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Serienauftakt der Glasgower Spezialeinheit

Review: „Annika – Mord an Schottlands Küste“ S01E01 – Kann ich das? (Serienstart)

Mini-Spoiler
4. Februar 2024, 21:45 Uhr
Mini-Spoiler
Michael
04.02.24

Eine weitere britische Krimiserie – braucht es die? Die Frage werden sich sicher nicht wenige Krimifans gestellt haben, als sie zum ersten Mal von „Annika – Mord an Schottlands Küste“ gehört haben. Die Serie gibt es schon seit 2021, ist in zwei Staffeln mit je sechs Folgen verfügbar und nach der Deutschland-Premiere bei Sky Krimi / WOW jetzt als deutsche Free-TV-Premiere im ZDF und in der ZDFmediathek gelandet. Also ein weiteres Ermittlerteam, das rätselhaften Todesfällen auf der Spur ist und’s am Ende souverän löst? Ja, schon, aber tatsächlich ist „Annika“ dann doch noch etwas mehr. So viel mehr, dass man sagen kann: „Ja, diese weitere britische Krimiserie hat es gebraucht.“

Denn: „Annika“ folgt nicht dem bekannten Schema, sondern setzt ganz eigene, besondere Akzente. Die Fälle basieren nicht auf Romanvorlagen, sondern auf einem BBC-Hörspiel. Dort wird die Hauptfigur DI Annika Strandhed von Nicola Walker gesprochen, die in der Serie passend auch die Hauptrolle übernimmt. Fürs TV geschrieben wurden die Fälle von Nick Walker – nicht durchgehend, aber zumindest für die Pilotfolge trifft das zu – und er hat auch die Serie erschaffen.

Die vierte Wand ist kein Hindernis

Die erste Überraschung beim Zuschauen gibt’s gleich zu Beginn: Der Mord, um den es in der Folge geht, hat offensichtlich schon stattgefunden, DI Annika Strandhed kommt am Tatort an – und fängt an mit uns zu sprechen. Sie durchbricht also gleich zu Beginn der Folge die imaginäre vierte Wand, um uns mit ins Geschehen zu nehmen. Das gelingt zunächst nicht so charmant wie zum Beispiel in „Fleabag“, wo Hauptfigur Fleabag, gespielt von der großartigen Phoebe Waller-Bridge, zwischendurch ja sogar von einer anderen Figur gefragt wird, mit wem sie da ständig reden würde. Andrew Scott spielt hier einen Priester, der auf einmal bei Fleabag nachhakt, was das für eine Sache sei, die sie da immer mache, und mit wem sie da rede – großartiger Einfall. Und es ist auch erstmal nicht so perfekt eingesetzt wie in „House of Cards“ – das hat Kevin Spacey als Frank Underwood tatsächlich einmalig umgesetzt; da reichten oft schon kurze Blicke von Spacey in die Kamera Richtung uns Zuschauer:innen, um eine Botschaft zu übermitteln. In „Annika“ gelingt das zunächst nur in Ansätzen, aber klar – es sorgt erstmal für Aufmerksamkeit beim Schauen, ohne dass es zur Effekthascherei verkommt.

Dann hat DI Annika Strandhed einen Hang dazu, ihre Fälle mit literarischen Vorlagen oder historischen Gegebenheiten zu vergleichen. Sie nimmt praktisch die Perspektive aus diesen Geschichte oder der Geschichte ein und bringt das mit dem jeweiligen Fall in Verbindung. Das ist auch erstmal etwas verwirrend, wird im Laufe des hier vorliegenden Falls aber immer klarer und schlüssiger. In dieser Folge macht sie es mit Moby Dick.

Dann ist da das besondere Setting – wir sind hier Teil einer Spezialeinheit der Marine in Glasgow, der Marine Homicide Unit (MHU). Die Fälle haben also immer etwas mit Wasser oder der Küste Schottlands zu tun – was wohl zu dem etwas platten deutschen Untertitel der Serie geführt haben dürfte, den sich ausnahmsweise nicht das ZDF ausgedacht hat, sondern der schon bei der Sky-Ausstrahlung präsent war. Annika ist gelegentlich mit ihrem Auto unterwegs – einem alten Saab 900 Cabrio – meistens aber mit dem Polizeiboot, das sie in der Regel auch selbst steuert.

