heißt „Drive Time“ und ist (offensichtlich) die Zeit, zu der die meisten Pendler unterwegs sind.

Aber die „Prime Time“, die ist natürlich die beste des Tages! Fast jeder Haushalt hat einen Fernseher (und eine Fernsehzeitschrift), das Programm ist schon vielfältiger, aber immer noch begrenzt (und passt in eine Fernsehzeitschrift), und „Zwanziguhrfünfzehn“ wird Synonym für den angenehmsten Teil des Tages: Der Mann nach der Arbeit daheim und auf dem Sofa, alle satt, Küche geputzt, Kinder im Bett (oder andächtig auch auf dem Sofa) und los geht es. Während der Werbepause kann man auf die Toilette und (wenn die Küche auf dem Weg liegt) ein neues Bier aus dem Kühlschrank holen, mehr aber auch nicht. Am nächsten Tag hat man, wie Jonas auch geschrieben hat, immer ein passendes Thema für Smalltalk mit Kolleg_innen, Kund_innen und Freund_innen, und wenn etwas richtig Großes passiert, und man selbst live dabei war, bedauert oder missachtet man alle, die es verpasst haben.

So war das früher™.

Noch vor „Killerspielen“ (aber nach Kaffee) wird Fernsehen, vor allem die Privatsender, aber auch zur Wurzel vielen Übels und zum Grund für den Niedergang und die Verrohung der Jugend erklärt. Eltern sind in ständiger Sorge; sieht mein Kind zuviel fern, bekommt es am Ende wirklich viereckige Augen? Nicht nur im Radio wird vor den Gefahren der Fernsehsucht gewarnt.

Die „Prime Time“ kommt auch aus der Mode. Weil die Rollen anders verteilt werden, weil Mütter auch arbeiten gehen, weil eh nichts kommt. Das Radio so: “*Händereibgeräusch*“.

Die goldenen TV-Zeiten scheinen vorbei.

Je weniger Zuschauer, desto mehr Werbung

Ich wende mich als „Quasi-Branchen-Insider“ ungern gegen meine Brudies, aber: „GZSZ“ läuft von 19:40 Uhr bis 20:15 Uhr, es gibt zwei Werbepausen. Die Werbezeit beträgt insgesamt über 14 Minuten. Vierzehn! Von 35! Das sind 40% Werbung! In der Werbepause kann ich mir nicht nur ein Bier holen, ich kann eines trinken! Und aufs Klo! Und noch eines trinken! Und dann seh ich immer noch den „jetzt nur ein Spot“-Spot vor dem Spot, nach dem es dann wirklich weitergeht. Beim „Dschungelcamp“ waren es (nagelt mich nicht drauf fest, wir sind ja nicht beim Spiegel) 13 Minuten Werbung am Stück. Kann doch nicht euer Ernst sein.

Keiner will soviel Werbung.

Ist doch wirklich kein Wunder, dass immer mehr Leute bei Netflix, Amazon Prime und Co. landen.

Aber das hat eben auch seinen Preis.

Wieviel Auswahl ist zuviel Auswahl?

Jonas schreibt vom Luxus der großen Auswahl. Wer soll denn damit klarkommen? Stellt euch mal kurz eine Netflix-Programmzeitung vor. Der Brockhaus sähe daneben wahrscheinlich aus wie ein Reclam. „Was schauen wir heute?“. Horror. Für sich alleine fällt die Entscheidung schon schwer, zu zweit ist es fast unmöglich. Die erste Stunde meiner „Prime Time“ verbringe ich regelmäßig damit , eine auf ein bis fünf Genre begrenzte Vorauswahl zu treffen, meine Watchlist zu verwerfen, Trailer zu sichten, Bewertungen zu lesen (aber nur oberflächlich, wegen der Spoilergefahr), ähnliche Filme zu checken, die Auswahl zu präsentieren und schiefe Mundwinkel von meinem Mann zu ernten (zu seiner Ehrenrettung – das ist anders herum genauso, nur mache ich das mit den Augen und nicht mit den Mundwinkeln). „Jeder für sich“ wollen wir aber auch nicht. Und dann schauen wir einfach „Modern Family“. Es ist so schwer, sich zu entscheiden, wenn man unendliche Möglichkeiten hat. Das wusste auch schon Doug Heffernan:

