Chris regt sich auf

Mein TV-Aufreger der Woche: Power Staffel 6 – gegen die Wand gefahren

25.04.20 11:26
TV
Mini-Spoiler
Chris
25.04.20

Wer schreibt eigentlich die Drehbücher unserer Lieblingsserien? Genau, ein Autor, möglichst mit Erfahrung im Entwickeln von Serien. So weit, so gut – möchte man meinen. Doch gut ist noch lange nicht alles, was da zuweilen aus der Feder besagter Texter fließt. In meinem Falle betrifft es die sechste und leider letzte Staffel einer meiner Serienlieblinge „Power“.

Fünf Staffeln lang begleitete ich mit Begeisterung die Hauptcharaktere, den charismatischen Ex-Kriminellen James „Ghost“ St. Patrick (Omari Hardwick) samt seiner Familie plus seinem Kumpel Tommy Egan (Joseph Sikora) bei all ihren Erlebnissen, feierte virtuell ihre Erfolge und betrauerte zusammen mit ihnen Verluste und Niederlagen. Dann kam im Spätsommer 2019 die sechste Staffel auf den Schirm, angelegt auf satte 15 Folgen, was viele spannende Stunden Unterhaltung versprach. So sollte es sein, so kam es aber nicht.

Mit großen Erwartungen ging ich an diese sechste Staffel heran, sollte sie doch auch das Ende der Serie darstellen und einen würdigen Abschluss derselben bilden. Ich habe nur bis zur zehnten Folge ausgehalten und für mich beschlossen, dass ich die restlichen fünf Folgen niemals anschauen werde. Zu groß war meine Enttäuschung, zu sehr hatte ich mich bisher geärgert und zu oft meinen unschuldigen Smart-TV, der so harmlos an der Wand hängt, verflucht.

„Weswegen?“ fragt ihr euch? Das will ich versuchen zu erklären, ohne zu viel zu spoilern, falls einige von euch diese Serie noch nicht kennen sollten. Einen Grund für dieses Ärgernis stellt das plötzliche Auftauchen von Verstorbenen aus früheren Folgen dar. Diese geben den Hauptcharakteren Hinweise darauf, wie ihre künftigen Handlungen und Entscheidungen zu verbessern wären. Also quasi eine Art „Berater aus dem Jenseits“, bei Game of Thrones hätte man diese Rolle wohl „die tote Hand des Königs“ genannt. Wären nun diese Ratschläge immer zielführend und würden die angeleitete Person auch zum angestrebten Erfolg leiten, könnte man eventuell nochmals ein Auge oder auch mehrere zudrücken. Allerdings tragen die erwähnten verblichenen Verflossenen nur zur weiteren Verwirrung der durch sie heimgesuchten Darsteller bei. Diese handeln dank deren Auftauchens sogar noch wirrer als vorher und man erkennt Charaktere, deren Entwicklung man fünf Staffeln verfolgt hat, nicht wieder. Vermutlich meinte einer der Autoren es aber nur gut und wollte James‘ Spitznamen „Ghost“ ein wenig aufpushen, indem echte?, falsche?, eingebildete? Geister gezeigt werden?

Ghost sieht Angela

Lassen wir, meinem gottgegebenen Aberglauben geschuldet, diese Geister aber Geister sein und wenden uns einigen weiteren auftretenden Missständen zu. Als da wären zum einen ein ultracool agierender Teenager, der vom ursprünglich braven Sohnemann Staffel für Staffel weiter zum eiskalten Mörder avanciert. Dieser fällt dabei mit seinem rücksichtslosen Verhalten allen, aber wirklich allen, die ihm mehrfach vor dem Knast bewahren, in den Rücken. Trotzdem wird ihm entgegen aller Vernunft noch immer brav die Stange gehalten. Zum anderen wäre da eine bislang vornehmlich durch ihre große Klappe auffallende Dame, die plötzlich auch ihren ersten Mord verüben darf, noch dazu quasi innerfamiliär! Weiter könnte man zahllose Plotlücken erwähnen oder riesige Logiklöcher, die dem sagenumwobenen Bermuda-Dreieck Paroli bieten, da in ihnen wirklich alles, was mit Logik zu tun haben könnte, verschwindet. Nachvollziehbares Handeln? sinnvolle Strategien besprechen? Fehlanzeige! Alles, was diese Serie in ihren Anfängen ausgemacht hat, ist verschwunden. Leichen gab es zuhauf. Ghost und Tommy benahmen sich wie unreife Teenager. Bisher, dank vorangegangener Staffeln aufgebaute, vorhandene Sympathien lösten sich in Luft auf. Hätten die Charaktere seit Beginn der Serie so gehandelt wie in dieser finalen Staffel wäre zumindest für mich nach spätestens drei Folgen Schluss gewesen und ich hätte meine Freizeit anderen Aktivitäten gewidmet.

T guckt, Power

Oft erlebte ich mich beim Dauer-Kopfschütteln und leisen Vor-mich-Hinfluchen, zweifelte zeitweise gar an meinem Verstand, da ich mir nicht sicher war, ob ich mir das eben Gesehene nur eingebildet hatte. Leider brachte so manches Zurückspulen nur die Gewissheit, dass nicht mein Verstand herum zickt, sondern eben die Schauspieler wirklich brav nach Drehbuch agierten. Die Qualität dieses Drehbuchs möchte und kann ich an dieser Stelle nicht weiter erörtern, vielleicht findet sich ja der eine oder andere, der vollauf zufrieden mit dem Abschluss von „Power“ ist. Ich bin es nicht und hätte mir ein deutlich strafferes Skript gewünscht, vielleicht auch bereits ein Ende mit Schrecken nach Staffel fünf statt ein Schrecken (fast) ohne Ende nach fünfzehn Folgen dieser misslungenen sechsten Staffel.

Bilder: STARZ

2 Kommentare

  • Christian Naß

    Die Serie war wirklich unterhaltsam wenn nicht sogar gut , aber nie ein Meilenstein. Sich erst in der 6. Staffel über Logikfehler aufzuregen ist aber meiner Meinung nach ziemlich merkwürdig. Die waren nämlich schon von der 1. Bis zur 5. Staffel zuhauf vertreten. Mindern Logikfehler die Unterhaltung? Für mich nicht. Von Folge1/Staffel2 bis Folge10/Staffel6 konnte ich keine Qualitätsunterschiede innerhalb der Serie feststellen. Gerade Staffel 1 empfand ich als etwas schwach , aber imner noch unterhaltsam. Dem entgegen gesetzt sind die „Geisterscheinungen“ in Staffel 6 wie Sie sie bezeichnen, wohl eher als Metapher zu verstehen. Wirklich grandios und mehr als Unterhaltung sind aber gerade die letzten 5 Folgen der 6. Staffel. Und die haben Sie nicht einmal gesehen :)

    • Danke für den Kommentar zu meinem damaligen „Aufreger“. Wie es die Rubrik „Aufreger“ nun mal an sich hat, gibt diese ausschließlich eine, in diesem Fall meine, subjektive Sichtweise als Serienfan wieder. Natürlich existieren andere Meinungen, auch die Ihrige, zu Recht.
      Vielleicht schaue ich mir aufgrund Ihrer Anregung aber tatsächlich die noch fehlenden fünf Folgen an.


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