Der Einstieg in die Serie ist jetzt extrem gut eingefädelt: Wir starten mit einem Flug über das Wasser, hören aus dem Off einen Anruf bei einer Notruf-Hotline, dass eine Leiche entdeckt worden ist. Dazu folgen Schnitte an Land zu dem Saab von Annika, wie er sich langsam dem Tatort nähert. Erst aus der Vogelperspektive, dann näher, schließlich fast im Auto, mit einer Dreivierteltotalen auf Annika. Ihrem ersten Fall nähert sich Annika also von Land und kommt dann erst am Wasser an, ein toll inszenierter Einstieg in die Folge. Am Tatort angekommen, stellt sie sich uns vor (siehe oben), fängt an, uns den historischen Stoff von Moby Dick zu erklären und trifft dann auf den ersten Kollegen aus dem neuen Team – DS Michael McAndrews (gespielt von Jamie Sieves), der Annika zuerst zum neuen Dienstgrad gratuliert und sie fragt, ob jetzt alle so eine Dienstjacke bekommen. Beide wirken recht distanziert, dann zeigt sich aber schnell, dass sie sich schon länger kennen, denn Annika antwortet „Ich weiß nicht – ich dachte, es wäre Deine Jacke, sie ist mir irgendwie zu groß“. Sie fragt ihn dann noch direkt, ob er der Mörder sei, was er natürlich zurückweist, woraufhin sie entgegnet, dass die ersten Vermutungen schnell zum Erfolg führen könnten – sehr schön.

Perfekt zusammengesetztes Team der Marine Homicide Unit (MHU)

Ich mag auch das Team, dasa extrem bunt zusammengewürfelt ist. Da ist wie gesagt DS Michael McAndrews, der selbst gerne die Leitung der Spezialeinheit übernommen hätte, doch Annika hat ihm mit ihrer Rückkehr nach Glasgow den Job sozusagen weggeschnappt – was ihr allerdings nicht wirklich bewusst war, bis er ihr unmissverständlich sagt, dass das eigentlich sein Job gewesen wäre (siehe auch weiter oben der Verweis darauf, dass Annika Michaels Jacke wohl etwas zu groß sei). Aus diesem Konflikt macht Autor Nick Walker jetzt aber erstmal nicht mehr als nötig – beide arbeiten in der Folge gut zusammen. Dann ist da die junge DC Blair Ferguson (gespielt von Katie Leung), die sich vor allem um das Thema Daten kümmert. Vierter im Bunde ist DS Tyrone Clarke (gespielt von Ukweli Roach), der sehr zielstrebig vorgeht und den Fall lieber heute als morgen lösen möchte.

Alle zusammen ergeben ein ziemlich gutes Team, das sich perfekt ergänzt. Darüber steht noch DCI Diane Oban (Gespielt von Kate Dickie), die Chefin von Annika, die ihr laufend Tipps gibt, wie sie als Leiterin der Einheit vorzugehen habe. Sie sitzt in einem Einzelbüro, das Annika erst für ihres hält und ablehnt mit dem Verweis darauf, dass sie bei ihrem Team nicht als A***loch mit großem Büro ankommen möchte – bis sie merkt, dass es Dianes Büro ist. Überhaupt gönnt sich die erste Folge einige Humoreinlagen, nicht platt, sondern durchaus intelligent in Szene gesetzt. Walker führt das Team und die Einheit für uns Zuschauer:innen perfekt ein: Wir lernen erst Annika kennen, dann Michael, dann die Chefin. Dann bezieht das Team Schritt für Schritt das Großraumbüro der Einheit. Licht geht an – Annika kommentiert das mit „Ah, Bewegungsmelder“ – Michael knipst das Schreibtischlicht an seinem Platz an, Blair startet ihren PC, und Tyrone stößt später hektisch und verspätet mit Koffer und Urlaubsmontur dazu. Er will auch gleich die Einführung in den Fall übernehmen, doch Blair macht einfach weiter. Walker charakterisiert so in den wenigen Anfangsminuten der Pilotfolge die relevanten Figuren ziemlich eindeutig und klar nachvollziehbar – ein toller Schachzug. Dazwischen gibt‘s wie gesagt immer die kleinen Humoreinlagen – siehe Annikas Verdächtigung gegenüber Michael, oder das Missverständnis mit Annikas Chefin, oder auch jetzt, als Annika Blair mit „Blah“ anspricht – weil das auf handschriftlich auf ihrem Coffee-to-go-Becher vermerkt ist.