Doch es kommt ja noch schlimmer. Am nächsten Tag im Büro kann man mit niemandem darüber sprechen! „Hey, hast du gestern auch die dritte Folge der vierten Staffel „Shameless“ geschaut?“ – „’Shamewas‘? Nein. Aber spoiler mich nicht!“ Gespräch beendet. Fernsehen hat uns mal verbunden, jetzt bin ich ganz allein auf meiner Serien-Insel – oder dank Komplett-Staffel-Veröffentlichungen nicht auf der gleichen Inselseite wie andere! Es ist total selten geworden, dass jemand genau das gleiche zur gleichen Zeit gesehen hat. Und sagt mir nicht, dass ihr das nicht auch vermisst.

Deswegen hängen wir ja so an Formaten wie dem „Bachelor“, am „Dschungelcamp“ und noch stärker als jemals an Live-Events wie Fußball-Spielen. Auch Jonas` Beispiel „Babylon Berlin“ zeigt, dass wir uns anscheinend immer noch sehr danach sehnen, dass Fernsehen wieder gemeinsames statt individuelles Vergnügen wird. Manche Dinge machen alleine eben nur halb soviel Spaß.

Ich denke allerdings, dass Netflix und Co. schon erkannt haben, dass sie daran arbeiten müssen. Dass sie den Zuschauern dieses „Gemeinsam-Erlebnis“ bieten müssen. Dass es die Königsdisziplin ist, wenn trotz breitestem Angebot die meisten Leute genau das gleiche zur gleichen Zeit streamen. „Bodyguard“ brach in UK alle Rekorde und wurde zum nationalen Ereignis. „Bird Box“ kam in der ersten Woche auf 45 Millionen Abrufe – man läuft heutzutage ja sonst auch Gefahr, die nächste Facebook-Challenge nicht zu verstehen *Ironieoff*. Und mal ehrlich, wir freuen uns doch alle auf die neue Staffel „Game of Thrones“ und darauf, morgens im Büro endlich mal wieder auf die Frage “Whoa, hast du DAS gestern gesehen?“ ein „Jaaaa, voll krass!“ als Antwort zu bekommen.

Vielleicht kommt sie also doch wieder, die Zeit der Fernseh-Lagerfeuer. Ich werfe das erste Scheit!

4 Kommentare

  • Ich warte ehrlich gesagt darauf, dass Netflix und Co. zumindest teilweise zu wöchentlichen Ausstrahlungen zurück finden. Wie gut das funktioniert sieht man gerade bei „Star Trek Discovery“, jede Woche wird in meiner Bubble die aktuelle Folge diskutiert, es gibt Artikel auf einschlägen Seiten wie tor.com, Vergleiche zu „The Orville“ (auch wöchentlich) usw. Kurz gesagt: „Lagerfeuer“ at it’s best.

    Beim morgen startenden „Nightflyers“ bekommen wir hingegen wieder einen 10 Stunden Serienblock hingeworfen. Einige kucken das am ersten Tag weg, andere erst nach zwei Wochen. Da wird es absehbar keinerlei vergleichbare Diskussionen geben.

    • Das sehe ich genauso Uli. Ich kann mich im Zweifel nicht beherrschen und gehöre zu der „alles sofort anschauen“-Fraktion, es bleibt dann aber oft ein Gefühl, als hätte man eine ganze Tafel Schokolade auf einmal gegessen. Bei „You“ hatte ich sogar den Gedanken, dass es einfach zuviel vom gleichen war, dass eine Pause zwischendrin meinem Serien-Erlebnis gut getan hätte. Jede Woche eine Folge, da wartet man gespannt, man freut sich, man tauscht sich aus, wie es weitergehen könnte. Ich will wieder mehr davon!

  • Schöner Bericht und triffts schon ziemlich. Freu mich mega auf die neuen GoT Folgen. :)

    Und hatte mich echt gefreut, als ich mit nem Kollegen mal über Bandersnatch quatschen konnte. :D

    • Danke Björn! Siehst du, ich habe noch mit niemandem über Bandersnatch reden können :D Vielleicht sollte man Serien-Selbsthilfegruppen gründen. Ähnlich wie Bücherclubs. „Bis nächste Woche sieht jetzt jeder die dritte Stafffel True Detective. Und dann sprechen wir alle darüber“. Eigentlich ein ganz schöner Gedanke.



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