Das Persönliche klappt noch nicht so gut

Wovon ich noch nicht überzeugt bin, ist die persönliche Komponente von Annika. Da ist einmal ihre skandinavische Vergangenheit, von der ich noch nicht so genau weiß, was sie im Laufe der Staffel bringen soll. Wie die historischen Stoffe lässt Annika auch Elemente skandinavischer Sagen und Epen immer wieder mit einfließen. Mit dem Wechsel nach Glasgow hat sie offensichtlich auch einiges hinter sich gelassen, offensichtlich in Norwegen. Das könnte Familie sein, sicher auch ein Job, und vielleicht noch mehr. Das wird in der Pilotfolge noch nicht thematisiert, dürfte im weiteren Verlauf der Serie aber nochmal spannend werden.

Und dann ist da noch Annikas Tochter Morgan (gespielt von Silvie Furneaux), die mit ihr nach Glasgow kommen musste und praktisch alle Teenager-Klischees erfüllt, die man sich denken kann. Sie ist offensichtlich nicht glücklich mit Annikas Entscheidung, nach Glasgow zu gehen. Sie ist genervt von der Fahrt mit dem Polizeiboot („Die anderen denken, ich sei verhaftet worden.“), was sie auch deutlich zeigt. Das ist ein bisschen schade bis hier hin, aber es kann sich ja noch entwickeln. Auch hier nutzt Autor Walker schnelle Eindrücke und Zuschreibungen, um deutlich zu machen, dass Annika eine eigenwillige Persönlichkeit ist und es offensichtlich Konflikte mit der pubertierenden Tochter gibt. Annika bringt Morgan mit dem Polizeiboot zur Schule, unterstrichen mit dem Ausspruch „Jetzt weißt Du, warum ich so beliebt bin.“ Worauf Morgan nur erwidert: „Du hast doch gar keine Freunde.“ – Annika reklamiert direkt selbstironisch: „Das liegt aber nicht am Boot.“

Wovon ich als letztes überrascht war, das war das Tempo der Folge. Nick Walker rast sozusagen durch den Fall und versucht möglichst viel in den knapp 45 Minuten unterzubringen. Kaum hat das Team 1 und 1 zusammengezählt und einen Verdächtigen verhört, ist dieser auch schon wieder aus dem Spiel genommen. Im Schnelldurchlauf geht das Team weitere Verdächtige durch, eine tiefere Charakterisierung der Personen findet praktisch nicht statt. Manchmal kommt man mit den Ermittlungsergebnissen schon gar nicht mehr mit. Ich hatte das Gefühl, dass die Folge auch durchaus 60 Minuten oder gar die klassischen 90 Minuten für einen Krimi gut hätte vertragen können. Das Tempo war mir so ehrlicherweise schon etwas zu hoch, da wünsche ich mir für die nächsten Fälle mehr Tiefe in den Ermittlungen und eine umfangreichere Entwicklung der Charaktere – auch wenn Autor Nick Walker das mit der Schnellcharakterisierung wie oben beschrieben schon ziem,lich gut gelöst hat. Wenn dann noch die Überraschungsmomente mit den Parallelen zu historischen Stoffen und dem Durchbrechen der 4. Wand dosiert und sinnvoll eingesetzt werden, steht einem weiteren krimivergnügen nicht mehr viel im Weg.

So wie die Pilotfolge inszeniert und erzählt wird, erleben wir auf jeden Fall mal einen neuen Ansatz. Und alles wird so geschickt aufgebaut und eingefädelt, dass man als Serienfan erstmal angesprochen ist und der Serie definitiv eine weitere Chance gibt. Ich freue mich auf jeden Fall schon auf den nächsten Fall mit Annika und ihrem Team.

Bilder: ZDF

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